Ro. 545. 47. Jayrgaug.
Wiesbadeuer Tdgblatt (Morgeu Ausgabe). Berlag: «auggasse 27. 21.Rovcmber 1889. Leiters.
Handelsiheil des „Wiesbadener Tagblatt“-
Höchster Farbwerke.
Es dürfte wähl für die meisten Leser von Interesse sein, einige Angaben über dieses grosse Weltetablissement zu erfahren. Dasselbe beschäftigt, dem „Höchster Kreisblatt“ zufolge, zur Zeit 3500 Arbeiter, 130 Aufseher, 120 Chemiker, 40 technische und 180 kaufmännische Beamte. Im Betrieb stehen 78 stationäre Dampfkessel und 16 Lokomobilkessel mit einer Gesammtheiz- fläche von 9500 Qu.-Mtr., sowie 130 Motoren. Die Gesammtzahl der Pferdekräfte beträgt 4000. Das Werk hat eine FJächen- Ausdehnung von 90 Hektar und besitzt eine eigene Eisenbahn von 27 Kilometern Länge. Die Zahl der Lokomotiven beträgt 12, die der Wagen 600. Täglich werden etwa 220 Waggonladungen befördert. Der jährliche Wasserverkehr, in Waggons ausge- drüekt, stellt sich im Eingang auf 18,280 Waggons, im Ausgang auf 3040 Waggons. Der tägliche Kohlenverbraueh beträgt 45 Doppelwaggons — 9000 Ctr. Die tägliche Gasproduktion der eigenen Gasanstalt beziffert sich auf etwa 15,000 Kubikmeter. Der tägliche Wasserverbrauch beträgt 32,600 Kubikmeter. Der Rohmaterialienverbrauch ist folgender: Produkte der Theerdestillation 70,000 Gentner, Soda 134,000 Ctr., diverse Kalisalze 8000 Ctr., Spiritus und Alkohol 4500 Ctr., diverse Chemikalien fremder Produktion 50,000 Ctr., Gussspähne 24,100 Ctr., Koch- und Steinsalz 186,000 Ctr., Marmorkalk 107,400 Ctr., Salpeter 42,000 Ctr., Schwefelkies 322,700 Ctr. Die Produktion beträgt: diverse Säuren und chemische Produkte 1,130,680 Ctr., diverse Anilin-, Resorcin- und Naphtolfarben 6,580,000 Kilogramm, diverse Alizarinfarben 8,318,000 Kilogr., diverse pharmazeutische Produkte 82,480 Kilogr., diverse Produkte der bakteriologischen' Abtheilung, z. B. Diphtherie - Heilserum 180,000 Fläschchen, Tuberkulin 150,000 Cbm. Zur Herstellung des von Prof. Behring erfundenen Diphtherieheilserums ist ein besonderes Etablissement erbaut. Das Serum wird durch Impfung von Pferden gewonnen und sind zu diesem Zweck etwa 100 Pferde eingestellt, deren Werth 60- bis 80,000 Mk. beträgt. Die Zahl der im Besitze der Fabrik befindlichen Beamtenwohnungen beträgt 44, das Vermögen der Beamten- Pensionskasse beläuft sich auf 1,140,000 Mk. Ueber die 'Wohlfahrtseinrichtungen, die das Geschäft für die Arbeiter und Aufseher getroffen hat, sei Folgendes erwähnt: Die Zahl der Aufseher- und Arbeiter-Wohnungen beträgt 442, die Zahl der in Schlafsälen aufgestellten Einzelbetten 108. Die Fabrikmenage verabreicht Mittagessen und zweimal Kaffee für 20 Pf. (Die Firma zahlt zu jeder Portion 10 Pf. zu und stellt Lokalitäten, Inventar, Küchenpersonal, Kochdampf etc.) Bade-Einrichtungen sind in grosser Zahl vorhanden und stehen zur unentgeltlichen Benutzung; römisch-irische Bäder und Massage sind auf ärztliche Verordnung ebenfalls frei. Das grosse Kaufhaus der Firma, dessen letzter Jahresumsatz 550,000 Mark betrug, zahlt 10 pCt. Dividende an die Abnehmer zurück. Die Betriebskrankenkasse bat einen Reservefonds von 124,000 Mk. Der Beitrag der Arbeiter beträgt 1 pCt. des Lohnes, dagegen leistet die Firma einen regelmässigen Zuschuss von 50 pCt. aller Beiträge, trägt die Verwaltungskosten, besoldet die Aerzte und giebt besondere Zuschüsse zum Krankengeld in schweren Fällen. —Die Aufseher-Pensionskasse hat ein Vermögen von 220,000 Mk. Die „Kaiser Wilhelm- und Augusta-Stiftung“ für Arbeiter-Invaliden, Wittwen und -Waisen ein solches von 1,380,000 Mk. Seit etwa vier Jahren hat die Firma auch eine Sparkasse eingerichtet, deren Einlagen bereits 345,000 Mk. betragen. Dass die Firma in Lungenheil- und Rekonvalescenten-Anstalten für ihre Arbeiter und Aufseher Freiplätze erworben, dass sie für deren Familienangehörigen ein billiges Abonnement für ärztliche Behandlung durch die Fabrikärzte eingerichtet hat, sei nur kurz erwähnt. Soeben ist ein Wöchnerinnen-Asyl nebst Frauen- und Kinderbad in der Ausführung begriffen. Die für Mädchen von Arbeitern und Aufsehern eingerichtete Haushaltungsschule erfreut sich
eines regen Besuches und kann in socialer Hinsicht von grossem Segen werden. Der Kursus ist einjährig und die Mädchen erhalten sowohl den Unterricht als auch die Verpflegung frei. Alle Arbeiter und Aufseher, welche mehr als zwanzig Jahre in dem Dienst der Firma stehen, erhalten Freiwohnungen.
Deutsche Kaufaufträge an die amerikanische Mlaschinen-lndustrie. Nach der Versicherung von New- Yorker Vertretern grosser deutscher Eisen- und besonders Maschinenfirmen sind die Fabrikanten in Deutschland mit Aufträgen derart überhäuft, dass sie nicht allen Anforderungen gerecht zu werden im Stande sind. Um das Geschäft nicht aus der Hand zu geben, wenden sie sich mit dem Bedarf, den sie selbst nicht decken können, an das Ausland und placiren sie solche Ordres vorzugsweise bei amerikanischen Fabrikanten. So erklärte ein Vertreter der New-Yorker Agentur der Berliner Maschinenfirnia Schucbard u. Schütte der „New-Yorker Handels-Zeitung“: Den glänzenden Verhältnissen der deutschen Industrie haben auch wir schöne Ordres zu danken, und trotz der diesseitigen hohen Preise finden allwöchentlich grosse Versendungen von Maschinen, Werkzeugmaschinen und sonstigen im deutschen Markte besonders gangbaren Erzeugnissen der hiesigen Eisen-Industrie statt Hauptsächlich handelt es sich dabei um Ordres, welche die mit Arbeit überhäuften Fabrikanten selbst nicht auszuführen im Stande sind. Das Geschäft könnte noch ein viel grösseres sein, wenn es nicht die hiesigen hohen Preise einschränkten. Dazu kommt die Schwierigkeit, von den diesseitigen Fabrikanten, denen der Inlandmarkt zur Zeit ausgezeichnete und lohnende Absatzgelegenheit bietet und die daher ihre Produktion zumeist auf Monate im Voraus begeben haben, rechtzeitige Lieferung zu erhalten. „Ob, so meint das ,,Berliner Tageblatt“, diese günstige Lage des Geschäfts in amerikanischen Maschinen etc. für Deutschland anhalten wird, scheint allerdings fraglich, indem hier die Preise anscheinend noch immer höher gehen, während drüben sich bereits Anzeichen für ein Nachlassen des „Boom“ bemerkbar machen.“
T. Deutschland* Handels - Interessen am Persischen tioif finden in einem Artikel des „Economiste frantjais“ eine eingehende Würdigung, die in der Gegenwart, da die Rivalität Russlands und Englands in Persien die Aufmerksamkeit in erhöhtem Grade in Anspruch nimmt, bedeutungsvoll erscheinen mag. Im Jahre 1898 hat der Handel im Persischen Golf den Erwartungen nicht entsprochen. Die Zunahme, die die Einfuhr einiger Waarengruppen aufwies, konnte für den Ausfall an anderen nicht ganz entschädigen. Eine grosse deutsche Firma, die Deutsch-Persische Handelsgesellschaft, hat sich vornehmlich damit beschäftigt, ein neues Absatzgebiet für den deutschen Rübenzucker zu schaffen, konnte aber zu keinem Erfolg durchdringen. Die französische Wochenschrift, übrigens das führende volkswirtschaftliche Organ unseres Nachbarlandes, nennt es bezeichnend für die Zähigkeit der deutschen Unternehmen, dass sie sich durch den Misserfolg nicht .haben abschrecken lassen. Eine grosse deutsche Handels-Gesellschaft, diepn Deutsch-Ostafrika und Sansibar Niederlassungen eröffnet habe, werde jetzt ihre Operationen auf die Persischen Häfen ausdehnen. Vorläufig haben es die Holländer verstanden, daselbst wesentliche Handelsvortheile zu erringen. Sie machten sich die Beobachtung zu nutze, dass die immer mehr verarmende persische Bevölkerung die Manchester-Baumwollwaaren nicht mehr zu bezahlen vermochte, und stellten daher eine Baumwolle von geringer Qualität her, die trotz ihrer Billigkeit noch einen Gewinn abzuwerfen vermochte. So ist es den Holländern gelungen, in dieser Beziehung England und Deutschland aus dem Felde zu schlagen, die sich nach den wechselnden Verhältnissen jenes kleinen Absatzgebietes nicht hatten richten wollen. Ob sich das Angebot den veränderlichen Bedingungen der exotischen Märkte anbequemt oder nicht, davon muss der Erfolg abbängen, wie die Geschichte
der letzten Jahre lehrt. Der Werth der Einfuhr nach den Häfen des Persischen Golfes betrug 1898 nur 56 Millionen Mark (gegen 60 im Vorjahr), wovon über 27 Millionen auf Ostindien, 10 auf England, 5 auf Arabien, etwa 4 auf die Türkei, 1 Million auf Frankreich entfielen. Deutschland blieb mit nur etwas über 160,000 Mk. weit zurück und stand etwa Oesterreich gleich, dagegen noch erheblich hinter China. Indien nimmt im Handelsverkehr der persischen Häfen sowohl in Einfuhr als Ausfuhr weitaus den ersten Rang ein. Der Export aus den persischen Häfen nach Deutschland ist kaum nennenswerth und beläuft sich höchstens auf einige 10,000 Mk. Deutschlands Handelsbeziehungen zum Persischen Golf sind vorläufig also noch recht geringfügig, aber es fehlt nicht an fortgesetzten Bestrebungen, auch hier deutschen Waaren den Markt zu erschliessen.
Zur tiescliäftslage der Mühlen - Industrie. Ueber die deutsche Mühlen-Industrie, insoweit sie in der Form der Aktiengesellschaft organisirt ist, bringt die „Mühle“ eine grössere Zusammenstellung, die 63 Aktiengesellschaften mit einem Aktienkapital von 51,000 Mk. bis 3,000,000 Mk. umfasst. Es liegen indessen nur für 59 Gesellschaften genauere Angaben vor, denen zu entnehmen ist, dass dieselben in dem Geschäftsjahr 1898 99ein Aktienkapital im Gesammtbetrag von 51,662,256 Mk. aufzuweisen hatten. An Grundschulden und Anleiheschulden waren bei diesen 59 Gesellschaften insgesammt 16,475,899 Mk. vorhanden. Die für das Geschäftsjahr 1898 99 vorgenommenen Abschreibungen beliefen sich auf 1,461,895 Mk. Von den 59 Gesellschaften haben 12 mit einem Aktienkapital von 10,802,000 Mk. bisher nicht nur keinen Gewinn, sondern noch einen Verlust im Gesammtbetrage von 739,146 Mk. zu verzeichnen gehabt. Die übrigen konnten nach den Abschreibungen und Rückstellungen eine Dividende von 2,368,912 Mk. ausschütten, was einer durchschnittlichen Verzinsung ihres Aktienkapitals mit nicht ganz 5,8 pCt. entsprechen würde. Für die Gesammtheit der Gesellschaften, also mit Einrechnung derjenigen, die mit Verlust gearbeitet haben, ergiebt sich aber eine Verzinsung des Aktienkapitals mit nur 3,12 pCt. Das lässt keineswegs auf eine besonders günstige Geschäftslage unserer Mühlenindustrie schliessen. Jedenfalls bleibt sie in ihren Erträgnissen weit hinter den Ergebnissen anderer Geschäftszweige zurück.
Dividendten-Schätzung-en. „Preussische Bodenkreditbank“ 7 v. H. — „Westdeutsche Bank“ 8 v. H., wie i. V. — „Peters & Co.“, Bankgeschäft in Krefeld, 7*A v. H., wie i. V. — „Wechslerbank“ in Hamburg 6‘/*—67z v. H. (6*'<). - „Hypothekenbank“ in Hamburg wieder 8 v. H. — „Schlesischer Bankverein 7 v. H.. wie i. V. — „Mitteldeutsche Bodenkredit-Anstalt“ in Greiz 6 v. H (5l/i). — „Ostbank für Handel und Gewerbe“ 6 v. H. — „Oberrheinische Bank“ in Mannheim wieder 6 v. H. — „Breslauer Strassen-Eisenbahn-Gesellschaft“ mehr als im Vorjahr (129,). — „Elektrische Strassenbahn Barmen - Elberfeld“ 12‘/r v. H., wie im Vorjahr. „Allgemeine Gas- und Elektricitäts-Gesellschaft“ in Bremen“ wieder 6 v. H. — „Norddeutsche Jutespinnerei und Weberei“ 6 v. H. (8). — „Spinnerei Vorwärts“ 7‘ia v. H. (6'/a). — „Aktien-Ges. Thiederhall“ 8 v. H. wie im Vorjahr.
Geldmarkt. Coursberioht der Frankfurter Effekten - Societät vom 20.November, Abends 51/« Uhr, Credit-Actien 232.75, Discont-Comm. 191.90, Staatsbahn 141.70, Lombarden 31.90, Gotthardbahn-Actien —, Centralbahn. —,—, Nordostbahn —.—, Unionbahn —.—, Laurahütte 253.—, Bochumer 260.—, Gelsenkirchener —.—, Harpener 201.50, Italiener 94.—, Dresdener Bank —.—, Darmstädter Bank —.—, Berliner Handels-Gesellschaft —.—, Deutsche Bank 205.--, 3-proc. Mexikaner —.—, 6-proc. Mexikaner - .—, 4-proc. Spanier 65.60, Hibernia —.—, 3-proc. Portugiesen 25.10, Northern Pacific —.—, Northern Shares —. . Tendenz: fest bei stillem Geschäft.
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