Jahrgang.
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Gin Ueberblick auf halbem Wege.
Unser Pariser ^-Korrespondent schreibt uns unterm 23. ds.: Der Prozeß in Rennes hat ungefähr die Hälfte deS ihm vorgezeichneten Weges zurückgelegt. Die Verhandlungen sind von einer Unmasse von Einzelnheiten derart überschwemmt, daß Journalisten und Publikum förmlich darin versinken und die großen Linien der Schlacht aus den Augen verlieren. Vor lauter Bäumen steht man den Wald nicht. Und doch ist es nothlvendig, aus diesem Wust von Einzelheiten, die wie dichtes, wirres Gestrüpp die Wege verwischen, sich emporzuringen in freiere Regionen, um von der Höhe allgemeiner Betrachtung die Lage zu überblicken und die Richtung, der man zusteuert, ins Äuge zu fassen. Zwei wichtige Thatsachen begrenzen wie die zwei gleichen gegenüberliegenden Seiten eines Rahmens die bisher durchlaufene Strecke. Der Ausgangspunkt, von dem die Revision eigentlich ihren Anfang genommen, war das „faux Henry“, ein Schriftstück, das von Henry geschrieben, dem Oberst Panizzardi zugemuthet und vomKriegsimnister Cavaignac auf die Kammertribüne gebracht wurde Heute steht man angesichts eines anderen faux, das dem ersten täuschend ähnlich ist. Von einem unbekannten Fälscher — vielleicht ebenfalls von Henry verfaßt, mit falschem Datum und falscher Unterschrift versehen, schreibt es dem Oberst Schneider fast die gleiche Aussage zu, die bas erste dem Oberst Panizzardi zumuthete. Hatte die erste Fälschuitg ein blutiges Nachspiel, so will sich tm Gefolge der zweiten eine Theorie Geltung verschaffen, die, nach ihrer Wildheit zu nrthcilen, dem Jniiern Afrikas entnommen zu sein scheint, eine Theorie, die jedem Ausländer alle Glaubwürdigkeit abspricht, weil fie seine Aufrichtigkeit bestreitet. Hier wirft sich wie von selbst die Frage auf: Warum wird zweivon denselbenPersonen stainmenden Aussagen höchste Wichtigkeit zugeschrieben, wenn sie sich gegen den Angeklagten aussprechen, während sie als werthlos bei Seite geschoben werden, wenn sie günstig für denselben lauten? In der Antwort auf diese Frage liegt die Charakteristik des ganzen Prozesses: Alles Unverständliche, Erstaunliche, Verblüffende dieses Prozesses erklärt sich dadurch, daß es sich darin nicht um die Affaire des Drcyfns, sondern um die Affaire Dreyfus handelt; diese aber ist identisch mit der Affaire des Generalstabs, und im Besonderen mit der Affaire des Generals Mercier, welcher im Jahre 1894 den Prozeß gegen die Ansicht des Ministers des Auswärtigen und diejenige des GeneraliffimiiS machte, weil er ans der „‘bete noire“ der Nationalisten deren Chef werden wollte, welcher die Unklug- beit beging, die Worte: er, oder ich l anszusprochen, welcher in dem Ausgang des Prozeffes sein Austerlitz ober sein Waterloo Enden wird. Diese Auffassung nur kann es erftärlich machen, aß das Kriegsgericht die drei juridischen Hauptregeln, die erst jeder Zeugenaussage Werth verleihen, außer Acht läßt: 1. Der Zeuge soll Thatsachen, ober nicht Urtheile vorbringen — und alle belastenden Zeugen brachten statt der fehlenden Thatsachen nur Hinweise, Meinungen und Voraussetzungen: 2. mehrere Zeugen, die sich untereinander vcrstäildigt und das Gleiche aussagen, bilden zusammen nur eine Zeugenaussage, eine solche aber ist werthloS: Testis unus, testia nullus — uno im Prozeß zu Rennes bilden alle belastenden Zeugen nur eine Zeugenaussage; 3. der Zeuge muß unlntereffirt sein — und alle Belastungszeugen im gegenwärtigen Prozesse sind interessirt. Die oben angedeutete, allgemeine Auffassung wirst and) ein Helles Licht über die Avei neuesten Vorfälle in der an bezeichnenden „incidents“ strotzenden Verhandlungen. Der erste betrifft die vielbesprochene, bewunderte und empörende Frage „encore“, mit der der Vorsitzende des Kriegsgerichts den sich wiederholt zum Wort meldenden Oberstleutnant Picauart ungeduldig unterbrach. Der zweite Vorfall datirt von gestern rind bezieht sich auf die dem Angeklagten vom Präsidenten Jonaust gegebene Antwort: „wir haben
für die Slbcnd-Aufgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bi« 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur e*’1}* •ü*'** 6**11» tllpll* nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
N-. 388, Fernsprecher No. 52.
Morgen-Ausgabe.
Freitag, den 25. August.
keine Zeit, eine Untersuchung anzustellen — und doch verlangte der Angeklagte diese — übrigens in 24 Stunden zu vollziehende Untersuchung, weil sie zur Richtigstellung eines Hauptpunktes der Anklage nothlvendig ist, und doch ist das Kriegsgericht eben zu dem Zweck zufamlnengetreten, um alle nothwendigen Untersuchungen vorzunehmen! „Es steht schlecht um die Affaire!" so lautet augenblicklich das allgemeine Urtheil; und es mag richtig fein, wenn, wie es allen Anschein hat, die Affaire des DreysiiS der Affaire Dreyfus hintangesetzt wird.
Aus Stadt und Land.
Wiesbaden, 25. August.
— Geschichtskaleudrr. 25. August. 1845: ♦ König Ludwig II. von Bayern. 1822: f Friedrich Wilhelm- Herschel zu Slough bei Windsor, berühmter Astronom, Entdecker des Uranus (* zu Hannover). 1813: Die böhmische Armee trifft vor Dresden ein. 1774: * Johann Gottfried v. Herder zu Mohrungen, einer der hervorragendsten und geistvollsten deutschen Denker und Schriftsteller (f zu Weimar). 1758: Schlacht bei Zorndorf, SicgFriedr. des Großen über die Russen. 1688: * Friedrich Wilhelm I. König von Preußen.
O Radfahrer-Klumenliors». Die Meldungen zu dem am kommeilden Sonntag hier stattfindenden radsportlichcn Schauspiel sind, wie man uns inittheilt, überaus zahlreich ausgefallen, sodaß der Korso eine hier noch nicht gesehene glänzende Veranstaltung zu werden verspricht. In den Gruppen 1 und 2 des Zuges wird sich ein prächtiges Bild des orgauifirten Radsports bieten, wie er nur der anerkannt besten Schule des „Deutschen Radfahrer-Bund" entspringt. Die meist im Blumenschmuck startenden Gau-Vereine werben eine ernste Konkurrenz für bie Ehre des Tages hier versaminelt finden: u. A. sind Meldungen aus Frankfurt a. M. (6 Vereine), Darmstadt, Offenbach, Hanau, Höchst a. M., Idstein i. Taunus, Biebrich, Bornheim und Mainz eingelanfen. Die Zuggruppe III (offen für Einzelfahrer, Kurgäste und Einzelgrnppen) verspricht ebenso prächtige Arrangements zu liefern. Es haben sich über zwanzig Gruppen gemeldet, darunter sogar solche ans Köln a. Rh. und Wurzburg :c. Der ganze Korso, welchen unser „Wiesbadener Radfahrer-Verein von 1884" als festgebender Klub — außer Konkurrenz fahrend. — beschließen Wirb, berührt bie Straßen ber Jnnenstabt nicht; die FahrWerthungen werden nur am Bowlinggreen vor dem Krirhause vorgenommen.
— Geheimmittet - Verfolgung. Die Pharmaceuiische Zeitung" veröffentlicht in Nr. 65 vom 16. d. M. folgende Polizeiverordnung: „Auf Grund der §§ 137 und 139 des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883, sowie ber §§ 6, 12 unb 15 des Gesetzes über die Polizeiverwaltnng vom 11. März 1850 wirb behufs Einschränkung des Geheinimittel- unwesens für ben Umfang ber Rheinprovinz mit Zustimmung beS Provinzialraths hierdurch verordnet, was folgt: § 1. Die öffentliche Ankündigung von Geheimmitteln, welche dazu bestimmt sind, zur Verhütung oder Heilung von Pflanzen krankhei teil zu dienen, ist verboten. § 2. Zuwiderhandlungen gegen diese Verordnung werden, sofern nicht »ach den allgemeinen Strafgesetzen eine höhere Strafe verwirkt ist, mit einer Geldstrafe bis zum Betrag von 60 Mk., unb im Unvermögensfalle mit entsprechender Haft bestraft. Koblenz, ben 28. Juli 1899. Der Oberpräsident ber Nheinprovinz: Nasse." — Wir glaubten erst an einen Druckfehler, aber eine an einer nnberen Stelle derselben Nummer der „Pharmaeeutischen Zeitung" an diese Polizeiverorbnung anfniipfeube Notiz belehrt uns eines Anderen. Die Notiz lautet: Eine interessante Erweiterung des Verbotes ber Ankünbigimg von Geheimmitteln ist in ber Rhein- Provinz soeben verkündet worden. Nachdem dieses Verbot ursprünglich nur diejenigen Mittel betraf, welche gegen mensch- liche Krankheiten und Körperschäden angeboten wurden, wurde es später auch auf Thierheilmittel ausgedehnt. Jetzt hat man in der Rheiiiprovinz nocy eine weitere Art von Krankheiten gefimben und das Verbot auch auf diese erstreckt, nämlich auf Pflanzenkrankheiten. Das hätte wohl Niemand geahnt, daß das Verbot ber Ankündigung von Geheimmitteln, das ursprünglich nur zum Schutze von Leben und Gesundheit ber Einwohner gebucht war, so entwicklungsfähig fein werbe. Davor werben wir aber hoffentlich bewahrt bleiben, daß man dasselbe eines Tages auch auf bie Mittel anwenbbar hält, welche zur Bekämpfung ber Krankheiten des Zeitalters angepriesen werden. Uns will es scheinen, daß bas Bestreben, derartige Polizeiverorbnungeu zu erlassen, selbst auf eine gewisse Krankheit des Zeitalters zurückzufiihreu ist, gegen welche eine Gegenverorbnuug von zuständiger Seite sehr am Platz wärt. —
Fernsprecher R». 52. 1889.
Man kann diesen Ausführungen nur beipflichten. Welchen Plackereien und Scheerereien auch die Presse infolge der famosen Geheimmiltel» Verordnungen ausgesetzt ist, davon weiß jeder Jnseraten-Redakteuk ein Liedlein zu fingen. Dabei wird ber Zweck dieser bas Zeitn ngS- getoerbc in hohem Grabe schädigenden unb belästigenden Ukase durchaus nicht erreicht. Denn erstens ist deren Ausführung eine ganz willkürliche, indem das eine Blatt wegen Veröffentlichung sog. Geheimmittel verfolgt wird, andere dagegen an gleichem Orte dasselbe luftig darauf los annonciren, unb zweitens sind dieselbe«, z. Ä. hierorts untersagten und mit Geldstrafe bedrohten Bekanntmachungen umso größer und fetter in einer ganzen Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften enthalten, die zwar außerhalb des Geltungsbereichs jener Verbote erscheinen, aber innerhalb desselben mitunter recht stark verbreitet sind. Wann endlich wird in dieser durch nichts gerechtfertigten Ungleichheit eine Wendung eintreten? Am besten wäre es freilich, alle diese befchränkenden, ihren Zweck ja doch verfehlenden und nur zum Aerger eines großen TheileS, — wahrlich nicht ber schlechtesten Steuerzahler bestehenden Verfügungen dahin zu legen, wohin sie hingehören — in ben Papierkorb.
— Auch eilt Jubiläum. Am 1. Oktober dieses Jahres sind 25 Jahre verflossen, seitdem das Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes, kurzweg die Eivilstandsgesetzgebung genannt, im deutschen Vaterlande in Kraft getreten ist. Der bis dahin bestehende Wirrwarr von Gesetzen und Verordnungen, von weltlichen und kirchlichen Bestimmungen, welche nur zu häufig geeignet waren, insbesondere den dem Hafen der Ehe zustrebenden Staatsbürgern das Leben sauer zu machen, verschwand unb a« seine Stelle trat ein einheitliches Gesetz, nach Welchem bis auf ben heutigen Tag bie standesamtlichen Auszeichnungen über ben Weg bet Menschen von der Wiege bis zum Grabe erfolgen müssen. Wie alles Neue seine Freunde und Gegner hat, so auch damals das Civilstandsgesetz und namentlich die Civilehe. Begrüßte man einerseits bet ihr das gegen früher wesentlich abgekürzte Verfahren und die Freiheit der Wahl des kirchlichen Beistandes, so fehlte eS andererseits auch nicht an Solchen, welche dem „neuen Gebot" keinen Geschmack abgewinnen konnten und die „Weihelostgkeit" des standesamtlichen Trauungsaktes beklagten, ja sogar geneigt waren, der nichtkirchlichen Trauung die eigentliche Gültigkeit ab» zuerkennen. Diese Widersprüche sind auch in einem mcrtel- hundert Jahren nicht ganz verschwunden unb es ist bekannt, daß hauptsächlich von ben rechtsstehenden politischen Parteien, vorwiegend vom Centrnm, die Versuche nicht gefehlt haben, in bie CivilstanbSgesetzgebung eine Bresche nach ihrer Art zn legen. Gelungen ist ihnen bies bisher nicht und glücklicher Weise scheint auch in Negierungskreisen keine Lust zu bestehen, ben Rückwärtsmännern ben Gefallen zu thun, unb die Klinge der Gesetzgebung an den Baum zu legen, ber in ben 25 Jahren seines Bestehens vollauf das gehalten hat, was man sich von ihm versprochen. Die Einwenbungen, daß unüberlegte unb zu frühe Ehen durch das jetzige Verfahren zu sehr gefördert würden, sind unbewiesen unb falsch, denn vor der Einführung desselben wurden dieselben Erscheinungen beobachtet. Man braucht nur an die Abgabe zu erinnern, die unter dem „kanonischen Alter" stehende Brautleute zu zahlen hatten, welche man hierorts mit der weniger geschmackvollen, als nicht ganzunzutreffenden Bezeichnung „R.. nafen» gelb" bezeichnete unb die häufig genug zur Erhebung kam. Also, glückliche und unglückliche, geordnete und ungeordnete Ehen hat eS zu jeder Zeit gegeben, unb wem bei Hochzeiten unb Taufen an bet Mitwirkung ber Kirche gelegen ist, bem steht jetzt wie früher nichts im Wege. Deshalb hat die Antipathie gegen den „Jubilar" schwer» lich eine Berechtigung und wir wollen uns seiner auch künftig freuen, die eventuelle eingehendere Würdigung desselben aber für die dem entsprechenden Zeitpunkte nähergelegenen Tage Vorbehalten.
(y?) Tod der Stubenfliege und den Flöhen. In den siebziger Jahren war es, wenn ich mich nicht irre, Karl Ruß, der in ber „Gartenlaube" für eine Verbannte, bie Stubenfliege, seine Stimme erhob. Inzwischen ist ein Umschwung ber Ansichten nutet
die Bevölkerung und ben Handelsverkehr von Großbritannien wirb im Besonderen betont. Daß bie portugiesischen Behörben mehrere Wochen lang über die Natur ber Krankheit in Oporto nicht ins Klare gekommen sind ober sich wenigstens darüber ausgeschwiegen haben, verleitet zu bem Schluß, daß bie Epidemie unbekannt auch noch in anderen portugiesischen und benachbarten Höfe» bereits eingeschleppt sein kann. Portugal ist fein großes Land unb feine Gesamintbevölkerung ist nicht höher als bie ber Stabt London m weiterem Sinne, indeß bieten die dortigen Zustände für eine Einnistung der Epidemie genügende Gelegenheit unb bei bem ziemlich lebhaften Handelsverkehr von Großbritannien mit Portugal ist die Gefahr einer Verschleppung durch Passagiere oder durch Waaren nach ben britischen Inseln nicht von ber Hanb zu weisen. Aus biesem Grunb wirb bie Aufwendung großer Aufmerksamkeit in allen britischen Häfen als unabweisliches Gebot erachtet. Der „Lancet" hat unzweifelhaft Recht, wenn er darauf hinweist, daß trotz der Größe ihres Handels nicht solche Häsen wieLondon, Bristol, Liverpool, Southampton und Plymouth in größter Gefahr vor ber Einschleppung stehen, fonbern gerade gewisse kleinere Häfen, bie in ber Haiibelswelt gegenwärtig wenig genannt werben und wo wegen ihrer geringen Bedeutung die sanitäre Aufsicht auf geringer Höhe steht, wo auch keine genügende Einrichtuiiq zur Jsolirung von Sranfe i ober zur Desinfektion getroffen ist unb wo ber Hafenaczt oft den größeren Theil des Tages irgendwo auf bem Laube zu thun hat. Auch solche Häsen Haden zum Theil eine Verbiubung mit Portugal, unb auf sie muß gerade die größte Vorsicht verwandt werden, wenn man fich nicht darauf gefaßt machen soll, die Pest urplötzlich an einem unvermutheten kleinen Hafenplatze auf britischem Boden selbst auftauchen zu sehen. Es ist unbebingt nothwendig, baß bie ärztliche Aussicht in solchen Häfen , in Staub gesetzt werbe, ihre Pflicht voll und ganz zu thun, unb es ist daher mit Gemigthuung zu begrüßen, daß von London aus Inspektoren nach allen Häfen entsandt werden sollen, um die zur Abwehr von Krankheiten'vorhandenen Einrichtungen einer Prüfung zu unterziehen. Wenn diese
Ans Kunst und Keben.
* Kunseu-AueKdolen. Ein ehemaliger Schüler des großen Chemikers Bunsen erzählt im „Berl.Tagebl." einige Erinnerungen an seine Studentenzeit: Höchst reizend War der Verkehr Bunsens mit seinen Praktikanten im Laboratorium. Ich hatte drei Semester Gelegenheit, ihn dort zu bewundern. Trotzdem er gerade zu jener Zeit durch feine eigenen Untersuchungen über Spektralanalyse sehr in Anspruch genommen war, besuchte er doch täglich zweimal jeden Praktikanten unb unterstützte ihn mit Rath unb Thai. Er war aber so zerstreut, wie es nur ein Professor fein kann, ©obalb er an einen Arbeitstisch trat, legte Bunsen, ber ben ganzen Tag rauchte seine Cigarre bin; natürlich that bas auch der Student; Wenn Bunsen bann zum nächsten Platz ging, zündete er regelmäßig bie falsche Cigarre an. Die Studenten amüfirten sich darüber unb sagten nichts. Silber eines Tages machte er doch einmal ein entsetzliches Gesicht unb verließ ben Platz des Laboranten mit den Worten: ,Das kann aber unmöglich meine Cigarre sein." — Bunsens Zerstreutheit war sprichwörtlich in Heidelberg und wurde oft von seinen Freunden ausgebeutet. Er ging jeden Abend von 7 bis 9 Uhr spazieren. Eines Abends kam er um 9 Uhr nach Hause (er wohnte im Laboratorium im ersten Stock) und sah schon von der Straße ans alle feine Zimmer hell erleuchtet; oben fand er eine große Gesellschaft von Herren unb Damen, bie ihm ihre Verwunderung aussprachen darüber, daß er so spät nach Hause komme, da er sie doch zum Essen auf heute eingeladen. Das war natürlich gar nicht ber Fall gewesen; aber Bunsen entschuldigte sich in feiner höflichen Weise damit, daß er eS rein vergessen habe, unb ließ nun aus Schiebers Hotel (er war Junggeselle unb speiste stets in bem Hotel) ein feines Abendessen in aller Eile für bie Gesellschaft holen.
©lieber das Erscheine» der Keulenpest in Portugal äußert sich ber Londoner „Lancet", das führende Organ der englischen Aerztewelt, in bemerkenswerther Weise. Es Wird bem Auftreten der Krankheft in Oporto und Lissabon eine übertriebene Bedeutung beigemefsen, aber die Nothwendigkeit großer Vorsicht für
Untersuchung mit Ernst und Strenge durchgeführt und ganz besonders auf bie kleineren Häfen ausgedehnt wirb, so wird ein großer Theil der Gefahr eines Uebergreifens der Pest zunächst auf England, dann aber auch auf Länder Europas beseitigt werden.
t. Ein großes weibliche» Eremplar einer Weer- schiange von ber An Diefir» stokesii würbe von bem Zoologen Boulenger in einer neulichen Sitzung bet Zoologischen Gesellschaft in London vorgelegt. Sie war im Spätsommer vorigen Jahres im Hafen der indischen Stadt Karachi gefangen worben, als fie gerade an der Wasseroberfläche schwamm, ihre Länge betrug 1 'h m. Das Merkwürdige an dem Exemplar war ber Umstand, daß der ganze Leib ber Schlange mit einem dicken Polster von grünen Pflanzen bewachsen war, auch diese Wurden natürlich bestimmt unb erwiesen sich als verschrobene Arten von Algen, die im indischen Meer häufig Vorkommen. Ein so dichter Pflanzenwiichs auf einet Wasserschlange ist nichts Häufiges, und die zoologische Litteratur kennt vielleicht nur noch einen ähnlichen Fall, bei bem es sich um eine süßwasserschlange ans Siam-handelte. Die neulich gefangene Seeschlange wurde später secirt und dabei stellte es sich heraus, daß sie in ihrem Leib 22 gut entwickelte Jungen in ber Länge von 30 bis 42 cm unb außerbem zwei noch nicht ausgereiste Eier barg.
* Verschiedene Nlillheilunae». Die golbene Hanbury» Medaille ist in diesem Jahre von der Pharmaceutischen Gesellschaft von Großbritaunicn bem Chemiker Professor Albert Labenburg in Breslau für sein Werk über Alkaloide unb ihre Derivate zu» erkannt wordcu.
Wie die „Chemiker-Zeitung" aus London meldet, ist es Pro» fessor James Dewar gelungen, Wasserstoff als eine glaS» artige, durchscheinende Masse zu gewinnen.
Die Direttion des Dresdener Hoftheaters hat an» geordnet, baß von jetzt an nach ben Aktschlüssen höchstens drei, am Schluffe des Stückes höchstens sechs Hervorrufe gestattet find. Bisher hatte man die mitwirfenben Sänger unb Schauspieler bi» zu fünfzehnmal hervorgerusen.
