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Kamst««, beu 23. Dezember.
N-. 600.
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher No. 52.
1899.
Abend-Ausgabe.
Weihnachten.
Seit 1900 Jahren ertönt an jedem Christfest der Gesang, der zuerst von Eugelslippen erklang: ^.Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen". Freilich, die hehre Botschaft, welche die Klänge deS Weihnachtsliedes verkünden, steht nicht überall in Uebcreinstimmung mit den Thatsachen, vor welche die rauhe Wirklichkeit uns stellt. Und gar Mancher mag wohl mißmnthig fragen, wo denn der Frieden auf Erden herrsche und worüber in der Welt er Wohlgefallen empfinden solle.
Wir brauchen nicht in jene Ferne zu blicken, wo ein friedliches und tapferes Volk die Pflugschar mit der Büchse vertauscht hat, um seine Heimath und seine Freiheit gegen den ungerechten Angriff des übermüthigen England zn wahren, wenn wir die Verwirklichung der hehren Friedensbotschaft vermissen wollen. Auch in dem politischen Leben unseres Volkes ist von Friede und Einigkeit wenig genug zu verspüren, und gar Manches sehen wir, worüber wir Wohlgefallen nicht zu empfinden vermögen. Die Zeit, in der wir leben, ist nicht friedlich, und die Aufgaben, vor deren Lösung diese unsere Zeit gestellt ist, läßt wenig Raum der stillen Beschaulichkeit, welche uns in den schweren politischen, wirthschaftlichen und socialen Kämpfen der Gegenwart trösten könnte durch einen Rückblick in die schlechtere Vergangenheit und durch einen Ausblick in eine bessere Zukunft.
lieber die Unterschiede zwischen Gegenwart und Vergangenheit belehrt uns die Geschichte. Und wer in diese Vergangenheit mit offenen Augen blickt, der wird aus den Fortschritten, welche die Menschheit in ihrer Jahrtausende langen Geschichte kämpfend errungen hat, die Hoffnung auf eine noch bessere Zukunft schöpfen. Aber, darüber sollen wir uns nicht hoffnungsselig Hinwegtäuschen, der Zustand der völligen Glückseligkeit und des ewigen Friedens ist ein Ideal, nach dem wir streben sollen, das wir aber niemals erreichen werden.
Im Leben des Menschen, im Leben der Menschheit ist der Kampf die Regel, der Friede die Ausnahme. Von Kindheit an ist das Leben des Menschen ein Kampf, ein Kampf um Wissen und Erkenntniß, um Beruf und Brod, ein Kampf ums Dasein, denn Mensch sein, heißt Kämpfer sein. Aber eine weise Vorsehung Hai dafür Sorge getragen, daß die Tage deS Kampfes abgelöst werden durch Tage des Friedens, durch Tage, an denen die Arbeit ruht und Streit und Unfriede, durch Tage, die uns im ruhelos hastenden Treiben einen Augenblick vergönnen des stillen Nachdenkens und des ungestörten Friedens.
Kein Tag ist hierzu geeigneter als der heutige, der uns die Botschaft des fröhlichen, seligen, gnadenbringenden Weihnachtsfestes kündet. Heute ruht der Kampf des Lebens, der laute Lärm des Tages verstummt und die heftigen Leidenschaften in den Herzen der Menschen weichen sanfteren und edleren Regungen. Heute gedenken wir jener Zeit, da der bedrückten, äußerlich und innerlich unfreien Menschheit eine neue Lehre verkündet wurde, jene Lehre der allumfassenden
Liebe, der Versöhnung und des Friedens. Heute erinnern wir uns mit verstärkter Biacht daran, daß die Menschen einander nicht bekämpfen, sondern sich unterstützen sollen, und daß hoch über den kleinen Sonderinteressen des Einzelnen das große Interesse des Ganzen, das Wohl der Gemeinsamkeit steht.
Und wenn heute auch noch lange nicht erfüllt ist, was Christus vor 19 Jahrhunderten lehrte und predigte, daß alle Menschen gleich und in gleicher Weise dazu bestimmt seien, sich gegenseitig zu helfen und in Eintracht und Frieden an der Fortentwickelung, der Besserung, der Vervollkommnung unseres Daseins, unserer Existenzbedingungen zu wirken und zu arbeiten, wenn jene Mahnung noch allzu wenig beherzigt wird: der Weg, den die Menschheit in diesem Zeitraum von 1900 Jahren zurückgelegt hat, zeigt doch, daß die Richtung des Weges, mag auch Mancher und uianche Zeit vom Wege abirren, aufwärts, dem Fortschritt zugewendet ist.
Und gerade das Weihnachtsfest, dieses Fest des Lichtes und der Hoffnung, soll uns ermahnen, baß wir in den Kämpfen der Gegenwart nicht verzagen, sondern voll unsere Pflicht th»n, Jeder an seinem Platz, sei dieser auch noch so bescheiden. Und wer in allzu pessimistischer Gesinnung und uueingedenk der Erfahrung, daß jede Zeit von denen, die in ihr leben, für die schlimmste gehalten wurde, diese Gegenwart, weil sie ihm nicht erfüllt, was er gewünscht, weil sic ihm vielleicht allzu viel an enttäuschten Hoffnungen brachte, als trüb und trostlos empfinden wollte, den mahnt die Botschaft des seligen, fröhlichen, gnadenbringenden Weihnachtsfestes, hoffend an eine bessere Zukunft zu glauben und in dieser Hoffnung zu vergeffen, was ihm Uirangenehmes, Trübes und Schmerzliches die Gegenwart gebracht.
Hat Rosen sie geschenket, Hat Dornen sie gebracht, — Wirf ab, Herz, was Dich kränket Und was Dir bange macht!
Deutsches Keich.
Entsetzlich.
Die „Kreuzzeitung" ist, so meldet uns das Bureau Herold, in der Lage, Einzelheiten über die That des Prinzen von Arenberg bringen zu können, welcher D i st r i k t ch e f auf einer Station bei Windhoek war und vor ein Kriegsgericht, dessen Urtheil dem Kaiser zur Bestätigung vorliegt, gestellt war. Darnach handelt es sich um den Eingeborenen Willy Cain, welcher sich im Dienst des Prinzen befand. Nach einem Gespräch zwischen Herrn und Diener entfernte sich letzterer, ohne sich des geringsten Versehens bewußt zu sein. Der Wnz forderte den Posten auf, auf Cain zu schießen. Der Soldat sckioß in die Luft, und auf yiie nochmalige Aufforderung schoß er den Cain ins Bein. Dann trat der Prinz hinzu und schoß den Eingeborenen in den Leib und in den Kopf, trotz der flehenden Bitten des Eingeborenen. Der Prinz nahm nun seinen Gewehrstock und rührte so lange in dem Gehirn des Cain herum, bis dieser verstarb. Die entsetzliche That des deutschen Beamten, der dadurch den deutschen Namen geschändet und unendliche Schmach auf
(Nachdruck verboten.)
Neues Gluck.
Eine Weihnachtsgeschichte von Margarethe Gehring.
„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind aus die Erde nieder, wo wir Menschen sind st' so sangen sie fröhlich, der kleine Walther und die noch kleinere Marie, des Herrn Professors Lieblinge, sein Trost und der Sonnenschein seines seit der Mutter Tod vereinsamten Hauses, und die süßen Kinderstimmen drangen durch die schweren Portieren und die verschlossene Eichenthnr bis ins Nebenzimmer, in dem es bunt genug aussah. Ach, hätten sie doch nur einen einzigen kurzen Blick hineinwerfen dürfen I Die kleinen Herzen brannten vor Ungeduld und Warten der Dinge, die da kommen sollten. Darum sangen sie alle die schönen WeihnachtSlieder, welche sie von Schwester Magdalene in den letzten Wochen gelernt hatten, eins nach dem andern durch und knüpften dazwischen ihre kindlichen Glossen an das Gesungene. Walther war sieben, Marie erst fünf Jahre alt. Alle Augenblicke klopften sie an die Thür des Nebenzimmers, und Walther rief: „Schwester Magdalene, wie lange dauert es noch, bis es Abend wird?"
„Seid ruhig und artig, Kinder!" antwortete eine Mädchenstimme von drinnen, „macht ja keinen Lärm, sonst geht das Christkind wieder fort, und Großmuttel wird wieder kränker." Endlich that sich die Thür ein ganz klein wenig auf, eine weiße Hand erschien in der Ceffnung, und zwei schöne Pfefferkuchen fielen ins Zimmer, mit denen die Kleinen zufrieden abtrollten.
Milten in dem behaglich eingerichteten Wohnzimmer, dessen Thür so erwartungsvoll von den Kleinen belagert wurde, stand der Christbaum, eine schöne hohe Tanne. Schwester Magdalene, eine angenehme, graziöse Erscheinung, in der ernsten und doch so kleidsamen Diakonissentracht, war'in vollen Geschäften.
„Gut, daß Sie mir helfen, Schwester Magdalene", sagte der Professor, ciu stattlicher, süiifunddreißigjähriger Mann mit freundlich-ernst blickenden Augen, indem er sich lächelnd zu seiner Gehülst» umwandte, „allein würde ich mit dem Baum heut' garittcht fertig, es ist eine schlechteMänner- arbeit. Sonst hat ja immer meine liebe Adele den Baum ganz allein geschmückt. Nun werden es schon drei Jahre, daß sie mich verließ."
„O wie gern helfe ich Ihnen, Herr Professor," aitt- luortete sie, „es ist mir eine so liebe Beschäftigung, zumal wenn ich an die strahlenden Gesichter der Kleinen heute Abend denke. Werden die Augen machen, wenn sie bett wundervollen Baum sehen! Aber jetzt muß ich Sie doch einen Augenblick verlassen und nach der Frau Näthin sehen, ob sie etwas bedarf."
„Ja bitte, thun Sie das, liebe Schwester," sagte er und sah der Gestalt des ernsten Mädchens nach, die seit einer Woche wie ein stiller Engel der Liebe im Hanse schaltete und durch ihre treue, sorgfältige Pflege nach Aussage des Arztes wesentlich dazu beigetragen hatte, daß es der Mutter wieder leidlich ging. Tag und Nacht war sie unermüdlich thättg gewesen, sei es am Kraiikenbette, sei es in der Wirih- schaft oder in der Kinderstube, und die Kinder hingen mit einer wahrhaft begeisterten Liebe an ihr, die es so trefflich mit ihnen verstand. Mit Sorge dachte er an die Zukunft. O wie öde würde es ihm im Hause vorkommen, wenn sie nach wenigen Wochen wieder ginge! Die Kinder würden sie vor Allem schrecklich vermissen, und davor bangte ihm am meisten.
Doch da kam sie ja schon wieder. „Herr Professor," sagte sie, indem ein srohcs, sonniges Lächeln über ihr Antlitz glitt, „ich glaube, die liebe Fran Näthin kann heute Abend unbedenklich der Bescheerung beiwohnen; sie wünscht es so sehnlich, und ich glaube, Sie bitten zu dürfen, es ihr zu gestatten."
seinen prinzlichcn Titel gehäuft hat, wird hoffentlich im Reichstag ordentlich zur Sprache kommen. Es ist mehr als bedauerlich, daß dieser Fall entsetzlicher Ausschreitungen nicht vereinzelt in unsereuKolonicen dasteht. Nun, man wird ja wohl wieder den „Tropenkoller" entschuldigend ins Gefecht führen. — Wir erhielten diese Nachricht gestern schon, stellten sie aber zurück, bis auch andere Blätter die ans Unglaubliche grenzende Mittheilung bringen würden. Das ist inzwischen geschehen, und so dürfte an der Richtigkeit nicht zu zweifeln sein. — Hoffentlich ist dies das letzte Mal, daß sich ein deutscher Kolonialbeamter als Bestie in Menschengestalt erweist. Jedenfalls sollte streng darauf gesehen werden, daß nur moralisch zweifellose Personen als Beamte nach den Kolonieen gesandt werden, nicht aber Leute „vom Stande", welche im Vaterland vielleicht nicht gut gethan und nun auswärts versorgt werden sollen.
* * *
* Herlii», 23. Dezember. Die von einer parlamentarischen Korrespondenz verbreitete, den Reichsbank-Präsidenten Dr. Koch betreffende Nachricht, daß derselbe in bürgerlichem Stolze den Adel abgelehnt hätte, ist, der „Post" zufolge, vollständig unbegründet.
* Rundschau iut Reiche. Der Reichstagsabgeordnete Freiherr Hehl v. Herrnsheim in Worms wurde von den Stadtverordneten wegen seiner großen Verdienste um die Stadt und seinem unentwegt betätigten hervorragenden Gemeinsinn das Ehrenbürgerrecht der Stadt Worms einstimmig verliehen. — Der Ausschuß der Versicherungsanstalt Posen beschloß die Errichtung einer Lungenheilstätte für die Provinz und bewilligte für 100 Betten einen Betrag bis zu 400,000 Mk. Mit dem Provinzialverein zur Bekämpfung der Tuberkulose wird die Versicherungsanstalt zu diesem Zweck sich in Verbindung setzen. — Die Bewegung, welche durch den Fall Pastor Wein gar» hervorgerufen ist, zieht in Mitteldeutschland und im Hessischen weitere Kreise. In zahlreichen thüringischen Orten haben Protest- Versammlungen stattgefunden, an welchen sich angesehene Männer, wie z. B. in Gotha der Präsident des Landtages, beteiligten. Die Petition, welche von Osnabrück aus an den König abgesandt wird, trägt über 11,000 Unterschriften und wird, gleichzeitig mit einer energischen Erklärung an den Kultusminister, in wenige" Tagen nach Berlin abgehen.
Der Krieg in Südafrika.
Vom östliche» Kriegsschauplatz.
Loudon, 22. Dezember. So viel aus den lückenhaften Berichten über die Schlacht bei Colensoe am 15. Dezember zn ersehen ist, befinden sich 10 Geschütze, welche die Engländer im Stich lassen mußten, noch an derselben Stelle, wo sie damals waren. Die Buren können die Bente nicht über den Tugelafluß schaffen, weil die Position der verlassenen Geschütze unter dem englischen Geschützfeuer liegt, und die Engländer können an dieselben nicht heran, weil sie sich aufs Neue dem tödtlichen Gewehrfeuer der Buren aussetzen würden.
Vom nördlichen Kriegsschauplatz.
wb. Kapstadt, 17. Dezember. Ein Telegramm aus Maseru meldet, Kommandant Diedericks fei gefallen. Einzelheiten fehlen noch.
bd. London, 23. Dezember. Aus Sterkström wird berichtet, daß die englische Abtheiluug von Stormderg eine weiße Flagge gehißt hätte und sich den Buren ergab. Die übrigen englischen Abthellungen wurden nacheinander gefangen genommen, nachdem sie die Geschütze zerlegt und die Geichiitzrohrc verborgen hatten. Die Buren machten jedoch Nachforschungen und fanden Die Rohre wieder. Die Buren haben seither bedeutende Verstärkungen erhalten, die Gehöfte der England treu gebliebenen Buren besetzt und das Getreide abgemäht und mit sich genommen.
„Wenn Sie glauben," antwortete er, „daß es ihr nicht schadet, so soll es mich von ganzem Herzen freuen. Das wird das erste richtige Weihnachten, seit vor drei Jahren statt des Weihnachtsengels der ernste Todesengel durchs Haus schwebte."
„O, wie müssen Sie gelitten haben!" sagte sie theil- nahmsvoll.
„Ja, liebe Schwester," entgegnete er, „es war eine schwere Zeit: aber das Herz wird mit der Zeit ruhig, und wenn ich jetzt an jene Tage zurückdcnke, so trübt mir die Thräne nicht mehr den Blick auf ihr vom friedlichen Schimmer der Verklärung umflossenes Bild. Den Kindern aber fehlt das traute Mütterlein, und ich denke nur mit Schmerzen an die nahe Zeit, wo das schöne Band der Liebe, das sich bereits um Sie und die lieben Kleinen geschlungen hat, wieder grausam zerriffen werden muß. Schwester Magdalene, ich werde es Ihnen nie vergessen, was Sie au den Kindern gethan."
Verwirrt blickte sie zu Boden, als sie den weichen Klang seiner zitternden Stimme vernahm. „Ich habe mich bemüht, meine Pflicht zu thun," sagte sie freundlich, „und es ist mir leicht geworden in Ihrem Hause. Ich habe schon ernsteren Aufgaben gegenübergestanden, wo es mir oft recht weh und bange ums Herz wurde. Die Tage meines Hierseins würden mir ein beständiger Sonnenschein gewesen fein, wenn nicht die Sorge um die liebe Kranke mir in den ersten Wochen so schwer auf dem Herzen gelegen hätte. Da waren die lieben Kleinen eS vor Allem, was mich auf» heiterte und erquickte. O, wie werde ich es tragen, wenn ich sie nicht mehr sehen darf?" Eine Thräne schimmerte in den braunen Augen, und sie wandte sich rasch dem Tisch zu, um ihm den schönen blitzenden Stern zu zeigen, der die Spitze des Baumes zieren sollte. „O, der schöne Stern!" tief sie bewundernd.
