WiesbckkM
Verlag Langgasse 81
„Tagdlatt-Haus".
Sck«lter-Halle g-öffn-t v°u 8 Uhr morgen- b's « Uhr °b-ndS.
wöchentlich
Bezugs-Preis kür beide
Langgaffe T ..
Bestellgeld.
«»«»-den- 70 Sfo. munatlid), M. 2.- vierteljährlich durch den Verlag
3SS?mx- «i-rrelMriiS durch all- deutlchen Post-nstalten. ausjchlieMch
5>;,anniipft>aen in allen Leuen Der L-raor; IN «neoru»: an »"‘“s« 7-ÄL?md°7den1-n-chLm Landorten und im Rheiugau die belrefiendeu Tagblatt-Träger.
gabestellen
Auzeigen-Ailn-hme!
. Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags: für di- Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags
12 Ausgaben.
Kernsprecher-Rufr
„T-gbl-tt-HauS" Nr. SS50-S3.
Ban 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abend:-, anher Eonntagr.
Mittwoche 17. Januar 1912.
Morgen - Ausgabe.
Für die Ausnahme von Anzeigen au vorgeschriebeueu Tagen und Plätzen «ird k-ine Gewähr üb-ru°mm-n^
Nr. 26. . 60. Jahrgang.
Zrost und KebeitslosigKeit.
Mit bitterböser Kälte hat der Winter mit einem Male eingesetzt und aus dem Arbeitsmarkt Veränderungen hervorgerufen, deren Folgen sich m den Andrangsziffern für ben Monat Januar deutlich spiegeln werden. Tenn alle Tätigkeit im Freien ist stark redu- Alert. Vor allem steht die Arbeit im Baugewerbe völlig still Auch die großen Tiefbauarbeiten mutzten eingeschränkt oder gar eingestellt werden. Ter Verkehr auf den Wasserstraßen ruht, wodurch die Abfuhr vieler Waren unrerbrochen wird. Wenn »roch vor Aurzem sagt werden konnte, daß der Winter -^11/1- eine niedrige Arbeitslosenziffer bringe uird^der soziale Vorstand keinen grotzenUmfang mrd keineScharfe annehme, so liegen die Verhältnisse mit einem Male anders. Tie Zahl der Arbeitslosen ist plötzlich stark angeschwollen, da der Frost für ein ganzes Heer von Arbeitskräften dre Arbeitsgelegenheit weggenoniinen hat. Soweit^ dre Arbeitslosigkeit die im Baugewerbe tätigen Personen trifft, führt sie tu der Regel keine soziale Notlage herbei. Denn das Baugewerbe rechnet mit einer regelmäßigen Winterruhe, so daß eine Fortdauer der Arbeitsgelegenheit im Winter die Ausnahme, die Unterbrechung dagegen die Regel bildet. Die Arbeiter sind auf diese Unterbrechung eingerichtet, sie rechnen Mit ihr und regeln danach auch ihren Haushalt. v.ü§ Nämliche qilt von allen den Berufen, denen durch winterlichen Frost die regelmäßige Arbeitsgelegenheit verkürzt wird. Ter starke Zuwachs an Arbeitslosen, den dre Kälte gebracht hat. ist in erster Linie am das Konto dieser Berufe zu setzen. Darüber hinaus wirkt freilich die ungewöhnliche Külte auf die soziale Lage der Schichten äußerst nachteilig ein, die dauernd in großer Armut sich durchzuschlagen haben. Dazu gehören hauptsächlich die Gelegenheitsarbeiter mit ihren Familien. Hier tritt sofort bei einer Unterbrechung oder Einschränkung der Arbeitsgelegenheit die bitterste Not ein. Wenn gegenwärtig die Frage der Arbeitslosenverstche- rung erörtert wird, so sei darauf hingewiesen, daß keine Berufsgruppe den Schutz durch euie solche Versicherung nötiger hat wie eben die Gruppe der Gelegenheu,- arbeiter, die allen Schwankungen der Arbeitsgelegenheit am schärfsten ansgesetzt sind. Wre viele Tausende Arbeiter die diesen Herbst vom platten Lande m me Städte gezogen sind, machen nunmehr schon mre ersten trüben Erfahrungen! Als Gelegenheitsarbeiter, was sie vielfach sind, stehen sie setzt schütz- und mittellos Ul der Großstadt, in der die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften unter dem Einfluß der Witterung äußerst stark zurückgegangen ist. Hier bringt eine längere Periode starker Kälte eine direkte soziale Notlage, weil jede Möglichkeit des Verdienstes fehlt und keine ^Rücklagen vorhanden sind, aus denen die Ausgaben für die notwendigsten Lebensbedürfnisse gedeckt werden konnten. Ter Verdienst der Gelegenheitsarbeiter reicht gerade für dasExistenzminlNimn alis. Nur selten ist die Lage des Arbeitsmarktes für sie so günstig, daß ein
etwas höherer Lohn geboten werden müßte. Vom Gelegenheitsarbeiter geht der Weg nur zu leicht in dw Schicht derer, die mit der heutigen rechtlichen Ordnung auf dem Kriegsfüße leben. Auch hrer haben nur £■> mit einem Menschenmaterial zu tun, da» unter den Wirkungen des Frostes in eine verzweifelte Situation gerät Bei einigermaßen erträglicher Temperatur vermögen die Obdachlosen ihr Leben mit. eurem Minimum von Lebensmitteln zu fristen. Bedrängt sie aber die Kälte, so geht es ihnen wie den Vögeln, die auf das Erbarmen' und Mitleiden der Menschen angewiesen sind, wenn sie nic£)t elend verhungern und erfrieren ollen In der heutigen Welt des krassen Egmsmu-> hat der Appell an das Mitleid seine volle Berechtigung. In das Heer der Obdachlosen ist mancher hinabgesun- ken, dessen natürliche Anlagen besser waren als die manchen Emporkömmlings, der über Lerchen gegangen ist oder gehen würde: heute entscheidet ja der materielle Erfolg allein über die Qualifikation der Menschen. Darum möge man der Obdachlosen nicht vergessen die unter den schlimmen Wirkungen der Karte am heftigsten zu leiden haben.
Deutsches Reich-
» Hof- und Personal-Nachrichten. Der frühere deutsche Botschafter in Madrid und Konstantmopcl. v. Radowrtz,. ist in Berlin im 72. LebenSiahre gestorben. ^ ^
* g-iji Besuch des Kaisers in der Schweiz^ Tie
Schweizerische Tepeschen-Agentnr meldet: Am Eamv-
tag erösfnete der deutsche Gesandte v, Bülow dem Bundespräsidenten mündlich, der Kaiser gedenke Anfang September die Schweiz zu besuchen. Der Bundespräsident sprach dem Gesandten seine Freude, über diese Eröffnung aus. Ter Bundesrat nahm, m der gestrigenSitzung hiervonKenntnis und genehmigte und erteilte die Antwort.
* Der gewaltige Erfolg der Fortschrittlichen Volks- Partei in Ostpreußen wird am besteii nachgewresen durch die Tatsache, daß in den 6 ländlichen Wahlkreisen Labiau, Königsberg-Land, Heiligenbeil, Tilsit, Gumbinnen und Rastenburg die Zahl der srelsinnigen Stimmen insgesamt betrug: 1903 16 646 1907 18 1c>8, 191- aber 42850!
* Abgelehnte Eingemeindung. Tie Mülheimer Stadtverordnetenversammlung erklärte, nicht in der Lage zu sei'n, auf die Vorschläge der Cölner Stadtverordnetenversammlung vom 9. Januar bezüglich der Eingemeindung voii Mülheim in C ö I n einzugehen.
* Aus Glatz. Zum gemeldeten Selbstmordversuch
des englischen Hauptmanns Trench, der als Gefangene auf der Festung Glatz weilt, wird noch mitgeteilt: Tie Wache fand Trench an einer Schnur am Ofen hängend, noch lebend vor. Man hält es für möglich daß' es sich um einen fingierten Selbstmordversuch handelt, den Trench verübt hat, um ins Lazarett zu gelangen. ______
Wahlbewegung.
-in Die Wahleselqcschichtc, durch welche die gesamt» freisinnige W-Werschast auf das infamste beleidigt wubde, kommt den Sozialdemokraten sehr recht, um für di; Stich- wahWampagne mit dieisom Köder etwas im trüben zu fischen. Wir waren der Meinung, wie wir deur auch rn uns e rem Leitartikel vom Samstagabend Ausdruck gaben, daß es sich bet der Sache lediglich um den, „Witz" irgend eines Rohlings handle und daß keine politische Partei dahinterflecke. Jetzt schreibt das foZialdomottatische Organ mit ganz bestimmten Angaben, die wir bisher nicht nach- , Mprüifen in der Lage waren: „Nach Feststellungen, die wir trafen, wurde der Esel durch den Metzger Rücker, Adlerstratze, gemietet mit der Weisung: Fürs Bartlings che Wahlbureau. Der Verleiher wollte das Tierchen noch ietwas z-urcchtstutzen, es wurde ihm aber, gesagt, je ruppiger es ausfche. desto besser jer es, Me Minute sei Geld wert. Habe Bartling so viel GÄd hm- ausaeworsen käme es auch darauf nicht an. Der Fensterputzer Kaiser Habe dann den Esel eigenhändig aus dem Wahlburecm im Kaisersaal geführt." Wir können auch letzt, trotz allem, noch nicht glauben, daß ber ^dieser Infamie die nationalliberale Partei die Hand tm Spiele gehabt hat und daß sie irgendwie mit den Veranstaltern des geistreichen! Scherzes zu identifizieren qt. Aber als dringend nötig erachten wir es im Interesse der geraten Sache für die Stichwahl, daß die natronallrberale Part er als solche nun klipp und klar die Erklärung «bgeben kann, daß sie nicht nur jene bMtale Beleidigung der^ Mett- größten Partei im Wahlkreise auf das tiefste verabscheut, sondern auch, daß sie ln keinerlei Verbindung mrt den Urhebern des „Witzes" stand oder sicht, und ras; es u n- w a h r ist, daß ans ihrem Wahlfonds dre Miete des Esels bezahlt wurde.
= Wahlsünden. Man schrsrbt uns: In der Freriag- n-nmmer des „Wiesbadener Tagblatts" von, voriger Woche leien wir eine Zuschrift vom Lande, „fern ländliches Waht- betitelt. Wie sehr Äisse Betrachtung, angevracht war, das seigen -idle schon jetzt von allen Parteien voruegendLn Beschwerden lg-egen! vo-Vgekonmnene Unr ee e m mßrgt eite n. Auch die bekannte Zigarrenkiste als Wahlurne Hai wieder ihre üble Rolle gespielt. So sollen in einem ostprentzqchen Orte in einem solchen Behälter die Zettölumischläge ^der Reihe nach ansgeschichtet worderr sein, so daß leicht festge- stellt werden konnte, wie jeder Wähler gestimmt hatte: ein Manöver, auf das in dem oben erwähnten Artikel besonders hmaewieien worden war. Es scheint sich demnach nur eine weitverbreitet; Beeinflusfungspraris der DorsgewaMgen zu handeln Wenn man bsdenki, daß Leuten, dre Der- artiaes fertig bringen, mit Fug und Recht auch noch Schlimmeres — Zettelunterfchlagung, Zettelvertufchung — zuaetraut werden darf, so ist die Forderung nach einem allgemein amtlich ernzniDhrertden Modell einer Wahlurne, das g-gen jeden DUßbrauch unbedingt Gewähr leistet, nicht mehr von der Hand zu weisen. Die Urne muß die Möglichkeit einer gründlichen Mischung ihres Inhalts durch Schütteln vor der Eröffnung gewähren urtd in ihrer Größe mindestens für die dreifache Anzahl der im Wahlbezirk zn erwartenden Stimmzettel berechnet fein. In diesem Falle
(Nachdruck »ernsten.»
Heimisches Naturlrbrn.
Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.
Wintrrflora.
„Das ist nun mal wieder so eine verrückte Idee", hieß es, als ich mich zu einem Jannarspaziergäng qnschickte, um draußen ein wenig zu — botanisieren. Freilich darf man seine Ansprüche an Frau Flora nicht zu hoch schrauben wenn das Quecksilber sich um den Nullstrich des Thermometers herum bewegt, aber ein bescheidenes Gemüt findet immer etwas, ohne sich die Beine darum ablaufen zu müssen, findet auch freudiges Pflanzenleben und gar Blüten unter Eis und Schnee. An Grün ist ja niemals Mangel. Ich brauche nur vor meine Tür zu treten, so erfreut sich mein Auge am Anblick des Efeus, ja, sogar an einzelnen Blütchen, die er noch trieb. Wie Ärmchen streckt er mir seine jungen Ranken entgegen, und seine Blätter sind mir jetzt die bequemste Weide für meine Stabheu- fchrecken die dick und fett dabei werden und sich alle paar Tage einen neuen Rock anziehen müssen, weil der alte platzte Aber der getreue Eppich ist nicht der einzige, der sich nicht viel aus der Wintersnot macht. Der Kirschlorbeer glänrt als seien seine Blätter lackiert, und nur bei strenger Kälte sehen sie ein wenig verstimmt aus und rascheln mißmutig während die Stechpalme mit ihren roten Beeren so Jul §ls sei der Winter eigens zu ihrer Freude geschaffen. Von Buchsbaum, Tannen, Lebensbäumen will ich gar nicht reden- sie sind amtlich verpflichtet, nicht nur zur Sommcr- rsit'sondern auch int Winter, wenn es schneit, zu grünen, und unser dentswerPapagei, unser origineller Kreuzschnabel, fühlt sich gar so wohl bei der Dache, daß er in dem grünen
Gezweige sein Rest baut und seine Jungen hochzieht, wenn es Stein und Bein friert. Sein Tisch ist ja durch die F:ch ten- und Kiefernsamen reich gedeckt.
Ich brauchte meinen Garten gar nicht zu verlassen, um Flora im Winterkleid bewundern zu können. Zwar will die Christwurz, die Wei'hnachtsrofe, die ich nur vor einigen Jahren vom Gärtner Pflanzen ließ, Mir absolut nicht den Gefallen tun, ihre weißen oder rötlichen Kelche zu entfalten, obgleich sie doch sonst nicht so spode^rst, trt verschiedenen Arten vielerorts, zumal in den Alpen, blüht. Ich weiß nicht, was sie -gegen mich hat; aber das Sinngrün breitet stillvergnügt seine Wanken an.o, nn-d anr Rande des Komposthaufens grünt die Sternmiere, dre unMetische Menschen Hühnerdarm nennen, so sriich^ unv üppig, daß es eine Freude ist, und «nt Dutzend rhrer weißen, zarten Blumensternchen lachest gar dem Winter geradezu ins Gesicht. Roch mairches andere Kleinzeug- an Felsen und Hecken vermag, geschützt durch chemische Hilfsmittel oder auch durch mechanische, sein grünes Gewand stolz und felbstgesällig zu tragen. Da ist öum ftScispiel dre Wildaster, dies freundliche Unkraut „Hemdknopfchen, und mein lieber Goldlack, der es mir in die Hand versprochen hat, heuer nicht zu versagen, obgleich ich ihn lerchtpmriger- weise nicht durch Tannenreisig vor kalten Windeir schützte. Und wie dankbar lacht mich das grüne Samtpelzchen des Mooses zwischen den Steinfugen des Pflasterwegs an, das all die Steine förmlich unrsaßt. Bei schwerer Pon habe ich verboten, es beim Jäten auszurotten, deim ich liebe es so sehr, wie ich die Gräser hass«, die sich da anstedelten. Es sind ihrer noch genug dem Jätmesser entgangen, mrd j'.e grünen und lvachsen ganz nnnrter und sehen so frech aus als wollten sie sagen: Wart nur. es ^»d mcht lange mehr dauern, und du lvirft wieder deine tchone L«!t mit uns haben.
Immer noch kann ich mich nicht von, Garten und seiner Winterslora trennen, obgleich mein Hund schon ganz ungeduldig wird und zum Spaziergang drängt. Er begreift es nicht, welches Interesse ich an dem Moosgewirr im Rasen nehme und an beit Flechten, die sich an den alten Eichenpfählen der Laube angesiedelt haben, zähe, holzige Rosetten und Lappen, Laubflechten, die ihren flachen Thallnskörper sehr reizvoll maserten. Und dann mutz ich doch auch noch nach anderen Kryptogamen schauen, nacq meinen WurmsLl^nen, die ich übevall nnpfl-anzie, nachdem ich in im Herbst, eine ordentliche Rucksackladung voll, aus dem Odenwald, entführte. Aber sie rühren sich ncch nicht. Jüre Blattspiralen liegen noch, mit braunen Schuppen warm bedeckt, zusamnrengerollt beieinander und fchlafen den -Schlaf des Gerechten. Die SchneeglöLchen jedoch, dre im vergangenen milden Winter anfangs^ Februar schon blühterr, scheinen Vergnügen am Frühaufstehen gefunden zu haben» wenigstens sieht es so aus, als machten sie Anstalten die Erde emporznstoßen. Run aber kann das Auge plötzlich wieder einmal im freudigsten Grün schwelgen: einiae hochstämmige Qbstbäume sind in Stamm und Zweigen ganz Mit gelbgrünen Flechten bedeckt. Wre ein sarbr- qer Staub, und wo sie dicht sitzen, wie eine Kruste bedecken sie die Ristde, diese winzigen Gesellen. Sie haben sogar den schüchternen Versuch geinacht, einen Artgenossen, einen großen Ringschwamm, aus deni der Lchwammzun- der bereitet wird, ein wenig anzngrünen, wie sich denn im allgemeinen die Flechten gut miteinander vertragen. Sie bilden überhaupt ein vorbildliches Beispiel verwan^chast- lichen Zilsaunnc ngehörigke i tsge fühls. denn m WiEchk« frnb die Flechten, ob eS nun rsäulchen-, Krusten-, Schuft-
AnÄ. N-ch.-- m,«m «»».»•*
Pilzgebilde, das sich mit anderen Kryptoganieil mit Algen m einer Einheit verbunden hat. zu emer für beide erfpneß-
)
