Verlag Langgaffe 21
„Tagblatt-Haus".
Echalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends,
I Wöchentlich
12 Ausgaben.
Fernsprecher-Ruf:
„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.
Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntags.
Auzeiqen-Preis für die Zeile: 15 Pfg. für lokale Anzeigen im „Arbeitsmarkt" und „Kleiner Anzeiger" in einheitlicher Satzform; 20 Pfg. in davon abweichender Satzausführung, sowie für alle übrigen lokalen .Anzeigen; 30 Pfg. für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Mk. für lokale Reklamen; 2 Mk. für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.
Anzeigen-Annahme: Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.
Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird kt-ine Gewähr übernommen.
Bezugs-Preis für beide Ausgaben: 70 Pfg. monatlich, M. 2.— vierteljährlich durch den Verlag Langgasse 21, ohne Bringerlohn. M- 3.— vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld. — Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bis- marckrmg 29, sowie die Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.
Sonntag, 7. Januar 1912. WEgENs AUZMÜE« Nr. 10. . 60. Jahrgang.
Dienende.
Sonntagsbetrachtung.
In Berlin und anderen Großstädten ist die Sitte aufgekommen, in den Häusern für die Herrschaften besondere Aufgänge zu schaffen. Die Dienstboten und Geschäftsleute, die Waren bringen, läßt man hinten durch die Küche ein. So teilt man heute die Menschen ein. Das geschieht trotz aller demokratischen Gleichmacherei der heutigen Zeit, trotzdem die Dienstboten am liebsten ihren Titel in Hausangestellte umwandeln möchten. Man fällt zurück in das Mittelalter, wo die Stände von Rechts wegen geschieden waren, wo die Dienerschaft und auch die Frauen ihre besonderen Häuser hatten.
Das Christentum hat zwar die Stände nicht cMfge- hoben. Ter Apostel Paulus hat den entlaufenen Sklaven Philemon seinem Herrn zur weiteren Dienstbarkeit zurückgeschickt. Aber es hat die Kluft beseitigt. Paulus schreibt an Onesimus, er solle den Sklaven Philemon als Bruder betrachten. „In Christus ist nicht Herr noch Knecht." Da sind alle Menschen gleich, alle Menschen Brüder.
Ja, noch mehr. Jesus sagt, wer der erste unter euch sein will, der sei euer aller Knecht. Diener sein ist also die höchste Würde. Wer ein Herr über etwas ist, soll dessen nicht achten, sondern sich lediglich als Diener betrachten. Deshalb war es ein sehr sinniger Gruß in der früheren Zeit zu sagen: Ihr Diener! Allerdings nur dann wertvoll, wenn er allgemein, wenn er namentlich auch von den Höherstehenden gebraucht wurde. Selbst der König ist ja nur dann wirklich der erste, wenn er am meisten dient, wenn er also gar nicht für sich, sondern nur für alle, für das ganze Volk da ist. Friedrich der Große nannte sich den ersten Diener des Staates. Christlich verstanden darf das aber nicht heißen, dem Range nach der erste, d. h. der höchste, sondern der am meisten und stärksten von dem Bewußtsein, anderen zu dienen, Erfüllte. Das Reich Gottes hat eben ganz andere, geradezu umgekehrte Rangstufen.
Jesus hat auch den Sinn seiner Reden und Gedanken noch durch besondere Zeichen verständlich zu machen gesucht, damit sie nicht bloße Theorien blieben. Er hat seinen Jüngern die Füße gewaschen als ein Zeichen, wie ernst es ihm mit dem Dienen gewesen ist. Das Fußwaschen verrichteten im Altertum die Diener. Jesus wollte also, daß seine Jünger für diese niedersten Dienste' sich nicht zu gut hielten. Und da? soll ihre dauernde Gesinnung sein. Nicht wie die Pharisäer sollen sie trachten, vornan zu sitzen, sondern immer hintenan stehen, nur im höchsten Eifer, in der schwierigsten Arbeit, auch in der unangenehmsten, ihre Ehre suchen, ohne besonders Anerkennung vor den Menschen. Tie Anerkennung gibt ihnen Gott, der ganz anders urteilt wie die Menschen.
Es ist klar, wenn die Menschen so denken und handeln, dann gibt es keine soziale Frage mehr. Dann sind wirklich alle Menschen Brüder und Schwestern.
Jede äußere Ehre ist dann mehr eine Last als eine Lust, von den ärmsten Menschen gegrüßt und geschätzt zu werden, ist dann eine höhere Ehre als der höchste Orden. Der ganze Titel- und Ordenskram erscheint dann als der überflüssigste Plunder der Welt.
Ter Papst und einige katholische Monarchen haben die Sitte des Fußwaschens einmal im Jahre —• zum Osterfest — beibehalten. Aber diese erscheint da fast als eine G o t t e s l ä st e r u n g, weil die Art und Umstände, unter denen mit goldenen Becken die Zere- monie an 12 Pilgern vollzogen wird, zeigen, wie weit der ursprüngliche Sinn veräußerlicht worden ist.
Dienstboten muß es geben, ebenso wie die anderen verschiedenen Berufsarten. Jeder Mensch hat seine eigenen Gaben und Kräfte. Die einen arbeiten mit der, Hand, die anderen mit dem Kops. Keiner darf sich aber als etwas Besseres dünken, und nie sollten die verschiedenen Berufe sich so weit voneinander entfernen, daß man nicht zu tauschen, wenn's sein müßte, bereit wäre. Im Mittelalter gab es in der Karnevalszeil einen Tag, da wurde getauscht. Da spielten die Herren die Knechte und die Knechte die Herren. Das war eine sinnreiche Einrichtung. Ein tiefer Sinn im kindischen Spiel.
Ich habe oftmals gefunden, wenn die oberen Schichten geklagt haben über die Unbotmäßigkeit und Begehrlichkeit der unteren, und man fragte fis: würdet ihr tauschen wollen? oder wenigstens, was würdet ihr denken und tun, wenn ihr euch in die Haut der unten Stehenden hineinversetzet, da wurden die meisten sehr verlegen und das Schelten erstarb ihnen aus den Lippen. So sollen wir auch zu unseren Dienstboten stehen und denken, wie wäre dir wohl zumute, wenn du heute an ihrer Stelle stündest.
Ich habe es immer als eine schöne Sitte gefunden, daß in Rußland, wenn Dienstboten einander besuchen, und es ist Mittagszeit, da gibt ihnen die Herrschaft zu essen und zu trinken und erweist ihnen weitgehende Gastfreiheit. Ter Hausherr empfindet es nicht als unwürdig, daß man ihn bei der Mahlzeit stört. Ja, in vielen russischen Dörfern ist es noch Sitte, daß man regelmäßig mehr kocht, als man brcnrcht, um übrig zu haben für Arme. An Festen stellt man ihnen schon vor der Mahlzeit vors Fenster, weil man weiß, da werden schon Bedürftige kommen. Und ich war bei Mohammedanern und habe da gesehen, w'e erfreulich das Verhältnis zwischen Herrschaft und Dienenden, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen ist. . Ter Hausherr spricht da ebenso wie der Offizier zu seinen Untergebenen: Bitte, Lieber, willst du nicht das und das tun? Und der Türke ist wahrlich ein ausgezeichneter Soldat, der ans Gehorchen gewöhnt ist. Bei uns dagegen sagt man häufig: uran darf sich nichts vergeben, der andere könnte das falsch ausfassen und verwöhnt werden.
Mit Liebenswürdigkeit und Höflichkeit vergibt man sich nie etwas. Und bei aller unserer sogenannten Kultur an Liebenswürdigkeit gegen. Dienende und Untergebene können wir noch außerordentlich viel lernen. Pastor a, T. K ö t s ch k e - Berlin.
politische Übersicht.
Die „Wahlparole" öes Reichskanzlers.
Der Reichskanzler hat, wie sein Mahlartikel in der „N. A. Z." beweist, für den 12. Januar nur einen bestimmten Wunsch, nämlich daß die Sozialdemokratie keine Fortschritte mache. Sonst aber sagt er nicht, und läßt nicht sagen, welche Hoffnungen er in bezug aus die bürgerlichen Parteien hegt. Diese seine S ch w e i g- s a m k e i t läßt sich gut verstehen. Kann dem Reichskanzler an konservativen Siegen gelegen sein, da ihm eine Erstarkung der Rechten doch unzählige Hindernisse aus allen jenen Gesetzgebungsgebieten bereiten müßte, auf denen selbst eine konservativ gerichtete Regierung die Mitwirkung des Liberalismus nicht entbehren könnte? Herr v. Bethmann-Hollweg weiß, daß die Männer auf der Rechten ihn nicht lieben: er weiß es nach seinem Zusammenstoß mit Herrn v. Heydebrand noch besser als zuvor. Kann der Kanzler ferner ein Interesse daran haben, daß die Parteien des bürgerlichen Liberalismus geschwächt werden? Die Frage erscheint manchem vielleicht verwunderlich, da Herr v. Bethmann-Hollweg doch wahrlich kein liberaler Mann ist. Aber die erste unserer Fragen und diese zweite gehören zusammen, und wenn sich der Reichskanzler nicht in Abhängigkeit Von den Konservativen begeben möchte, was ihm bei einem konservativen Mandatsgewinn doch drohen würde, so bedarf er zur Vermeidung dieser. Gefahr eines starken liberalen Gegengewichts. Das wird er nicht öffentlich zugeben wollen, aber es steckt in den Dingen drin. Schon daß der Wahlartikel der „N. A. Zi" zu den Forderungen der Negierung die Sicherung der Handels- vertragspolitik rechnete, zeigt zwischen den Zeilen, daß Herr v. Bethmann-Hollweg ansehnliche liberale Fraktionen wünschen muß. Denn die Konservativen sind keine Freunde der Handelsvertragspolitik, sie tun auf diesem Gebiete nur notgedrungen mit. Ein Kampf um den Zolltarif aber kommt praktisch fürs erste nicht in Frage. Es wird manchmal so dargestellt, als würde eine Zurückdräygung der Konservativen und des Zentrums die unmittelbare Bedrohung, des geltenden Zolltarisgesetzes bedeuten. Dabei wird 'vergessen, daß das Zolltarifgesetz nicht, wie allerdings die Handelsverträge, an eine F r i st gebunden ist, sondern es besteht, so lange Regierung und Reichstag seine Änderung nicht g e m e i n s a m wollen, sei es im Sinne der Verstärkung, sei es im Sinne der Abschwächung des Zollschuhes. In Fragen von Heer und Flotte sodann kann die Regierung auf die bürgerlichen Parteien des Reichstags rechnen, gleichgültig, welches die Zusammensetzung der Volksvertretung ist. Was der Reichskanzler in Sachen des Zentrums wünscht, kann man sich denken, ohne daß er es auszusprechen braucht. Ein schwaches Zentrum wäre ihm selbstverständlich lieber als ein starkes. Aber wenn er das sagen würde, mißfiel er erst recht den Konservativen, die sich auf Tod und Lebeir mit dem Zentrum verbündet haben. Nichts natürlicher nach alledem, als daß Herr von
(Nachdruck verboten.)
Mildernde Umstände.
Von Maurice Level.
Autorisierte Übersetzung von Gutti Alfen (Königsberg).
Erst durch die Zeitung erfuhr Frau Franz von der Verhaftung ihres Sohnes.
Die Sache erschien ihr im ersten Augenblick so ungeheuerlich, daß sie nicht daran glauben wollte.
Ihr Junge, ihr guter, so höflicher, schüchterner Junge, der noch vor einem Monate den Osterurlaub bei ihr verbracht hatte, ihr Junge ein Dieb und Mörder? . . . Sie sah ihn vor sich: in seiner Jnsanteristenunchorm, mit seinem guten Gesichte. Sie fühlte noch seinen herzlichen Abschiedskuß auf ihren gefurchten Wangen. Und in der Erinnerung an all jene sanften, ruhigen Freuden zuckte sie die Achseln und wiederholte:
„Die haben sich da bestimmt getäuscht. Er ist es nicht!"
Dennoch stand es in fettgedruckten Buchstaben da: „Ein Soldat als Verbrecher." Es war in der Garnison des Kleinen geschehen und man führte seinen Namen groß gedruckt an.
Sie blieb ganz ahnungslos sitzen. Di: Brille hatte sie auf die Stirn hinausgcschoben, die Hände gefaltet, und ihr zitternder Mund sprach in das warme Schweigen der Küche hinein. Ihre Augen blickten geradeaus und sahen weder den alten, an der offenen Tür kauernden. Hund, noch die Wanduhr, die die Zeit mit ihrem ernsten, schleppenden Ticken in ihrem Gehäuse zerschnitt.
Jemand trat ein. Sie fuhr aus: „Wer ist da?"
Sie erkannte eine Nachbarin, wollte ihre Unruhe nicht erraten lassen und fügte hinzu:
„Ich schlief ... Es ist so heiß . . .
Sie, die gewöhnlich so Schweigsame,. Zurückhaltende, begann zu sprechen, sprach unaufhörlich , . . stellte Fragen und beantwortete sie selbst, aus Furcht, daß man sie aus- forschen käme, und während sie ihre unzusammenhängenden Sätze hersprach, fragte sie innerlich fortwährend: „Weiß sie etwas?"
Sie schwieg, da sie keine Worte mehr fand. Mit einer sonderbaren Miene sagte die Nachbarin:
„Ist es lange her, seit Sie Nachrichten von Ihrem Sohne hatten?"
„Nein, — erst heute morgen . .
Sie fügte nicht hinzu, auf welche Weise. Ganz plötzlich überkam sie das lebhafte Bedürfnis, getröstet, beruhigt zu werden, eine andere Stimme als die ihre empört rufen zu hören: „Es ist ein Irrtum! Er ist es nicht, glauben Sie mir!" . . .
Sie zeigte ihr die Zeitung und sagte, indem sie sich vergebens bemühte, es harmlos klingen zu lassen: „Haben Sie gelesen? . . . Das ist komisch, nicht?"
Mit trockener Kehle und Tränen in den Augen setzte sie hinzu: „Trotz alledem ist man dumm . . . Im ersten Augenblicke hat es mir einen Stich versetzt! . . . Muß das sein?"
Die Nachbarin schwieg immer noch, und sie wiederholte: „Das ist komisch, nicht? . . . das ist komisch! . .
„Ja. es ist komisch, daß zwei denselben Namen im selben Regiment tragen", erwiderte die Nachbarin vorsichtig.
Tics aufaimerd platzte die Alte los: >.Das sagte ich mir auch! . . . Sehen Sie ... Es sind zwei da. . . . Es ist nickt der Meine! ..."
„Aber man kann es doch nicht wissen", sagt: die Gevatterin. „Ich frage Sie ... Es wäre wünschenswert. . . Weil man ihn in Verdacht hat-. . . Man «zählt bereits,
daß er «ch den Gaunerstreich bei dem Küfer ausgcsührt hat . . . Ja, die dreihundert Franken, die man gerade, als er auf Urlaub war, gestohlen hat."
Dir Mutter hatte sich ganz bleich, mit geballten Fäusten, ausgerichtet: „Lassen Sie die Leute doch reden! . . . Er ist es nicht, nein, er ist es nicht. Schämt Ihr Euch nicht? . . . Was haben wir Euch angetan, daß Ihr alle hinter uns her seid? . . . Armer Kleiner! . . . Man wird schon sehen! . . ."
Und ohne die Tür hinter sich zu schließen, selbst ohne ihre Holzschnhe zu nehmen, lies sie zum Bahnhof.
Schlag sieben Uhr kam sie in der Stadt an. Während der Reise war ihre Angst noch gewachsen. Sie sagte nicht mehr: „Es ist unmöglich!" — sondern: „Wenn cs wahr wäre? . . Die Reise war ihr endlos erschienen, während an ihren Blicken das freie Land, Felder, Telegraphenstangen und -drahte in schwindelerregendem Auf und Ab vorüberg'littcn. Als der Zug hielt, begann sie zu zittern. Fast schien ihr der' Augenblick, in dem sie endlich alles erfahren sollte, zu rasch gekommen.
Hinter dem Gitter streckte sich lang und ganz weiß der Kaserneniüof mit seinen viereckigen Gebäuden hin. An, dar Türschwelle saßen Soldaten und vlauderten in den friedlichen Abend hinein. Ihr Kleiner hatte sie die verschiedenen Grade unterscheiden gelehrt. Ganz demütig blich sie stehen: „Verzeihung. Herr Sergeant, ich wollte Sie nur etwas fragen. Sehen Sie —"
Sie zögerte, da sie ihre Furcht nicht gleich einzugesteher, wagte.
„Sehen Sie . . . Es betrifft meinen Sohn . . . Mickon, Jules, von der dritten Kompagnie ... Ich wollte wissen, ob . . . ich ihn scheu könnte . . ."
Me versuchte zu lä-dcln: „Jck> bin seine Mutter . . . seine . . . Rein? Nun. denn . . . Wo ist er? . , .
Doch hoffentlich nicht krank? ' Also? , . .. Ob ich etwas
