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MkstiÄMr @anblatt

«» Jahrgang.

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1U* 428.

Fernsprecher No. 52.

Mittwoch, den 13. September.

Fernsprecher Diu. 52.

1899.

Abend-Ausgabe.

Krieg in Sicht?

Wenn es in den letzten Tagen auf dem südafrikanischen Kriegslürmschanplatz auch ein wenig stiller geworden ist, so ist die Sorge doch nicht von der Hand zu weisen, welche durch die chauvinistische Haltung des größten Theils der eng­lischen Presse verstärkt wird, daß es sich hier um die Stille vor dem Sturm handelt. Der Konflikt zwischen England und der südafrikanischen Republik hat sich derart zugespitzt, daß für eine friedliche Lösung nur noch wenig Raum ist und die vielleicht sehr nahe Eventualität eines Krieges zwischen den beiden Ländern ernsthaft ins Auge gefaßt werden muß.

Wenn es jetzt auch feststeht, daß die letzte von England an die Transvaal-Republik gesandte Note kein Ultimatum im eigentlichen Sinne war, so unterschied sie sich doch in der Sache sehr wenig von einem solchen. Die gefährlichste und für eine friedliche Lösung wenig Raum lassende Seite jener Note ist die, daß England darin die Suzeränitätsfrage offiziell aufrollt und sie mit einer geschickten Taschenspieler- volte plötzlich zum Angelpunkt des Streites macht. In dieser Veränderung der Taktik zeigt sich in nackter Deut­lichkeit die Frivolität der von England betriebenen Politik. Als die Burenrepublik in der Wahlrechtsfrage, die England zuerst als Vorwand für einen Konflikt benutzt hatte, nachgab, beeilte man sich in England, einen anderen Konfliktsstoff zu eruiren, und dieser ist nunmehr in der Suzeränitätsfrage gefunden. Die Taktik Englands ist die jenes rauflustigen Studenten, der einen anderen mit den Worten anrempelte:Mein Herr, Sie haben mich fixirt, ich wünsche mich mit Ihnen zu schlagen!" und der, als jener sich mit den Worten entschuldigte:Ich habe Sie ja gar nicht angesehen l" entrüstet ausrief:Dann wünsche" ich mich mit Ihnen zu schlagen, weil Sie mich keines Blickes gewürdigt haben!"

Nicht als ob England im eigentlichen Sinne kriegslustig wäre! Aber die Gier nach dem goldreichen Transvaalland und die Sehnsucht nach einer Revanche für die Niederlage, welche England den Buren zu verdanken hat, sind stärker als alle Bedenken gegen einen Krieg, dessen Ausgang immer­hin nicht völlig unzweifelhaft ist und der in Südafrika, wenn die kriegerischen Negerstämme die Gelegenheit zu einer Erhebung wahrnehmen sollten, in ganz unübersehbarem Maße die Kriegsfurie entfesseln könnte. Zur Zeit sind sowohl in London wie in Pretoria Bemühungen im Gauge, noch in letzter Stunde zu vermitteln, aber wir fürchten, daß diese Bemühungen, nachdem einmal die Suzeränitätsfrage angeschnitten ist, nicht so leicht Erfolg haben werden.

Präsident Krüger hat erst in den letzten Tagen erklärt, daß die Transvaal-Republik es entschieden ablehne, die Oberhoheit Englands zu bestätigen, und bei dieser Erklärung muß die Republik bleiben, wenn sie sich nicht aus der Reihe der selbständigen Staaten für immer ausstreichen und zu einer englischen Koloniemit selbständiger Verwaltung" degradircn will. Wenn England nicht noch in letzter Stunde von dem Verlangen, daß die Transvaal-Republik die eng­

lische Suzeränität ausdrücklich anerkenne, Abstand nimmt, dann sehen wir keine Möglichkeit einer friedlichen Lösung des Konfliktes, denn daß die Buren sich der englischen An­maßung und Ländergier bedingungslos fügen und zu Kreuze kriechen sollten, das glauben wir nicht und das hoffen wir nicht!

Zu einer optimistischen Auffassung wird man sich auch dann nicht verleiten lassen dürfen, wenn, wie es wahr­scheinlich ist, die nächsten Tage ein Hinausziehen des Streites bringen sollten. Auf beiden Seiten hat man das Interesse, die Situation so zu wenden, daß der Gegner das entscheidende Wort sprechen und das Odium der direkten Kriegsprovokation auf sich laden soll. Bei den Engländern kommt dazu noch der Umstand in Betracht, daß sie mit ihren Rüstungen gegen die Transvaal-Republik nichts weniger als fertig sind, sodaß sie ein sehr -begreifliches Interesse daran habe», den Ausbruch des Konfliktes noch einige Wochen hinauszuziehen. Jedenfalls kann England mit den Truppen, die es zur Zeit in Südafrika versammelt hat und in kurzer Zeit dort versammeln kann, an einen ernsthaften Krieg gegen die Transvaal-Republik, die allein gegen 50,000 Mann auf die Beine bringen kann, wozu noch 20,000 Krieger vom Oranje-Freistaat kommen, nicht denken. Ob freilich die Buren gegen die Engländer, wenn diese alle ihre Hülfs- mittel auf Südafrika konzentrircn, auf die Dauer erfolg­reichen Widerstand leisten könnten, das ist eine &rage, die auch mit annähernder Sicherheit garnicht beantwortet werden kann. Das aber steht fest, daß eine solche Konzentration der Streitmittel auf Südafrika für England ein bedenkliches Wagniß wäre, und zwar besonders angesichts der ge­spannten Situation im Sudan, wo ein neuer Feldzug gegen den Khalifen garnicht mehr zu vermeiden . ist. Hierauf und auf den Umstand, daß die Mehrzahl der Mächte der Gewaltpolitik Englands gegen die Buren nichts weniger als sympathisch gegenüber steht, gründen wir unsere freilich schwache Hoffnung, daß England vielleicht doch Bedenken tragen wird, den Konflikt auf die Spitze zu treiben. Mit besonderer Befriedigung hat es uns erfüllt, daß die Behauptung, England sei bei seinem Vorstoß gegen die Buren wenigstens des moralischen Wohlwollens der deutschen Regierung sicher, sich als eine englische Er­findung herausgestellt hat. Die deutsche Regierung wird in dem Streit aus Gründen, die wir verstehen können, strenge Neutralität bewahren. Diese Neutralität kann das deutsche Volk nicht hindern, mit seinen Interessen und seinen Wünschen voll und ganz auf der Seite der uns stamm­verwandten Buren zu stehen.

Deutsches Keich.

L. Berlin, 12. September.

Die Bewegung gegen dieBeschickuug der Pariser Weltausstellung

hat an Stärke keineswegs gewonnen. Es scheint, daß haupt­sächlich solche Firmen, die ohnehin nur ungern Theil ge­nommen hätten, den Anlaß benutzen möchten, sich zurück- znziehen. Die Lederindnstriellen beispielsweise, die jetzt be­schlossen haben, nicht auszustellen, haben dasselbe schon vor

Jahresfrist erklärt, sodaß der deutsche Regierungskommiffar für die Weltausstellung, Geheimrath Richter, Überhaupt nicht mehr auf sie rechnete. Die Angelegenheit dürfte von der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Industriellen zweck­mäßiger Weise nach rein geschäftlichen Gesichtspunkten be­trachtet werden. Wenn es für Deutschland von Vortheil ist, auszustellen und diese Frage muß grundsätzlich bejaht werden so wird die Boykottirung des Unternehmens schwerlich einen großen Umfang erhalten. Der Stand­punkt der Regierung ist bereits mitgetheilt worbest. Man sieht sich als gebunden an und wird seine Pflicht loyaler Weise erfüllen, nicht bloß aus Höflichkeit, sondern weil es im deutschen Interesse liegt, in Paris so machtvoll und geschlossen wie nur möglich aufzutreten. Es kommt hinzu, daß erwartet werden darf, die Dreyfussache werde bis zur Eröffnung der Weltausstellung durch den endgültige« Sieg der Wahrheit und des Rechts befriedigend geordnet werden. Geheimrath Richter ist Montag Abend in Be­gleitung von drei Architekten nach Paris abgereist, um die weitere Einrichtung der deutschen Abtheilung zu besorge«. Offiziell giebt es für uns keine Ausstellungsfrage, da das Verhältniß der beiden Regierungen zu einander korrekt und sogar besser als seit langen Jahren ist. I« Bezug auf die Dreyfus - Angelegenheit selbst kann wiederholt werden, daß man hier keine weitere« Schritte thun wird. Diese Feststellung ist nicht unnöthig, da mehrfach im Auslande, so namentlich in London, daraus gedrungen wird, es mögen von Berlin aus die Schriftstücke veröffentlicht werden, die Esterhazys Schuld beweisen. Ma« erklärt hier, nicht zu wissen, was noch bewiesen werden soll, da deutscherseits bereits so klar wie nur denkbar ge­sprochen worden ist. Auch erregen die bezüglichen Mahnung«« und Wünsche aus dem Ausland ein wenig den Verdacht, als möchte man von dort aus die befriedigenden amtliche« Beziehungen zwischen Berlin und Paris unter dem Deck­mantel der Menschlichkeit stören. Nun bleibt allerdings die Frage offen, wie man sich hier verhalten würde, wenn etwa die französische Regierung die Bitte um Mittheilung jener geheime« Papiere hierher richtete. Der Vertreter des Ministeriums des Auswärtigen während des Prozesses zu Rennes, Paleologue, hat freilich erklärt, daß ein solcher Antrag nicht gestellt werden könne, aber es handelt sich bei dieser Erklärung um die Zurückweisung eines Antrages der Vertheidigunst, und es wäre ja denkbar, daß jetzt, nach erfolgter Wieder- verurtheilung, das Ministerium freiwillig die betreffende« Schritte thäte, denkbar, aber doch genau so unwahrscheinlich wie bisher schon. Auch ist nicht recht einzusehen, wie die Feinde des Hauptmanns Dreyfus durch die Bekanntgebung der von Esterhazy ausgelieferten Papiere von der Unschuld des Dreyfus überzeugt werden sollten; sie würden einfach behaupten, daß das eben die von Dreyfus übergebenen Papiere seien, und daß man in Berlin die Unwahrheit sage, wenn man sie ans Esterhazy als Quelle zurückführe.

L. Der Krieg der kleinen Mittel gegen die konservative Fronde geht weiter. Schon früher war gemeldet worden, daß Graf Limbnrg-Stirum von bet Hofliste gestrichen worden sei. Jetzt erfährt dieDeutsche Tageszeitung"aus sicherster Quelle", daß sämmtüche Hof«

(Nachdruck verboten.)

Vom Verfasser desKosmos".

Geb. am 14. September 17 69.

Von vr. St. Winzer.

Alexander v. Humboldt war der größte naturforschende Reisende aller Zeiten und dementsprechend Meister in der Physik der Erde, dabei als vielseitigster Gelehrter und hoch­gestellter Gönner jeder Wissenschaft von Mit- und Nachwelt genannt, als Hauptvertreter deutscher Geistesrichtung im neunzehnten Jahrhundert gefeiert und ist bis zur Stunde noch ohne seines Gleichen geblieben. Wie Goethe, als Alt­meister der Poesie, auf jedem Gebiete derselben heimisch und ein Meister war, so kann man Humboldt den Goethe der Naturwissenschaften nennen, denn auch er war auf allen Gebieten derselben heimisch und hat darin Unvergängliches geleistet. Ein vielseitigeres naturwissenschaftliches Genie wie das Humboldts hat die Erde bis in die Gegenwart nicht aufzuweisen.

Die epochemachendste That dieses unvergleichlichen Heros der Forschung war die von ihm in Begleitung eines jungen französischen Botanikers vor 100 Jahren unternommene große Reise in die neue Welt zum Zweck des Studiums der Natur in allen ihren Reichen und der Nationalökonomie der Tropen.

Die Bekanntschaft mit dem Weltumsegler Georg Forster, mit welchem er 1790 seine erste große Reise durch Belgien und Holland nach England und zurück über Paris machte, weckte in Humboldt eine ernstliche Weltreiselust. Seine Studien im Bergfach und der Physik und anorganischen Chemie erregten in ihm den Gedanken zu einer großartigen Erdphysik und durch deren weitere Verbindung mit der

Himmelskunde zu einer Weltphysik, deren spätere Frucht der Kosmos" mar, zu welchem er aber die Inspiration auf der genannten Weltreise erhalten sollte. Am 5. Juni 1799 schiffte Humboldt sich auf der Fregatte Pizarro im Hafen von Coruna ein und kehrte am 3. August 1804, also nach etwas über 5 Jahren, über Bordeaux nach Paris zurück. Die Kosten des großen Unternehmens, die er, auch für seinen jungen Begleiter, Slime Bonpland, ganz aus eigenen Mitteln bestritt, betrugen 30,000 bis 40,000 Thaler und verzehrten außer den Zinsen den fünften Theil seines Kapitals. Seine rastlos energische Thatkraft, die un­unterbrochene Heiterkeit seines Gemüths während jener langen Zeit wurden nicht wenig durch eine unerschütterliche Gesundheit gefördert, deren er sich im Vaterland keineswegs zu erfreuen hatte. Die Tropenwelt erschien ihm dabei so recht als fein Element, das er, in die Heimath zurück- gekehrt, durch eine ungewöhnlich hohe Temperatur seiner Wohn- und Arbeiksräume zu ersetzen suchte. Nur eine rheumatische Schwäche des rechten Armes, die ihn im Alter zwang, in gebückter Stellung auf den Knicen statt auf dem Tische zu schreiben, trug er als Übles Andenken an dir feuchten Blätterlager der Nächte am Orinoco davon. Ge­fahren gewaltsamer Art hatten die Reisenden selten zu be­stehen; die schlimmste aller Unbilden erlitten sie von den Insekten der Urwaldsiröme. Dramatisches Interesse bot deshalb ihre Wanderung wenig. Ein kurzer Besuch der Insel Teneriffa war von Haus aus verabredet worden und die Besteigung des Pic am 22. Juni 1799 ersetzte vollaufdie früher einmal geplante Besteigung des Vesuv und Aetna. Der Ausbruch des Fiebers an Bord bestimmte Humboldt, schon in CumanainVenezuelazulanden,einEnlsch!ußvondenwichtigsten Folgen. Denn gerade hier gerieth er inmitten der beinahe

unberührten Wildniß der tropischen Pflanzenschöpfung, von deren überwältigendem Eindruck auf ihn entzückte Briefe Zeugniß ablegen. So wurden fast l*/s Jahre, vom 16. Juli 1799 bis 24. November 1800, der Erforschung des Landes in seinen drei Regionen, dem Küstengebiet, den Llanos und dem Waldgebiet am Orinoco, gewidmet. Daraus ging es zu Schiffe nach der Havana, wo sich nun, wie zum Kontrast, Gelegenheit zu nationalökonomischen Studie« eines Tropenlandes im Kulturzustande bot. Dieser erste Aufenthalt in Cuba vom 19. Dezember 1800 bis 8. März 1801 wurde vorzeitig abgebrochen, infolge der falsche« Nachricht, daß eine Expedition unter dem französische« Forscher Baudin den Weg ums Kap Horn gewählt habe, für welchen Fall Humboldt noch bei feiner Abreise aus Europa dem Kapitän seinen eigenen Anschluß von einem süd- amerikanischen Hafen aus versprochen halte. Seiner Zusage getreu, segelte er nach Cartagena, bann an den Magdalenen- strom, hernach mit großen Beschwerden über Bogota durch die Cordilleren nach Quito. Erst hier zu Anfang 1802 erfuhr man, daß Baudin die östliche Richtung eingeschlagen hatte und Humboldt beklagte, die Hunderte von Meile« durch ein Land zurückgelegt zu haben, welches er in eigenem Interesse niemals anfgesuchl haben würde. In Wahrheit war dieser Jrrthum ein Segen für die Wissenschaft. Humboldt befand sich an dem günstigsten Punkt, Ecuador, wo die Mannigfaltigkeit der Natureindrücke ihr Maximum erreichte, wo demForscher verliehen war, ohne daß er seine Heimath verließe, alle Pflanzengestalten der Erde zu sehen, und ihm das Himmelsgewölbe keine seiner leuchtenden Welten ver­barg". Humboldt sollte in der Landschaft von Quito die klassische Stätte für seine Weltphysik fast wider Willen finden. Kein Moment seines ganzes Lebens hat auch Humboldt einen