UiesbsdkM Tsgblstt.
“Ä?” wöchentlich 12 Kusgaben. ..„„«KSÄi«
E«-lt-r-Halle geöffnet von 8 M,r morgen» bis 8 Uhr -bendS.
«--»-s.BreiS iur beide Ausgaben: 70 Psg. monatllch, SR. S— vierteljährlich durch den Verlag ?onaaai!e »t ohne Brinaerlolnu W. 3 — vierteljährlich durch alle d-uijchen Poftanltalten, aur,ch!ievlich BKgeld - «ezugs. Ä-tt-U»ngen nehmen autzerdem enig-g-n: in Aiesdaden die Zweigstelle B,s> marckrma SS i°w5 die Ausgabest-llen in allen Teilen der Stadt: in Biebrich: d,e dortigen auä- g»bektell-n und in den be>iLchbarl-n Landorten und nn Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.
Anzeigeu-Anuahme: Für die Abend-AuSgabe bis tg Uhr mittags; sür die Morgen-Ausgabe bis 8 Uhr nachmittag?
Frsnfprecher-Rufr
„Tagblatt-Haus" Nr. LK50-53.
Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntags,
««»einen.Mneis kür die Zeile: 15 Big, für lokale Anzeigen im „Arbeitsniarkt" und „Kleiner Anzeiger
?n"m>'de1?licher Sahsorm' saPig. In davon abweichender Satzausführung, sowie für Me übrigen lo,alcn An L"Iw Wfüriüi Ärtiqen Anzeigen'; 1 Mk, für lokale Reklamen; 2 Mt, für auswa-ttg. wd&StMi (Kmri'Ä halbe drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach befonderer Btt wttderhotte? Äusimhme unveräild erier Anzeigen in kurzen Zwischenräume» entlprechender R.„batt,
vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird leine Gewähr übernommen.
Für die Ausnahme von Anzeigen an
Sonntag. 14. Januar 1912.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 22. o 60. Jahrgang.
Dis Politik der Woche.
Tie Hauptschlacht im Wahlkampf ist geschlagen, «der der Kampf dauert fort, und ein Bild davon, wie der neue Reichstag sich wirklich gestalten und inwie- weit er sich von dem alten unterscheiden wird, kann man sich erst nach den Stichwahlen machen, welche m so zahlreichen Wahlkreisen erforderlich geworden sind, daß erst dieser zweite Wahlgang den wirklichen Tag der Entscheidung bedeuten wird. Ebenso wird sich erst durch die genaue Zählung derStimmen erweisen, inwieweit die Mahnungen zur Ausübung des Wahlrechts auf fruchtbaren Boden gefallen sind, mld ob der Rekord der Wahlbeteiligung, welcher im Jahre 1907 erreicht wurde, diesmal gehalten oder gar noch überboten ist. Jedenfalls kann man schon jetzt sagen, daß der Wahlkampf sich alles in allem wenigstens äußerlich in etwas ruhigeren Formen abgespielt hat, als es vor fünf Jahren der Fall war, und daß vor allem die Behauptung der S o z i a I d e m o k r a t i e, die Taktik der Regierung laufe daraus hinaus, „Marokkowahlen in Szene zu setzen, sich als ein durchaus ungerechtfertigter Vorwurf erwiesen hat, wobei allerdings zu bemerken ist, daß sich der Kongoausklang der Marokkofrage zu einen: solchen Experiment schwerlich geeignet hätte.
Es ist merkwürdig genug, daß, während der Leiter der deutschen auswärtigen Politik, Herr v. K i d e r l e n- Wächter, aus der Marokkoaffäre mit einem blauen Auge und einein hohen Orden davonkam, diese seinem französischen Kollegen de Selbes zu einem Fallstrick wurde, über den zuletzt das ganze Kabinett Caillaux stürzte. Es handelt sich hier abermals um einen „Fall CI6menceau", denn es war kein anderer als dieser bewährte Ministertöter, der das Kabinett Caillaux zu Fall gebracht hat, nachdem es schon vorher in allen Fugen gekracht hatte. Freilich, die gegen die Regie- r".ng erhobenen Anklagen, daß sie schuld , sei an dem Verlust des Kongogebietes, sind nicht recht ernst zu nehmen, denn die Franzosen hatten dieser Kolonie bis dahin keine sonderlichen Sympathien entgegeügebracht. Weit schmerzlicher aber war für sie die Nicht zu^ vertuschende T a p s i g k e i t. mit der Herr de selves nicht nur sein Marokkoschifflem völlig im e n g tischen Fahrwasser schwimmen ließ, sondern diese hilflose Abhängigkeit vom Kabinett von St' James aller Welt offenbarte. Caillaux' Nachfolger hat nickt nur dem Senat die Unterschrift zu dem deutsch-französischen Vertrag abzuringen, sondern als unerfreuliche Erbschaft ist ihm die Aufgabe einer Einigung mit S p a n i e n über die Teilung der M a r o k k o b e u t e ge.blieüen. Es handelt sich aber hierbei um ein recht schwieriges Problem, denn England dürfte in diesem Falle schwerlich den getreuen Sekundanten Frankreichs spielen, und daß die Spanier
auf ein recht tüchtiges Stück von dem scherrfischen Braten rechnen, geht aus ihrem Plan der Bildung einer Kvlonialarmee im Riffgebiet hervor. Zu alledem kommt noch, daß es hier und da auch unter den Marokkanern zu gären beginnt, so daß am Ende die französische Rechnung noch manches Loch bekomrnen
könnte. _ .
Genau so, wie Italien seine Tripolrsrechnung ohne den Wirt gemacht hat, denn wenn auch die angeblichen Siege der Türken vor: Rom aus prompt dementiert werden, so haben doch die Italiener in letzter Zeit so wenig Siegesnachrichten depeschiert, daß bei dein durchaus ' angebrachten LOprozentigen Abzug nichts Rechtes mehr übrig bleibt. Ter passive Wide r- st a n d, auf den sich die Türken und Araber letzt dem mohammedanischen Charakter entsprechend, verwgen, scheint den Italienern nock, gefährlicher zu werden als ihre eine Zeitlang betriebene Offensive W:e pessimistisch man auf der Consulta die Dinge betrach- tet, geht eint deutlichsten uus der Meldung ^^vor, daß em neues (?£ peditionslarps für ausgerüstet werden soll.
Tie Araber sind eben keine Perser, welch letztere bisher über schwungvolle Protestresolutionen und tönende Mainifeste nicht hinausgekommen sind und :n schwächlicher Lethargie Schritt um Schritt vor den unaufhaltsam varrückenden Russen Mrückweichen, die vom Norden her das seiner Aufsaugung entgegeii- gehende Land umklammern, während vom Süden, her John Bull die Losung verkündet: Haust du memen Perser, hau ich deinen Perser!
An Rührigkeit fehlt es — das muß ihr der Neid lassen — der russischen Politik nicht, denn das gleiche Spiel, welches sich in Persien als so erfolgreich erweist, betreibt sie, wenn auch noch weit zurückhaltender und vorsichtiger, in der Mongolei. Auch hrer beginnt das Spiel mit dem gefügigen Dementierapparat. Die Negierung des Zaren hat, so versichert die Petersburger Telegraphenagentur, . „keine aggressiven Absichten in, der Mongolei", aber, „sie kann nicht umhin, sich für die Herstellung einer festen Ordnung in der Sibirien benachbarten Mongolei zu interessieren". Mit diesem Interesse für die Herstellung der Ordnung gann auch das persische Trauerspiel, und ob die Mongolei-Komödie anders enden wird, das hängt ganz da von ab, wie sich der Fortgang des Bürgerkrieges un Reiche der Mitte gestalten und was sich dort aus dem derzeitigen Chaos entwickeln wird, in dem die Mandschu-Dynastie bereits zu versinken be ginnt während den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht zurzeit lioch der schlaue Auanschikal darstellt, der „rechts schreiben kann und auch links", der die Interessen des Hofes gegen die Revolutionäre zu wahren verspricht, während er diesen als künftiger Präsident der kommenden chinesischen Republik „Offerte macht'!
Die Wahlen in Berlin.
L. Berlin, 12. Januar.
Die Lokalberichterstatter haben die Pflicht, über den Wahlakt in Groß-Berlin ausführlich zu berichten, und, da es tatsächlich nichts Besonderes zu berichten gab, so bemühen sie sich, das Wenige nach Möglichkeit zu dehnen und zu zerren, es durch aufgesetzte Lichter zu beleben und starke Eindrücke durch Aufbauschungen zu erzwingen. Wer den liüchternen Tatbestand festsiellen will, der kann nur sagen, bafc sich in den beinahe 1000 Wahllokalen von Berlin und dessen Vororten stets dasselbe schmucklose Bild einer völlig sachlichen Abwicklung des Wahlgeschäfts vollzog. Hoffnungen wie Sorgen erfüllen selbstverständlich die Hunderttausende von Wählern und beherrschen die Empfindungen der gesamten Bevölkerung, aber nach außen hin tritt so gut wie nichts davon zutage. Zweifellos wird in vielen Wahlkreisen im Reiche, besonders im Süden und dann auch im Osten, die Erregung heute ungleich lebhafter als gerade in Berlin gewesen sein. Tie bisher vorliegenden, freilich nur spärlichen Telegramme ilber ore Wahlvorgänge in: Reich geben bereits einige Kostproben davon, mit welcher Heftigkeit vielfaä) die Geister aufeinander platzten. Tie anmutigste Leistung der Lokalberichterstatter hat den denkwürdigen Augenblick zum Inhalt, in dem der Reichskanzler seiner Wahlpflicht genügte. Hier hat nämlich der wißbegierige Leser die einigermaßen verwirrende, sonst aber höchst amüsante Auswahl zwischen Darstellungen, die sich auch beim besten Willen nicht mit einander vereinbaren, lassen. Es steht, immer die Mitteilungen der Lokalberichterstatter zugrunde gelegt, mit Herrn von Bethmann-Hollweg folgendermaßen: Er wählte in dem Wahllokal Jägerstraße 5, und er wählte in dem Wahllokal Jägerstraße 69. Er erschien zu diesem Zweck m seinem blauen Automobil, er erschien auch in ernem schlichten Coupä, und er erschien endlich zu Fuß. . Er fuhr teils in seinem Autombil und teils in dem kleinen Coupä wieder nach Hause, er brachte es sedoch auch fertig, zu Fuß, wie er gekommen, von der Jägerstraße in die Friedrichstrabe einzubiegen. Er hatte einen Mantel an, und er war mit einem Gehpelz bekleidet. Zum, Teil hatte das Publikum sein Kommen kaum bemerkt, und zum Teil reckte man aus allen Fenstern der umliegenden Häuser (bei dieser strengen Kälte gewiß kein Vergnügen!) die Hälse, um den zu Fuß sich entfernenden Kanzler zu sehen. Ja, ein besonders gewissenhafter Beobachter hat bemerkt, daß eine ganze Schar von Photographen knipsend die ragende Gestalt im Zylinder und Gehpelz verfolgte. Es liegt ja an alledem nichts, aber hübsch ist es doch zu sehen, welche liebenswürdigen Purzelbäume von _ Reportern _ geschlagen werden können, die natürlich (wer möchte daran zu zweifeln wagen?) alle in bestem Glauben be»
«Nachdruck »erboten.»
Die staatsgrsährliche Wette.
Goldgräler-Novcllcrte von Paul Scheerbart.
In San Francisco faßen im vorigen Jahre drei Goldgräber beim Frühschoppen und dachten melancholisch über
ihr Leben nach. . .
„Nun halben wir«, sagte William, „wieder mal sechs Monate in Frisco gefeiert und alles genossen, was das Leben bietet. Wir haben Rheinwein getrunken, die Flasche §u 25 Dollar. Wir haben den besten Kaviar gegessen, alle Fische, die im Meere selten sind — und alle Vögel, die in der Luft sollen sind, haben wir auch gegessen. Dazu haben wir die allertsucrsten Zigarren .geraucht. Jetzt schnt mau sich wieder' nach einein anderen Lüben. Das Genießen wird langweilig.«
„Machen wir«, sagte der Lord, „uns das Lüben interessant — durch eine kleine Wette.«
„Die müßte«, benrerkte Hipphipp mit gerümpfter Nase, „sehr aufregend sein, sonst schlaf' ich ein dabei.«
„Ganz meine Meinung«, fuhr der Lord fort, „wetten wir, iver von uns Dreien die Stadt San Francisco am stärksten aufregen kann — an einem Tage — nach drei
Monaten.« ,
„i^ai« rief lebhaft lder William, „dafür könnten wir einen Zeitungsmann interessieren, denn der verdient sich bei aufregenden Ereignissen durch Extrablätter ein gutes Stück Geld — und' seine Zeitung wird bekannt, wenn er famos zu berichten versteht.«
' „Abgemacht!" sagte Hipphipp, „gehen wir mit der Idee schnurstracks zu Mr. Canteibury, der den „Observer« herausgibt.«
Es geschah.
Und Mr. Canterbury sagte: „Meine Herren, Ihnen geht's offenbar zu gut. Das. Gold graben bringt zu viel ein Aber — wenn Sie wirklich die ganze Stadt in Aus- ikLung versetzen wollen, so dürfen Sie das jedenfalls nur
so machen, daß kein Mensch dadurch direkt zu Schaden kommt. Indirekt wird ja immer dieser oder jener durch derartige Wetten geschädigt, staatsgesährlich ist die Wette in jüdem Falle. Also: Sie verstehen mich! Mord, Dynamit und Kapitalverbrechen sind ausgeschlossen. Ich bin Schiedsrichter und zahle 50009 Dollar dem, der ganz Frisco am stärksten an einem Tage in Aufregung versetzt. Vierzehn Tage später will ich zahlen — hier in der Redaktion. Aus Wiedersehen, meine Herren!«
Die Herren ließen sich alles dreimal wiederholen, kräftiges Handgeschüttel besiegelte den Vertrag — Diskretion sicherten sich die vier Herren gegenseitig zu. Und dann fuhren die drei Goldgräber in drei verschiedenen Richtungen einzeln davon. Keiner erfuhr etwas in den folgenden drei Monaten vom andern.
Nun kam der berühmte Tag. Es war der 23. Auguü 1910. In frühester Morgenstunde, als die Arbeiter zur Arbeit gingen und fuhren, entstand plötzlich in der Mitte der Stadt ein allgemeiner Stillstand ; alle blickten zu einem großen Wolkenkratzer empor: auf dessen Tuvmterrasse stand — eine dreibeinige Riesengestalt, die schwankte im Morgenwinde hin und her.
Einzelne rieben sich die schlaftrunkenen Augen — aber die Gestalt blieb da oben — ein Riese — mit ungeschlachten grauen Elefantenbeinen, mit einem dicken violetten Rumpf und mit knolligem Höker. Arme sah man nicht, an dem Riesen. Aber drei Elesantenb-ine hatte er. Und der Rumpf pendelte im Morgenwinde.
Me Straßenbahnen mußten «chatte». Man sah setzt auch den großen schwarzen Kopf des Ungetüms. Weiße leere Augen starrten aus dem Kopf raus. Es war wirk.ich unheimlich. Die Radfahrer sprangen vom Rade und sahen mit der Hand über den Augen nach oben. Die Automobile konnten auch nicht weitet. Alles bliüb ste-hen. Rur der Riese oben auf den: Wolkenkratzer peNdülte hin und her im Morgenwind.
Der WM'-iikratzer war das bekannte City-Hotel, das größte Hotel von ganz Frisco. In dem Hotel schlief noch
astes. Man sah niemand an den Fenstern. Da packte ein Grausen alle, die das unheimliche Gespenst sahen. Einzelne sagten: „Ein Marsmann ist cs.« Andere meinten: „DaZ ist wohl ein Spaß.« Ein alter Mann rief: „Eine Reklame!« Aber gleich erwiderten viele: „Me Reklame hat das City- Hotel nicht nötig.«
Da kam ein furchtbarer Laut ans einer unteren Etage des Hotels — es war Löwengübrüll. Und das Löwengebrüll wurde in jeder Sekunde stärker, es hörte sich an, als wenn zehn bis hundert Löwen brüllten. Jetzt kam Bewegung in das Hotel. Mail sah. Wie alles hin und her lief. Die Fenster wurden aufgeriffen — und halb ange- Ilcibcte Hotelgäste stürzten aus die Straße. Die Verwirrung wurde allgemein und in jeder Sekunde größer.
Nun rannten die Leute zum Rowlaüd--Park — aus Furcht vor lden Löwen. Und dort ertönte plötzlich ebenfalls Löwengcbrüll. Vom Rowland - Park giug's also wieder zurück zur City. Und dort hörte man jetzt an verschiedenen Stellen Löwengebrüll.
„Ist die Welt denn verrtickt geworden?« schrie ei» Polizist. „Wo koimnen die Löwen her?«
Und Hunderte von lltevolvem sah man. Und Flinten sah man. Wütende Restaurateure Wrmten mit alten Säbeln aus die Straße. Die Polizisten waren machtlos. Alte Mütter wurden umgerissen. Kinder schrien. Und die Löwen brüllten. Eine Minute später war die ganze Stadt aus dem Schlafe ausgestört. Und LöwenMbrüll hörte ma« auch im Chinesenviertel
Da schrie man wie wahnsinnig: „Die Chinesen haben die Löwen in die Stadt gebracht. Die Chinesen! Di« Chinesen!" Die Chinsen ^ machten, daß sie sortkameu. RevolversckÄsse dröhnten. Die Fmerwehr fuhr lärurenÄ herbei, konnte aber nicht bis zur City gelangen — der vielen Menschen wogen.
Der Riüse aus dem Ciiy-Hotel pendelte immer noch hn« und her. Und in all diesem Trubel sah man plötzlich, wie ans dem Boden gestanrpft, schwarze Männer mit schwarzen Tragbahren. Je zwei hielten immer sine fchroar-e Trag-
