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U». 324

Freitag, den 14. Juli.

1899

Fernsprecher No. 52.

Fernsprecher No. 52.

flbend-flusgabe

(Nachdruck verboten.)

auch für dieses letzte baare Geld in der Lage sein muß, einen Sack Getreide einzuhandeln. Für den Seekrieg tritt die Kohle an die Stelle des Getreides. Der See­krieg ist heutzutage lediglich eine Kohlenfrage geworden. Unsere Handels- und, Kriegsmarine verbraucht heute zur Kesselfeuerung noch einen großen Thcil englischer Kohle, waliser Kohle, sogenannter Cardiffkohle. Um diesen Bedarf in Zahlen anszudrücken, haben wir im Jahre 1898 ans England 5,820,332 Tons Kohlen bezogen, das sind auf die Ladung von Eisenbahnwaggons nmgerechnet 582,033 Doppel­waggons. Der Verbrauch dieser Mengen englischer Kohle in Deutschland, dem Lande der zweitgrößten Kohlen­förderung, wird einmal durch die große Heizkraft der waliser Kohle erklärt, dann aber ist der Seetransport von Cardiff nach Hamburg immer noch billiger als der Eisenbahn­transport der westfälischen Kohle. Verbraucht wird die Kohle in den Seehäfen meist an Ort und Stelle. Daß aber die Zufuhr englischer Kohle auf dem billigeren See­wege sich noch immer steigert, zeigen die großen Mengen, die auf dem Wege durch den Nord-Ostseekanal in den deutschen Ostseehäfen eiutreffen. So hat eine Wismarer Firma noch im vorigen Jahre mehrere Dampfer gebaut, die direkt den Transport englischer Kohle nach Wismar über­nehmen sollen.

Es ist nun klar, daß England im Falle eines drohenden europäischen Krieges, einerlei zwischen welchen Staaten, sofort die Ausfuhr britischer Kohle nach dem Auslände ver­bieten wird. Es ist dies eine Nothwendigkeit, damit den Schiffen der englischen Flotte genügende Vorräthe au Heiz­material zur Verfügung stehen. Daß die Gefahr eines Kühlenmangels keine Chimäre ist, hat das Jahr 1898 ge­zeigt. Infolge des Ausstandes der 8hbeiter in den eng­lischen Kohlengruben mußten im Juli vorigen Jahres die Manöver der englischen Flotte abgesagt werden, damit nicht die geringen Kohlenmengen in den englischen Kriegtzhäfen dadurch vollständig aufgezehrt würden, die Folgen eines englischen Kohlenausfuhrverbots würden aber für Deutsch­land in einem monatlichen Ausfall von ca. 500,000 Tons bestehen, mit welcher Menge unsere Häfen bis setz, gerechnet haben.

Selbstverständlich würde eine solche Maßregel Groß­britanniens mit einer gleichen von Seiten der deutschen Regierung beantwortet werden, wodurch dann namentlich die Kohlenausfuhr nach den. Niederlanden und Belgien (1898: ca. 5 Mill. Tons) aufhören würde. Damit scheint, da die Ausfuhr deutscher Kohle nach Westen und die englische Ein­fuhr ungefähr dieselbe Höhe hat, der Nachtheil wieder auf­gehoben. Aber es scheint nur so, denn die betreffenden Werthe werden wohl in den rheinischen Kohlendistrikten zu­rückgehalten, werden dadurch aber noch lange nicht für unsere Flotte nutzbar. Für den Transport dieser für die 53er* theidigung unserer Küsten, für den Kreuzerkrieg und für die Herbeischaffung der Lebensmittel durch unsere Seedampfer dringend nothwendigen Vorräthe gilt es, für den Krieg einen

ertheilt dem Mönche das Privileg, die abendländische Christen­heit zu einem Kriegszug gegen die Sarazenen aufzurufen. Er selbst beruft auf den 26. November 1095 eine große Kirchenversammlnng nach Clermont in der Auvergne.

Einen Begriff von der Größe, dem Glanz und der Pracht dieser erhabensten der Kirchenversammlnngen kann man sich machen, wenn man erfährt', daß allein von der Geistlichkeit 13 Erzbischöfe, 225 Bischöfe, 400 Siebte und Geistliche hohen Ranges anwesend waren. Die Blüihe des adeligen Ritterthums Welschlands und ihre Knappen und Reisigen und unzählbare Volksschaaren fanden sich ein, so­daß das Städtchen Clermont in dem Meer von Zelten und Hütten, die um dasselbe errichtet werden mußten, um die Zahl der Gäste zu faffcn, schier völlig verschwand. Papst Urban hielt eine zündende Ansprache an die Versamutlung und schloß mit be» begeisternden Worten: „Zieht hin! Ihr zieht unter einem Kriegsherrn, dem das Brod nimmer aus­geht, bei dem der Krieg gerecht und der Lohn ewig ist! Zieht hin! Euer Tod ist ein Märtyrertod! Jeder, der sich selbst verleugnet und sein Kreuz auf sich nimmt, wird Christum und mit ihm die ewige Seligkeit gewinnen! Zieht hin int Namen des Dreieinigen!" Mächtig war der Ein­druck dieser Worte. Einen Augenblick herrschte Todlenstille über dem Meer von Zelten, Hütten und Menschen. Dann aber begann es zu murmeln: „Deus lo voll!*1 Dann braust es: „Gott will es!" Dann rauschte es: „Gott will es! Deus lo volt!“ Dann bornierte cS, wie Gewitter« boiiner des Himmels selbst: „Gott will es!" Und unter diesem Losungswort heftete man einander das rothe Kreuz auf die Schulter, griff zum Schwert, zum Schild, trug die Kunde in die Lande und so begann der erste Kreuzzug. —

Nach siegreichen, aber auch opfervollen Kämpfen und 'Schlachten, nach unsäglichen Strapazen und Entbehrungen, nach vieler Trübsal und Prüfung näherten sich die Kreuz­fahrer endlich dem Ziel ihrer Sehnsucht, und je näher sie ihm kamen, desto größer wurde die Unruhe, die Spannung und die Kampfbegier. Ein Haufe drängte den anderen

‘Ätttctiißtt-S.ttltrtlnttß für die Albend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichtcr Anzeigen zur 6***? ’*’''’* nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Die herrlichste Periode der mittelalterlichen Geschichte ist das Zeitalter der Kreuzzüge und unter diesen wieder die Zeit des ersten Kreuzzugs. Nirgends, weder vorher noch nachher, zeigt sich uns das Ritterthum in solchem, man UMöchte fast sagen überirdischen, erhabenen Glanze als gerade g hier, wo das Ziel heldenhaften Streites, todesverachtender Tapferkeit und urwüchsiger Kraft das Idealste war, das der g Mensch sich denken kann.

Schon der unscheinbare Anfang dieser Periode, wie L romantisch! wie fesselnd! Ein einsamer Pilger, Pierre U d'Achcry, aus Amiens gebürtig und daher allgemein unter dem Namen Peter von Amiens bekannt, bleich und ab- gehärmt, halb verschmachtet, bedeckt mit verstaubten Narben, kehrt völlig unbekannt und unerkannt ins Abendlanv zurück ; . und sucht eine Audienz beim Papste Urban II. nach. Sie 1 wird ihm gewährt. Hier aber entwickelt sich aus dem uu* scheinbaren Mönchlein ein gewaltiger Redner, der flammenden ' Auges die Qualen und Drangsale dem aihemlos horchenden heiligen Baler schildert, die entsetzlichen Gräuel vor die staunende Seele malt, die die Pilgrime zum heiligen Grabe von dem Uebermuthe und der Grausamkeit der Ungläubigen, : der moslemitischen Sarazenen, zu dulden haben. Das Grab *■ des Gekreuzigten, des fünffach für das ewige Heil der t Menschheit Verwundeten, wird von den Feinden des Christen- t glaubens geschändet! Die Pilgrime werden in ihrer stillen : Andacht gestört, sie werden geschlagen, gequält, gemartert, ^ selbst — gelobtet! Und die mächtige Christenheit sieht diesen : Gräueln und Lästerungen zu? — So bornierten bie Worte des begeisterten MöncheS burch die Halle und Papst Urban ; umarmte den Prediger entzückt. ®r ist entschlossen, das hrilige Grab den Händen der Moslemin zu entreißen und

„Deus lo volt!“

Zum 800. Jahrestage der Erstürmung Jerusalems durch die Kreuzfahrer am 15. Juli 1099.

Von Dr. I. Zacovö.

Weg offen zu halten. Allerdings werden, da im Kriege nur große und schnelle Dampfer unsere Häfen verlasse« werden, durch das Stillliegen der kleinen Frachtdainpfer die Vorräthe in den Hafenstädten scheinbar geschont, aber gerade bie großen Schnelldampfer sind es, die für ihr« mächtigen Maschinen kolossale Mengen an Feuerungsmaterial verbrauchen. Und Vorräthe, bie nicht ergänzt werbe«, schwinbeu rasch zusammen. Die Eisenbahnen nun für die Herbeischaffung der Kohle in Kriegszetten, wo die Bahn­linien durch Militär- und MiuiitionstrauSporte nach der Grenze und für bie Rückbeförderung von Kranken und Ver­wundeten beinahe gänzlich in Anspruch genommen werden, die Eisenbahnen auch noch für die Kohlenbefördernitg heran­ziehen zu wollen, ist fast undenkbar. Die Versorgnug einer einzigen Division, z. B. der Brandenburgklasse, mit Kohle« würde (ä Schiff 500 Tons) schon allein 200 DoppelwaggonS beanspruchen. Und für ein Schiff wie „Kaiser Wilhelm der Große" vom Norddeutschen Lloyd würden gar 400 Waggons nöthig sein, die bei voller Fahrgeschwindigkeit auch nur für acht Dampftage ausrcichen. Und ist es denn bei der Uebet« lastimg aller Eisenbahnen ausgeschlossen, daß in dem Ver« kehr der Züge Stockungen eintreten ? Die Hamburg-Amerika« Linie, die fast nut deutsche Kohlen verwendet, bedarf allein einer täglichen Zufuhr von 60 Waggons. Wirb ein solcher Betrieb aufrecht zu erhalten sein?

Si vis pacem, para bellum ist ein altes Wort. Gerüstet Jein im Frieden, ist die beste Sicherung gegen kriegerische Ueberfälle. Die Bewältigung der Zufuhr ist im heutigen Kriege die Frage, bie nach ber Strategie ben nächsten Platz ein nimmt. Im Kriege ober, wo sich die Ereignisse jagen, neue Verkehrswege schaffen zu wollen, ist ein Unding, und es ist gefährlich, alle Pläne auf dem Vorhandensein eines einzigen Transportmittels aufzubauen. Im Frieden schon für einen sicheren betriebsfähigen Weg zu sorge«, auf dem unsere Flotte im Kriege mit dem nöthigen Heizmaterial ver­sorgt werden kann, ist deshalb eine ernste Aufgabe. Diese Rolle zu spielen, ist der Mittellandkanal berufen. Er ver­bindet bie rheinischen Kohlenfördernngscentren mit den großen Wasserstraßen der Weser unb Elbe. Auf ihm fönncn bie Kanalschiffe über Hamburg burch den Nordostseekanal auch Kiel mit ihren Kohlentransporten erreichen Er stellt einen Weg bar, ber außerhalb des Bereiches feindlicher Schiffsgeschütze Sicherheit für den Transport militärischer Bedürfnisse bietet. Er entlastet bie Eisenbahnen unb ge­währt eine größere Betriebssicherheit als diese. Unter diesem Gesichtspunkte ist die Kanalfrage eine Frage von größter strategischer Bedeutung. Es sind dies ernste Erwägungen, die bie Beachtung ber weitesten Kreise verdienen, unb da bie Kohlenversorgungsfrage unserer Häfen im Kriege bei bieser Gelegenheit bis jetzt kaum erörtert worden ist, zu ihrem Theile dazu beitragen werden, dem Plane des Baues eines Mittellandkanals neue Freunde zu gewinnen. Ab­gesehen von den wirthschaftlichen Vortheilcn, erhöht eine solch« Wasserstraße die Wehrkraft unseres Vaterlandes.

vorwärts. Tancred, einer der Tapfersten unter den Edel«, schweifte mit einer Reiterschaar bis nach Bethlehem und nahm diesen Ort unter dem brausenden Jabel der christ­lichen Bevölkerung in Besitz. Er selbst, der Tapfere, sprengt« voraus und zeigte sich auf der Spitze des Oelbergs den er­schrockenen Sarazenen der heiligen Stadt. Um das Pfingst­fest des Jahres 1099 herum erreichten die Kreuzfahrer, auf dem Wege über Lydda, Ramleh unb Emmaus hinziehend, den Bergrücken, der sie von Jerusalem selbst schied, und von wo aus sie dir Stadt zum ersten Male zu Gesicht be­kamen. In stummer Andacht sanken Alle entblößten HanpteS auf die Kniee und weinten heiße Thräuen der Freude, deS Dankes unb ber Buße unb küßten die heilige Erde inbrünstig. Bald erschallten begeisterte Lob- und Preisgesänge unb man legte den Rest des Marsches bis zu den Mauern der Stadt barfuß im Büßergemande zurück.

Die Eroberung ber festen und mit allen Mitteln zur Vertheidigung reichlich versehenen Stadt, bie von einer zahl­reichen, streitbaren Besatzung vertheidigt würbe, war aber eine schwierigere Aufgabe, als man sich vorgcstellt hatte. Das Kreuzheer war burch die blutigen Schlachten numerisch und durch die unausgesetzten Märsche in der glühenden Sonne in schwerer Stahlrüstung auch physisch geschwächt und ermattet und besaß auch nicht das geringste Belagerungs» material, das zur Eroberung einer so umfangreichen und natürlich so günstig gelegenen Stadt unumgänglich iwth- wendig war. Die unermeßlichen Kriegerschaaren, die vor drei Jahren in der Ebene von Nicäa sich zusammen» gefunden, waren bis auf nicht mehr als 20,000 Mann zu» fammengeschmolzcn, während die feindlichen Befehlshaber innerhalb der Stadtmauern eine dreifache Ilebermacht zur Verfügung hatten. Nichtsdeftowciiiger machte sich Raimund von Toulouse an die Belagerung der Westseite,während Gottfried von Bouillon und Tancred mit Robert von der Normandie und Robert v. Flandern von der Nordseite her belagerten.

Infolge eines prophetischen Spruchs, der ihnen die Ein­nahme der Stadt verhieb, wagte man schon am 5. Tage

(Nachdruck verboten.)

Die Bedeutung des Mittellandkanals fite den Kriegsfall.

Von Dr. Ferdinand Grautoff.

Seit dem Bekanntiverden der sogen, großen Kanal- Vorlage, die eine west-östliche Verbindung des Rheins mit der Weser unb Elbe ins Auge faßt, hat es nicht an Er­örterungen über den wirthschaftlichen Werth einer solchen Wasserstraße gefehlt. Allein auf diesem Gebiet liegen die Gründe, die von den Vertretern der Landwirthschaft wie der Industrie für ober gegen den Bau des Mittellandkanals geltend gemacht sind. Neuerdings ist auch die Frage gestreift worden, welche Bedeutung der Kanal im Kriegsfall für den Verkehr zu spielen berufen sein könnte. Aber es ist dabei doch nur die Möglichkeit erwogen worden, in einer Zeit, wo die Eisenbahnen ausschließlich durch Militärtrans- porte in Beschlag genommen werden, die Wasserstraße für die Beförderung von Privatpersonen nutzbar zu machen. Es ist dies eine im Krieg doch nur recht nebensächliche Frage von untergeordneter Bedeutung, da, während jeder waffenfähige Mann mit unfern Heeren an der Grenze steht, Fabriken und Werkstätten fast stille stehen werden und ber ganze landmirthschastliche und kaufmännische Betrieb stockt, ist auch das Bedürfniß der Personenbeförderung auf ein Mindest- ■ maß herabgedrückt. In einem Kriege gilt cs die Anspannung der gesammten wirthschaftlichen unb militärischen Kräfte eines Volkes, unb Alles ohne Ausnahme wird in letzter Linie ben - militärischen Zwecken dienstbar gemacht und hat sich ihnen wenigstens unterznorbnen. Von ben zweigeleisigen Eisen- D bahnen werben in bem Augenblick ber Mobilmachung von ben ersten Transporten nach ber Grenze beibe Schienen­ft ränge voraussichtlich in gleicher Richtung befahren werden und erst später wirb ein Geleise für bie Rückfahrt ber leeren Vahnzüge von ber Grenze nach ber Heimath offen gehalten werden müssen. Ob die Reise eines Privatmannes eventuell um eine Woche aufgehalten ober verzögert wird, darauf darf der Krieg keine Rücksicht nehmen.

Viel wichtiger, ober vielmehr zur Entscheibung nach ihrem Theil beitragend, ist die Frage nach der Beförderung von Waarentransporten, bie, ihrerseits zum Kriegsmaterial ge- tz hörend, die großen Waffenplätze unserer Kriegshäfen mit den : nöthigen Zufuhren versorgen sollen: das ist die Frage der Kohlenversorgimg unserer Kriegshäfen und derjenigen Handelsplätze, an denen die Ausrüstung der Handels- > dampfer unb ihrer Begleitschiffe vorgeiiommen werden muß, bie bestimmt sind, eine feindliche Blockade der deutschen Stronintündungen zu brechen. Friedrich der Große hat ein­mal dem den Sieg zngesprochen, der den letzten Thaler in der Tasche habe. Der Satz hat heute noch seine Gültigkeit, allerdings mit ber Einschränkung, baß man

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