WieMkm TagblM
«7. Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27
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N». 378.
Fernsprecher N». 52.
Dienstag» den 15. August.
Fernsprecher No. 52.
1899.
Der Drryfns-Vrozeß.
Rennes. 14. August. Als heute Morgen 6*/» Uhr der Sitzungssaal des Kriegsgerichts bis auf den letzten Platz gefüllt war, stürzte Taunay, der Präsident des Presse-VereinS, in den Saal und richtete folgende Worte an das Publikum: .Ich habe Ihnen die bedauerliche Mittheilung zu machen, daßLabori das Opfer eines Attentats geworden sei." Eine ungeheure Aufregung machte sich im Sitzungssaal geltend. Der Präsident des Kriegsgerichts mahnte das Publikum wiederholt zur strengsten Ruhe. Rufe wurden auSgestoßen: .Hoch Labori! Das ist unerhört!" Mit Thräuen in den Augen batdcrVer- theidiger Demange um Unterbrechung der Sitzung. Dieselbe wurde gewährt. Während der Pause wurde von allen Seiten die ruchlose That lebhaft besprochen und Rufe des Abscheues wurden laut. Um 7'/, Uhr wurden die Verhandlungen wieder ausgenommen, und zwar mit der Fortsetzung des Verhörs Merciers. Derselbe betonte nochmals, daß er trotz der Geständnisse Esterhazys überzeugt sei, daß DreyfuS das Bordereau abgefaßt habe. Nunmehr folgte das Verhör Casimir Periers, welches bekanntlich derselbe in der Samstag-Sitzung nochmals beantragt hatte. Casimir Perier blieb wieder dabei, daß er niemals von Lebrun-Renault Mitthcilimgen über angebliche Geständnisse Dreyfus erhalten habe. Ucbrigcns sei Dupuy im Elysee anwesend gewesen, als Lebrun-Renault empfangen wurde. Perier brachte alsdann einen Brief zur Verlesung, dessen Verfasser Dupuy ist. In demselben wird festgestellt, daß General Mercier den Kapitän Lebrun-Renault nach dem Elysee entsendet hatte, damit der Präsident Casimir Perier ihm für seine begangene Indiskretionen eine Rüge ertheilte. Weiter ei klärt Casimir Perier in seinen Aussagen, es sei unrichtig, daß während dieser Zeit das Verhältniß zn Deutschland Besorgniß erregend gewesen sei. ES habe vielmehr damals vollständige Ruhe geherrscht, was zur Genüge dadurch bewiesen werde, daß man nur eine einfache kurze Note über die Dreyfus-Anaelegenheit veröffentlichte. ES sei auch nicht am 6. November gewesen, wo nach Merciers Behauptung die kurze Rote veröffentlicht worden sei, sondern erst zwei Tage später. Unrichtig sei anch die Behauptung, daß mit Rußland ein Notenwechsel stattgesunden habe. Zur Antwort aufgefordert. entgegnet General Mercier, er habe dem General BoiSdeffrc Befehle für eine eventuelle Modilisirung gegeben. Casimir Perier bemerkt alsdann, et wolle nicht auf die vstlen Anspielungen Merciers antwotten, weil er die Debatte nicht in die Länge ziehen wolle. Mercier habe alles Mögliche gethan, um ihn, Perier, so viel als möglich in die Angelegenheit hineinzuziehen. Betonen wolle er noch die Thatsache, daß Mercier als Krieqsminister ohne Wissen und Willen des Präsidenten der Republik 60,000 Mann früher, als beabsichtigt gewesen, zur Reserve entlassen habe. Mercier antwortet, er habe Casimir Perier in die Angelegenheit hineingezogen, weil er geschworen habe, die ganze Wahrheit zu sagen. Von Demange über die unberechtigte Mittheilung geheimer Schriftstücke befragt, antwortet Mercier, dieselben seien durch die damalige ernste politische Lage veranlaßt worden. Demange fragt weiter den Zeugen Mercier, ob er besondere Gründe gehabt habe, die offizielle Ueberfetzung des Panizzardi-TclcgrammS, die früher im Dossier vorhaiiden geweseii sei, zu unterdrücken. Mercier antwortet,
Abend-Ausgabe.
Dir Kanalvorlage.
p. Kerlin, 15. August.
Morgen tritt der preußische Landtag zur Erledigung des letzten Theiles seines Pensums zusammen, dessen hauptsächlichster und wichtigster Bcstandtheil die Ausfechtung des Kampfes um die Kanalvorlage ist. Bisher hatte der Ausgang dieses Kampfes als unsicher angesehen werden müssen. Die absolute Majorität im preußischen Abgeordnetenhause, dessen Mitglicderzahl 433 beträgt, würde sich bei voller Besetzung auf 217 belaufen. Zu den unbedingten Freunden der Vorlage gehören zunächst die Nationalliberalen, die beiden freisinnigen Parteien und, so viel bekannt geworden, auch die Polen mit zusammen 120 Mitgliedern. Von den 100 Abgeordneten des Centrums gilt die überwiegende Mehrheit für kanalfreundlich, sodaß es, auch wenn ein kleiner Theil des Centrums auf der Opposition gegen die Vorlage beharrt hätte, nur noch einer kleinen Hülsslruppe aus dem Lager der beiden konservativen Parteien bedurft hätte, um der Vorlage eine wenn auch knappe Mehrheit zu sichern.
Konnte nun bisher ein Zweifel darüber herrschen, ob diejenigen Stimmen, welche sich unter den konservativen Parteien für die Vorlage erhoben hatten, hinreichen würden, ihr die Mehrheit zu sichern, so wird man einen solchen Zweifel nach der hochbedeutsamen Kundgebung des Kaisers in Dortmund nicht mehr zu hegen brauchen. Diese Kundgebung bedeutete einen entscheidenden Wendepunkt in dem Kampf um die Kanalvorlage, denn der Kaiser hat nicht nur erklärt, daß er und seine Negierung fest und unerschütterlich zur Durchführung des Mittellandkanals entschlossen seien, und zugleich die einleuchtendsten und unwiderlegbaren Gründe für die unbedingte Nothwendigkeit dieser bedeutungsvollen wirthschaftlichen Aufgabe ins Feld geführt, sondern er hat anch zugleich denjenigen Provinzen, welche durch den neuen Verkehrsweg irgend welche Benachtheiligung erleiden werden, Kompensationen zugesagt, die jedenfalls einen Theil des Widerstandes, der bisher in Schlesien und in den östlichen Provinzen gegen den Mittellandkanal erhoben wurde, verstummen lassen werden.
Auch von Seiten der Freunde des Kanals ist niemals in Abrede gestellt worden, daß durch diesen innerhalb der preußischen Landesgrcnzen in gewissem Umfang wirthschaft- liche Verschiebungen eintreten können. So weit der Widerstand gegen die Kanalvorlage aus diesen Erwägungen stammle, ist ihm durch die kaiserliche Zusage der Kompensationen für Schlesien und die östlichen Provinzen der Boden entzogen worden. Alle anderen Einwände gegen den Kaualbau aber vermögen wir nicht als stichhaltig auzusehen «nd haben sie wiederholt auf das Entschiedenste bekämpfen müssen. Die von agrarischer Seite ins Feld geführte Behauptung, daß der Kanal die Zufuhr ausländischen Ge
treides erhöhen werde, da die Kanalftacht den Transport verbillige, ist längst als unzutreffend widerlegt worden, denn die gleiche Verbilligung kommt dem einheimischen Getreide für seinen Transport innerhalb Deutschlands zu Gute, sodaß es also so konkurrenzfähig bleibt wie zuvor. Thatsächlich hat auch der konservative Wortführer Graf Limburg-Stirum in seinen letzten Acußerungen den Standpunkt, daß der Kanal die Landwirthschafk schädige, bereits verlassen und sich nur noch auf die finanziellen Bedenken und auf die angebliche Schädigung der Eisenbahnen berufen. Aber auch dieser Einwand ist nicht stichhaltig, denn der preußische Eiscnbahnminister hat selbst betont, daß die Eisenbahnen auf die Dauer den steigenden Güterverkehr nicht bewältigen können. In der That bilden die Kanäle keine Belastung, sondern eine Entlastung der Eisenbahnen.
Die deutsche Industrie — das ist auch die Grundlage der überzeugenden Ausführungen des Kaisers — bedarf, um dem Ausland gegenüber konkurrenzfähig zu bleiben, nicht nur der Verkehrsvermehruug, sondern auch der Verkehrsverbilligung, und hierfür ist der Ban von Kanälen eine noth- wendige Vorbedingung. Die Kanäle kommen aber nicht nur der Industrie, sondern, wie der Kaiser mit Recht hervorhob, auch der Landwirthschaft zu Gute, denn jede Verbesserung der Verkehrswege bedeutet für den betriebsamen Landwirth eine Vergrößerung der Absatzfähigkeit seiner Produkte. Nehmen wir zu dieser immensen wirthschaftlichen Bedeutung des Kanals noch seine von berufener Seite eingehend dar- gekegte militärische Bedeutung, so müssen wir zu dem Schluß kommen,daß es sich hier um einKulturwerkersteu Nanges handelt.
Dieses Kulturwerk wird, daran ist nicht mehr zu zweifeln, zu Stande kommen, und zwar in dieser Session des Landtags, denn die Mahnung des Kaisers, die eigenen Wünsche und Aspirationen dem Wohl des gcsammten Staates unterzuordnen, wird ihre Wirkung dort, wohin sie gerichtet ist, nicht verfehlen. Daß der Ablehnung der Vorlage die Auflösung des Abgeordnetenhauses folgen würde, geht aus den Worten des Kaisers klar hervor. Aber dies äußerste Mittel wird nicht erforderlich werden, denn das Ceutrum wird in seinem eigensten Interesse davon Abstand nehmen, der Vorlage in letzter Stunde Schwierigkeiten zu bereiten. Von den konservativen Parteien aber, die ja bereits erklärt haben, daß sie die Vorlage nicht zur Fraktionssache gemacht haben, werden zweifellos so viel bisher Unentschlossene bei der entscheidenden Abstimmung für die Vorlage eintreten, daß sic sicherlich, und vielleicht gar nicht einmal mit kleiner Majorität, zur Annahme gelangen wird. Da aber nach der Stellung- ahme des Kaisers vom Herrenhaus zweifellos kein die Vorlage gefährdender Widerstand zu erwarten ist, so dürfte der heiße Kampf um die Kanalvorlagr in Bälde zu erfreulichem und für unsere fernere wirthschaflliche Entwicklung segensreichen Ausgang gelangen.
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Kerlin, 14. August. Die „Bert. Korr." bringt einen Artikel über die Kanalvorlage, in dem sie die Bedeutung des Kanals für das Erwerbsleben auseinanderfetzt und den Einwürfen der
Kanalgegner entgegentntt. Der Artikel schließt: Der Kanal soll nicht einem anderen Produktionszweige oder LandeStheile besondcc Vortheile zuwenden. Er ist dazu bestimmt, dergesammten national- wirthschaftlichen Entwicklung des Vaterlandes neue Impulse eil zuffößcn und der industriellen Produktion sowie dem Absatz land- wirthfchaftlicher Erzeugnisse neue Antriebe darzubieten. Der Mittellandkanal kann als Prüfung dafür gelten, inwieweit die Industrie und die Landwirthschaft einander hülfreich die Hand zu reichen Willens sind. Mögen auf allen Seiten die Worte des Kaiser- ernste Beherzigung finden. Nur durch Jneinandergreifen und Nebeneinanderstehen von Industrie und Landwirthschaft ist e» möglich, den Staat vorwärts zu bringen und auf gefunber Bast« weiter zu führen.
(Nachdruck verboten.)
Das amerikanische Athen,
tkui-llork, 1. August.
Wenn der Ausländer und ganz besonders der Deutsche aus der Neuen Welt zu Besuch oder dauernd wieder in die Heimath zurückkehrt, dann pflegt er über die hiesigen Einrichtungen meist des Lobes voll zu sein und sie weit über die des alten Europa zu stellen. Und in der That muß ihm ja Vieles hier besser gefallen: das vollständige Fehlen all jener Vorschriften, durch welche dort die Gesellschaft sich einengt, das Gefühl, daß der Mensch hier wirklich nur uach seinen Fähigkeiten und Kräften beurtheilt wird, d. h. wenn er das Talent besitzt, denselben Geltung zu verschaffen. Anfänglich aber wird es jedem etwas idealer angelegten Fremden recht schwer werden, in dieses nur auf das Praktische, das Reelle gerichtete Wesen sich hinein- zufindeu, das in New-York sowohl, als, mit einer einzigen Ausnahme, in all den anderen großen und kleineren Städten vorherrscht. Hier scheut sich ein Kaufmann oder Industrieller nicht nur nicht, einzugestehen, daß er Kunst und Lilteratur für etwas durchaus unnützes halte, nein, er bringt diese seine Ansicht sogar gern möglichst häufig und mit besonderem Nachdruck zum Ausdruck. Der Ausländer kommt ja nun meist nicht hierher, um ideale Ziele zu verfolgen, sondern um sich einen möglichst vortheil- haftcn Platz zu erwerben, was ihm in dem gar zu eng werdenden Europa nicht gelingen wollte. Aber er bringt von dort doch noch so gar manche Ideen mit herüber, die ihm zuerst das Leben hier sehr reizlos, gar zu materiell erscheinen lassen.
Die einzige große Stadt, in welcher er den Abstand zwischen den Bestrebungen in den bedeutenderen Orten der Heimath, wo Künstler, hervorragendere Schriftsteller, alle die, welche sich auf inlellckluellem Gebiete Hervorthun, eine so anerkannte Stellung einnehmen, wenig oder garnicht empfinden wird, ist Boston, dem, gleich wie Berlin,
halb spöttisch und doch als eine Ehrenbezcichuung der Beiname „Spreeathen", der des „Amerikanischen Athens" gegeben worden ist. Boston hatte das Glück, von Männern begründet zu werden, denen von vornherein die Sorge am Herzen lag, den Kindern der Stadt eine möglichst sorgfältige Erziehung zu geben, und weniger als 5 Jahre nach Entstehung derselben wurde daher eine öffentliche Schule ins Leben gerufen, deren Besuch gratis war. Sehr bald entstanden weitere Volksschulen, eine „Lateinschule" und in nicht allzu langer Zeit erhob sich drei Kilometer von der Stadt entfernt das erste Gebäude zu der Universität, die noch heute als die hervorragendste der Neuen Welt gilt, „Harvard Univcrsity". Jetzt besitzt Boston 603 Schulen, zwei Universitäten, ein Konservatorittm, eine große technische Lehranstalt und zahllose Bibliotheken.
Von dem prächtigen Gebäude, der „Public Library", welche auf Kosten der Stadt in den letzten Jahren errichtet wurde, werden auch ihre Leser schon viel gehört haben. Es dürfte kaum einen zweiten Ort geben, der sich eines ähnlich großartigen, für den gleichen Zweck dienender. Baues rühmen kann. Er hat nicht weniger als 10 Millionen Mk. gekostet, und die Unterhaltung desselben mit seinen 10 Succur- salen und 17 Stellen für die Verleihung von Büchern kommt jährlich auf nahezu eine Million zu stehen.
Boston ist auch die Stadt der Vereine. Es giebt da eine Anzahl litterarischer, künstlerischer und natürlich auch politischer Gesellschaften. Die Frauen besitzen eine Menge Klubs, von denen die meisten nicht rein gesellschaftliche Zwecke verfolgen, sondern die Höherstcllung des weiblichen Geschlechts anstreben, indem sie seine Bildung zu ermeitern und zugleich größere bürgerliche und politische Rechte zu erlangen suchen. Ein Mäccn hat eine Stiftung gemacht, aus deren Ertrag hervorragende Persönlichkeiten bezahlt werden, die öffentliche Borträge halten. Für eine Reihe von solchen, die sich über einen Monat vertheilen, erhält jeder der Vorlesenden 5000 Mk. Die Stadtväter finden jedoch, daß das Volk noch nicht genügend Gelegenheit hat, sich über
Fragen, die gerade die allgemeine Aufmerksamkeit beschäftigen, zu unterrichten, und so haben auch sie eine Summe ansgeworfen, um bedeutende Männer berufen zu können, die ihren Zuhörern ihre Ansichten darüber unterbreiten. Und es ist bezeichnend für den weiten Sinn der Bostonier, daß besonders, wenn es sich um politische Angelegenheiten handelt, die verschiedensten Meinungen zum Ausdruck kommen dürfen.
’ Aber was Boston vor Allem feinen Ruf als die intellektuellste Stadt der neuen Welt verschafft hat, das ist seine ausgezeichnete Lehranstalt, „Harvard University". Dieselbe befindet sich in Cambridge, einer Vorstadt Bostons, und darf sich mit Recht rühmen, daß von den hervorragenderen Männern, die Amerika auf dem Gebiet der Wissenschaft hervorgebracht hat, die meisten früher oder später einen Lehrstuhl an dieser Hochschule bekleideten. Ein „Harvardman" zu sein, d. h. an dieser Universität studirt zu haben, wird in den Vereinigten Staaten als eine Art Titel betrachtet, dessen Berechtigung Jeder anerkennt. Seit 1869 ist durch einen der berühmten Professoren dieser Bildungsanstalt der Grundsatz der Lehrfreiheit durchgeführt.
Ob es heute noch Mr. Charles Eliot Norton gelingen würde, eine solche Maßregel zur Annahme zu bringen, ist fraglich, denn sein Einfluß hat sich vermindert, weil er sich als ein sehr entschiedener Gegner der chauvinistischen Bestrebungen des letzten Jahres erwiesen. Wie anderen ideal angelegten Naturen sind ihm die Eroberuugsgelüste, die sich jetzt der Vewohuer der Vereinigten Staaten bemächtigt haben, eine sehr herbe Enttäuschung geworden, und er hat sich durch keinerlei Rücksichten beeinflussen lassen, diesem seinem Gefühle Worte zu verleihen. Wahrscheinlich hoffte er, daß wenigstens in seiner Stadt, die die Pflege der Bildung des Geistes als ihre Hauptaufgabe betrachtet, seine Ansichten von der Mehrheit gctheilt werden Aber er vergaß, daß die menschliche Natur überall dieselbe und kriegerischer Ruhm noch immer als der größte und erstrebens» wertheste betrachtet wird. Karl Schenk.
