47. Jahrgang. No. 442.
Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgafse 27,
Seite 2. 21. September 1899,
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tausend Bauernfamilien auf urbar gemachtem Moorland ihr gutes Auskommen finden —, welche günstige sociale Wirkung ließe sich dort erzielen, welcherTewinn für unsere Nationalkraft! Das ist eine Aufgabe, würdig eines großen Staatsmannes. Vielleicht wird einst dieZeit kommen, in der man kriegerische Lorbeeren gering achtet; aber dankbar werde» die Deutschen immer Dessen gedenken, der in friedlicher Arbeit dem Vaterland ein neues fruchtbares Königreich eroberte, c.
i hat sich oor Kurzem . ______Gründung 200 Mit-
iuch, der plattdeutschen Poesie
* »4« ainaudi“. Sin inhaltlich ebenso interessantes und schönes, als künstlerisch vornehm ausgestattetes, eigenartiges Unternehmen hat unter dem Generaltitel: „Ars amandi“ in dem hervorragenden Buch- und Kunstverlag von Fischer und Franke, Berlin, Luttpoldsttaße 10, zu erscheinen begonnen. Zeh» Bücher der Liebe
Deutsches Kelch.
L. Etwas zum Schreien.
Slit entrüstetem Erstaunen wird man davon erfahren, daß der Landrath v. Pntlkamer in Swincmünde eine Verordnung von 1805 (!) auLgegraben hat, wonach sämmtliches Fuhrwerk die Spurweite von 4 Fuß 4 Zoll preußisch haben muß. Jeder Wagenbesitzer, dessen Fuhrwerk eine andere Spurweite hat, bekommt jetzt ein Strafmandat ins Hans geschickt, und die Zahl dieser Mandate ist selbstverständlich groß, da sich seit Jahrzehnten kein Mensch mehr nm jene alte Verordnung gekümmert hat und sich auch nicht nm sie zu kümmern brauchte, denn die Bestimmung wär mit Rücksicht darauf ergangen, daß es damals fast nur Sandwege gab, bei denen es von Wichtigkeit war, nur eine einzige feste Wagenspur zu erhalten. Heute aber gicbt es überall Chausseen. Es ist schwer, über die Ausgrabung des Landraths v. Pultkamer in angemessener Weise zu sprechen. Als der berühmte russische Publizist Alexander- Herzen einmal von seinen Freunden in der Heimath dazu beglückwünscht wurde, daß er fern von dem Druck im Czarenreiche an der Themse leben könne, antwortete er, seine Freunde mögen nicht glauben, daß im Auslande Alles aufs Beste bestellt sei, aber einen Vorzug habe Westeuropa vor Rußland, nämlich daß sich die gequälte Brust durch Schreien entladen könne. An dieses Wort wird man erinnert, wenn man jetzt die Seltsamkeit von Swinemünde vernimmt. Man sehe sich einmal an, wie und was über diese denn doch beispiellose Sache in der Oeffentlichkeit gesagt und geschrieben wird, und mau vergleiche diese Zahmheit, diese allerdings nothgedrungene Zahmheit, mit den wirklichen Empfindungen, die jeder normal bcanlagte, auf Recht und Gesetz haltende Staatsbürger bei der schier unglaublichen Kunde in.sich erwachen fühlt. Das Ding beim rechten Namen zu nennen, geht eben nicht an; sonst könnten die Folgen danach sein. Es ist selbstverständlich, daß einige bet mit Strafmandat bedachten Swinemündcr Fuhrwerks- befitzer gerichtliche Entscheidung beantragen werden. Andere werden die Strafe, wenn auch mit Ingrimm, schon bezahlt haben. Wie das Gericht entscheiden wird, das vorherzusagen, wagen wir nicht, aber die Angelegenheit ist jedenfalls wichtiger, als es der sonderbare Anlaß selbst erscheinen läßt. Aufgehoben ist die Verordnung von 1805 wohl nicht, und somit könnte es schon sein, daß das Gericht die Rechts- beständigkcit der Strafmandate ausspricht, Arn Ende wird gar noch die Gesetzgebung in Bewegung gebracht werden müssen, um die groteske Verwirrung wieder in Ordnung zu bringen. (Daß es der Puttkamer noch mehr im Reiche giebt, welche vorsündfluthliche, für die Gegenwart einfach unhaltbare Verordnungen in Anwendung bringen möchten, wundert uns nicht. Aber wiffen möchten wir doch, ob ein solches Beginnen von den Oberbehörden ruhig geduldet wird, ober ob man sich gemüßigt, findet, den regierenden Kreisobern klar zu machen, daß sie durch ein Vorgehen gedachter Art das büreaukratische Regierungssystem noch mehr in Mißkredit bringen, als es schon ist. D. 31.)
es wäre für ihn völlig ausgeschlossen, in einem Jahr wieder zurück zu sein. Zwei Jahre wurde feine Abwesenheit mindestens dauern und während dieser Periode fei natürlich ein Verkehr mit der Außenwelt ein UnMng. Andröe habe hinzugefugt: „Wenn ich drei Jahre fort bin, so gebt mich noch nicht auf, aber nach Ablauf von drei Jahren dürfte es um ein Wiedersehen schlimm bestellt fein.“ Kapitän Zachan meinte, Andree habe alle Faktoren zu genau erwogen, um einen Mißgriff zu thun oder einer Tollkühnheit fähig zu fein. Ei werde sicher znrückkehren. Der Aufstieg erfolgte am 11. Juli 1897, also fehlt noch saft ein Jahr.
-t. Koston, 9. September. Kapitän Zachan, der mit dem Dampfer „August“ hier angekommen ist und seiner Zeit die „Virgo" führte, auf der sich Andröe befand, als er feinen ersten Versuch machte, den Nordpol mittels Ballons zu erreichen, wurde über die Möglichkeiten einer Rettung des Forschers interviewt. Er drückte, entgegen fast allen Annahmen, die feste Zuverficht aus, daß der kühne Mann doch noch von sich hören lassen werde. Auf die sehr verwunderte Frage des Interviewers, tote er zu dieser fast alleinstehenden Ansicht käme, entgegnete er, daß Andree ihm gesagt habe.
hatte mau aber erst den Kampf mit der Rnppschcn Bewegung überwunden, „beut haben wir mehr als der „Bonifacins-Verem", nicht wie er 24, sondern 35 Millionen im Ganzen schon verwendet“.
glühenden Farben schildern. Und darum ist allen vornehm empfindenden und für die Schönheit empfänglichen Männer von Welt die Sammlung „Ara amandi“ gewidmet. In ihrer Bücherei wird sie den Lieblingsplatz einnehmen. Ihrem Inhalte und ihrer ganzen Anlage entsprechend, ist die Satmnlung auch äußerlich luxuriös ausgestattet. Auf Büttenpapier gedruckt, geschmückt mit Vignetten und Zierleisten nach Entwürfen hervorragender Künstler, mit Einbänden von höchstem Geschmack versehen — so soll jeder einzelne Band den Bibliophilen entzückern" Das muß er, nach den beiden ersten, uns vorliegenden Bänden zu schließen, allerdings thun. Der erste Band enthält ausgewählte Dichtungen von Goethe, Byron, Heine und Lenau, begleitet von höchst reizvollen Zeichnungen Franz Stassens. Der zweite Band bringt den berühmten Roman aus dem galanten Jahrhundert der Franzosen: „Liaisons dangcreuses“ des Grafen Choderlos de Laclos, von Staffen und Mützel illnstrirt. Der Subskriptionspreis für diese mit rafffnirkem Geschmack ansgeftatteten Bände, 5 Mk ist äußerst niedrig.
* Uns grüßt« gdjiff der Wett. In einigen Tagen wird ein neuer Dampfer der White-Star-Line, „Oceanie", zur Zeit da» größte Schiff der Wett, feilte erste Reise nach Amerika antreten, der man mit Spannung entgegensieht. Das Schiff hat 18,000 Registertonnen, also etwa 3500 mehr als der Dampfer ^Kaiser Wilhelm der Große", den es auch an Länge um fast 20 Meter übertrifft. Es ist auf der Werft von Harland und Wolff gebaut, und in England wünscht man begreiflicher Weise, daß der „Oceanie“, der nun der größte Dampfer der Welt ist, sich auch als der schnellste erweisen und den Rekord des „Kaiser Wilhelm" brechen möge. Wenn es sich aber bewahrheiten sollte, daß die Bestellung nur auf eine Geschwindigkeit von 21 Knoten erfolgt ist, so ist es sehr uns wahrscheinlich, daß et den „Kaiser Wilhelm", der eine Geschwindigkeit von 22'/- Knoten hat, schlagen wird.
* verschiedene Dlitthrmnisen. Das erste Denkmal für Johannes Brahms in Deutschland wird am 7. Oktober in Meiningen enthüllt. Es ist em Werk des Bildhauers Hildebrand in Dresden.
Ein plattdeutscher Gesangverein in Kiel gebildet; er zählte gleich bei bet < glteber. Es ist dies bet erste _ . „ . auch in ber Mnflkpflege breiteren Boden zu verschaffen.
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* Kos- und Perfonal-Uachrichteu. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist gestern nach Berlin zurückgekchrt.
* Kerlin, 20. September. In den nächsten Tagen begiebt sich eine Kommission, bestehend ans Beamten mehrerer Ministerien, nach Danzig mid Königsberg, um darüber zu verhandeln, ob und welche Maßregeln gegen die Einschleppung der Pest für unsere Seehäfen schon jetzt zu treffen sind.
w. Dir hohe Auszeichnung, die der deutsche Kaiser dem japanischen Marschall Grafen Arimoto Uamagata durch Verleihung des Großkreuzes des Rothen Adlerctdens hat zu Theil werden lassen, rückt die Gestalt dieses bedeutenden Heerführers, den man nicht mit Unrecht den „japanischen Moltke" nennt, in den Vordergrund des JntetefleS. Schon als zehnjähriger Knabe gab er fein strategisches Talent und feine Unerschrockenheit zu erkennen, als er den späteren Oberbefehlshaber der japanischen Armee im Bürgerkrieg des Jahres 1867, Saig. Takamoti, vor einem gefährlichen Sturz vom Pferde rettete. Damals rief dieser be-
will es uns bringen, ansgewählt aus den hervorragendsten Littera- turen von Richard Rordhcmseu, der sich über feine Absichten u. A. wie folgt ausläßt: „Von de» Dichtern aller Zeiten ist sie in immer neuen, immer klangvolleren Weisen gefeiert worden, die herrliche Leidenschaft, die mit magischer Gewalt Mann und Weib zu einander zieht und im letzten Grunde alle Kultur und Entwicklung ber Menschheit bestimmt — die Liebe. Immer war sie der Poeten vornehmster Stoff, ihr verdanken sie ihre hinreißendstzn Wirkungen. Aber indem sie sich beschenken ließen, schenkten sie ihrersctts mit vollen Händen. Unendlichen Glanz gossen sie über die Liebe ans, adelten die Sinnlichkeit, verknüpften damit die Vorstellung unsagbar köstlicher, seelischer Freuden. Wohl bett Dichtern allein schuldet die Knlturmenschheit Dank dafür, daß das Liebesbegehren sich verfeinerte, daß der Genuß durchgeistigt und deshalb unvergleich- lich emporgehoben ward. Ans der Stellung des Dichters znm Weibe läßt sich des Weiteren zwanglos auf den Geist der Zeit schließen, dem er entsprossen tst. So bietet denn eine Bibliothek, die alle berühmten, dichterischen Kunstwerke der Liebes- litteratur in sich bereinigt, nicht nur einen prangenden Blumenstrauß unmittelbarster, berauschender Poesie; sie entrollt auch, darüber hinniisgreifeiid, ein machtvolles und fesselndes Bild unserer Kultnr- aeschkchte. Leider sind gerade diese Kronjuwelen der Weltlitteratnr so gut wie unbekannt. Dem modernett Menschen fehlt die Muße, sie aus dem unendlichen Wttst der Jahrhunderte aufzustöbern, und selbst unsere Gebildeten wissen häufig kaum mehr von der stolzen Poetendynastie, die von AristophaneS bis zu Goethe hinaufreicht, als sie auf der Schule gelesen haben. So verkümmern Bücher, unerreichte Meisterwerke, fast unerfannt im Dunkeln. Die Sammlung „Ars amandi. Zehn Bücher der Liebe", soll dem abhelfen. Nur wirUiche Prinzen ans Genieland fanunen in ihr zu Wort — soweit sie nicht deutschen Ursprungs sind, in meisterhaften Uebersetznngen. Nur Schöpfungen, vor deren hohem Kunsttverth längst jede Kritik verstttmmt ist, füllen die erauisite Bibliothek „Ara amandi". Wir waren nicht prüde genug, ein Dichterwerkdeshalb anSznfchließen, well fein Verfasser es für Männer, keineswegs aber für die „reifere Jugend" geschrieben hat. So schmutzig und kunstfeindlich die Zote ist, so reizvoll und tut höchsten Sinne kunstschön sind die luftigen Phantafieen der Poeten, der Mrenden Geister, die unser Göttlichstes und Menschlichstes zugleich, die Liebe, unverhüllt in
wundernd aus: „Du wirst einst die Sonne und der Ruhm Japans werden!' Niemals hat sich eine Prophezeiung sicherer erfüllt. Namagata wurde der Nationalheld der Japaner. Er besaß keinen Lehrmeister in der Kriegskunst; Strategie und Heeresorganisatton lernte er aus Büchern. 1860 trat er in den Dienst des Beherrschers der Provinz Chiochiou, und seine erste Reise nach Europa machte er 1889. In der Zwischenzeit hatte er eine japanische Kavallerie geschaffen, ohne jemals eine einzige Schwadron modernen Stiles gesehen zn haben, und als er zum ersten Male auf europäischem Boden einem Jnfanteriemanöver beiwohnte, war durch ihn in seinem Vaterlande schon ein respektables Fußheer organifirt. Seine Europareise bezweckte auch nicht in erster Linie das Studium militärischer Einrichtungen, sondern Namagata sollte in allen Kulturländern nach einer passenden Verfassung für sein Vaterland suchen. So ist die Konstitution von 1890 im ureigensten Sinne sein Werk, wenn auch die parlamemarischeu Institutionen sich nur langsam im Reiche der ausgehenden Sonue einbürgerten. Der Marschall ähnelt Moltke mich im Aeußern. Er ist von hoher Gestalt und gleich seinem großen Vorbilde schweigsam, aber stets von ausgesuchtester Höflichkeit. Die Armee sieht tu ihm ihren Abgott. Das zeigte sich am deutlichsten im Kriege gegen China, wo er seine Soldaten von Sieg zu Sieg führte. Wenige Feldherren haben eine ähnliche Hingebung für ihre Truppen bewiesen, wie der große Organisator des ;apaiuschen Heeres. Als er im letzten Feldzug krank wurde, ließ ihm der Arzt eine Flasche Wein bringen, doch Bamagala lehnte ab mit den Worten: „Ich will nicht im tlebcrfhiB schwelgen, wo meine armen Soldaten nichts zu essen haben!"
* Der deutsche Melndan-Kongretz in Würzburg. Die vorgestrige und letzte Sitzung begann mit einer höchst lebhaften allgemeinen Besprechung über die" Rebschädlinge, namentlich das Oidium. Es bethciligten sich daran Redner aus allen deutschen Weinbangebieten, die thre sehr beachteuswerthen Erfahrungen kund- gaben. Von Interesse ist, daß die auf dem letzten Weiuban- Kongreß empfohlene gleichzeitige Bespritzung mit Kupferkalk und Schwefel sich als unpraktisch ertoieS, daß vielmehr beide SDiittd getrennt verwendet werden müssen, der Kupferkalk in nassem, der Schwefel in trockenem Zustand. Nach diesen Erörterungen folgte der Vortrag des Handelskammer-Sekretärs Dr. B. Kittel über das Thema: „Welche Stellung sollen Weinbau und Weinhandel gegenüber der SBeiubeftcucrung entnehmen?" Redner nahm scharfe Stellung gegen jeden Versuch, den deutschen Wein einer fiskalischen Belastung zu unterziehen. Speziell von Interesse waren feine Ausführungen über die hessische Wcinsteuer und über die neue Kunstweinsteuer int bayrischen Gewerbesteuergesetz. Den letzten Vortag, über einige Ursachen des Trübwerdens der Weine, hielt Dr. Meißner von Geisenheim. Zu der Kostprobe int Gartensaale des Königlichen Schlosses hatten sich etwa 600 Kongreßtheilnehmer eingefunben, die an langen Tafeln in beiden Sälen Platz nahmen. Etwa 40 Küferkmrschen in neuen Kostümen, wie sie um die 30er Jahre üblich waren, bebienteii die Gäste mit einer solchen Gewandtheit, daß alle 174 Sorten in der kurzen Zeit von 4'/- Stunden durch- gekostet werden konnten. Die während der Weinprobe ausgegebene Präsenzliste weist eine Zahl von 573 Tl-eilnehmern auf.
f. Impfgegner-Kongreff. Der seit einigen Jahren eifrig um Abschaffung des Jmpfzwanzs bemühte „Deutsche Bund der Jmpfgegner" hat das Zustandekommen eines „Weltkongresses der Jmpfgegner" ermöglicht, der am 23., 24. und25.d.M. zu Berlin, Wilhelmslraße 92/93 (im Architektenhause), stattfinden soll. Am nächsten Samstag, den 23. d., soll Abends um 7 Uhr die Begrüßung der Gäste geschehen; am Sonntag, den 24., Mittags von 12 bis 5 Uhr, die" Berathung und nach deren Schluß geselliges Beisammensein erfolgen. Hieraus am Montag, den 25. d.. Mittags von 12 bis 5 Uhr, Fortsetzung der Verhandlungen und am Abend von V-9 Uhr ab eine große öffentliche Volksversammlung. Der Arbeitsausschuß des erwähnten Nutschen Jutpfgegner-Bnudes versendet zur Zeit die Theilnehtnerkarten. Eine rege Betheiligung an diesem Kongreß ist sehr zu wünschen, da er zur sachkundigen Erörterung der Frage der Impfung mit Pockeneiter aufs Neue eine dienliche Gelegenheit giebt.
* fliegenden Gerichtsstand der Press» wird folgender Fall berichtet: Der Rektor der Kgl. Realschule in Gunzenhausen hatte beim Amtsgericht Gunzenhausen Privatbeleidigungsklage gegen den Redakteur des „Nürnberger Anzeiger" wegen eines im genannten Blatte erschienenen Artikels gestellt. Das Amtsgericht Gunzenhausen hatte die Klage abaetoiefen, da das Preßdeliki an dem Ort begangen erschien, von dem ans die Verbreitung erfolgt sei, d. h. an dem die Druckschrift erschienen sei. Es treffe daher in dem vorliegenden Fall den Gerichtsstand nicht das Gericht in Gunzenhausen. Das Landgericht Ansbach hat die gegen diese Entscheidung erhobene Beschwerde abgewiesen, da der Rechtsanschcnmng des Amtsgerichts Gunzenhausen, die im Anschluß an v. Schwarzes Retchspreßgcsetz als die herrschende bezeichnet werden dürfe und auch — im Gegensatz zur reichsgesetzlichen Recht- sp'-echmig — in der Praxis mehr und mehr zur Geltung komme, beizupflichten sei.
* Rundschau im Reiche. Das Ergebnis! der Reichstags- Nachwahl in Pirna stellt sich, nach der „Staatsbürger-Zeitung", wie folgt: Frasdorf (Soc.) 12,627, Lotze (Antis.) 11,650, Strohbach (frei?. Volksp.) 1997 Stimmen. Es hat daher, wie bereits gemeldet, Stichwahl zwischen Fräsdorf und Lotze stattzufinden. — Bei der 52. Hauptversammlung des Gustav Adolf- Vereins in Braunschweig betonte Oberkirchcmrath D. Fricke, der Vorsitzende des Hauptvorstandes, die Gefahr, die dein Protestantismus drohe in der Energie, mit der die Millionen Katholischer geführt werden von dem Papste, der kürzlich von der „bestialischen Sekte der Protestanten geredet hat, die die eecJen zn verderben suche". Seit der Braunschweiger Versammlung im Jahre 1851 sei ja der „Gustav Adolf-Verein" sehr erstarkt, ljabe mehr als 2,000,000 Mk. zur Verfügung für 1750 Gemeinden; damals
Ausstellung zu Düsseldorf 1902.
Der Ausschuß der siir das Jahr 1902 zu Düsseldorf projektirten „Industrie- und Getoerbe-Ansstellung für Rheinland, Westfalen und benachbarte Bezirke, verbunden mit einer, Deutsch- Nationalen Kunst-Ausstellung", ist bereits eifrig an der Arbeit, und ihr General-Sekretär, Herr I. v. Wlldenradt, ist seit einiger Zeit auf der Reise, um mit den Interessenten direkt in Verbindung zu treten und sie für die Sache zu gewinnen. Durch Vermittelung der Handelskammer that er dies gestern Nachmittag im „Nonnenhof" dahier auch mit den Großindustriellen des hiesigen Bezirks. Von 20 geladenen Herren waren 11 erschienen, die übrigen hatten sich entschuldigt. Die Einladnitgen waren an Vertreter der Gärtnerei, der chemischen, Maschinen- und Metall-, der Leder-, Schaumwein- und der übrigen Jndustrieeo, sowie des Weinhandels ergangen. Herr Handelskammer - Präsident Franz Fehr-Flach begrüßte die Herren und ertheilte Herrn v. Wildenradt das Wort. Derselbe überbrachte die Grüße und Wünsche der leitenden Persönlichkeiten der Ausstellung und erstattete ein klares, bündiges Referat über die Entstehung der Ausstellung, deren Ziele und de» gegenwärtigen Stand der Vorarbeiten, di«' wie auch die Drucksachen, die den Versammelten eingehänbigt wurden, schon verhältnißmäßig weit gediehen sind. Der Muth, mit dem die Sache in Angriff genommen worden ist, ist vornehmlich dem großen Erfolg der Düsseldorfer Kunstausstellung von 1880 zuzuschreiben, die zwar nicht ohne Schwierigkeiten zu Stande taut, nachher aber mit einem Ueberschuß abschloß. Diese Ausstellung steht, so führte Herr v. Wildenradt aus, in bestem Andenken. Aus ihr wird heute manche Lehre gezogen. Heute ist es die Absicht, dem Vaterland und dem Ausland im glänzenden Rahmen zu zeigen, was die Groß-Industrie der ausstellenden Bezirke zu leisten im Stande ist, welche Bedeutung derselben für das Wohlergehen der betreffenden Proviitzeii beizumessen ist. Die Idee zur Ausstellung geht von den großen Korporationen: „Verein zur Wahrung der gemcinfnmen wirthschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen", „Nordwestliche Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller" und „Verein Deutscher Eisenhiitteulcute" ans. Redner erörterte bann die Frage der Finanzirung. Während der Ansstellungsvlatz von 1880 sich über 64 Morgen erstreckte, wird bet von 1902 140 Morgen umfassen. Er wird von der Stadt Düsseldorf zur Verfügung gestellt. Um das dicht am Rhein gelegene Gelände hochwasserfrei zu machen, sind große Ausschüttungen am rechten und AbgraVmigen am linken Ufer nöthig, die rund 4 Millionen Mark kosteM Es find alle Hindernisse beseitigt durch das Entgegenkommen, nUches das Unternehmen bei ber Stadtverwaltung und der Bürgerschaft Düsseldorfs gefunden hat. Das Bedenken der Ausstellungsmüdcgkeit ist unter den 58 befragten Handelskammern nur von einer erhoben worden. Der Eiiuvand der Staatsregierung, ob durch bas Düsseldorfer Projett nickst die Beschickung ber Pariser Weltausstellung ungünstig beeinflußt werden konnte, wurde dadurch behoben, daß Düsseldorf mit feiner Einladung wartete, bis die Anmeldungen für Paris
Ans Kunst und Krden.
* Zflmphonie-Konrrrte. Die Abonnements-Einladungen zu den im Kgl. Theater znm Besten der Wittwen- und Waisen- Penfions- und Unterstützungs-Anstalt der Mitglieder desKgl.Theater- Orchesters stattfindenden Symphonie-Konzerten werden nächster Tage an die vorjährigen Abonnenten versandt. Denselben bleiben die in vorjähriger Saison innegehabten Plätze bis zum 2. Oktober referbirt. Renanmeldungen werden vom 10. Oktober an ans dem Abonnementsbiireau des Kgl. Theaters entgegen genommen. Als Konzertdaten find in Aussicht genommen der 18. Oktober, 13. November, 11. Dezember, 15. Januar, 12. Februar und der 22. Marz. Das Programm der Konzerte, sowie die Namen der engagirten Solisten werden nächster Tage bekannt gegeben.
Anstand.
* Gesterrrich-Ungarn. „Slovenski Ncirodny" zufolge erhielten die Pfarrämter von Unter-Steiermark von der Kirchenbehörde den Befehl, fortlaufend über die Lebensweise der Lehrer, ob dieselben ngitiren, die Kirche besuchen und zur Beichte gehen, zu berichten und Der höheren Instanz diese Berichte vorzulegen. Der Zweck dieser Maßregel sei, alle liberalen Elemente zu unterdrücken.
* Frankreich. „Petite Stepublique“ meldet, daß der Kom- manbant Hartmann wegen seiner Aussagen vor dem Kassationshof und dem Kriegsgericht in Rennes Gegenstand zahlreicher Belästigungen klerikaler und reaftionärer Offiziere seiner Garnison geworden ist. Der Kriegsminister, welcher von dieser Angelegenheit Kenntniß erhalten hat, berief den Kommandanten Hartmann nach Paris, wo er ihn in sein Kabinett nehmen wird. — Der Polizei- 3 Präfekt besichtigte gestern das Innere des Forts Chabrol. Es waren keinerlei Speisereste vorhanden. Die Eingeschlossenen scheinest in der letzten Nacht alles Vorhandene auf gefuttert zu haben. Die seltsamste Entdeckung wurde im Keller gemacht, nämlich zwei Zelle«, welche beftinunt gewesen sind, etwa embringenbe Polizisten darin einzusperren. Papiere wurden nicht gefunden. — Dreyfus traf gestern Vormittag 8Uhr in Nantes ein, begleitet von seinem Bruder Mathieu, dem Dcrettor ber Sicherheitspolizei, Viguie, unb einem Polizeiagenten. In Nantes wußte Niemanb etwas von der Ankunft Dreyfus' unb feine Begleiter bestiegen ben um 8.53 Uhr nach Borbcaux abgehenden Zug und nahmen, um Aussehen zu vermeiden, | in einem Avtheil 1. Klösse Platz, worin schon mehrere Reisende saßen. Auf der ersten Station stiegen Viguie und derPolizeiagent aus nnb ließen Dreyfus mit seinem Bruder die Reise allein sort- setzen. Wie geglaubt wird, verlassen diese auf irgend einer Zwischen- ftntion den Zug. Wohin sie sich begeben, weiß man nicht.
* §nbirtt. Nach dem Schluß ber Plaidoyers int Hoch- verraths-Prozeß hielt ber Staatsanwalt in allen Punkten die Anklage aufrecht. Knesevie ergriff unter allgemeiner Spannung das Wort. Die Hand auf die Bibel Icgenb, erklärte er alle Personen, die aus ber Anklagebank sitzen, für unschuldig wie bas Sonnenlicht. (Große Bewegung.) In längerer Rede führte er sodann die Gründe an, welche ihn veranlaßt hätten, Nnschuldige zu belasten.___________
Ans Stadt und ßand.
Wiesbaden, 21. September.
