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47. Jahrgang. No. 38®,

-Wiesbadener Tagblatt (Abcnd-Ansgabe). Verlag: Langgaffe 27,

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Ans Knust und Krben.

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Figtleira r von einem Todesfall in Barcellos.

Seite 2. 21. August 1899.

daß beute vor der Sitzung die Landräthe und höheren Regiernngs- beaniten, welche Mitglieder des Hauses sind, zum Minister des Innern berufen wurden, welcher an sie das Ansinnen gestellt habe, für die Regierungs-Borlage zu stimmen.

Deutsches Kelch.

* Kof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser hat, wie, der „Germania" zufolge, in parlamentarischen Kreisen ver­lautet, die Nachricht nach Berlin gelangen lassen, daß et mit Rück­sicht auf die Verwickelungen der muerpolitischen Lage seine Reise unterbrechen und sogleich nach Berlin zuriickkehren werde.

* Kerlin, 21. August. Ein allgemeines Veräußerungs­verbot ist, wie die „Volkszeitung" hort, gerichtlicherseits gegen den

bände ist eine dichte Polizistenkette irdischen Abzugskanäle sind bewacht, l. .... y . Leitung sind wieder unterbrochen. Man erzählt, eine Anzahl Metzgerburschen vom Villetteviertel bereitete einen Lebensmittel-

Maßnahmen getroffen. Alle Pariser Truppen find konfignirt. — Me Metzger des Stadtviertels La Billette hielten am Samstag Abend eine Versammlung ab, um über die Aufforderung der Antisemitenführer, sich der Bewegung zu Gunsten Guerius anzuschließen, zu berathen. Ein Theil der Metzger ist zwar der Ansicht, daß Guetin unrecht gehandelt habe, indem er die Bedingungen der Republik abgelehnt hat. Es wurde indeß beschlossen, sich einzeln an einen gewissen Punkt der Stadt zu begeben und daun in Masten nach der Rue Chabrol zu ziehen. Es sind bereits die größten Sicherheits- Maßregeln Seitens der Behörden getroffen worden. Die Wirth- schaften in der Rue de Magenta und der Rue la Fcajette müssen geschlossen bleiben. In der vergangenen Nacht kam es in der Rue Chabrol zu einem Zusammenstoß zwischen Polizei und Antisemiten.

* Spanien. Die »ach Oporto gesandten spanischen Aerzte halten den Sanitätsdienst und die getroffenen Vorbeugungs- maßregeln in Portugal für ungenügend. — Gerüchtweise verlautet von einer in Figueira an der Pest borgekommenen Erkraukiing und von einem Todesfall in Barcellos. Die Epidemie [dfeiut au Ver­breitung zu gewinnen. Au der portugiesischen Grenze wurden mehrere Lazarethe errichtet. Der spanische Konsul in Oporto soll zur Verantwortung gezogen werden, weil er es unterlasien hat. die Regierung von dem Austreten der Pest in Kenutniß zu setzen. ÄuS Portugal kommende Reisende bestätigen, daß ein Pestfall in Lissabon vorgekommen ist.

Ausland.

* Italien. Anläßlich des Festes des heiligen Joachim hielt der Papst gestern Mittag in der Privatbibliothek Eercle ab, wobei 900, Personen zugegen waren, darunter 16 Kardinale, viele Prälaten und Vertreter der katholischen Gesellschaftskreise. Der Papst sprach über verschiedene religiöse Fragen, berührte aber politische Angelegenheiten nicht. Schließlich gestattete er allen Anwesenden, vor dem Thron zu befiliren und ihre Ehrerbietung mi bezeugen. Hierbei richtete er an Alle wohlwollende Worte. Das Aussehen des Papstes war frisch, feine «Stimmung ausgezeichnet. — In Italien herrscht, wie uns unser römischer m-Korrespondent mittheilt, große Aiifregmig über den schweren Unglücksfall bei den Kavalleriemanövern in der Nähe von Ferentino. Ein Theil des Regiments stürzte in einen Graben, 2 Offiziere und viele Soldaten find schwer verwundet. Es soll sich um ein Verbrechen handeln, da der Graben künstlich durch Strauchwerk verdeckt war. Der Minister hat strengste Untersuchung angeordnet.

* Frankreich. Der Anarchist Sebastian Faure hat Samstag Abend einen Aufruf vertheileil lassen, worin er die Socialisten auffordert, den Kampf zur Vertheidigung der Republik zu beginnen und die Soldaten zur Fahnenflucht aufpireizen. Der Aufruf hat in dem alten republikanischen Stadtviertel von Paris eine unge­heure Aufregung hervorgerufen. Me Socialisten beschloffen, sich heute auf dem Platz de la Republique zu versammeln. Man ist daher auf sehr ernste Dinge gefaßt. Die Regierung hat umfaffenbe

Für gestern wurden größere Zusammenstöße befürchtet. — lieber die Rede Kaiser Wilhelm? bei der Enthüllung des Krieger- denkinals in St. Privat schreibt Cornely im „Ftgaro": „Der Kaiser sagte mit dem herrlichen Gedankenschwung, der ihm eigen: „Wenn unsere Fahnen sich über den Gräbern neigen werden, dann werden sie auch die Gräber unserer Gegner grüßen." Also weniger als 30 Jahre nach dem erbitterten Kampfe grüßen und betounbem sich Sieger und Besiegte. Weläze Lehre können die Franzosen, die Söhne desselben Vaterlandes, die sich jetzt hartnäckig befehden, aus diesen Worten ziehen!" — In der Festung Gnerins in der Rue Chabrol meldet sich, wie vom Samstag gemeldet wird, der Hunger. Die Blokade wurde auf das Strengste burchgesiihrt. Um die Ge- ' " ‘ "" ' " gezogen. Selbst die unter«

Die Wasserleitung und Gas­

luguit. Em allgemeines Veräußerung! ..... „Volkszeitung" hort, gerichtlicherseits gegen de.. Geh. Oberregierungsrath Frh. v. Broich erlassen worden, nachdem die Eröffnung des Konkurses über sein Vermögen beantragt worden ist. Freiherr v. Broich ist Vortragender Rath im Staats« Ministerium, in das er berufen wurde, als Graf Wilhelm v. Bismarck 1885 das Landrathsamt in Hanau übernehmen sollte, das Herr v. Broich bis dahin verwaltete. Freiherr v. Broich ist in Berlin vielfach bei der Begrüildmig und Leitung von Genossen­schaften betliciligt gewesen und hat neuerdings noch in einem Prozesse von sich reden gemacht.

transport vor und würde nöthigenfalls mit äußerster Gewalt bis zu den Eingeschlossenen zu bringen suchen.

* Dänemark. Der „Berliner Lokal-Anzeiger" meldet aus Kopenhagen: In hiesigen Hofkreisen erregt es großes Aufsehen, daß die Prinzessin Maud von Wales ihre Mutter, die am Donnerstag hier eintrifft, nicht nach Kopenhagen begleitet, umso mehr, als alle Mitglieder der dänischen Königssamilie sich in Berustorff versammeln. Man betrachtet dies als Beweis, daß die Prinzessin Mand überhaupt nicht mehr hierher zurückkehri.

* Rnffiand. Die „Novosti" berichten über die Rede des Kaisers bei St. Privat, führen die beiden Heeren geltenden Worte an und fahren dann fort: „Diese in einem so feierlichen Augenblick vom Kaiser gezollte Anerkennung wird ohne Zweifel in Frankreich nach Gebühr gewürdigt werden. Der Kaiser konnte auch nur von den Heldenthaten seiner Truppen sprechen, allein er verstand es, in den lobenden Worten beide zlänzenve Armeen zu vereinigen, somit noch einen weiteren Schritt zur Aunähermig der beiden großen Nationen zu thun." — Mr „Herold" sagt, die schönen, versöhnlichen Worte, welche der Kaiser gesprochen habe, würden nicht wirkungslos bleiben.

® Serbien. Aus Belgrad, 18. August, wird unS geschrieben: Die von dem Diktator Milan eingeschlagene Politik läuft — wie man ganz deutlich sieht — auf zwei Ziele hinaus: die Vernichtung seiner persönlichen Feinde und die Erlangung von Geld. Da sich nun aber der Exkönig bei der Verfolgung seines — man kann sagen — Hauptzweckes durch die Art und Weist, wie er gegen feine Widersacher vorgeht, selbst int Licht steht, da Geld doch nur zu bekommen ist, wenn Ruhe im Laub herrscht, so ist es der Einwirkung Oesterreichs gelungen, ihn zu einem bedeutungs­vollen Frontwechsel zu bewegen, der sich in der Ernennung Jivan Jivanovics zum Haubelsminister an Stelle von Lozanie fiar zu erkennen giebt. Jivanovic galt nämlich stets für das alter ego des ehemaligen Regenten Ristie, unter dem er in den Jahren 1892 93 Präsident der Skuptschina war und durchs dessen Einstuß er Staatsrath wurde. Seine Berufung in das Staats- mimsterinm bedeutet also nicht mehr und nicht weniger als einen Wiederbeginn des „alten" Regimes wenn dabei auch vorläufig die Person Ristics nicht in Frage kommt, sondern nur seine liberalen Partei­gänger eine Rolle spielen werden. Ristie selbst war bekanntlich zweimal Regent und hat wiederholt offen erklärt, daß er nimmermehr Minister werden wolle. Er hat es auch garnicht nöihig, da er ein wohl­habender, sparsamer Mann ist, dessen Pension nicht viel weniger beträgt als das Ministergehalt. Im Uebvigen darf man wohl daran erinnern, daß er stets bestrebt war, mit allen ihm zu Gebote stehendeil M itteln dieanti -dynastische Bewegung im Lande nieder­zuhalten, daß seine Partei, die für die Dynastie seit jeher verläß­lichste, nur deshalb unvolksthümlich geblieben ist, weil sie auch unter den schwierigsten Verhältnissen und trotz aller Demüthigungen, die sie von Milan zu erdulden hatte, stets an der Seite des Königshauses ausharrte. Ihr Wahlspruch war von jeher: Mehr Anstand, mehr Gewissen, und wenn sie jetzt rcieber eine führende Stellung erlangt, so ist der Sturz des Kabinetts Vlndan Georwvic damit besiegelt. Während es so auf der einen Seite etwas heiler zu werden beginnt, liegt auf der anderen Alles noch im tiefsten Dunkel, denn die verschiedenen Termine, welche über den Beginn der Gerichtsverhandlung gegen Knezewic verbreitet werden, gelangen hinten herum aus maßgebender Quelle an die Oeffeutlichkeit nnd stellen sich deshalb als unglaubwürdig bar, weil die Regierung keinesfalls eher verhandeln lassen wird, als bis die politische Situation nicht geklärt ift. Deshalb wuche auch der Zusammentritt der Skuptschina abermals verschoben. Es ist übrigens für die zu erwartende Objektivität des Gerichtshofs be­zeichnend, daß der Untersuchungsrichter zugleich die Funktionen des Staatsanwalts vertritt.

* Verschiedene Rlittheilnugen. Das Pariser „Journal officiel" veröffentlicht ein Dekret, durch welches das Pasteursche Institut zu Paris zur Herstellung von Antipestserum er­mächtigt wird.

Der zwölfte internationale Orientalisten-Kongreß wird vom 5. bis zum 15. Oktober in Rom tagen.

Das Museum der Ohrenheilkunde in London enthält 30Q.Q Paar kranker und mißgestalteter Ohren.

hd. Kerlin, 20. August. Nach der „National-Zeitung" herrscht in den weitesten politischen Kreisen die Ansicht, daß das preußische Staatsministerium die gestrige Niederlage nicht zu überstehen ver­möge und daß eS seine Entlassung einreichen und seine Umbildung oder Beibehaltung einiger jetziger Minister erfolgen werde.

hd. KamluttP, 20. August. Der „Hamburgische Korrespondent" meldet ans Bertrn: Die Nachricht von einer Verschiebung des Verhältnisses der Konservativen zur Krone sei auf eine un­mittelbare Veranlassung des Kaisers in die Presse gebracht worden, lieber Elnzelmaßnahmen herrscht völlige Un­gewißheit. Die Rückkehr des Kaisers nach Berlin erfolgt wahr­scheinlich am Dienstag.

* Ke stech des Kaisers in — Amerika! Nach feinem eigenen Zugestandniß wird der Kaiser dem Lande der Bankers einen Besuch abftatten. Allerdings steht die Verwirklichung dieses Planes noch tn weiter Feme, beim erst sollen die Ingenieure ein Boot bauen, welches im Staude ist, in der Stunde vierzig Meilen zurück­zulegen. Unter den jetzigen Verhältnissen falle es dem Kaiser sehr schwer, 5 bis 6 Tage ohne Nachricht von Deutschland zu fein. Diese Worte soll der Kaiser auf seiner diesjährigen Norblandreise in ber norwegischen Bucht während seines Besuchs auf dem Hamburg-Amerika-Dampfer „Auguste Viktoria" zu dem auf diesem Schiffe anwesenden bekannten amerikanischen Großindustriellen und früheren General-Postmeister Jolm Wanemaker geäußert haben, als dieser den Kaiser danach fragte. Im Uebtigen unterhielt sich der Monarch mit dem Amerikaner in freundlichster Weise. — Es läge also nur an den Schiffbauern, wenn dieser Besuch Amerikas vor der Hand noch unterbleibt. Sie mögen sich also etwas beeilen.

* (Corthe und Schiller, Das in Weimar stehende Trakmal der beiden Dichter ist trotz seiner auch ün Bilde harmonisch künstlerischen Wirkung kaum in besseren Reproduktionen auf den Markt gekommen; die Photographieen sehen meist wegen des nickst gerade dekorativen Häuser-Hintergnindes weniger gut aus und die alteren kleinen Stiche wollen dem durch die gewaltigen Fortschritte der graphischen Technik verwöhnten Geschmack unserer Tage nicht mehr' znsagen. Jetzt hat es sich zu Goethes 150. Geburtstag der Kunstverlag von G. Heuer u. Kirmse in Berlin W., Frobenstraße 17, angelegen sein lassen, dem Meisterwerk Ernst Rietschels durch eine Kupferätzung in Imperial-Format (Preis 12 Mk.) zu größerer Volks- thünstichkest zu verhelfen. Die beiden in ruhiger Plastik auf dreiteuiSockel stehenden Dichtergestalten mit der in das Postament eingelaffenen Broncetafel „Dem Dichterpaar Goethe und Schiller das Vater­land" eignen sich vorzüglich zum Zümnerschmuck, für Vereins- und Schulräume ec., da der Kupferdruck mit seinem weichen, lebendig warmen Farbenton doch die vornehmste Vervielfältigungsart bet den rein mechanischen Reproduktionsarten bleibt. Wir wünschen dem schönen Kunstblatte weiteste Verbreitung. Die beiden Groß­meister deutschen Schriftthums, einträchtig nebeneinander auf dem­selben Grunde stehend, sind zugleich die einfachste und würdigste Verkörperung jener idealen Dicksterfreundschast, die Beide antrieb, neidlos fördernd und befruchtend auf des Andern Ideenflug ein­zuwirken. Dieses sympathische Bild kann dem Deutschen, nament­lich der deutschen Jugend, nicht eindringlich genug vor Augen ge­führt werden.

Der Dreyfus-Vrozeß.

hd. Uenneo, 19. August. Eröffnung der Sitzung 6'/- Uhr. Erster Zeuge: Kommandant Cuignet. Derselbe war seiner Zeit mit der Durchsicht des gcheimen Dossiers beauftragt und hat die Fälschungen Henrys entdeckt. Vor dem Kassationshof war er neben Sieget der leidenschaftlichste Ankläger. Er beschuldigt auch du Paty de (Staut der Fälschung. Der Zeuge erklärt, daß er einen neuen Beweis beibringen könne für die indiskrete Art, in welcher Dreyfus sich Mitteilungen zu verschaffen suchte. Er habe sich mit Minen zu beschäftigen gehabt, welche im Kriegsfall die Eisenbahnstrecken zerstören sollten. Dreyfus sei mit einer ähnlichen Arbeit betraut gewesen, habe aber nur Kenntniß gehabt von den Minen der Ostbahn. Eines Tages habe Dreyfus gebeten, Mittheilungen über den Centraldienst zu erhalten. Er, Cuignet, habe solche verweigert, trotzdem sei es Dreyfus gelungen, sich diese Noten zu verschaffen. Bet einer späteren Haussuchung bei Dreyfus seien dieselben nicht gefunden worden. Er frage nun, wo diese Noten geblieben seien. Er halte Dreyfus für schuldig und stütze seine Ueberzeuguiig erstens auf das Geständig Dreyfus', zweitens auf das Bordereau und drittens auf den geheimen Dossier. Im Kriegsmiiiisterium existire ein Dossier, welches Einzelheiten über die Jntrignen zwischen Persönlichkeiten, die heute noch eine hervor­ragende Stelle bekleiden, und Repräsentanten einer fremden Macht enthielte. Dasselbe habe noch kein Richter gesehen. Zeuge erklärt weiter, Dreyfus sei nicht der einzige Spion gewesen. Der Agent A. sei speziell mit Spionage beauftragt gewesen. Derselbe vertheidige beute Dreyfus und wollte ihm Ester­hazy unterschieben. Als Zeuge lagt, es sei dargethan, daß Dreyfus Berrath geübt, stößt Dreyfus einen Rus aus, der nicht verstanden wird. Nochmals auf den Agenten A. zurückkomiueud, bemerkt Cuignet, deniselbeu sei einmal gestattet worden als einziger Ausländer einer Reiterübuiig beizuwohnen. Er habe nachher nach Haus geschrieben, wie kindlich sich die französischen Offiziere von ihm die Würmer aus der Nase ziehen ließen. Cuignet ruft mit Donnerstimme: Wir werden niemals zugeben, daß ausländische Offiziere solcher Gattung vor einem

ch nicht glaubte, durch Wiederholung der von den Vertretern der Regierung bargclegtcn und nicht widerlegten Argiimente zu Gunsten der Vorlage gegenüber den in den Fraktionen gefaßten Beschlüssen eine Aeuderung herbeiführen zu können. Auch heute beschränke ich mich auf wenige Worte. Ich will mein Einverständnis; mit der vorhin gehörten Erklärung des Herrn Finanzministers be­kunden und dann Sie, meine Herren, namentlich von der rechten Seite dieses Hauses, bitten, sich keinen Illusionen hin­zu ged en. Wenn der Mittelland-Kanal, wie es den Anfchein hat, heute verworfen wird, so wird er doch nicht von der Tagesordnung verschwinden. Er wird wieber- kommen, und die Regierung wird daun dafür sorgen, daß er zur Annahme gelangt. Diese Frage kann nicht allein und für sich behandelt werden. Denn sie wird weittragende Folgen in Beziehung auf das bisherige Verhältniß der Konservativen zur Regierung haben und kann nur un­heilvoll auf das Zusammengehen der staatserhaltenden Elemente des Landes, namentlich auf das Zusammengehen auf dem Gebiete der Handelspolitik wirken. Das mögen die Herren von der Rechten bedenken! — Vieepräsident Miquel erwidert auf die Ansprache des Abg. Rickert, daß die Regierung auf der Bewilligung des Mittelland-Kanals auch bann bestehen werde, wenn heute mir der Dortmund-Rhein-Kanal bewilligt werde. Damit schließt die Er­örterung. Nach einer längeren Geschäftsordnungsdebatte wird be­schlossen, den Antrag Bachmann (nat.-lib.) zur Grundlage der Eiuzelberathung zu machen. — Abg. Dr. Rintelen (Centr.) erörtert einige technische Fragen. Redner kann anfangs, trotz häufiger Glockenzeichen des Präsidenten, bei der großen Unruhe des Hauses nicht zu Wort kommen; seine Ausführungen bleiben auch in der Folge im Zusammenhang un­verständlich. Darauf wird die Erörterung geschlossen. Heber den Antrag Bachmann (nat.-lib.) (Wiederherstellung der Regierungs­vorlage) wird namentlich abgestimmt. Es nehmen '414 Ab­geordnete Theil, davon enthalten sich 82 Abgeordnete vom Centrum der Stimmabgabe. Für den Antrag stimmen 147, dagegen 235; der Antrag ist also mit 88 Stimmen Mehrheit a b g e l e h u t. Nunmehr wird über den § 1 des Centrumsantrags abgestimmt. Derselbe wird mit 275 gegen 134 Stimmen abgelehnt. Ohne weitere Debatte wird der Nest ber Vorlage gleichfalls abgelehnt. Vom Abg. Arndt (freikous.) ist eine Resolution eingebracht, die Regierung zu ersuchen, eine Vorlage über die Verbindung des Dortuiund-Ems-Kanals mit dem Rhein durch Kaualisirung der Lippe ober durch eine andere leistungsfähige Wasserstraße zu machen. Das Haus lehnt diese Resolution ab. Die die Kanal-Vorlage be­treffende» Staatsverträge mit Bremen, Braunschweig und 'Lippe werden von der Tagesordnung abgesetzt. Montag, 11 Uhr: Kleine Vorlagen.

französischen Gericht gegen französische Offiziere aussagen. In der Panizzardi-Depesche sieht Zeuge den Beweis der Begehungen Dreyfus' zu Italien. Auch der Bericht des Obersten Schneider bezeuge die Schuld Dreyfus'. Der Bericht sei von General Chanoine als unanfechtbar echt bezeichnet worden. Ein authentisches Zeugnis; sei auch bei den Akten über einen Toast, den Schneider bei einem Abschiedseffen zu Ehren des Agenten A. gehalten hat und welcher schließt mit den Worten: Lange noch wird man in allen Armeen der Welt von ihm sprechen und wird sagen: Das war ein Kerl. Hierauf fragt einer der Richter, ob Cuignet Einzelheiten über die Fälschungen Henrys geben könne.' Cuignet theilt einige schon bekannte Details mit. Saniere sagt hierauf mit brummiger Stimme: „Ein Zeuge hat hier über einen Bericht eines in Frankreich beglaubigten ausländischen Offiziers eine Erklärung abgegeben. Im Namen der Regierung mache ich über diese Erklärung meine Vorbehalte." Auf Verlangen von Demange verliest der Gresfier einen Theil von Cuignets Aussagen vor dem Kassationshof, welche sich mit den heutigen Aussagen Cuignets in Widerspruch befinden. Auf die Frage Demanges, ob der Rapport eines Militär-Attaches so gelautet, wie Mercier ihn vorgelesen, antwortet Cuignet: „Es stand auch noch etwas Anderes darin. Es war von der Revisions-Campagne zu Gunsten Dreyfus' die Rede, sowie von einem Besuch bei Agent A." Demange stellt noch verschiedene Fragen über die Fälschungen Henrys und das Dokument „Cette Canaille de D.“ Cuignet sagt, dies Dokument sei ihm verdächtig erschienen. DreyfuS ruft laut: Es ist schändlich, daß man zwei Stunden lang so gegen einen Unschuldigen sprechen darf. Karriere theilt mit, daß bu Paty de Slam krank sei und nicht kommen könne. Wenn sein Befinden sich nicht bessere, müsse man seine Aussagen verlesen. Demange verwahrt sich hiergegen. General Boisdeffre giebt als nächster Zeuge die bekannte Vor­geschichte des DreyfuS-FalleS wieder, bezüglich des Geständnisses Dreyfus' kann er sich nicht erinnern, daß Picquart ihm die Mit­theilung über ein Geständniß Dreyfus' überbracht habe. Betreffs Picquart erklärt der Zeuge, er habe zuerst gezögert, denselben in den Generalstab zu nehmen und habe es nur auf eine Empfehlung Gallifets gethan. Zeuge spricht nun über den Fall Esterhazy und kommt dann wieder aus Picquart zurück. Im Interesse des Dienstes habe er den Kriegsminister ersucht, Picquart aus dem Generalstab zu entfernen und nach Tougkiug zu senden. Demange fragt, ob er etwas von Beziehungen Picquarts zu DreyfuS wisse. Demange fragt außerdem noch den Zeugen, ob nach der Verurtheilung Dreyfus' Schriffftücke verschwunden seien. Der Zeuge bejaht dies. Nachdem Dreyfus auf die Frage, ob er noch etwas zu sagen habe, mit Nein geantwortet hat, tritt eine kleine Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wird General Gonse aufgerufen. Derselbe sagt, Esterhazy habe nie' Geld für Nachrichten bekommen, er halte es auch für unmöglich, daß das Bordereau von Esterhazy und du Paty de Clam angesertigt sei. Er bestreite auch, daß Henrh sich zur Anfertigung von Fälschungen für. das geheime Dossier du Paty be Elams bedient habe. Ein Mitglied des Gerichts stellt die Frage, ob Dreyfus je während 24 Stunden die Schriftstücke betreffs der Decknngstruppen in Händen gehabt habe. Zeuge kann hierüber keine Auskunft geben. Gonse bestreitet die von Bertulus erwähnte tragische Scene mit Henry. Er theilt mit, daß Henry, als er ihm das falsche Schriftstück cinljänbigte, ihn ersuchte, cs nicht Picquart zu zeigen. Auf die Frage Demanges antwortet Gonse, er habe Picquart angewiesen, von einer Untersuchung gegen Esterhazy wegen der Unterschrift des Bordereaus abzusehen. Dreyfus schildert hierauf, wie schwer es sei, in das Bureau des Ministeriums zu gelangen. Nack einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Picquart, Gonse und Billot wird die Sitzung um 11 Uhr 45 Min. auf Montag Morgen vertagt.

w. Paris, 20. August. Die Morgenblätter besprechen die Aus­sage Cuignets vor dem Kriegsgericht in Rennes und verlangen, daß volle Klarheit geschaffen werde. Die „Petlte Republique" meint: Oberst Schneider bestätigte in dem Telegramm an den Vorsitzenden des Kriegsgerichts, Jonanst, das Dementi hinsichtlich des ihm von General Mercier zugeschriebenen Briefes. Dasselbe Blatt glaubt zu wissen, daß die Regierungen von Frankreich und Oesterreich geneigt seien, den Erklärungen Cuignets keinerlei Bedeutung bei- zmnesseu. — Das „Echo de Paris" sagt, aus ber Aussage gehe hervor, daß ein Aktenstück vorhanden sei, welches das Kriegsgericht nicht gekannt habe und aus dem die Drganifirung des umfang­reichen, von den auswärtigen Attaches geleiteten 'Spionagenetzes hervorgeht, sowie die Beweise dafür, daß zwischen mehreren fran­zösischen Persönlichkeiten und den auswärtigen Botschaftern über die Dreyfus-Angelegenhesi Verhandlungen ftattfauben.

wb. Aennes, 20. August. Gestern wurde hier eine Frau ver­haftet, welche nm eine Eintrittskarte zu bett Verhandlungen des Kriegsgerichts nachsuchte, um, wie sie sagte, Dreyfus zu tobten. Man glaubt, daß es sich um eine Geisteskranke handelt. — Gestern Früh war ein Individuum verhaftet worden, von dem man zuerst annahm, daß es mit dem Morbanschlag auf Labori in Ver­bindung stehe. Nunmehr hat sich heranSgestellt, daß dies nicht der Fall ist.

hd. Nknnrs, 20. August. Labori arbeitete gestern nach einem Spaziergang im HauSgarten einige Stunden, ohne allzu große Schmerzen zu verspüren. Dr. RcclttS meint, Labori sollte der morgigen Sitzung beiwohitcti, zunächst ohne Fragen zu stellen. Labori findet das Resultat der vergangenen Verhandlungswoche sehr erheblich. Insbesondere erscheint ihm wichtig, daß Picquarts scharfe Darstellungen in allen Hauptpunkten unwidersprochen blieben und daß in die Geheimakten durch die letzten Zwischenfälle eine starke Bresche gelegt worden ist. Zit den Specialaufgaben Laboris gehört die Klarstellung des Falles bu Paty be Clam. Es wäre nicht unmöglich, daß beibe Patienten, Labori und du Paty be Clam, morgen im Gerichtssaal erscheinen. Die Haltung Dreyfus' findet Labori vorzüglich. Der Zustand Laboris bessert sich immer mehr.

hd. Remtco, 21. August. Wie vorher zu sehen war, wird Labori entgegen den optimistischen Hoffnungen seiner Freunde noch nicht am Prozeß theilnehmen. Die Wunde ist noch nicht geschlossei!. Jetzt hoffen seine Freunde, er werde im Laufe der Woche kommen können. Heute werden Colonel Abonville, General Fabre, Kom­mandant Santi) und Archivar Gribelin verhört werden.

hd. Paris, 21. August. Im Prozeß Dreyfus ist die von einem General erwähnte hohe Persönlichkeit, welche angeblich schriftliche Beweise von der Schuld DreyfnS' haben soll, der ehe­malige französische Botschaftsrat!) Prinz be Berghes, welcher seiner Zeit wegen kolossaler Schulden in die Fremden-Legion ein­treten mußte.

* Krrlin, 19. August. Im Abgeordnetenhause verlautete, daß heute vor der Sitzung die Landräthe und höheren Regiernngs- beamten, welche Mitglieder