Wiesba-emr SagMatt
1899
Freitag, den 11. AugirK.
Uo. 372
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
Deutsches Keich.
Schlechtes Deutsch.
1. Kertin, 10. August.
Seit ungefähr zehn Jahren haben einsichtige Männer, die mit Schmerz die Mißhandlung unserer cdcln deutschen Spracht durch Geschmacklosigkeiten des Ausdrucks und durch Siilwidrigkciten von mancherlei Art empfanden, mit Lehre und Beispiel darauf hingewirkt, daß der Sinn für gutes Deutsch wieder lebendig werde. Der Erste, der in dieser Richtung eine von schönem Erfolge gekrönte Thätigkeit entfaltete, war der Berliner Gymnasialprofessor Otto Schröder
giftung eines zwölfjährigen Mädchens verhafteten Frau Conderc. Wie grundverschieden diese beiden Ereignisse auch sind, eine gewisse Aehnlichkeit läßt sich doch zwischen den beiden hcraussinden. Sie sind beide — si magna parvia comparantur — gleichsam von der Presse geschaffen worden. An der Geschichte der Frau Conderc hat sich wieder einmal gezeigt, wie viel Böses die Zeitungen anrichlen können, wenn sie sich in Dinge hineinmengen, die sie nichts angehern ivürden die Blätter freilich! sich nur damit befasset^ was sie angeht, so gäbe es bald überhaupt keine Blätter. DaS Nebel ist weniger groß, wenn die Zcitungsreporter in Litteratur, Kunst, Wissenschaft oder Politik ein inkompetentes Unheil hineinlragen, anders aber ist es, wenn sie sich auf daß juridische Gebiet begeben und, wie in dem Fall Condert dem Untersuchungsrichter ins Handwerk pfuschen. Der Fall hatte aber auch alle Bedingungen, um zu einer cause celebre aufgebauscht zu werden. So warf sich denn die ganze Reporier- gilde darüber her und hatte in 24 Stunden Frau Conderc, eine junge,unschuIdige,glücklicheundreicheDame,zurErbschafts- jügerin und Giftmischerin gemacht. Zum Glück für sie hatte der Untersuchungsrichter unabhängig sein eigenes Werk vollbracht und unzweifelhaft ein Alibi festgestcllt. Flugs änderte sich die Stimmung der Presse, und die „abscheuliche Verbrecherin" wurde plötzlich in den Himmel erhoben und mit allen Tugenden ausgestattet. So endete die Sache für alle Theile gut, und Frau Conderc, bei der offenbar der letzte Eindruck maßgebend ist, bedankte sich noch höflich, als sie das Ge- fängniß verließ: „Messieurs, je vous remorcie; la presse a ete parfaite pour moi . . .« Das kleine Mädchen aber ist und bleibt vergiftet und die Sache kann von vorne beginnen.
Da in der Saison morte die edle Muse Paris verlassen, um im Seebad Erholung zu suchen oder durch Gastspiele
mußte der Zcitungsbezieher in solchen Fällen den Preis für das ganze Jahr bezahlen, auch wenn er das Abonnement erst am 1. April, 1. Juli oder 1. Oktober begann. Als Zeitungsbeilagen werden jetzt mit Marken bedruckte Postkarten zugclasscn. — Aber auch der Postverkehr mit dem Auslande ist in neuerer Zeil erheblich erweitert worden: So können neuerdings Postanweisungen nach Peru, Neu- Seeland, der Kapkolonie, Salvador und unseren sämmt- lichen Kolonieen angenommen werden, ferner Nachnahmen nach Ostafrika und Togo und Gcldbricfe nach England, British-Jndien und Ceylon. Das Porto für den Briefverkehr nach unseren Kolonieen ist wie für den inneren deutschen Verkehr festgesetzt. Ein Brief nach Kamerun, Swakopmund ober Kiaulschou kostet nur noch 10 Pf., eine Postkarte 5 Pf. — In der Telegraphie sind Bestimmungen erlassen worden, wonach den Fcrnsprcchtheilnehmern ihre Telegramme auf Wunsch durch den Fernsprecher übermittelt, also zugesprochen werden dürfen. Ferner sind auch für kleinere Ortschaften „Telegramme an Empfänger im Ort" zugelaffen worden. Jeder Telegramm-Empfänger kann außerdem beantragen. Nachts vom Tclegraphcnboten verschont zu werden. Telegramme werden in solchen Fällen am nächsten Morgen inf Haus gebracht. Um eine schnellere Abtragung der Telegramme zu erreichen, werden jetzt in größeren Städten jugendliche Telegraphenboten beschäftigt, eine Einrichtung, die sich in Amerika außerordentlich bewährt hat. — Seit April dieses Jahres ist unsere Kolonie Deutsch-Südwest- Afrika telegraphisch mit dem Mutterlande verbunden.
Im Fernsprechwesen strebt der Staatssekretär des Reichs- Postamts, soweit dies angängig, nach Verbilligung der Gebühren und hat durch Einrichtung von Fernsprech-AutomateN die Möglichkeit geschaffen, für 10 Pf. ein Gespräch am Fernsprecher zu führen. Aiißerdem ist die Ausbreitung deS Fernsprechnetzes über das platte Land begonnen. Durch diese, nur mit großen Kosten durchzuführende Maßregel sollen kleine Ortschaften mit dem nächsten Hauptort (Kreisstadt 2C.) in telephonische Verbindung gebracht werden.
Zum Schluß mag hier noch erwähnt werden, daß der neue Staatssekretär durch Verkürzung der Dienststunden, Erweiterung der Sonntagsruhe, Einführung von leichter, bequemer und billiger Dienstkleidung und Herstellung von Badeeinrichtungen in Posthäusern seinen Beamten wohlwollende Fürsorge erwiesen hat. Hoffen wir auch für die weitere Entwickelung unseres Postweseus das Beste; möge sie uns zu nationaler Einheit und Größe führen! G.L—n.
(Nachdruck verboten.)
Dir neue Deutsche Reichspost und ihre Derbrssernugen.
Als Stephan, der thatkräftige Gründer des Weltpostvereins, im Jahre 1870 die Leitung des deutschen Postwesens übernahm, zeigte er Sinn und hohes Verstündniß für postalische Neuerungen und Verbesserungen und brachte unsere Post durch seine Reformen in hohes Ansehen. Leider mußte der geniale Mann zuletzt den Tribut des Alters zollen; er zeigte sich gegen die Wünsche des Publikums zurückhaltend und erklärte Verbesserungen meist für unausführbar. So lassen die letzten Jahre seiner Wirksamkeit jenen großen reformatorischen Zug an ihm vermissen. Daß unter der neuen Leitung des deutschen Postwesens ein frischer Zug und eine feste Hand sofort zu erkennen waren, ist nicht zu leugnen. Die Zweckmäßigkeit, das Interesse der Allgemeinheit wurden bei der Post zum Grundsatz erhoben und der Büreaukratismus eingeschränkt.
Wir haben hier unseren 'Lesern alle Neuerungen zu- sammcngestellt, die der Wirksamkeit des heutigen Chefs der Postverwaltung zu danken stnd und allgemeines Interesse V beanspruchen.
Die Einführung der Kartenbriefe, vom Reichstag alljährlich gefordert, von Stephan aber abgelehnt, wurde unter feinem Nachfolger sofort zur That. Die meisten europäischen Länder hatten den Kartenbrief schon vor uns. — Die Post gestattete dann den Umtausch von solchen Postkarten, die in den Händen des Publikums unbrauchbar geworden sind; früher wurden nur verdorbene Briefmarken umgetauscht. — Häufig tritt der Fall ein, daß Jemand auf ein Postkartenformular aus Versehen anstatt einer Fünfpfennig- eine Dreipfennigmarke klebt, sodaß der Post ein Fehlbetrag von 2 Pfennigen entsteht. Nach den früheren Bestimmungen wurden unzureichend frankirte Postkarten als Briefe taxirt, und da der unfrankirte Brief 20 Pf. kostet, hatte der Empfänger einer solchen Postkarte 20 Pf. — 3 Pf. — 17 Pf. Strafporto zu zahlen. Die Neubestimmung läßt nun unzureichend frankirte und unfrankirte Postkarten ruhig zu, die hohe und harte Taxirung als Brief ist fortgefallen.
Viele Geschäfte übersenden ihren Kunden durch die Post in kleinen Mengen Muster ihrer Artikel, sogenannte Waaren- proben. Die Gewichtsgrenze für dieselben ist jetzt von 250 Gramm auf 350 Gramm erhöht worden. — Nachnahmen sind neuerdings nach Deutschland und den meisten europäischen Ländern im Betrage von 800 Mk., früher nur 400 Mk., auf Postsendungen zulässig.
Ebenso kann auf eine Postanweisung jetzt der Betrag von 800 Mk. (früher 400 Mk.) bei der Post eingezahlt werden. Für kleine Postanweisungsbcträge bis zu 5 Mk. sind nur noch 10 Pf. Porto zu zahlen, eine Maßregel, die zu Gunsten der kleinen Leute sehr nützlich und gerecht genannt werden muß. — Die Ausfüllung der Postanweisungen kann nach neueren Bestimmungen auch mittels V Schreibmaschine erfolgen. — An Orten, wo Reichsbankstellen
bestehen, kann man bei der Post verlangen, daß die mittels Postanweisung eingehenden Geldbeträge auf den Namen des Empsängers bei der Reichsbank gulgeschrieben werden. Dieser sogenannte Giroverkehr hat unter dem neuen Leiter des Postwesens ebenfalls erhebliche Verbesserungen durchgemacht und wird, wie zu erwarten steht, in Kurzem durch den Checkverkehr einen umfassenden Ausbau erfahren. Der Geschäftsmann braucht dann bei der Einzahlung von Postanweisungen weder Geld nach der Post zu bringen, noch solches beim Empfang von Postanweisungen entgegen zu nehmen. Eine wichtige Neuerung tritt am 1. Oktober durch Einführung von Postanweisungsformularen mit angehängter Postkarte zur Empfangsbestätigung ein. Die neuen Formulare gelangen ungestempelt zur Ausgabe. Sie werden in Mengen von mindestens fünf Stück znm Preise von 5 Pf. für je fünf Stück verkauft. Die Frankirung der Postanweisung wie der Postkarte hat durch Aufkleben von Freimarken zu erfolgen. Auch die angehängte Postkarte muß vom Absender der Anweisung frankirt werden, sonst wird die ganze Anweisung nicht zur Beförderung angenommen. Die angehängte Karte wird dem Adressaten der Postanweisung zur Ausfertigung der Empfangsbestätigung überlassen; die Postkarte kann auch zu anderen Mittheilungcn benutzt werden. Für telegraphische Postanweisungen, sowie für Marine-Postanweisungen können die neuen Formulare nicht verwandt werden. — Für unser ganzes Geschäftsleben einflußreich ist die Einführung des Postpacketverkehrs mit unferm östlichen Nachbarreiche Rußland. Hierhin waren bisher nur sogenannte Postfrachtstücke zulässig, für die unter allerlei Formalitäten ein ungeheures Porto entrichtet werden mußte. Heute beträgt das Porto für Pallete bis zu 10 Pfund nach dem ganzen europäischen Rußland nur 1 Mk. 40 Pf. — Im inneren Verkehr Deutschlands ist der Austausch von Packelen derartig erleichtert worden, daß eine schnellere Beförderung stattfinden kann. Die Annahme und Beförderung von Drucksachen knüpft die Post in unserer technisch hochentwickelten Zeit an mancherlei Bedingungen. Daß in dieser Beziehung für das Publikum kürzlich verschiedene Erleichterungen geschaffen worden sind, muß mit Dank anerkannt werden. Gegenwärtig werden nach der Drucksachentaxe befördert: „Alle durch Buchdruck, Kupferstich, Stahlstich, Holzschnitt, Lithographie, Metallographie, Photographie, Hektographie, Papyrographie, Chromo- graphie oder ein ähnliches mechanisches Verfahren vervielfältigten Gegenstände, wenn sic zur Beförderung mit der Briespost geeignet sind. Ausgenommen sind die mittels Durchdrucks, -der Copirpresse und der Schreibmaschine her- gestellteu Schriftstücke. Auf Büchern, Musikalien, Zeitungen, Zeitschriften, Bildern, Landkarten, Weihnachts- und Neujahrskarten kann eine Widmung hinzngcfügt, eine auf den Gegenstand bezügliche Rechnung beigelegt, sowie letztere mit solchen handschriftlichen Zusätzen versehen werden, welche nicht die Eigenschaft eines Briefes haben." Auch Albums mitPhoto- graphicen sind als Drucksachen zulässig.
Im Zeitungsverkehr kann mit Genehmigung eines Verlegers auf Zeitungen mit jährlicher Bczugszcit auch am 1. April, 1. Juli und 1. Oktober unter entsprechender Herabsetzung des Bezugspreises abonnirt werden. Bisher
4?. Jahrgang
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 60 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Ml. od Pjg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
kleine Beamte, welche die Ferienzeit und die von derOrleans- Compagnie gebotenen ermäßigten Preise benutzen wollten, um dem Schicksal einige frohe Tage abzuringen und am Meeresufer ihre kurze Freiheit zu genießen. Mit Lächeln auf den Lippen und Freude im Herzen waren sie von den Ihrigen geschieden, die sie am nächsten Morgen in improvisirteu Särgen mit vor Todesangst verzerrten Zügen, verstümmelten Gliedern und eingedrückter Brust wiederfinden mußten. Wie immer in solchen Fällen wendet sich die Aufmerksamkeit den Ursachen zu, doch hat es diesmal das sogenannte blinde Fatum— dem Alles in die Schuhe geschoben werden kann — der Eisenbahnverwaltung erspart, die Schuld irgend einem untergeordneten Bcamten zur Last zu legen. In Juvisy wie seiner Zeit in Saint-Wando war das Unglück durch das Nicht-Erscheinen der farbigen Kreisscheibe verursacht worden, hier wie dort hatte der Mechaniker des rückwärtigen Zugs die Bahn für frei gehalten. Doch während in Saint-Mando noch die Kreis- scheibensignale von eigens bestellten, schlecht bezahlten und oft betrunkenen Wärtern emporgehalten wurden, hatte man seither das fogenannte Block-System erfunden, welches auf automatischem' Wege die Signale rechtzeitig vorbringt und, wenn die vorgeschriebene Schnelligkeit allerseits ein- gehalten wird und auch sonst nichts Ungewöhnliches geschieht, den Verkehr der Züge ohne jeden Unfall sichert. Der Fall in Juvisy, wo das Gewitter entweder das Block-System am Funktioniren hinderte, oder das blendende Wetterleuchten das Signal übersehen ließ, bewies nun auch die Unzulänglichkeit dieser Erfindung. Das Eisenbahn-Unglück in Juvisy hatte nur für kurze Zeit das Interesse geschwächt, das von allen Kreisen der Bevölkerung den zwei großen Ereig»
Anzeigen-PreiS«
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg. — Skotomen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg-, für Auswärts 75 Pfg.
(Nachdruck verboten.)
Pariser Brief.
(Von unserem Korrespondenten.) $ürre. — ein Gewitter und seine Folgen. — Die beide«» neueste«« Sensationen. — Die rohe Kunst. — Neue Bücher.
Paris, 9. August.
36 Grad im Schatten und kein Wasser! Die großen Behälter hatten gerade noch für drei Tage Wasser Übrig, in vielen Häusern war die Thätigkeit der Wasserzüge bereits eingestellt: Die Pest bei sich zu Hause, die Gefahr einer allgemeinen Vergiftung, ohne Abhülfe, das war das Schicksal, das Paris noch am Sonnabend bevorstand! Da, im Augenblick der höchsten Noth, und in Anbetracht vielleicht der vollständigen Hülflosigkcit, mit welcher die Stadtväter, wie alljährlich, auch heuer diesem Zustand entgegensahen- — legte sich der Himmel selbst ins Mittel. Er öffnete seine Schleusen, und unter furchtbarem Gewitter, das sich mit unerhörter Heftigkeit im Osten der Hauptstadt entlud, ergossen sich die wohlthuenden Gewässer über die dürre, dürstende Erde, füllten die Reservoirs und erquickten die Atmosphäre. Paris athmete auf! Nicht für lange jedoch; denn Sonntag schon im Morgengrauen verbreitete sich die furchtbare Nachricht, daß das hochgepriesene, erlösende Gewitter auch ein großes Unglück im Gefolge brachte. Seiner mittelbaren Veranlassung ist die Juvisy- Katastrophe zuzuschreiben, die in vieler Hinsicht an das vor 7 Jahren erfolgte Eisenbahnunglück in Saint-Mandö erinnert, dem 45 Reisende zum Opfer fielen. Diesmal zählte man 17 Todte, 10 schwer und gefährlich Verwundete und gegen 50 in verschiedenem Grade Beschädigte. Und der Unfall ist um so beklagenswerther, als er zumeist arme Leute, W.Sliefkindtt>-s^GlüM„ betraf.: Arbeiter, Lehrer.
■ a cy für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingercichter Anzeigen zur
nächsterfchemcnden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
niffen der Woche entgegengebracht wurde: Dem Prozeß in um im Seebad Erholung zu suchen ober durch Gastspiele Rennes und der Freilassung der wegen angeblicher 23 ej» ausländische Triumphe und ausländisches Md zu ernten.
Verlag: Langgasse 27,
16,000 Abonnenten
