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Wiesba-kNkr TsMt.

iJ. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27

16,000 Abonnenten.

Anzcigen-Preiö,

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Biizeigen 25 Pfg. Reklamen die Petitzeilc für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

Anzeigen Annahme

für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags, »ächstcrscheinenden Ausgabe toird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur

Donnerstag, den 17. August.

Uo. 381.

Fernsprecher No. 52.

Fernsprecher N». 52.

1899.

Morgen-Ausgabe

sind die Kosten

ijmen bis zu dem

o. Turnfest. Nach ungefährer Schätzung ft . _____

des Festes bereits vollständig durch die Einnahi gestrigen Tage gedeckt. Die Zeichner des Garantiefonds dürsten also kaum in Ansprtich genommen werden.

Aus Stadt und §«nd.

Wiesbaden, 17. August.

Gcschichtokalender. 17. August. 1878: f Theodor Döring zu Berlin, berühnlter Schauspieler (* in Warschau). 1870: Seegefecht bei Hiddensee. 1866: Friedensvertrag zwischen Baden und Preußen. 1863: Deutscher Fürstentag zu Frankfurt a. M. unter Vorsitz des Kaisers von Oesterreich. 1812: Napoleons Sieg über die Russen bei Ssmolensk. 1812: Der französische Marschall Oudinot mit St.-Cyr und den Bayern siegen über die Russen bei Sßolojf. 1789: f Friedrich der Große von Preußen zu Sanssouci. 1676: f Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen zu Renchen in Baden, der Verfasser des berühmten RomansSimplicisstmus" S zu Gelnhausen). 1513: Schlacht bei Guinegate, die sogenannte Porenschlacht.

Schritte zum Bau einer Wasserleitung gethan hat. Am Schul­lehrer-Seminar zu Montabaur ist der bisherige Hülssarbeitcr Schiel zum ordentlichen Seminarlehrer befördert worden. Herr Dr. Nieves, KreisthierarztinMarbura, wurde zum kommissarischen Docenten an der Thierärztlichen Hochschule in Hannover ernannt.

ausgiebigsten Gebrauch durch Auf- und Zuschlägen. Der obere Schlußdeckel dient gleichzeitig als ausgezeichneter Resonanzboden ihrer melodischen Vibrattonen. Daher dies fürchterliche Getöse. Der Erfinder dieser entsetzlichen Gefährte müßte der Nachwelt mindestens im Namen erhalten bleiben, besonders wenn et gleich­zeitig das Kolonnenfahren seiner Geistesprodukte im Anae batte. Gründliche Abhülfe wäre nur möglich, wenn man zu den ähnlichen erhabenen Zwecken dienenden Vehikeln anderer Städte übergehen wollte.

* Ans der Umgebung. In Oberstedten hat sich ei» neuer Gesangverein unter dem Namen .Liederkranz" gebildet, der bis jetzt 22 Mitglieder zählt. Znm Dirigenten wurde Herr Heinrich Beclitholdt von Gonzenheim gewählt. Montag,den21.d.M., begeht Herr Lehrer Junior von Philippstein die Feier seine» 50-jährigen Dienstjubiläums. Bereits am 1. August, an welchem Tage Herr Junior seine 50 Dienstjahre zurückgelegt hatte, war ihm der Hohenzollernsche Hausorden mit der Zahl 50 verliehen worden. Seit dem 20. Juli sind die beiden Kinder Heinrich und Joseph der Eheleute Bernhard Halsmann aus Buschhausen bei Ober­hausen spurlos verschwunden. Die Kinder, 9 und 6 Jahre alt, wollten am genannten Tage zur Schule, seitdem hat man aber nichts mehr von ihnen gehört und gesehen. Erzherzogin Elisabeth von Oesterreich trifft am nächsten Sonntag, Den 20. d. M., znm Kurgebrauch in Lanqenschwalbach ein. Die diesjährige Herborner Kirchwethe wird am 2., 3. und 4. September gleichzeitig mit einer Gedenkfeier am 2. September abgehalten werden. Die der Gemündener Darlehenskasse ge­hörige Obermühle bei Westerburg ist an ein Konsortium in Köln verkauft worden. Es soll ein Elektricitätswerk daselbst er­richtet werden. Zu der Meldung über die Typhusepidemie im Dorfe Berg bei Singhofen werden jetzt genauere Einzelheiten bekannt, welche glücklicher Weise weniger ernst lauten, als die erste Nachricht. Bis jetzt und 36 Erkrankungen, darunter 3 Todesfälle,' vorgekommen. Gegenwärtig sind nur 7 Personen bettlägerig. Eine amtliche llntersuchnng hatte das Ergedniß, daß das Trint- wasser mehr oder weniger zum menschlichen Gebrauch untauglich ist, sodaß die Gemeinde Berg auf Veranlassung der Kgl. Regierung Schritte zum Bau einer Wasserleitung gethan hat. Am Schul­lehrer-Seminar ztt Montab

die auf dem Kreditbrief genannten Aussteller depeschirt. Die Ant­wort lautete: Alles Schwindel. Das hiesige Bankhaus ist demnach von einem geriebenen Gauner betrogen worden. Die sofort cm- S eilten Nachforschungen durch die Polizei haben bis jetzt zu keinem ultat geführt.

d. Der Messerstecher, welcher am Montag Nachmittag den Zimmermann Wagner aus Dotzheim schwer verletzte, ist der ' 19 Jahre, alte Backsteinmacher Pahl aus der Waldstraße. Die That hat er offenbar in einer Nachwirkung des gelegentlich des Turnfestes im Uebermaß genossenen Alkohols begangen, eine andere Erklärung seiner Rohheit ist nicht beizubringen.

Ala unbestellbar ist znriidtaekommen: ein am 4. August hier aufgegebener Einschreibebrief, 15 Mark enthaltend, an Frau Klara Lacns in Königsberg (Pr.), Kruastraße 13, III, abgesandt von Gerty, sowie ein am 15. Mai hier aufgegebener Ein­schreibebrief, 20 Mark enthaltend, an Otto Vergling tn Eisenach, bahnpostlagernd.

Kleine Uotizen. Der Fürst von Bulgarien machte auch in dem Geschäft des Herrn Juwelier I. Bender, Wilhelm- straße 24, mehrere Einkäufe.

Vereins - Nachrichten.

Kurze sachliche Berichte werden bereitwilligst unter dieser Ueberschrift ausgenommen.

* Der Vorstand desVerein selbständiger Kaufleute" hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, zur Generalversammlung des Central-Verbandes deutscher Kaufleute, welche vom 21. bis 24. August in Berlin ftattfinbet, die Herren Vorstandsmitglieder I. C. Keiper, C. Schiemann, C. Brodt und Hch. Eifert als Delegirte zu senden; einige Mitglieder des Vereins haben sich bereits diesen Herren angeschlossen und wäre es wünschenswerth, wenn sich noch weitere Mitglieder anschließen würden.

Klimmen ans dem Unbllinim.

(Für Veröffentlichungen unter dieser Ueberschrift übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)

* Ohne darüber streiten zu wollen, ob die nunmehrige Art der Erhebung der evangelischen Kirchensteuer gesetzlich begründet ist oder nicht, möchte Einsender Dieses nur darauf Hinweisen, daß der frühere Modus der Erhebung jedenfalls durchaus ungerecht war, wie nachstehend ziffernmäßig nachgewiesen wird. Einsender Dieses hat ein steuerbares Einkommen von 4200 bis 4500 Mk., welches sich ans Miethseinnahmen und Eiimahmen aus ausgeliehenem Kapital zusammensetzt. Die nach obiger Einnahme zu entrichtende Staatssteuer beträgt 104 Mk. und die nach nunmehrigem Gebrauch zu entrichtende 167s pCt. Kirchensteuer 17 Mk. 33 Pf. Nach dem früheren Verfahren dagegen bezahlte ich bei ganz gleicher Einnahme die Kleinigkeit von 36 Mk. 14 Pf., also in Procenten ausaedrückt 347« pCt. der Staatssteuer. Dabei muß bemerkt werden, baß die Miethseinnahmen noch nicht 37« pCt. Reinertrag des in dem be­treffenden Gebäude festgelegten Kapitals darstellen. Einen Sinn hätte die nochmalige Erhebung der Kirchensteuer auch von der Gebäudestelier allenfalls, wenn die Reineinnahmen ans Gebäuden einen wesentlich höheren Procentsatz als den normalen aus dem in denselben angelegten Kapital ergäben. Daß dies nicht der Fall ist, wird Jeder wissen, der ein Haus besitzt ober ein solches besessen hat. Es ist deshalb nur anzuerkennen, daß der Kirchenvorstand an Stelle der früheren eine gerechte Erhebungsweise hat treten laffen, und wäre es sehr an der Zeit, daß in gleichem Sinne mit der Gebäudesteuer versahren wurde, die doch nur eine Doppel­besteuerung der Hausbesitzer darstellt.

* Die Klage in Nr. 377 über das morgendliche Müllwagen­gerassel in der Rheinstraße wird bei allen Bewohnern von Worth­und Schiersteinerstraße einen lauten Widerhall finden. Es ist im höchsten Grade verwunderlich, daß erst jetzt, nachdem dieser Spektakel schon so lange Zeit sein Wesen treibt, ein Wort darüber in die Oeffentlichkeit bringt. Es bürste ein Zeichen großer Geduld fein, Dingen gegenüber, bie man nicht glaubt ändern zu können. Gedachte Müllwagen erhalten ihre tönende Kraft zum größten Theil von ihrem schrecklichen Aufbau ans Eisenblech. Die Thiiren des letzteren, große mächtige Metallscheiben, sind frei beweglich und machen von dieser Freiheit bei jeder der vielen Unebenheiten des Weges ben

Alt-Wiesbaden in -er Festhalte. Das der Bühne in der Festhalle zur besonderen Zierde gereichende lebenswahre Bild: Alt-Wiesbaden (Marktstraße mit dem Uhrthurm) wurde von Herrn Malermeister Georg Kleber, Karlstraße, ansgeführt.

Kraool Wie wir hören, hat die Direktion der hiesigen Straßenbahnen beschloffen, den Wagenführern und Kondukteuren der nach dem Festplatz fahrenden Bahn mit Rücksicht auf ihre außergewöhnlichen Leistungen währenb der Festtage Grati­fikationen zu Theil werden zu lassen. DieLeute haben's ehrlich verdient. Hoffentlich fallen die Gratifikationen nicht zu klein aus!

Das Gerücht, bas (eit bem Unfall de? Festochsen hart­näckig in der Stadt umgeht, einer von den vom Transportwagen gepurzelten Metzgergesellen habe sich besonders schwer verletzt ober fei sogar seinen Verletzungen erlegen, ist durchaus unbegründet. Die Gesellen sind bis aus einen frisch auf und dieser eine be­findet sich nur einer an sich unbedeutenden Verstauchung eines Armes wegen im Krankenhaus. Er wird aber ebenfalls dieser Tage vollständig mobil bas Spital verlassen können.

Massrnr-Nerrin. In unserer Bäderstadt hat sich ein Masseur-Verein gebildet, welcher dem auf- bem Gebiet bet Massage immer stärker auftretenden Psuscherthurn steuern will. In bcm- selbcn gelangen nur approbirte Masseure und Masseusen zur Auf­nahme. Dieselben haben sich gleichzeitig zu verpflichten, ihren Beruf nur unter ärztlicher Aussicht auszuüben. Wir glauben an­nehmen zu dürfen, daß die Gründung des neuen Vereins ebenso von ärztlicher Seite, als auch von Seiten der Patienten nur mit Freude begrüßt werde i wirb und können dem Verein das beste Gedeihen wünschen.

Gin i«ientntionaler Schwindler. Am Montag Vor­mittag erschien, wie derRhein. Kurier" berichtet, auf dem Mireau :ines hiesigen ersten Bankhauses ein Herr unb präfentirte einen mglischen Kreditbrief mit bem Ersuchen, ihm 90 Pfund Sterling darauf auszuzahlen. Der Prokurist des Hauses fand nach ein­gehendster Prüfung an dem Kreditbriefe, auf welchem schon ver­schiedene Auszahlungen verzeichnet waren, nichts auszusetzen and ließ dem Fremden 90 Pfund Sterling 1800 Mk. anshändigen. Montag Nachimttag erschien derselbe Herr wieder auf dem Bureau des Bankgeschäftes, wo er, da der Prokurist nicht anwesend war, von dem Chef des Hauses selbst empfangen wurde. Der Fremdling verlangte dieses Mal auf seinen Brief 300 Psb. Sterling. Nach nochmaliger eingehendster Prüfung des Kreditbriefes wurden auch diese 300 Pfd. Sterling gleich 6000 Mark ausbezahlt. Nach weiterer Ueberlegung fand man es, nachdem der Fremde mit dem Selbe verschwunden war, merk­würdig, daß Jemand ohne besonderen Grund Morgens 1800 Mk. unb Nachmittags nochmals 6000 Mk. erhebe. Es wurde nun an

Vermischte».

* Der -ritte Zionistrn-Kougretz ist inBasel zusammen­getreten. Heber 300 Delegirte, zum Theil aus entlegensten Ländern, sind eingetroffen, Dr. Herzl (Wien), Präsident des Aktions-ComitöS, dankte für die Gastfreundschaft Basels und betonte namentlich zwei Punkte: Den Erfolg bet Subskription auf die jüdische Natioual- dank unb den Empfang einer Delegation des Aktions-Comitös durch Kaiser Wilhelm in Jerusalem. Dieser Empfang stelle die Legalität und Loyalität der Bewegung außer Frage. Als Präsident deS Kongresses wird gewählt Dr. Herzl, als Vicepräsibent Max Nordau (Paris), Dr. Gastcr (London) und Dr. Mandelstannn (Kiew).

* Eine neue Si,,richtunasmetho-e hat man, wie ein amerikanisches Blatt berichtet, in I a p n n entdeckt. Sie soll schnell und völlig schmerzlos sein und das Aussehen des Tobten unver­ändert lassen, während der Tod durch Elektricität die Züge verzerrt. Der Tod erfolgt im luftleeren Raum. DasVacuum"-Zimmer muß eine luftdichte Zelle sein, die in Verbindung mit dem Gefängniß gebaut wird. Sie ist 8 Fuß hoch, 10 Fuß breit und 10 Fuß lang. Jede der vier Seiten hat ein luftdichtes Fenster mit einer Glasplatte von 7« Zoll Breite. Dadurch ist bem Vollstrecker der Hinrichtung und den Gefängnißbeamten die Möglichkeit gegeben, den Gang deS HinrichtungsprozesscS zu verfolgen. Die Zelle wird mit einer Luft­pumpe verbunden, die die Austreibung der Luft ans der Zelle in 1 Min. und 40 Sek. bewirkt, sodaß der Gefangene gar nicht zur Besinnung kommt und der Tod ohne jede Erstickungsangst äugen»

(Nachdruck verboten.)

ßebendige Krystalle.

Von Zeit zu Zeit haben die internationalen medizinischen Kongresse Mittheilungen über die Arbeiten von Dr. Otto v. Schrön erhalten, der feit dem Jahr 1864 den Lehrstuhl für pathologische Anatomie an der Universität in Neapel inne hat. Nunmehr ver­öffentlichen die wissenschaftlichen Zeitschriften in England auf Grund einer Mittheilung an dasDaily Chronicle" eine Nachricht, die das größte Aussehen zu machen berechtigt ist. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um eine lleberbrückimg zwischen Tod und Leben, das heißt in der Beziehung, daß nunmehr natürlicheKörper entdeckt worden sind, diezngleich alle wesentlichen Eigenschaften des Lebendigen und des Leblosen besitzen. In der Naturkunde unterscheidet man bekanntlich von Alters her die drei Reiche der Mineralien, Pflanzen und Thiere. In jedem dieser drei Reiche giebt es Individuen, Einzelwesen, die durch eine scharfe Begrenzung unb eine Summe von bestimmten Eigenschaften ihre Persönlichkeit beweisen. Während aber im Mineralreich alle Eigenschaften an eine mathe­matisch gesetzmäßige Form gebunden sind, kommen bei Pflanzen und Thieren die Lebensäußerungen, nämlich Bewegung, Stoff­wechsel unb Fortpflanzung, hinzu. Das Erstaunliche an ber an­geblichen Entdeckung des Neapeler Professors besteht nun eben darin, daß sie die Existenz von Wesen festgestellt haben soll, die man als lebendige Krystalle bezeichnen kann, weil sie die mathe­matisch gesetzmäßige Form mit dem Besitz von allen wesentlichen Eigenschaften des Lebens Bereinigen. Dr. v. Schrön hat gefunden, daß lebende Materie, vorzugsweise aus Eiweiß bestehende, krystalline Form anzunehmen vermag, bie so vollkommen den Gesetzen lebloser Krystalle gehorcht, daß sie äußerlich unbedingt zu diesen gerechnet werden müßte, als ob man ein Mineral, wie etwa einen Diamant, einen Bergkrystall, vor sich hätte. Nun endlich hofft der Gelehrte, dem bisher unergründlichen Räthsel der Bildung eines solchen Krystalle- auf die Spur kommen zu können. Man stelle sich

vor, baß die Theile eines Minerals als unbelebt und ohne Bewußt­sein angenommen werden müssen und sich doch unter einem un­bestimmten Zwange zn symmetrischen Körpern von höchster gesetz­mäßiger Vollkommenheit zusammensetzeu, und zwar so, daß sie unter denselben Bedingungen immer genau dieselben Formen bilden. Wie würde man staunen, wenn man eine Hand voll farbiger Steinkugeln einfach zum Fenster hinauswürfe und sie unten auf dein Boden jedesmal so niederfallen sähe, daß sie dieselbe bestimmte Figur, sagen wir einen Kreis ober einen Buchstaben, bitbeten. Bei ber Krystallbilbung vollzieht sich aber genau der entsprechenbe Vorgang, v. Schrön behauptet nunmehr auf Grunb seiner Untersuchungen, daß auch die Krystallisation in ihrem irdischen Ursprünge eine Aeußernng derjenigen Kraft gewesen ist, bie man als Lebenskraft bezeichnet hat. Der Forscher hat 30 Jahre lang unermüdlich am Mikroskop gearbeitet, um nun heute über 40,000 Präparate zur Hand zu haben, die seine neuen Ent­deckungen beweisen. Fast 4000 Photographieen liegen allein über feine neuen Entdeckungen bezüglich der Lebenseigenschaften zahl­reicher Bacillen und Kokken vor, die jetzt in einer Reihe von Vorlesungen einer Gelehrtenvcrsammlung, zu der sich die aus­gezeichnetsten Forscher Italien- zusammengefimben haben, vor­gelegt werden sollen. Man wird also bald Gelegenheit erhalten, die Tragweite jener Forschungen beurtbeilen zu können. Nicht nur für die theoretische, sondern auch für die praktische Wissen­schaft scheinen sie von höchster Bedeutung zu fein, da zunächst die Entwicklung und Fortpflanzung von Bacillen auf eine ganz neue Grundlage gestellt wird.

Nach v. Schrön entwickeln die Mikroben vier verschiedene bisher unbekannte Produkte: erstens eine farblose Flüssigkeit, die den fporenbilbenben Bacillus als Hülle umschließt, zweitens ein Gas, britten« unregelmäßige Massen von Eiweiß, bie bei ben krankheiterregenben Bacillen das eigentliche Gift enthalten, viertens Krystalle. Bei ben krankheiterregenben Bacillen haben alle diese Produkte, bie in rasch anwachsender Menge entwickelt werden, zweifellos einen großen Einfluß auf den Verlauf

der Krankheit, sodaß ihre genaue Kemttniß auf die Behandlung des betreffenden Leidens von größtem Einfluß fein muß. Da- Merkwürdigste dieser Produkte sind nun die Krystalle. Die ersten lebendigen Krystalle wurden durch v. Schrön schon im Jahr 1886 gefunden. Der Anblick erschien ihm so unglaublich, daß er zunächst an seiner Entdeckung zweifelte, aber sie wurde durch weitere Funde in rascher Aufeinanderfolge bestätigt. Die ersten lebendigen Krystalle waren Erzeugnisse des Bacillus ber asiatischen Cholera unb besaßen bie Gestalt von langen nabelförmigen Prismen. Bald stellte es sich heraus, baß auch alle anberen Bacillen, fo weit sie bisher untersucht worben stnb, bestimmte Krystalle von verschiebener Form bilben. So erzeugt der Bacillus subtilis sehr langgestreckte Rhomboeder, der Bacillus taeniae formis hexagonale Prismen, der Tnberkelbaeillus quadratische Rhomboeder, der Milzbrandbacillus längliche Rhomboeder re. Jeder Bacillus kann nach der eigen# artigen Form seiner Krystalle sofort erkannt werden.

Diese Körper nun, die alle Eigenschaften der Krystallform besitzen, sind lebendig, unb ihre Lebensthätigkeit, ihre Bewegung, ihre Fort­pflanzung sinb ebenso sichtbar und unzweifelhaft, wie ihr Sterben, da- nach seinem Eintritt alsbald erkennbar ist. Der Tob ber Krystalle erfolgt, wenn alle lebenbe Materie, bie ursprünglich einen Theil des Krystalles gebildet hat, ausgeschieben ist. Nach bem Tob werben sie gewöhnliche mineralische Krystalle, wie man sie von jeher gekannt hat. Die Dauer ihres Lebens ist unbestimmt unb kann sich je nach ben Bedingungen der Temperatur unb Ent­wickelung auf wenige Stunben beschränken ober lange Zeit hin- zichen. v. Schrön soll viele lebendige Krystalle, besonders solche vom Tuberkelbacillus, feit Jahren unter Beobachtung haben. Diese Mittheilungen sind so außerordentlicher Natur, daß man ihre Bestätigung mit Spannung erwarten muß. Für eine bloße Aus­geburt hochsommerlicher Langeweile kann man sie nicht gut halten­weil zu viel Geist darin steckt. Andererseits ist es auffallend, daß bie Tragweite biefer schon vor einer Reihe von Jahren in der Hauptsache gemachten Entdeckung so gründlich verborgen gebliebe» sein soll. t