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Wtrsbatottr Sanblatt

47. Jahrgang.

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Verlag: Lauggasse 27.

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Uo. 540.

1899

Freitag» den 17. Uovemder.

Fernsprecher No. 52.

Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

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Gin f-eialiflischer Pfarrer.

Die Nachricht, daß sich der Pfarrer Blumhardt aus Bad Boll zur Socialdemokratie bekannt hat, hat in weiten Kreisen Aufsehen erregt. In Amerika oder der Schweiz, too, die Pfarrer so gut wie jeder andere Staatsbürger ihrer politischen Ueberzeugung viel ungehinderter Ausdruck geben dürfen, würde eine derartige Nachricht viel weniger anfgcfallen sein als in unserem Staaiskirchenthum. In Zürich z. B. wirkt schon seit Jahren im Jndustriequartier ein socialdemokratischer Pfarrer, den sich die Arbeiter selbst gewühlt haben und der sich allsonntäglich vor großen Schaaren von Frauen und Männern bemüht, zu zeigen, daßdas Evangelium mit den besten Gedanken der modernen Zeit und den gesicherten Resultaten der Wissenschaft einen dauernden Bund schließen kann." Indessen ist das Aussehen auch ohnedies begreiflich, denn Pfarrer Blumhardt ist ein Sohn jenes durch seine wunderbaren Krankenheilungen bekannten Blumhardt, dessen Name unter denGläubigen" auch des Auslandes weithin bekannt ist. Als Erbe seines Vaters trat Ehr. Blumhardt nach dessen am 25. Februar 1880 erfolgten Tode die Leitung von Bad Voll an, einem christ­lichen Erholungsheim für Angefochtene aller Art. Wie der Vater, so galt auch der Sohn lange Zeit für einen der be­liebtesten Prediger auf Festen der inneren und äußeren Mission in Süddeutschland und der Schivciz. Da legte er vor einigen Jahren zur Ueberraschnng vieler seiner Anhänger freiwillig sein Pfarramt nieder, >veil er ohne Talar besser für die Sache des Ehristenthums in der Gegenwart wirken zu können glaubte. Nun ist er gar Socialdemokrat geworden, und damit ist unter den Gläubigen" sein Uriheil ohne Weiteres gesprochen. Aber auch in den Kreisen, in denen die Zuchthaus-Vorlage der Weisheit höchster Schluß ist, ist cs selbstverständlich, daß ein Gebildeter, der in der Socialdemokratie noch etwas Anderes sieht als eine Tollhausidee, nothwcndig selbst ein Toller sein muß. Indessen giebt es auch noch Leute, welche au§ der Geschichte gelernt haben, an den socialen Revolutionen der Neuzeit nicht nur den solchen Gührnugen nothwcndig anhaftenden Schaum und Schmutz, sondern auch den unter der Oberfläche fortwirkenden EntwicklnngSstoß wahrzunehmen. Jedenfalls verdient ein Mann wie Blumhardt, den der Maler Ludwig Richter in seiner Selbstbiographie den selbstlosesten Mann nennt, der ihm je vorgekommen, der auch jetzt wieder durch sein Bekenntniß zur Socialdemokratie seinen Ruf und die ganze Zukunft von Bad Boll aufs Spiel gesetzt hat, daß man ihn hört, und daß man ihm auck da, wo er in seinem Idealismus irren sollte, seine Theilnahme nicht versagt. Natürlich ist seine Auffassung von Socialdemokratie, die sich mit den Lehren Jesu im Ein­klang befinden soll, eine eigenartige, und erst die Zukunft kann darüber entscheiden, ob sie sich in der jetzigen Partei wird behaupten lassen, Nm BlumhardtS Standpunkt näher zu charaktcrisiren, lassen wir eine Rede im Auszug folgen, welche er nach demGöppinger Tagblatt" Nr. 250 in einer dortigen Versammlung gehalten hat:

Wenn ich heute vor Ihnen spreche, so thue ich es als ein Gerufener, um mich Denen gegenüber offen ausznsprechen, die sich wundern, daß ich mich zum Socialismus bekannt habe. Wundern konnte fid) eigentlich nur, wer mich nicht gekannt hat. Wer miet) aber genauer kannte, selbst in der Zeit, da ich nod) eine Kirche in meinem Hause hielt, der wunderte sich nicht, denn er weiß, daß ich zu allen Zeiten im Dienste der Armen und Geringen gewirkt habe. Das ist aber der Geist Christi gewesen, der das von mir gefordert hat, denn Jeder, der in seinem Geiste wirken will, muß sich zu den Geringen und Unterdrückten halten. Wo ist denn Christus eigent­lich gefunden worden? Unten! Deswegen hat man ihn ja auch der Zöllner und Sünder Gesellen geheißen. Und das war er and), denn er war ein Socialip. Für ihn gab es keine Bevorzugung einzelner Personen Uuv Staude, ihm galt Einer was der Ändere, er berücksichtigte alle Menschen in gleichem Maße. Er ging in fernen Forderungen der Rücksichtnahme auf Andere so weit, daß er verlangte: Verleugnet End) und verleugnet Alles! Er selber hat die Selbstverleugnung im höchsten Grade geübt und darum hat er auch zwölf Proletarier zu seinen Jüngern gemacht. Wer tvill mir deshalb oorwerfen, ich verleugne meinen christlichen Glauben, weil ick) zu dm Proletariern halte, weil ich selber ein Proletarier sein möchte? Thue id) nicht damit dasselbe, was Christus auch githan hat? Denn vor Gott giebt cs keinen Unterschied unter den Menschen, sie sind allzumal Söhne Gottes und Kinder d.s Höchsten, gleichviel ob reich oder arm, gleichviel auch welchen Standes. Dieser Lehre habe ich schon lange nachgelebt Und dieses Leben in Christi Geist hat und; and) in den Socmlis- mus hiireingedräugt. Id) habe Gelegenheit gehabt, das Elend der Meirichen rennen zu lernen, ich habe oft an einem Tage 40 bis 60 Brieie bekommen und 100 Personen belachen müssen. Und aus all den Briefen und aus all den Berathungeu trat mit die Be­drängnis) und das Elend der Menschen entgegen. Der Eindruck war zu mächtig, und id; bin unter ihm zusaininengcbrochen und habe erkannt: Ans dem seelsorgerlichen Weg kann hier nichts mehr erreicht werden, so geht es nicht. Aber so geht es, habe id) mir gesagt, wenn Viele, wenn Alle zusammenstehen und sagen: Ja, so kann cs nicht mehr weiter gehen, es muß anders kommen! Mir ist es oft ein Gefühl der Bedrückung, wenn ich so Viele um mich sehe, die Roth leiden, wenn ich um die Mittags­zeit in die Häuser komme und sehe Man», Frau und Kinder um etne Schüssel Spätzle Herumsitzen, mit der sie sich zu Mittag bc- gmigen müffeit. Wenn ich das sehe, muß id) mir sagen: So kann

es nicht mehr weiter gehen, und weil das die Arbeiter mit mir and) aussprechen, so sind sie meine Bundesgenossen und ich bin ihr Bundesgenosse. Die Beobachtung der Roth um mich her hat mid; zum Selbstbewußtsein meines Lebens gebracht, sie hat mid) gelehrt, daß der Mensch erst Mensch werden muß, andernfalls ist er bloß ein animal (Thier). Aber neben dem Selbstbewußtsein habe idi and; das Gottesbewußtsein in mir gefunden, die Religion. Und wenn heute oftmals gesagt wird, bei der Socialdemokratie habe die Religion keinen Platz, so will ich als ein Zeuge für das Gegen- theil austreten und mich ans Religion zur Socialdemokratie be- kenuen. Religion ist aber Privatsache, denn sie ist eine Sache de? Herzens, und was da drinnen vorgeht, das hat Jeder mit sich selbst abzumachen, da bat sich Niemand drein zu mischen, das geht Niemand etwas an. Soviel wollte ich über die Religion sagen. Und nun noch ein Wort über den SociaUsmus. Jeder Mensch ist in gewissem Sinn ein SoeiaUst. Er sucht Gesellschaft und in der Gesellschaft Ordnung, weil er weiß, daß Einer auf den Andern angewiesen. Darum gäb's auck) zu allen Zeiten eine Gesellschaftsordnung, die umso strammer wurde, je gebildeter die Menschheit wurde. Aber die Ordnung wurde bls henke in der Unterdrückung der Masse, in der Züchtung von Herrschern erblickt, in Zukunft muß das anders werden, die Ordnung muß auf Grund der Gleichberechtigung Aller durchaefiihrt werben. Id) habe heute in einem Blatt gelesen, daß wir Opfer für Kaiser und Reich, für König und Vaterland bringen müssen. Dagegen bin id) and) nicht, aber In meinem Sinne; wenn Opfer gebracht werden müssen, so dürfen cs unter feinen Umständen Menschenopfer sein. Wir leben in einer merkwürdigen Zeit, viMcicht in einer Zeit, wie eine ähn­liche nod) niemals gewesen. Der Gegensatz zwischen Mangel und Elend einerseits und Glück und Besitz andererseits streiten wider einander und Christus ist and) als Kämpfer dabei auf der Sette der Mangelleidenden. Und obwohl unsere seitherige Weltordnung eine christliche genannt wird, so müssen wir doch heute sprechen und Christus unterstützt uns darin: Diese Weltordnung muß zerschlagen werden! Christus lehrtdas. aber dieChristen- heit hat diese Lehre vergessen. Wenn nun jetzt auf ein­mal das in uiis anfgchen will, was Christus vor 1800 Jahren gelehrt hat, warum stellen wir uns darob verwunderlich? Ist dock; die christliche Weltordnung nicht Christi Weltordnung. Die christ­liche Weltordnung hat uns den 30-jährigen Krieg gebracht, Christus nicht. Wenn jetzt die Lebensrechte der Masse zur Geltung gebracht werden sollen, so fürchten wir uns etwa, und wenn wir Besitzende sind, so zittern wir vielleicht. Aber es giebt da nichts zu fürchten und nichts zu zittern, denn eS wird bei gutem Willen nicht schwer sein, die Zeit zu schassen, wo nicht für jedes nothdürstige Stückchen Brod von Fall zu Fall der Schweiß des Angesichts vergossen werden muß. Mau muß nur wollen. Der socialistische Ge­danke ist ein Produkt der heutigen Weltordnung, helfen wir m i t. daß er immer größer wird. Denn der Socialdemokrat will kein Leben nehmen, sondern, er will Leben geben, er will fein Blut in Revolutionen vergießen, sondern er will gerechte Ordnung. Die socialistisch erwachten Menschen sind Ordmingsmenschen, das lehrt die Erfahrung. Ich bin auch um meine politische Ansicht befragt worden. Da nutiuorte ich kurz das: Alle Politik muß fid) unter den SocialismuS beugen, denn sie hat sich in den Geist der Zeit zu fügen. Darum bin ich selbstverständlich auch nicht für ein Zucht ha »Sgesetz, denn ich kann nicht begreifen, warum der Eine frei herumgehen, der Andere aber in Zuchthäusern hernmsahren soll. Id) kann mich and) nicht erwärmen für die nationale Politik von heute, im Gegentheil meine ich, daß wir ein großes Stück Internationalismus in uns auf­nehmen müssen, wenn wir Menschen werden wollen. Machet Eure Herzen auf, lasset die große Äenschheitsidee in End) aufgehen, bann werdet Ihr weltgroße Menschen. Id; bin früher and; be­schränkter gewesen, aber es hat mid) hinansgebrängt in die Welt, wo ich freier, wo ich universeller geworden bin. Damm hat auch die Ansd)auung feinen Raum mehr bei mir, welche ruft: Hie Protestant, hie Katholik! denn wir Menschen haben Alle ein Herz in der Brust. Heute ist die Zeit vorüber, wo eine Gruppe von fid) sagen kann: Wir sind die Alleinseligmacheiibcn, denn die Gottesidee ist zu groß geworden in der Welt.

Es ist mir vorgeworfen worden, id) habe bei meinem letzten Auftreten hier die Fabrikanten angegriffen. Glaubet das nicht, denn ich greife Niemand au, mich einen Fabrikanten nicht, der eben and) em Produkt der Zeit ist. Id) selber bin auch so etwas wie ein Arbeitgeber und weiß, daß einem etwas in den Schooß fallen kann. Aber was mir in den Schooß gefallen ist, das habe id) immer wieder bergegeben. Von Rcichthum ist bei mir nichts zu finden. Euch Fabrttanten kann id) nut zttrnfen: Macht's auch so, wenn Ihr viel verdient. Id) mache keinen Unterschied zwischen Großgrundbesitzer und Großkapitalisten, ein Jeder will eben den größten Prosit von seiner Arbeit haben. Weiter will auch der Arbeiter nichts, darum gestehet ihm doch bas Recht zu, auch seiner­seits beit größten Profit aus seiner Muskelarbeit zu ziehen! Wenn id) das verlange, und es fühlt sich ein Fabrikant beleidigt, so kann id) bas nicht dnbertt. Für heute freut mich die fceunbliche Aus­nahme, id) banke Euch! Glaubet mir, id) werbe zu Euch stehen.mit ganzem Herzen unb werbe mit Euch hinarbeiten auf die socialistische Gesellschaft. Wir müssen Alle das sociale Ziel vollständig und ganz auffassen, da darf ein Bernstein teilten Platz haben. Wir müssen eintreten für unser Ziel vor Gott unb allen Menschen!

Mag man nun die Auslassungen des Pfarrers als Schwarmgeister«" oder als die folgerichtigen Schlüffe aus feinem ganzen Leben und Streben anfchcn, jedenfalls hat man kein Reckt, den übcrzeugungstreuen, opfermuthigcn und selbstlosen Mann einfach unter die Narren z» werfen, um so weniger, als er inzwischen schon Nachfolger gefunden hat. So sind der Pfarrer Goehre von den National-Socialen nnd noch einige andere Pastoren in den letzten Tagen eben­falls ins focialdemokratische Lager übergegangen.

Deutscher Reichstag.

e Kortin, 16. November.

Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Be- rathmtg der Post-Vorlage, unb zwar bei Artikel 2, welcher unter Ziffer 1 ba? Post-Regal auf geschlossene Briese im Ortsverkehr ausbehnt. Ein Antrag Haußmaitn-Balingett (südd. Volksp.) will diese Ziffer ganz ftreid)en. Ein Antrag Rtntelen (Centr.) will das Post-Regal nur auf die Briefe inf Nachbar-Ortsverkehr ansbehnen, dagegen nicht auf bie Briese im eigentlichen Ortsverkehr. Abg.

int eien < Centr.) befürwortet seinen Antrag. Staatssekretär Pobbielski erwidert dem Vorredner, daß bie Reichspostverwaltung

grabe nur im allgemeinen Verfehrs-Jnteresie ihr Regal ausbehiten wolle. Ilm bloße Plusmacherei handle es sich hier nicht. Äbg. Oertcl - Sachseit (kons.) tritt diesen Ausführungen bei. Abgeordneter Singer (Soc.) erklärt, feine Freunde erkennten au, daß, wenn ' man der Postverwaltung die Verkehrs- Erleichterungen zumuthen wolle, diese bann auch ver­langen könne, baß man ihr and) die Einnahmen, deren sie dazu bebitrfe, nicht verschließe zu Gunsten privater Unteruehmungett an großen Orten. Der Antrag Rintelcn sei allzu unpraktisch, beim er zwinge, bei jedem Briefe zu entscheiden, ob er am Orte bleibe oder beispielsweise in einen mit Berlin verwachsenen Vorort gehe. Adg. M ü ll er-Sagan (steif. Volksp.) erwidert beut Staatssekretär, baß fein AnttSvorgänger Stephan mit vollem Bedacht unb voller Absichtlichkeit das Gebiet der Ortsbriefe dem Privatbetriebe frei- gegeben habe. Den Privatanstalten sei man überaus viel Dank schuldig. Wenn sie nicht wären, bann könnte man wahrscheinlich nod) sehr lange auf Reformen bei der Reich-post warten, und zum Lohne dafür sollten jetzt bie Privat-Postanstalten er­drosselt werden. Staatssekretär Pobbielski erwibert, bie Reichs-Postverwaltitng sei unablässig für Reformen be­strebt. Ihr Bestreben sei gerichtet auf allgemeine Ver­billigung bes Tarifs, auf bie Ausdehnung der jetzt den engeren Grenzen zu gedachten Verbilligungen allmählich ans immer weitere Entfernungen. Die Verwaltung gehe nickst fiskalisch zu Werke, fonbern wolle auch hier nur den VerkehrS-Jnteressen bienen. Abg. Pachtticke (stets. Ver.) legt nun bett prinzipiell ablehnenden Standpunkt seiner Partei bar. Abg. Singer (Soc.) meint, die Privatposten hätten gar keinen Grund, sich Keffer zu dünken als die Reichspost, am allerwenigsten auf dem Gebiete des Veamten- wesens. Die Debatte über die Ziffer 1 wird geschlossen. Die Ab- stimmuitg wird einstweilen ausgesetzt dis zur Erledigung des ganzen 'Artikels. Die Ziffer 2 (in der Fassung der Regierungs-Vorlage) schlägt vor, daß Expreßboten zur Beförderung von Briefen und politischen Zeitungen nur immer 5 kg postzwangspslickstige Gegen­stände mit sich führen unb nur von einem Absender abgeschickt fein dürfen. Die Kommission hat dies gestrichen. Abg. Dasbach (Centr.) beantragt Widerherstellnng der Ziffer und zwar im Interesse der kleinen Zeitungen mit fast ausschließlichem Absatz in der Umgegend. Staatsjekretär Podbi elski bittet um Ablehnung dieses Antrags. Abg. Dasbach zieht seinen Antrag zurück. Ziffer 3 läßt bie Briefbeförderuug am Orte durch Privatboten zu. Eine Debatte hierüber entsteht nicht. Nunmehr folgt die Abstimmung. Ziffer 1 wird unverändert angenommen, die beiden dazu vorliegenden An­träge werden abgelehitt. Ziffer 2 wird gestrichen und Ziffer 3 an­genommen, desgleichen bet ganze Artikel 2 in der Fassung ber Kom­mission. Artikel 3 ließ in der Fassung ber Regierungsvorlage die Privat-Postanstalten (Errichtung bezw. Weiterbetrieb) nur noch zu mit nachziisnchenber Genehmigung des Reichskanzlers. Die Kom­mission schlägt dagegen ein völliges Verbot der Privat-Postanstalten vom 1. April 1900 ab vor. Ein Antrag Rintelen (Zentrum), sowie ein Antrag Haußmann-Müller-Sagan wollen den Artikel 3 ganz streichen. Abg Herzfeld (Soc.) befürwortet einen Antrag seiner Partei, es ausdrücklich für zulässig zu er­klären, daß ein ZcitnngS - Agent, Zeitnngs - Spediteur sich von auswärts durch die Post ober anderweit Zeitungen zusammen­kommen läßt, um sie an seinem Wohnort zur Verbreitung zu bringen. Auch soll ber Vertheilung an Sonntagen nichts in den Weg gelegt werben bürfen auf Grund ber Sountags-Heiliguitgs- Verorbunngen. Redner tljeilt aus Mecklenburg einige Fälle mit, wo Spediteure an einem solchen Betriebe auf Grund ber Post­ordnung und an Sonntagen auf Grund vonSonntags-Heiligungs- Verordnnngen gehindert worden seien. Direktor Krätke im Reichspostamt erwidert, in beut betreffenden Fall sei die Ober- Postdirektion vollkommen im Recht gewesen. Abg. Büsing (nat.-lib.) empfiehlt, übet beide Theile des Antrags getrennt ab­zustimmen. Nach einer Bemerkung des Staatssekretärs Podbielski bemerkt Abg. Singer (Soc.), er könne sich von der Überzeugenden Pose des Staatssekretärs nicht überzeugen lassen, daß die Sache so harmlos sei. (Präsident Graf Ballestrem ruft den Redner hierfür zur Ordnung.) Die Diskussion wird geschlossen und der Artikel 3 in der Fassung der Kommission angenommen mit dem socialistischen Antrag, aber unter Fortlasfung des den Sonntag betreffenden zweiten Theiles. Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der Vcrathnng. Schluß 5 Uhr.

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Druisches Deich.

Die Kaiserin und die Stadt Berlin.

Die Kaiserin Hai das herkömmliche Glückwunschschreiben der Berliner Sladwerorditeien-Versammlung zu ihrem Geburtstag diesmal durch ihren Obcrhofmeisier Freiherr» v. Mirbach in einem Schrcibeu beantworten lassen, welches der Vertretung der Berliner Bürgerschaft in Betreff ihrer Haltung in der 'Frage der Kirchcubaulast und ans Anlaß von Bibelcitaten des Stadtverordnetcn Dr. Preuß in einer der letzten Stadtverordneieu-Sitzungen Cenfurcu und Rügen ertheilt, wie sie, so schreibt dieFreis. 3tg.",_ unseres Wissens eine Fürstin niemals und unter den Monarchen kaum König Friedrich Wilhelm IV. V-rtretungskörpern hat zukommcn lassen. DaS erwähnte Schreiben, dessen Bckaunk- werdcn in der Bürgerfck)aft Eindrücke hetvorgerusen (jat,_ die sich hier nicht wiedergeben lassen, lautet in feinem wesent­lichen Punkte nach dem herkömmlichen Dank wörtlich wie folgt:

Umso schmerzlicher sind aber Ihre Majestät davon berührt, daß ber burd) bie entgegenkommende unb versöhnliche Haltung ber kirchlichen Behörden unb bes Magistrats zum Segen ber Ein­wohner enblich angebahnte Ausgleich zur Beseitigung ber zwischen ihnen seit vielen Jahren besteheuben kirchlichen Schwierigkeiten von einem großen Theü ber Stadtverordneten nicht gefördert, sondern verhindert worden ist. Auch hat Ihre Majestät nut tiefem Schmerze davon Kenntnis; genommen, daß vor Kurzem in Ew Hochwohl­geboren Abwesenheit in der Stadtverordneten-Versammlung em Lehrer der Königlichen Universität, ohne in gebührender Weise zurückgewiesen zu werden, heilige evangelische und biblische Trost­worte in einer Weise zum Spott benutzte, welche jede Sitte, vor Allem aber das christliche Gefühl auf das Tiefste verletzen mußte. Ihre Majestät hoffen, baß es mit der Zeit den guten und treuen Elementen gelingen werde, neben ber Förderung des äußeren Blühen» und Gedeihens auch an den vielen tiefen, inneren Schaden, an beiten die Reichshaupistabt krankt, die versöhnende und befiernbe Hand mn Erfolg entfliegen. Aus Allerhöchsten Befehl Freiherr v. Ntrbach.