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«. Jahrgang

Verlag: Langgasse 27/

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Uo. 377

Dienstags den 15. Angust.

1899

Fernsprecher No. 52.

Fernsprecher N». 52.

Der Dreyfus-Drozeß

vom

[Ctt und

7i pCt.

man ihm Bc-

von vor-

Morgen°Ausgabe.

: Nanu, Sie auch hier, na ... ... ______ . ,cdjt haben Sic!" Und Schmid

erwidert resignirt und in schändiicher Heuchelei:Ne, wie das inich

tfl lang", so hat .:d)t unangenehme Auguste, dieviel-

O daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der Ferien! So seufzen tn diesen Tagen Tausende und Abertausende von resignirt dreinschauendcn Schülern und Schülerinnen, welche der unerbittliche Schulanfang an die erste der Bürgerpflichten gemahnt, welche sie auf ihrem Erdcnwallcn belästigt. Aber jener geäußerte Wunsch ist ein jenen haben ein Ende wie

er vielleicht gar mit Lebewesen theilen mußte, gegen die zwar auch ein Pulver erfunden worden ist, aber keines, das unfehlbar wirkt. Neben Bielen, die ihre Hoffnungen erfüllt sahen und die sich neu gestärkt zu neuein Tagewerke fühlen, finden sich doch auch Manche, dir fich enttäuscht zeigen und mit warmem Eifer den Satz vertreten, daß es nicht überall gut, zu Hause aber am besten sei.

Ganz besonderen Grund zur Enttäuschung aber haben Jene, welche aus Berlin deshalb geflohen sind, weil sie einmal kürzere Zeit hindurch nicht Berliner unter Berlinern, sondern Mensch unter Menschen sein wollten. Diese Hoffnung ist eine eitle gewesen, denn wo der Mensch auch hinkommt mit seiner Qual, Berliner finbet man überall. Diese Erfahrung macht der Berliner auf

freut!"

In der That ist der Berliner in der Reisezeit überall, aber er ist nicht überall beliebt. Der Spreeathener steht vielfach in dem Ruf, ein unangenehmer Vergnügungsreisender zu sein. Zunächst steht er in dem Ruf, ein scharfer und oft recht einseitiger Kritiker zu sein und auch beim Anblick der schönsten Gegend nicht in rückhaltsloser Bewunderung aufzugehen. Zeigt i...... wunderung heischend die eisstarrende Jungfrau, S

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-PreiS: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. go Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Franzosen bewirken soll." Der Wunsch wird schwerlich in Er- siillung gehen. Von den Hauptbetheiligten am Prozeß weicht keiner auch um Haaresbreite von seinem ursprünglichen Standpunkt zurück; Haßentbrannt und in Todfeindschaft stehen die Gegner ein­ander gegenüber und von gleichen Gefiihlen ist das ganze, hinter ihnen befindliche und in zwei ungleiche Lager gespaltene Frankreich erfüllt. Der Urtheilsspruch wird vielleicht nur ein Zeichen zum Dreinhaucn sein.

Neben der Sommerfrische für die oberen Zehntausend giebt es in Berlin auch eine Souimerftische für die unteren Zehntausend. An den Grenzen des Weichbilder der Stadt haben sich überall, wo noch unbebautes Land,nichts als Terrain", zu finden ist, ((eilte gemächliche Lanbenkolonieen angefiedelt. Die Ent­stehung eines solchen Sonunerbesitzes ist sehr einfach. Man Pachtet sich für wenige Thalei von einem Terrainbesitzer ein Stückchen Land, baut sich eine kleine primitive Bretterbude darauf und der Hüttenbesitzer" ist fertig und fühlt sich alsVilla". Derarttge Kolonieen finden sich in Berlin Huitderte und es herrscht in ihnen ein gemächliches amüsantes Leden. Am Sonntag erhall der Villenbesitzer Besuch von seinen lieben Nachbarn. Dann feiert man die Feste, wie sie fallen, der Kaffee fließt in Strömen und zum Schluß folgt auf einem abgeernteten Stück Land bei den Klängen eines mehr ober minder verstimmten Leierkastens eine solenne Stoppelpolka. In den nächsten Tagen aber giebt es Groß-Erntefest in den Laubenkolonieen, doch davon mehr im nächsten Briefe.

Dr. Paul Berthold.

wunderung heischend die eisltarreitde Jungfrau, dann meint er kritisch:Die Müggelberge sind auch nicht ohne, und erst gar der Kreuzberg bei elektrischer Beleuchtung!" Wandert et in den Schwarz­wald, so meint er unbefriedigt:Wissen Sie, der Jrunewald ist doch jrüner! Und führt ihn die Tour an den Bodensee, so!t er mit dem Tadel nicht zurück:Kennen Sie Treptow niit's Eierhäuschen dicht an der Spree; auch ne schöne Gegend, und wissen Sic. das Bier ist frischer!" Aber noch eine üble Eigenschaft wird dem Berliner auf Reisen nachgesagt. Man behauptet, er seisehr auf die Groschens". Der letztere Vorwurf ist nicht völlig zutreffend. Der Berliner hat einerseits eine noble Ader und spielt sich gern als Bürger der Hauptstadt des deutschen Reichs und als Einet auf, bet sich etwas leisten kann. Auch ist bet Berliner keineswegs knickrig unb geht von dem Grundsatz aus: leben unb leben lassen. Aber der Berliner

£ aemahnt, welche sie auf ihrem

L in Bezug auf basewig grünen ni

i hoffnungsloser, beim mich die längsten F« , .

f Alles in bet Wett, mit Ausnahme ber Wurst, welche über bereu zwei verfügt. Wird das Ende ber Schulferien von den Be- h troffenen selbst mit unverhüllt zur Schau getragener Trauer bc- grüßt, so giebt es bagegen eine zweite Kategorie, welche bies L Ereigniß aufathmend unb mit einem starken Gefühl ber Be- £ friebtgung unb ber Freude begrüßt. Diese Kategorie finb bie - Mütter, welchen bie in bet langen Zeit bet uitgebunbencn Freiheit L etwas wild geworbenen Sprösslinge bereits allerlei Schwierigkeiten r zu machen anfingen, sobaß der Wiederbeginn der Schule als eine 7 willkommene Erlösung begrüßt wird.

Jnbcß keine Regel ohne bie dazu gehörige Ausnahme. Bei den Müttern, für bie ber Beginn ber Schule das Ende bet C Sommerfrische bedeutet, überwiegt der Schmerz des Scheidens viel- " fach die Freude über bie Rückkehr ber etwas übermüthig geworbenen fr Sprößlinge zur besänftigenden und wohtthätigen Schulzncht. Im - Uebrigen find aber unter den Heim kehren den, bie jetzt ans den r Bergen unb Thälern, von ber See unb auch aus bem märkischen I Sande wieder zu den Fleischtöpfen Berlins zuriickkehren, die L Stimmung und bie Anschauungen sehr getheilt. Gar manch Einer v klagt über theure Preise, schlechtes Essen unb harte Betten, welche

Pttkür die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für bie Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. Für bie Ausnahme später eingereichter Anzeigen zur (5*1111 ItlJtllF nächsterscheinendcn Ausgabe wird teilte Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

- wesenden Casimir Perier durch energische Kopfbewegung

E stritten. Die unbestimmten unb allgemein klingenden Anklagen, DreyfuS fei neugierig gewesen und habe über die in Betracht

: kommenden Thatsachcn Kenutniß haben können, tragen nicht den

- Charakter einer Beweisführung. Das vollständige Uebersehen der

< Thatsache, daß bie Geheimstücke Fälschungen enthielten, erweckt f Befremden. Unb doch mußte General Mercier von der Nichtigkeit des geheimen Dossiers wohl überzeugt sein, da er auf das ßLursprüngliche Beweisstück, bas Bordereau, zurückgriff unb troft allem Vorgefallenen bavor nicht zurückscheuchte, nur auf die

< Meinung Bertillons gestützt, dasselbe noch immer DreyfuS zu-

| Plschreiben. Ein allgemeines Gelächter belohnte diesen vielleicht ehrlich gemeinten, aber gewiß kläglichen Versuch, bie Anklage aufs

- recht zu erhalten. Dies Alles hinbert jedoch bie antirevisionistische

2 Presse nicht, bie Aussage bcS Generals Mercier als einemathematisch k genaue" Beweisführung für bie Schuld des DreyfuS hiuzustellen.

Casimir Perier, dessen Aussage im Ganzen nur eine Wiederholung

X der früheren enthielt, schloß mit folgenden Worten, die er als Wunsch

-aller guten Bürger hinstellte:Aus diesen Räumen muß ein k Urtheilsspruch hervorgehen, ber Frieben unb Versöhnung aller

aus dem Publikum.

-Für Veröffentlichungen unter dieser Ueberschrift übernimmt die Redaftion fclnetfd Viraiitwortunq.)

* Evangelische Kirchensteuer. Dem Verfasser des Ein- gefanbt in Nr. 365 (Morgen-Ausgabe), welches beweist, daß laut S 33 Nr. 6 der Kirchengeineinde- undShnodalorbnung es ungesetz­lich ist, bie Kirchensteuer nur von ber Einkommensteuer zu erheben unb solche nach Maßgabe sämnttlicher Siaatssteuern erhoben werben muß, kann ich nur beipflichten wenn er aber bem Einsenber in Nr. 359 zugiebt, daß bie Gebäildestener beftänbig gestiegen, so muß ich bem entgegnen, daß dem nicht so ist, denn als bie Grund- und Gcbäudesteuer noch Staatssteuer war, hatte bie Kommunal« Verwaltung auch noch 100 pCt. Zuschlag davon erhoben, macht also zusammen 200 pCt., während jetzt, nachdem die Grund- unb Gebäudesteuer den Kommunen überwiesen worden ist, dieselbe hier

Die einspaltige Petitzcile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Aiizeigcn 25 Psg. Rectaiucn die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

hält, wie kein Zweiter, auf fein gutes Recht unb meint, daß er feine Ohren nicht zu dem Zweck erhalten hat, um sich barüber bauen zu lassen. Eine allzu blühende Phantasie bei der Zusammen­stellung der Rechnung ist ihm verhaßt, unb so wird er beim Be­zahlen oftmals zum Krakehler, was ihm in den an sich nicht be­rechtigten Ruf ber Knickrigkeit gebracht hat.

bewahren, so mögen sie bei bem Abschluß von bezüglichen Mieth- verträgen bie erwähnte, freilich wenig gekannte "gesetzliche Be­stimmung nicht außer Acht lassen.

Eine Warnung. In derFrankfurterZeitung" (drittes Morgenblatt vom 13. August) veröffentlicht Pros. Dr. v. Hippel in Heidelberg einen längeren Brief, der sich mit den Praktiken, zumal mit den gravirenden Honorarpraktiken und ber seltsamen Orthographie eines hiesigen Heilkünstlers, des Direktors einesPhysi­kalischen Instituts", beschäftigt. Ein Hereingefallener, ein armer Mann, ber, natürlich vergeblich, bei ihm Heilung von einem Augenleiden suchte, wurde um etwa 800 Mk. mühsam aufgebrachte Gelder erleichtert. Wie Professor v. Hippel lnittheilt, fei gegen den Dirckcor, ber die Heilung mit absoluter Bestimmtheit versprochen habe, von einem hiesigen Arzt Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gemacht worden. Wenn es mir, schließt v. Hippel, gelingen sollte, durch diese Mit­theilung auch nur den einen ober anderen ber vielen mit unheil­baren Leiden behafteten Kranken, die inWieSbaden leben, vor jenem zu bewahren, so wäre mein Zweck erreicht.

Kleine Notizen. Herr Stadtverordneter Moritz Wirbel- auer von hier, ber frühere Besitzer desHotel St. Petersburg", ist gestern nach kurzer Krankheit gestorben. Der Fürst von Bulgarien machte gestern in dem Geschäft des Herrn Hofjuwelier Julius Herz verschiebeue Einkäufe.

(?) Flörsheim a. M., 14. August. Der.Geländeverkauf zur Anlage eines Fabrik-Etablissements unterhalb unseres OrteS am Main ist nunmehr perfekt geworden. Durch Herrn Lißmann aus Frankfurt a. M. wurden nämlich ca. 60 Morgen Ackerland und Wiesen in der erwähnten Gegend käuflich erworben. Der Morgen (25 Ar) wurde je nach der Qualität des Geländes mit 1200, 1400 und 1800 Mk. bezahlt. Da das in Frage kommende

Reisen zu seiner Betrübniß nur allzu bald. Er glaubt, ein neues weltabseits gelegenes Dörfchen entdeckt zu haben, das seinen Freunden und Nachbarn noch verborgen geblieben ist, und kehrt beseligt in den ländlich-schändlichen Gasthof des Oertchens ein. Aber kaum hat er sich in dem beseligenden Gefühl, sich selbst an­zugehören, zur Ruh begeben, als aus dem benachbarten Zimmer ein ihm wohlbekannter Schnarchton zu ihm bringt, bei dessen Klang Herr Müller wie elektristrt aussprinat unb entsetzt ausrüft: Das kann nur Nachbar Schulze fein, ein Anderer schnarcht so nicht! Und Herr Müller hat nur zu Recht. Herr Schmid glaubte es klüger anzufangen und ging statt nach dein gewohnten Heringsdorf mit seinen unerschwing­lichen Preisen in das eine Stunde "weiter gelegene Ostseebad Bansin, welches etwas primitiver, etwas billiger unb noch nicht so von Berlinern verseucht ist. Aber er hat bie Rechnung ohne seine ge­riebenen Nachbarn gemacht, welchen die HeringSdorfet Preise eben­falls über den Kopf und den Gelbbeutel gewachsen waren und die ihrerseits ebenfalls Bansin entdeckt hatten. Die erste Welle, mit ber ihn die in Bansin etwas zahme Ostsee begrüßt, wirft ihm seinen Stammtischfreund Heinrich aus der Müller straffe an den Kopf, ber ihn mit ben Worten begrüßt: bei bie Preise in Heringsdorf, Recht I

gegenwärtig nur 112'/- pCt. erhebt, mithin ist bie Grund- und Gebäubesteüer, trotzbem, baß bie Mietheu beftänbig geftiege auch in diesem Jahre vielfach gesteigert worden sind, um 87ff gefallen. Ein Miether.

Kehrt so mancher Berliner aus ber Sommerfrische enttäuscht zurück unb bereichert um eine Erkenntniß, bie wir in bie Worte fassen möchten:Der Wahn ist kurz, bie Rechnung lang", so hat manchen Heimkehrenben auch hier in Berlin eine recht unangenehme unb unliebsame Ueberraschung erwartet. Auguste, biedrei­jährige" Beherrscherin ber Küche, ist bis zur Abreise ber Herrschaft noch ein tabelloieS Dienstmädchen gewesen, bem auch bie besten Zeugnisse ber früheren Herrschaften zur Seite standen. Aber bet ihrer Wiederkehr findet bie Herrschaft eine völlig veränderte, eine moderne Auguste vor. Auguste hat sich während ber Zeit ber modernen Dienstmäbchenbewegung angeschlossen. Sie steht nicht mehr wie früher in ber Hauptsache aufgute Behandlung , fonberu sie fordertrespektvolle" Behandlung, erhöhten Lohn und erhöhte Freiheit unb vor Allem das in ber letzten Dienstboten- Versammlung proflamirteRecht auf einen Schatz". Auguste ist nicht mehr so willig wie früher, sie liest bie Zeitungen, beschäftigt sich mit Politik unb wettert über ben Czaren von Rußland und feine Abrüstungspläne, welche baS Recht eines jeben deutschen Dienstmädchens auf einen Schatz illusorisch zu machen drohen!

UnserPariser ^-Korrespondent schreibt uns nitterm 13. d.M.: Inhalts- und bedeutungsvoll war der erste Sitzungstag nach der Wiedereröffnung der Verhandlungen in Rennes. Inhaltsvoll war er, weil et bie Aussagen zweier der wichtigsten Zeugen: beS gewesenen Präsidenten der Republik, Castmir Perier, unb beS Generals Mercier enthielt unb eine Reihe Legenden zerstreute, bie noch in Bezug auf angeblich gefnnbene Schriftstücke unb angeblich gemachte vertrauliche Mit- theilungen im Umlauf waren. Bedeutungsvoll aber war ber Tag nicht nur im Sinn ber absoluten Wahrheit, sondern auch Gesichtspunkt ber beiden gegnerischen Parteien, welche aus jedem ferneren Stadium der Affaire stets nur eine Bekräftigung ihrer bis­herigen Ueberzeugung davontragen Wollte man nach ben erstell Zeugen­aussagen urtneilen, so könnte man sagen, daß man es hier mit Zeugen zu thun habe, weiche Alles zu sagen, und mit einem Gerichte, welches Alles zu hören bereit ist. Wenn trotzdem der Verhaudlungs- tng denjenigen, welche durch laute Versprechungen und Drohungen auf einen Theatercoup Dorbereitet waren, eine Enttäuschung brachte, so liegt die Ursache darin, daß diesesAlles" eben zumeist schon bekannte Thatsachen umfaßte, daß es sich nach der

Enquöte des Kassationshofs eigentlich nicht mehr um ein

Entfachen, sondern nur um ein Wlederaufleuchten ber Wahrheits­fackel hanbett. Hervorzuheben finb vor Allem drei Momente,

welche für bie Wahrheit selbst gewonnen würben. Der

offizielle Bericht des Doktor Ranson rednzirt das hartnäckige Gerücht von ber Ausstnbung geheimer, in ber Kleidung des DreyfuS eingenähter Schriftstücke zu der Thatsache, daß in der Westen­tasche des Gefangenen bei seiner Ankunft auf der Insel RA eine Kopie des Bordereaus vorgefunden wurde, eine That­sache, die weder gesetzwidrig noch ungewöhnttch erscheint. Aus der Doppel-Aussage Delaroche-Vernet und Palöologue geht hervor, daß weder die ursprüngliche, noch die definitive Ueoer- setzung der Depesche Pamzzardi auf das Bestehen von Ver­bindungen zwischen Hauptmann Dreyfus unb Deutschland schließen lassen. Das wichtigste Moment des Verhandlungstags ist jedoch da« offene Geständniß General Merciers, er habe dem Vor­sitzenden des Kriegsgerichts von 1894 unter eigener Ver­antwortung denmoralischen Befehl" ertheilt, den Richtern geheime Beweise vorzuzeigen und dieselben dem Angeklagten und seinem Bertheibiger oorzuenthalten. Dieses Wort verwanbclt Veneral Mercier ans einem Ankläger in einen Angeklagten. Seine e Intschulbiguim, er habe bie Gefahr eines Krieges mit Deutschland verhüten wollen, von der man zwei Finger breit entfernt gewesen, erscheint als nichtig und wird auch von dem an- vesenden Casiniir Perier durch energische Kopfbewegung de-

(Nachdruck verboten.)

Aus der Reichshauplstadt.

Krrttn, 11. August.

Ans Stadt und Land.

Wiesbaden, 15. August.

o. Fürst Ferdinand von Bulgarien wohnte gestern Vor­mittag mit Gefolge einem Gottesdienst in der großen griechischen Kapelle am Neroberg bet. Nach demselben überreichte er, tote wir hören, Herrn Propst v. Protopopoff einen Orden.

d. Da» Kurhano-Gartcnfest am Sonntag Abend war sehr zahlreich besucht; zwischen Frack unb schwarzem Tuchrock wimmelte es von hellfarbigen Turnerröcken. Der Mißerfolg, bem man ber Kurhausbirektion zu diesem Gartenfest hin und wieder prophezeit hatte, ist also nicht eingetreten. DasGroße Brillant- Feuerwerk" war thatsächlich das Brillanteste, was feit Langem über dem reizenden Kurhausweiher versprühte. Die "als besondere Glanzstücke eingeschobenen Darstellungen:Alt-Wies­baden" anno 1646, die Mauritinskirche, der Uhrthnrm mit gehender Uhr und bas Storchnest mit bem Klapperstorch, eine Dekoration, zu ber etwa 3000. bunte Lichter erforderlich waren, sowie das dem Tage gerecht werdende Turnerwappen mit Eichen­kranz, welches ebenfalls durch einige 2000 Lichter hergestellt wurde, fanden großen Anklang.

o. Das Festmahl, das gestern Nachniittag in der Festhalte ftattfanb, nahm unter großer Betheiligung einen ausgezeichneten und animirten Verlauf. Herr Bürgermeister Heß brachte nach beifällig aufgenommener Ansprache den Kaisertoast aus. Der Kreisvertreter Herr R o t b e r m e I toastete auf bie Stabt Wiesbaden und Herr Stadtverordneter Simon Heß auf die Damen. Ein ausführlicher Bericht folgt in der heutigen Abend-Ausgabe.

o. Einen Keinbrirch erlitt gestern Morgen beim Wctttnrnen ber Turner Schißler aus Frankfurt a. M. Der Veriinglückte würbe in ein Krankenhaus gebracht.

CentvalsteUe für Obstvermerthnng in Frankfurt am Main. Wie wir vor Kurzem mittbeilcn konnten, waren ber Centralstelle für Ohstverwerchmrg-m Frankfurt a. M. ganz be­deutende Anmeldungen auf bie verschiedensten Obstsorten von den Konsumenten zugegangen. Die Nachfragen haben sich inzwischen in erheblichem Maß gesteigert, leider aber entsprechen ihnen die An­gebote nicht, denn diese laufen nur in geringerem Umfang ein. So sind z. B. Aprikosen, Mirabellen, Reineclauden zu den besten Preisen fast nicht zu haben. Die geringen Angebote sind wohl eine Folge des im Allgemeinen ungünstigen Obstjahres. Der Grund dürste wohl aber auch darin zu suchen fein, daß es immer noch zahlreiche Obstproduzenten giebt, die von ber für sie so bequemen unb keinerlei Kosten verursachenden Vermittelung ber Centralstelle absehen unb lieber das Obst an Händler zu Preisen abgeben, die in keinem Verhältnisse zu den gehabten Kosten und Mühewaltungen stehen. Wir möchten daher nochinals an alle Obstzüchter, welche Obst irgend welcher Sorte und in irgend welcher SBienge abzugeben haben, die Aufforderung richten, der Centralstelle für Obstver- werthnng in Frankfurt a. M., Gneisencmstraße 15, alsbald davon Mitthellung zu machen. Sie werden auf diese Weise raschen Absatz zu guten Preisen finden.

KHankmirtkfchafts-Kvnkrfstonen. Hausbesitzer, welche die Konzession zur Ausübung der Schankwirthschast besitzen und diese nach kürzerem oder längerem Selbstbetrieb an einen Dritten verpachtet haben, verlieren bie bisher immer noch besessene, wenn auch zeitweilig ruhende Konzession mit bem Ablauf von 3 Jahren, falls sie nicht vor Eintritt biefes Zeitpunktes die Schankwirthschast wieder selbst übernehmen. Wollen sich also bie Besitzer von Häusern mit Schankwirthschast vor event. enlpfinbttchern Schaben

* Jeben Morgen, wenn bieThurmnhr der Ringkirche kaum die fünfte Stunde verkündet, werden die Bewohner der Rheinstraße durch ein Getöse aus bem Schlafe geschreckt, bas eine ganze Kolonne von Müllwagen venirsacht, welche in militärischer Orbnung bie Straße hinunterrasseln. Ist schon ber Lärm nicht angenehm, welchen ber einzelne Wagen verursacht, wenn er langsam von Haus zu Hans fährt, so ist bas Solonneugeraffel geradezu betäubend, unb richten wir an die betreffende Stelle bie bringen!» Bitte um Abstellung, wenn diese sonst mit bem Dienste vereinbar ist. Eine Sonderstellung nimmt bie Militärmusik in Anspruch, wenn sie das Bataillon um 5 Uhr am Samstag war es 6 Uhr Früh zum Dienst hinausbegleitet mit Trommeln und Pfeifen, Pauken und Trompeten; ja, als das Bataillon kürzlich 1'/- Uhr Nachts von ber Schießübung Ijeimfebrte, notificirte Herr Musikdirektor Münch dies den Anwohnern der Rhein- und Schwalbacherstraße mit einem sehr hübsch gespieltenMuß i beim, muß i beim zum Stäbtche hinaus". Das, wie gesagt, ist eine Sonberstellung rech. berechtigte Eigenthümlichkeit, von welcher aber unser Müllwagen-Kommando bei nachtschlafenber Zeit nichts zu profitiren braucht.