Wiesbadener Tagblatt
Verlag: Langgasie 27.
Anreigen-PreiSi
16,000 Abomirnten
U». 336;
Freitag, den 21. Juli.
1899
Fernsprecher Wo. 62.
Fernsprecher No. 62.
Abend - Ausgabe
27,
(Nachdruck verboten.)
Preis von jeder Sorte.
Dr. Karl Schmidt.
bei den Ausgabestellen, den Zweig-Expeditionen in den Nachbarorten und säinmtlichen deutschen Reichsxostanstalten.
schieht, überhaupt mit jenem Material, welches die große Mehrzahl der Käufer als Schmalz zu essen bekommt.
Die dritte Sorte Schmalz ist das raffinirte Schmalz, refined lard, welches stets gleichzeitig mit Schmalzöl, lard oil, gewonnen wird. Das lard oil wird durch AuSpressen von steam lard, Talg (tallow) und grease hergestellt, welche Rohstoffe die Raffinerieen großentheils aus Abdeckereien beziehen. Man macht lard oil, tallow oil und grease oil; das letztere geht aber gleichfalls unter dem Namen lard oil.
Die nach der Auspressung des Schmalzöls bleibenden festen Fettbestandtheile, Stearin genannt, werden nur theilweise an Kerzen- und Seifenfabriken verkauft, zum größeren Theil zur Herstellung von raffinirtem Schmalz verwendet. Namentlich das nach südlichen Ländern bestimmte Schmalz braucht einen besonders starken Zusatz von Stearin, damit es auch in der Wärme die nöthige Steifheit bewahrt. Beigemischt wird also Stearin ohne alle Frage. Daß aber der Grundstoff des refined lard reines steam lard wäre, behaupten die Raffineure selbst nicht. Sie pflegen zwar den Zutritt- zu ihren Fabrikationsräumen und auch die Auskunft über ihre Fabrikationsstoffe zu verweigern, aber von Einzelnen hat vr. Sering Aufschluß erhalten, von Raffineuren selbst und von lard-Fabrikanten, welche nicht zugleich Raffineure sind. Baumwollensamenöl, Talg, sonstige Fette aller Art und terra alba sind die Hauptingrcdienzien des raffinirten Schmalzes (refined lard). Diese Aussagen haben offizielle Bestätigung erhalten durch ein schiedsgerichtliches Urtheil der Handelskammer von Chicago. Eine der ersten Firmen Chicagos, Fowler bros., war beschuldigt, dem Kläger prime steam lard geliefert zu haben, welches nicht den Regeln des board of trade entsprochen habe, sondern mit Talg, Ochsenfett, Baumwollsamenöl und anderen von Schweinefett verschiedenen Substanzen verfälscht gewesen sei. Das Urtheil der Handelskammer wies die Beschuldigung zurück, jedoch das sehr sorgfältig stilifirte Dokument sagt: „die Verfälschung ist in dem einzelnen Falle nicht bewiesen, aber die Fabrikationsmethoden der Beklagten sind verdächtig, ihre Maschinerie ist so arrangirt, als hätten sie die Gewohnheit, zu verfälschen". Diese Freisprechung ist doch thatsächlich eine Vcrurtheilung der Beklagten, eine handgreifliche Bestätigung des Gesd)üf!sgrundsatzcs „Eigentlich", eine höchst lehrreiche Illustration zu der ohnmächtigen Allwirksamkeit der Palliativkunst heutiger Juristerei, eine neue Bestätigung der tausendfach bestätigten Lobsprüche Mephistos für das Recht, eine Glosse zu der „Reform an Haupt und Gliedern", welche man — fable convenue, heute für unmöglich hält, wie zu Luthers Zeit.
Trotz der zähen Lebenskraft des weltbeherrschcnden Wortes „Eigentlich" sollte eigentlich doch der dargelegte Thatbcstand uns an die Nieren packen. Man weiß ja Gott sei Dank nicht, was man Alles zu essen bekommt, aber es kommt vor, daß man's erfährt, und das ist dann unangenehm. Die schlimmste Thatsache bei der amerikanischen Schmalzfabrikaiion — daß die vierte Schmalzsorte, grease rühmt sie sich zu heißen, nicht ausführlicher behandelt wird, möge der Leser diesmal verzeihen — ist die massenhafte
Amerikanische Schweine.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt'.) n.
Der Artikel, welchen wir nach wie vor in großen Quanti- - Räten aus den amerikanischen packing-Häusern beziehen, ist das Schmalz. Von den Geheimnissen der amerikanischen Schmalzfabrikation soll hier Einiges verrathen werden; ein bestimmtes Urtheil kann jedoch nur Derjenige gewinnen, der sich mit den üblichen Waarenbenennungen, mit der Fabrikation selbst und mit der Statistik vertraut gemacht hat, was Alles recht schwierig ist und noch schwieriger dadurch wird, daß in die Gepflogenheit der Rechtsprechung sich manches „Eigentlich" eingebürgert hat, welches mit europäischen Rechtsbcgriffen unvereinbar ist. Z. B.: „eigentlich sollte dies« Waare reines Schweineprodukt sein, ist's aber bekanntlich nicht"; oder: K Die Amerikaner fabriziren folgende Sorten Schmalz: 1. leaf lard, feinstes Bauchfett; 2. steam lard, gewöhnlich prime steam lard genannt,Dampfschmalz; 3. refined lard, raffi- Mirtes Schmalz; 4. grease, ordinäres Schmalz. Dieses letztere ! wird häufig in Abdeckereien, rendering houses, hergestellt oder " wenigstens das Material theilweise aus denselben bezogen. \ — Das leaf lard, im offenen Kessel durch die in demselben laufenden dampferhitzten Röhren ausgelassen, macht nur 5 pCt. des ganzen Schmalzerzeugnisses aus und kommt garnicht in den Großhandel und in den Export, vielmehrwird es im special ! trade verkauft und dient besonders zur Butterverfälschung, ; zur Herstellung von „snine-Butter" oder „butterine“.
Das prime steam lard ist die einzige Sorte Schmalz, deren Zusammensetzung von der Handelskammer normirt ist 1 und deren richtige Beschaffenheit von einem angestellten Inspektor durch Bescheinigung und Stempel verbürgt wird. Aber diese Bürgschaft ist, wie Sering darlegt, illusorisch. ; 3n die „Tanks", d. h. die hohen, senkrecht stehenden cylindrischen Eisenkessel, in welchen die ganze Maffe 12 Stunden lang gekocht wird, darf, wenn es mit rechten Dingen zugeht, kein Ochsenfett, kein Gedärm, kein Fleisch und Fett krepirter Thiere eingeworfen werden. Aber geht es mit rechten Dingen zu? Das eben kann nicht brntrollirt werden und wird von dem bösen Publikum mit Grund bezweifelt. Und noch weniger wird kontrollirt, was mit den Ueberresten der steam lard-Fabrikation ge-
Berwendung von krepirten Thieren. Thatsache ist, daß Schweine — aber auch Ochsen soll es passiren — massenhaft auf dem Transport sterben. Nach den Vorschriften deS board of trade sollen diese nicht in die packing houses, di« großen Schlachtereien, sondern in die Abdeckereien (rendering houses) gebracht werden. Fällt uns nicht hier das Wort „eigentlich" wieder ein? Nach Aussage des Präsidenten der stock yards von St. Louis könnte dort neben dem einen vorhandenen rendering house sehr wohl noch ein zweites Beschäftigung finden. Werden in einer einzigcnStadt SMillioneu Schweine jährlich geschlachtet, so dürften doch wohl auch einige „eines natürlichen Todes sterben". Krankheiten giebt es ja auch, es giebt z. B. die Schweine-Cholera. — Aber vielleicht wird durch andere volkswirthschaftliche oder privatwirthschaft» liche Anstalten die Errichtung weiterer Abdeckereien überflüssig gemacht. Vielleicht unterscheidet sich eine anständige amerikanische Schmalzfabrik in dem Material, in dem Betrieb, in dem Absatz ihrer Produkte gar nicht so sehr von einer Abdeckerei, wie ein Laie in Europa sich einbildet. Die Angaben Serings, welcher beide Arten von Etablissements nach eigener Anschauung beschreibt und den Abdeckereien allerdings den Vorzug des größeren Gestanks zugesteht, machen diese Vermuthung fast zur Gewißheit. Die Agenten der Abdeckereien kaufen krepirte Schweine auf (deren 4 Millionen oder 6 Procent nach amtlicher Statistik jährlich an Seuchen eingehen), die anständigen packing houses verwenden ebenfalls krepirte Thiere und beziehen einen beträchtlichen Theil ihres Materials aus Abdeckereien; die letzteren leugnen nicht die Möglichkeit, daß ihr schön weißes Schmalz, für ein Laienauge von dem „echten" steam lard nicht zu unterscheiden und nur einen halben Cent billiger im Preise, auch als Speise-Schmalz in Handel kommen könne. Jedenfalls wird der Verdacht, daß neben den geschlachteten auch krepirte Thiere ganz allgemein zur Schmalzfabrikation verwendet werden, bestärkt durch die geringen Unterschiede im Preise, welche für die verschiedenen Sorten bezahlt werden,und durch die ganz allgemeineBehauptung, man könne dem schon in Verwesung übergegangenen Produkte durch chemische Reinigung die Farbe und den Geruch wieder nehmen. Die Geruchlostgkeit des Abdcckereifabrikats ist in der That konstatirl. Die über allen Zweifel erhabene Thatsache der massenhaften Verwendung von Surrogaten kommt darin zum statistischen Ausdruck, daß in allen packing houses sehr viel mehr Schmalz gewonnen und versandt wird, als nach den amtlichen Ausweisen der Handelskammern in den geschlachteten Schweinen überhaupt vorhanden war.
Als Kaiser Vespasianus von seinem edlen Sohne gebeten wurde, nicht aus stinkenden Sachen Geld zu machen, hielt er diesem ein Goldstück unter die Nase: „es riecht nicht". So denken auch die Anbeter des Dollars, welche Alles aus der Bibel schöpfen, nur ihre Geschäftsmoral nicht.
Für uns bringt dieses Schweinerei-Kapitel die alte Lehre in Erinnerung, daß jedes Ding zwei Seiten hat. Billige Nahrung wünschen wir unseren Armen, aber nicht um jeden
Iür August uuö Sepiernber
auf das
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(Nachdruck verboten.)
(Billige Charakterriige der skandinavischen
Kitteratnr.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt'.)
Von A. Brunneman».
Das große Interesse, das die skandinavische Litteratur in ganz Europa erweckt hat, verdankt sie zumeist ihrer unvergleichlichen Darstellung des modernen Lebens, des bitter ernsten Kämpfens und Ringens um Ideale, die der kommenden Generation voranleuchten sollen. Die nordischen Schriftsteller sind die Ersten, die Probleme der Vererbung, der Erziehung, der Ueberlieferung, der Stellung der Frauen, sowie alle religiösen und pathologischen Fragen litterarisch derwerlhelen, kurz Alles, was die moderne Denkungsweise und die heutigen Existenzbedingungen an ungelösten Widersprüchen heraufbeschworen haben. Ihre Errungenschaften find Ernst und Wahrheit, ein offener Blick für die socialen Schäden. Zum Aufbau eines neuen Glückes genügt da§ noch nicht, auch haben Alle außer Björnson und Jonas Lie nur selten aufbaucn, sondern erst niederreißen wollen. Sie sind alle unerschrockene Kämpfer, die mit trutzigen Siurmböckcn gegen alte Mauern rennen, und gerade ihr Kampf nahm und nimmt noch die Theilnahme der ganzen gebildeten Welt, die mehr oder weniger mitzukämpfe» beginnt, in Anspruch.
Der dänische Litterarhistoriker Georg Brandes hatte Anfang der siebziger Jahre seinen skandinavischen Jüngern Riesengeister, wie Nietzsche, Stuart Mill, Spencer, Ta ine und Renan erschlossen, und, wie aus dem Boden gestampft, erstand eine Schaar streitbarer Männer und Frauen, die sich berufen füllte, gegen alles Bestehende den Krieg zu erklären, oder mit der Abenteuerlust der alten Wickinger die Schiffe hinter sich zu verbrennen, um ein neues, gelobtes Land zu entdecken.
Voran schritt Henrick Ibsen mit seiner traurig-pessi- pistischen Prophezeihung: „Wen Gott will schlagen in des
Lebens Schlacht, den hat er erst zum Individuum gemacht." Das einsame, denkende Individuum steht der plumpen Ueber- macht einer Gesellschaft von Lügnern und Heuchlern gegenüber; es muß sich selbst finden, sich selbst befreien, rücksichtslos mit Allem brechen, was seine freie Entwicklung hemmt, und in freiwillig gewähltem Untergangsheldenthum dennoch geistig triumphiren.
Ihm folgte Björnstjerne Björnson, der Reformator des modernen Lebens, in dem ein gutes Stück Pastor und Pädagog steckt. Seine größte Kraft hat er in der Blüthe seines Schaffens dem Studium der heutigen Ehe geschenkt, und die in seinem Drama „Der Handschuh" aufgestellte Forderung: gleiche Moral für Mann und Weib, auf weit hinwehenden Bannern überall aufgchißt. Erst später ist er zu religiösen und socialistischen Problemen übergegangen (lieber unsere Kraft, erster und zweiter Theil).
Der Dritte im Bunde dieser führenden Geister ist Jonas Lie. Er schöpft aus allen Schichten der Gesellschaft und läßt keines der leidenschaftlich umstrittenen Zeitprobleme unberührt, doch nicht die Tendenz überwiegt bei ihm, sondern die große, tief ernste Wahrheit, die dort das Rechte findet, wo es liegt, sollte es auch der Tendenz entgegen arbeiten. Er verherrlicht die unerschrockene, kampfesftcudige Energie und strebt doch im Grunde seines Wesens nach Ausgleich und Versöhnung.
Bei den weicher veranlagten Schweden und Dänen fanden die Schöpfungen dieser drei kühnen Norweger nachhallendes Echo. Jedes ihrer neuen Werke wurde mit Begeisterung ausgenommen und rief zunächst in ganz Skandinavien eine Realisten- und Umstürzlerschule hervor, die sich bisweilen in Extremen gefiel, die aber doch, und das ist ihr Hauptverdienst, allmählich die Nothwendigkeit erkannte, die Dinge des Alltagslebens einer scharfen Beobachtung zu unterziehen und sie der Wirklichkeit getreu darzustellen. Sie gab uns keine ausgeklügelten Verstandeswerke, nur eine qualvolle Reihe erschütternder Herzens
erlebnisse, für die selbst die Sprache nach neuen Darstellungsformen rang. Wenn wir den Werdegang dieser litterarischen Persönlichkeiten verfolgen, so erkennen wir mitfühlend, wie so manche die Feder in ihr Herzblut tauchte. Diese einsamen Grübler, diese ehrlichen Zweifler, diese ungestüm nach innerer Entwickelung und Befreiung von alten Ketten schreienden Frauen haben alle gelebt und ihren herben Kampf durchkämpft, aus dem heraus sie, je nach ihren eigenen Erfahrungen, Sieg oder Vernichtung predigen. Und wegen ihres ehrlichen Ringens um Erneuerung, Weiterentwickelung des Menschenthums muthet uns die skandinavische Litteratur so an, wenn wir in ihr auch gar vielen Uebergangs- und Dekadence-Erschcinungen begegnen, deren abschreckendsten Typus der Weiberhasser Strindberg verkörpert.
Knut Hamsun, der Virtuos im Schildernder körperlichen und seelischen Leiden unglücklicher Existenzen, Alexander Kielland, der mit packender Realistik mitleidslose Satiren auf die Erbärmlichkeit und Heuchelei der Gesellschaft dichict, und endlich Peter Nansen, mit souverainer Ironie die zunehmende Charakterlosigkeit deS skeptischen Großstadtlebens beleuchtend, sind Realisten in des Wortes vollendetster Bedeutung. Treuherzig und gemüthvoll erzählend, aber nicht kämpfend, schließt sich ihnen Hedenstjerna an. Mit schöpferischer Vollkraft und unerschrockener Kühnheit treten auch Frauen in die Schranken, stolze freie Naturen, die sich weder der Liebe, noch den weiblichen Pflichten unterwerfen, sondern nach kurzer Hingabe an Liebe und Pflicht bald wieder leidenschaftlich nach sich selbst begehren und als heiligste Forderung aufstellen, was Nora Helmer zwang, ihren Gatten zu verlassen: die Forderung, ihr Ich zu bilden. Ihre Vorläuferin ist Charlotte Leffler-Egren, auf deren Theorieen die Frauen-Emanzipation weiter gebaut hat. Mit Mannesmuth — und zwar gegen den Mann — tritt die Naturalistin Amalie Sh ram in den Kampf. Liebenswürdigere, doch auch ganz unabhängige Naturen find
