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«• Jahrgang.
Verlag: Langgaffe 27.
16,5®O Adottnenten
Uolitifche Uedersicht.
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(Nachdruck verboten.)
Ans -er Krichshauptstadt.
Ans Stadt und ßand.
Wiesbaden, 1. Oktober.
welche Ihre Majestät die K a i s e ri n
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS PreiS: durch den Verlag 60 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Ml. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
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Friedrich den Offizien ihres Regime»» v. Gersdorff (Hess.) Nr. 80 und deren Damen gestern im Kurhause gab, nahm einen sehr anlmlrten Verlauf, der beste Beweis dafür, daß die gastronomischen Leistungen des Herrn Kurhaus-RestaurateurS Ruthe in jeder Hinsicht befriedigten. Derselbe hatte auch insofern dem Tage Nechnung getragen, als die Charlotte russe den Namenszug des Regiments trug. Im Verlaufe der Tafel brachte Sc. Hoheit Prinz Friedrich Karl von Heffen im Namen der Kaiserin mit kurzen Worten ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus. Weitere Tischreden wurden nicht gehalten. Gegen 3/<3 Uhr hob die Kaiserin die Tafel aus und begab sich am Arme ihres Schwiegersöhne», gefolgt von ihrer Tochter und den Geladenen, in den rothen Saal, wo der Kaffee servirt wurde. Hier sprach die Kaiserin mehrere Damen und Herren an; sie verliest die Gesellschaft kurz
Kerl in, 29. September.
Kein Feirer, keine Kohle kann brennen so heiß, wie die Kohlen : Ion £. mit billigem PreisI So müßte man jetzt da» altbekannte 5 Verslern variier», denn kaum graut der Morgen — für die oberen Zehntausend graut er erst gegen 8 Uhr und später — als auch der «osibote mit niedreren gewichtigen Briefen auf dem Plan erscheint, die nach neuerdings hier wahrzunehmender Gewohnheit den ge- Weimnißvollen und wannenden Vermerk .vertraulich' tragen . Man stürzt sich voll banger Neugier darauf und manch ein unter »en ArathEr Ehegatte verbirgt dnS^Manuskript
Aufregung L......
Zusendung ist wenig - Kr den Winter noch ist im Verzug, denn Berliner Kaufmann
wie es uns auf den erste» Blick bcdünken möchte. Frankreich, das fünf Jahre hindurch unter de» Wirren der Dreyfus-Affaire schwer gelitten hat, verlangt dringend »ach Friede» und dieses Verlangen ist umso stärker, da die Gedanken der Franzosen sich schon jetzt auf das nächste Jahr konzentriren, wo Frankreich alle civilisirten Nationen bei sich zu Gast empfangen will. Das Verlaiigen, bis dahin eine grobe Generalreinigung des Augiasstalles vorziinehnien, ist stärker als der Wunsch, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen und an denen Vergeltung zu üben, welche sie mit Füßen getreten haben.
Die Gerechtigkeit ist zur Zeit in Europa überhaupt nicht auf Rosen gebettet, und aiich anderswo als in Frankreich hat man ihr ke,ne gastliche Stätte bereitet. Der Hochverrathsprozeß zu Belgrad, der mit der Vermtheilung der meisten Angeklagten zu den schwersten Strafen geendet hat, hat ein würdiges Seitenstück ju dem DrchfuS-Prozeß geboten. König Milan, welcher sich als der eigentliche Regent in Serbien fühlt, hat es mit teuflischer Raffinirthcit verstanden, das wider ihn verübte Attentat zu einem Racheseldziig gegen die Hänpter der radikale» Partei z» benutzen, der mit einem gläiizenden Siege Milans geendet Hai. Aber vielleicht wird auch Fürst Milan bei sich denken: Noch ein solcher Sieg und ich bin verloren! Wen» auch die Gegner Milans zur Zeit am Boden liegen, so hat sich doch gegen ihn in Serbien eine solche Unsumme von Erbitterung und Haß angesammelt, daß Milan vielleicht wenig Grund haben dürfte, seines Lebens froh zu werden. Die Erbitterunq in Serbien richtet sich nur gegen Milan, nicht gegen König Alexander, der sich großer Beliebtheit erfreut. Vielleicht läßt Milan mit sich reden miß willigt ein, gegen eint «räßere Abfindungssumme aufs Neue das Land zu verlassen. In diesem Falle aber geben wir den Serben schon jetzt einen wohlgemeinten Rath: Man gebe Milan nicht eine einmalige Summe, sondern eine jährliche Rente, welche verfällt, sobald der Rentenempfänger den serbischen Bode» betrittI Den Serben ist niemals ivohler gewesen, als wenn Fürst Milan die Nolle des „Uitlaubers" gespielt hat.
Den Uitlanders in Transvaal ist der Boden heiß geworden und sie wandern in Schaaren nach Natal und derKapkolonit aus, um dort das „Glück der Entfernung" zu genießen. In England hatte man darauf gerechnet, daß die Landsleute in Transvaal im entscheidenden Moment losputschen werden, aber in dem Maße, wie die Entschlossenheit der Buren steigt, scheint der kühne Thatendraug der Uitlanders englischer Nationalität nachzulassen. Auch sonst haben die konfliktslüsternen Engländer in letzter Zeit schwere Enttäuschungen erlebt. Der Oranje-Freistaat hat sich mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünsche» übrig läßt, auf und an die Seite der Transvaal-Republik gestellt. Aber auch die Buren imKapland »nd Natal scheine» sich mit ihren Sympathieen in wachsendem Maste auf die Seite der Transvaal-Buren zu schlagen, sodaß man in England bereit« das Gespenst einer allgemeinen Verschwörung der Buren Südafrikas an die Wand malt Aber alle Bedenken schweigen jetzt in England, nachdem der nationale Furor einmal, geschürt durch eine skrupellose Hetzpresse, erwacht ist und die gewaltigen Rüstungen ans beide» Seiten zeigen, daß man sich sowohl in England wie ans Seiten der Buren mit dem Gedanke» eines blutigen Auftrags des Streites vertraut gemacht hat. __________________
Wahrend in Oesterreich die Versöhnungspolitik, welche tut tu mehr bort auf die Tagesordnung gesetzt worden ist, vorerst noch als Programmmusik erklingt, hat sie in Frankreich bereits un- derkennbare Erfolge erzielt. Es ist überrafebenb unb charakteristisch für die Wandelbarkeit des gallischen Volksgemüth», mit welcher Schnelligkeit die Abrüstung der Dreyfus-Affaire, die soeben noch tn Frankreich den Krieg Aller gegen Alle entfesselt hatte, vor sich gegangen ist. Und doch ist diese Erscheinung nicht so wunderbar.
Mit dem Herannahen der parlamentarischen Arbeit beginnt es, auf dem Gebiet der inneren Politik unruhiger zu werden. Freilich still ist es auf diesem Gebiet, seit der Kamps um die Kanal-Vorlage in Preußen zu einer ernsthaften Krisis geführt hat, genau genommen überhaupt nicht geworden, denn so weit zeitweise eine gewisse Windstille eintrat, glich sie mehr der Stille vor dem Sturm. Auch jetzt scheint es, als ob ein solcher Sturm sich vorbereitet. Innerhalb des preußischen Staatsministeriums herrschen in Bezug auf die Behanblnng der Kanal-Vorlage ernsthafte und tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, welche dadurch nicht an» der Welf zu schaffen sind, daß sie offiziös bementirt werben. Es ist auch ein offenes Geheim»iß, daß biefe Meinungsverschiedenheiten, für die man in Deutschland von offiziöser Seite den Ausdruck Mißhelligkeiien ersnndeu hat, sich auf einen scharfen Gegensatz zwischen dem Reichskanzler unb Mimsterprasibenten Fürsten Hohenlohe unb dem Finanz- minister v. Miquel zugespitzt habe». Der letztere gilt als
wie lene, die nicht alle werden und die zu spät zu der Erkenntniß kommen: Wer nicht liebt Wein, Weid unb Spiel, der spart fein Gelb unb braucht nicht viel!
Von Spicleraffairen auf ben weltbedeutenden unb oft genug toeltunbebeutenbeu Brettern ist diesmal wenig zu berichten, denn daß in Berlin ein neue» Theaterunternehmen in die Welt gesetzt wird, kann unmöglich noch al» sensationelle Neuigkeit ausgegeben werden, da dergleichen hier zur Tagesordnung gehört. Das.Äller- neueste" auf diesem Gebiet betitelt sich „Deutsche Volksbühne' und will somit, wie schon bet Name besagt, ine Kunst dem Volke vermitteln. Diese Vermittlung soll jedoch keine ständige sein, sondern c» fall Denen, deren Geldbeutel für die theuren Preise der Berliner Theater nicht reicht, von Zeit zu Zeit eine gute Kost geboten werden. Dar neue Unternehmen, das sein Heim in dem äußersten Osten der Stabt im Herzen beS Arbeiterviertels, gelegenen Ostend-Karl-WeiS-Theater aitsgeschlagen bat, ist gestern unter glücklichen Auspicien eröffnet worben. Abgesehen von der deutschen Volksbühne, sind die Novitäten auf dem Gebiet der Kunst zur Zeit erotischer Natur. Im Lessing-Theater erntet die Düse, die Meisterin der Tragödie, reichlich bemessene Lorbeeren, im Theater des Westens bewährt die Prevosti ihren Ruf als „italienische Nachtigall', unb bamit wir uns ganz international fühlen, wird demnächst im Belleaüiance- Theater ein französische» Theater sein Domicil nehmen.
. Die Franzosen habe» übrigens schon jetzt ihren Einzug in die Reichshauptstadt gehalten, freilich nicht in Form des 1870 geplanten Triumphzuges, sondern in Form einer friedlichen Gemälde- AliSstellung, welche im Akadeiiiie-GebSude Unter den Linden wr Heim aufgeschlagen hat. Vielleicht glauben die Franzosen, auf dem Weg der Kunst eine Entente zwischen ben beiben feindlichen Machten einleiten zu können, denn — Kunst bringt Gunst! Die Kunst scheint zur Zeit bei ben Berlinern in bet Thal in Gunst Zu stehe», beim kaum haben bie Große Kunstausstellung unb die Ausstellung ber Secessionisten ihre Pforten ziml Winterschlaf geschloffen, als auch schon bie kleinen intimen Ausstellungen in ben sogenannten Kunstsalons wie Pilze aus dem Boden emporschießen. Wollte man lediglich nach der Anzahl und dem Besuch dieser Kunstsalon» schließen, so müßte man das Berliner Publikum für das kunstverständigste der Erde halten, obwohl es doch bisher in einem solchen Ruf nicht gestanden
nach 3 Uhr. Unmittelbar vor bet Abfahrt wurde Herr» Ruthe »och die hohe Auszeichmmg zn Theil, zu Ihrer Majestät befohlen z» werben, um bereit persönliche Anerkennung für seine Leistnnge» entgegen z» nehmen. Die Kaiserin sagte, es fei Alle» vorzüglich gewesen unb lobte insbesondere auch bie schnelle Be- bienimg. Der Hofmatschall Ihrer Majestät, Freiherr v. Reischach, gab auch noch bem Herrn.Ruthe gegenüber seiner vollen Zufriedenheit mit dessen Arrangement«, insbesondere auch dem schönen Schmuck der Tafel, Ausdruck. Vom Kurhaus ans sicht Ihre Majestät bie Kaiserin unb bie priuzlichen Herrschaften nebst Gefolge, einer Einladung Ihrer Kais. Hoheit der Großfürstin Konstantin von Rußland zum Thee folgend, in da« „Park-Hotel". Von da aus fuhren bie hohen Herrschaften um 4 Uhr in das Kasino, um einige Zeit ber Nachmittagssitzung des „Verbanb der beutschen Kraiikenanstalten bet Vereine vom Rothen Kreuz" beizuwohnen. Um 5 Uhr erfolgte die Abreise nach Cronberg. Die Kurverwaltung hat dem Tage noch dadurch Rechnung getragen , baß sie das Nachmittag« - Konzert im Hurgarten von der Kapelle des Regiments v. Gersdorff ausführen ließ. Es sei »och erwähnt, daß zn der Frühstückstafel nur Einladungen an die Offiziere unb beten Damen ergangen waren unb biesclbe beshalb ganz ben Charakter eine» Familienfestes trug, das die Kaiserin ihrem Regiment zu Ehren vetanstaltete. Bei der An- und Abfahrt der Kaiserin hatte sich ein zahlreiches Publikum vor dem Kurhause versannnelt, welche» bie hohe Frau lebhaft begrüßte — Dem Herrn Kurdirektor v. Ebmeyet war Seitens des Hof- marschallamts ber Kaiserin Friedrich folgendes Telegramm zn- gegangen: ,,^hre Mas. bie Kaiserin Friedrich wirb sich sehr freuen, Ew. Hochwohlgeboren heute Samstag Mittag bei Ihrer Ankunft am lknrhaus zu begrüßen."
hat. Aber solch ein Kunstsalon ist eben noch zn vielen anderen Dingen gut, von denen sich die Schulweisheit des Nichts—al»— Kunstjüngers Nicht» träumen läßt. Kunst bringt Gunst J Siebt e» einen geeigneteren Ort auf dem Erdenrund für „Ihn", um Sie' kennen zu lernen, als einen solchen Knnstsalou? Die prächtig behagliche Einrichtung de» Kunstsalon» setzt jegliche» Geniüth in aiigenehm - wohlige Stimmung, unb bie behagliche Wärme, die den Raum erfüllt, theilt sich gar leicht dem Herzen mit, besonder» wenn es znm Entflammen disponirt ist In der That haben es gar viele der eleganten .Knnstenthnstasten' di-zu den s andigen Gasten der Salons gehören, weniger auf bie hublchen Bilber, als auf die „Bildhübschen" abgesehen. Hier ist das Dorado ber Rendezvous, hier finden sich gleichgestimmte Seelen, denn giebt es ein besseres Mittel, eine Bekanntschaft anzukniipfen' als cm Gespräch, das mit ber Kunst beginnt unb mit ber Liebe enbtgt? Hier werben Bekanntschaften geschloffen, bie zuweilen Stunden, zuweilen Wochen unb Monate, nicht selten aber auch für bie Lebenszeit bauern, beim Kunst bringt Gunst. Unb da zweifeln banausische Gemuther noch an den segensreichen Wirkungen bet Kunstausstellungen!
Eine anbcr'c Ausstellung, bie im Zeichen beS Verkehr» unb de» Fortschritts stand, hat jetzt ihre Pforten geschloffen, bie Automobil-Ausstellung. Die rapiden Wirkungen dieser Ausstellung lehrt ein Gang durch bie Straßen Berlins. Da« Pusten Raffeln unb Tuten auf ben Straßen unb der tödtliche schreck, ben wir fürs Erste noch jedesmal empfinden, wenn un» das schnaufende Ungeheuer vor der Nase vorbeisaust, klärt un» über die Thatsache auf, daß das Automobil in Berlin populär ne= worben ift Sreili« unsere Nerve» die sich ja schon anmaX gewohnt haben, muffen sich auch noch mit diesem straßenpaflaitten abfinden, deffen Schnelligkeit uns fürs Erste noch entsetzt und bet «ruf die Bösartigkeit seines Charakters beutenden Ur- Plötzlichkeit allemal bann als deus ex „machina“ vor un» auft Manchen Pflegt, Wenn wir ihn am wenigste» erwarten. Dai Automobil hat sich das Bürgerrecht in Berlin erkämpft, unb Wer seine Hühneraugen unb sein Leben lieb hat, ber hat von «un au in ben .Straßen Berlin» seine ängstliche Vorsicht N —««’V die gewaltige Aiitomobilmachung ein starkes
Geschlecht von Straßenpaffanten vorfinbet l
0r. Paul Bertholb.
lauen ^mnonei geratener Ehegatte verbirgt da» Manuskript eilia vor ben Augen der Mißtrauischen Gattin. Aber Neugier unb Rufregung waren überflüssig und die Lektüre der geheimnißvollen Zusendung ist wenig anregend: „Wer seinen Bedarf an Kohlen für, ben Winter noch nicht gedeckt hat, besorge die» schnell; Gefahr ist im Verzug, beim jetzt bekommt er sie 5 pCt. billiger!' Ja, ber ; Berliner Kaufmann ist industriell unb findig. Wer könnte auch Mnem solchen verlockenden Angebot widerstehen, aber die Wahl ist Ick)wer, denn täglich erhalten wir drei bis vier solcher freundlicher Angebote. Jeder macht es gleich dringend und Jeder behauptet, vag seine Kohlen am weißeften brennen und am wenigsten Asche hinterlassen.
. 3a, die Asche spielt im Leben eine große Rolle, nicht nur bie
ber Kohlen, eo erregt zur Zeit ein Verfahren sensationelles Auf- l«)en, da» gegen bie geschiedene Gattin de» au» dem Hannoverschen Spielerprozeß Wenig rühmlich bekannten „ollen ehrlichen Seemann' Mngeleitet Worben ist, weil die Gäste, die bei ber Dame verkehrten, juviel „Asche" hinterlassen haben sollen, zu deutsch, weil dort ein »reines Monaco ctablirt worden sei. An Spicleraffairen haben dir somit zur Zeit in Berlin keinen Mangel. Der große Spieler- Prozeß Wirb bemnächst zur öffentlichen Verhandlung kommen, die Mvahnt« kleine Spieleraffaire befindet sich im Stadium der Vorbereitung und daneben laufen andere Affatren kleineren Genres, so» denen hier gar kein Aufheben» gemacht wird und die lediglich damit endigen, daß dem einen ober anberen Wirth bie Konzession MMen oder auch nur schärfer auf bie Finger gepaßt wird. Die Ollen ehrlichen Seemann» sterben nun einmal ebenso wenig aus,
Ministerpräsidenten Fürsten Hohenlohe und dem Finanz- minister v, Miquel zugespitzt habe». Der letztere gilt als ber Verfechter der sanften, ber erstere al» ber Verfechter ber schärferen Tonart, unb an dieser Rollenvertheiliing kann dadurch nichts geändert werden, daß neuerdings einzelne konservative Organe die entgegengesetzte Theorie verkünden. Auch dem von berfelbcn Seite in Scene gesetzten Sturmlauf gegen Herrn v. Miquel tommt Vielleicht nur ber Werth einer „Episode" zu, denn bisher hat Herr V. Miquel unwandelbar in ber Gunst ber Rechten gestanden. Das «ine aber geht au« dem Tohuwabohu ber Meldungen, Gerüchte unb Auslassungen über den Konflikt innerhalb ber Regierung jedenfalls unzweifelhaft hervor, baß bie einst so felsenfeste Position des Herrn v. Miquel eine schwere und vielleicht folgenschwere Erschütterung erfahren hat.
Zu dem lang erwarteten offenen Ausbruch ist endlich die chronische und schleichende Krisis m Oesterreich gekommen, die, aenau genommen, mit dem Augenblick eingesetzt hat, wo ein nn- Geschick ben Grafen Thun mit ber Leitung der österreichischen Politik betraut hat. Graf Thun, der allzu spät da» Amt, dem er tn feiner Weise gewachsen war, in bie Hände des »a'ser» zuriickgelegt hat, war ein Mann ohne jede» selbständige vmittsche Veritändniß und ohne jede Energie. Willenlos ließ er Jtoj von den Dingen treiben, unbesorgt darüber, wohin er getrieben vrurbe. So vertraute er sich hoffnungssreiidig derselben denisch- feindlichen Mehrheit an, bie Ihm seine Vorgänger al» verhängnißvolles Erbtdeil hmterlaffen hatten. Ohne im Grund des Herzen« deutsch- kemblich zu fein, trieb er doch eine maßlos deutschfeindliche Politik nab glaubte sich auf bie Todfeinde der österreichisch- ungarischen Monarchie auf die Tschechen, stützen zu können, weil sein politischer Instinkt nicht Weiter al» bis zur Anpassung an die bestehenden Verhältnisse reichte, mochte» diese noch so verkehrt sein. Graf Thun fiel und er mußte fallen, weit " gleich seinen Vorgängern in demWahn lebte, daß e» in Oesterreich möglich fei, ohne und gegen die Deutschen, diese treuesten und sichersten Stutzen de» Staate», regieren zu können. Wir sind weit Mtfernt von dem Optimismus, zu glauben, daß nun in Oesterreich bie schwere Zeit für die Deutschen vorbei sein wirb unb daß diese v^.rjmK'we Stellung, die ihnen auf Grund ihrer Vergangenheit "nd ihrer Leistungen ziikommt, erobern werden. Aber daß der Nachfolger des Grafen Thun das Experiment, über die Deutschen, ofe in ihrer Einigkeit ihre Stärke gefunden haben, zur Tagesordnung überzugehen, nicht wiederholen Wirb, daran wird man kaum zweifeln können. Und jedenfalls bleibt den Deutschen der eine, freilich elende Trost, daß e» schlimmer, al» es gewesen ist, ■: nicht mehr werden kann.
— Großstrrzog von Kurrmburg. Aus Wien wirb tele» graphirt: Die „Pol. Korrespondenz" meldet, daß der Großherzog von Luxemburg erkrankt und dessen Familie an bas Krankenlager berufen worben ist.
~ Königliche Schauspiele. Die heute Sonntag zur Aufführung tommenbe Oper „Mignon" beginnt 67, Uhr. In derselben hat Herr Philipp von ber König!. Hofoper in Berlin als Gast die Atolle bes Wilhelm Meister übernommen.
- fiurprofpekt. Mit bem heutigen Tage hat die Kitr- Verwaltung ihren Kurprospekt in völlig neuer Bearbeitung erscheinen lassen. Der Inhalt desselben ist wesentlich erweitert und so übersichtlich gruppirt, daß sich Jeder schnell und gründlich über Dasjenige, was ihm über unsere Kur- unb OrtS- verhaltnisse zu wissen erwünscht ist, infonniren kann. Die Ausstattung ist sehr geschmackvoll, bie Schrift, auf feinstem Velin- Papier, fallt angenehm in die Augen. Der beigegebene Stabtolan, sowie viele neue Ansichten iinfercs Kn orte» bilden eine recht zweckentsprechende Vervollstäiidigimg des in Rede stehenden Buches, welche« auf feinem Titelblatt als offizieller Prospekt ber Kurverwaltung gekennzeichnet ist.
— Ginsendunaen aus dem Lesersireise. Unter biefer neuen Rubrik erscheinen von heute an .Vereins-Nachrichten', „Stimmen aus dem Publikum" unb.Kunstberichte' (letztere, soweit bie Nebaktion dafür nicht verantivortlich ist), unb zwar in einer der Beilagen der Morgeu-AuSgaben de» .Wiesbadener Tagblatt'.
® Alte Bauernregel vom Oktober. Trägt der Hase lang fern Sommerkleid, so ist ber Winter auch noch weit. — Fällt der erste Schnee in'n Dreck, bleibt ber Winter auch ein Geck. - Auf ben Tag St. Gallus bie Weidekuh in ben Stall muß und der Apfel in ben Korb muß. — Wen» Simon unb Judas vorbei, rückt der Winter herbei. — Halte» bie Krähen Konvivium, so sieh nach Feuerholz Dich um. - Ist recht rauh bet Hase, frierst bald Du m die Nase. Wenn im.Moor viel Irrlicht stehn, bleibt da» Wetter lange schon. — Ist un Oktober das Wetter hell, bringt e» ber ben Winter schnell. — Ist im Winter Frost unb feinb wirb Januar unb Hornung gelind. - Oktober unb März gleichen sich aUerwartS. — Nordlichtschein bringt Kälte ein. — Sitzt das Laub an ben Baumen fest, sich strenger Winter erwarten läßt. — Wandert die Feldman« »ach dem Haus, bleibt der Frost nicht lange au». — Von Luca bi» St. SimonStage zerstört der Raupennester Plage.
Ameiaen-Animlttiie ^»"r^e«d-AnSgabe bi» 11 Uhr Vormittag», für die Morgen-Ausgabe bi» 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später -ingereichter Anzeigen zur nachsterscheilienden Ausgabe wirb keine Gewülir übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. u ' 8 u 8
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1899.
