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Wiksbadkmr Sagblatt

»» Jahrgang.

Verlag: Langgasse 27.

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N-. 294.

Dienstag, den 27. Juni

1899.

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Fernsprecher Wo. 52.

Abend-Ausgabe

zunehmen. Das liege im Interesse des Pu

Minister sagt die Erfüllung dieser B>

durch Museen und andere Bildungsanstalten Veranstaltung von Volksvorstellungen im Theater, von Volkskonzerten Einrichtung von Lehr­kursen verschiedener Art Einrichtung von Volks­bibliotheken und Lesehallen rc. Ueberall zeigt sich das Bestreben, die Besten unter den Gelehrten und Künstlern und Fachmännern heranzuziehen, um, dem besonderen Bc- dürfniß entsprechend das, Beste in jeder Art zu bieten. Die Jahresberichte der verschiedenen Vereinigungen sind ein be­redtes Zengniß für ihre erfolgreiche Wirksamkeit. Man sollte nicht glauben, daß wir in dem so ideallos gcschuiähten Fin de siöcle leben, wenn man hört und sieht, waS mit den geringen Mitteln von opferfreudigen Männern auf dem Gebiete der Volksbildung und BolkSunterhaltung bereits geleistet worden. Nein ideallos sind wir nicht, wenn auch unsere Idealisten auf dem Boden der neuen Erkennt­nisse der Naturwissenschaften stehen und die Transscendenz sich zur Anschauung der lebendigen Welt erhoben, dem un­endlichen Organismus, in dem jedes Einzelorgan die Lebens­zwecke der Gesammtheit fördern hilft. Die unsere Zeit so tief erregende Frage nach der socialen Organisation der Gesellschaft kann auch nur an der Hand dieser Erkenntnisse eine befriedigende Lösung findendie Volksbildungsvcrcine sind dazu am Werk.

Zwei Punkte haben sie aber in der Praxis im Auge zu behalten, wenn sie ihxe letzten Ziele erreichen wollen. Das Programm der Frankfurter Konferenz hat sie in richtiger Würdigung auch an die Spitze gestellt. Zunächst handelt es sich darum, eine engere Verbindung der gleiche Ziele verfolgenden Lokal vereine für Volks­bildung zu organisiren. Einigkeit macht stark! Wenn auch die Lokalvereine mit den lokalen Bedingungen rechnen müssen, so giebt es doch prinzipielle Fragen genug, deren Lösung für alle gleich wichtig, und die nur durch eine einheitliche Behandlnng eine zweckentsprechende Erledigung finden können. Die nächsten Vorthcile einer solchen engeren Verbindung wären: a) Unterstützung der Einzel- Ausschüsse in der Errichtung von Lehrmittelsammlungen zur Benutzung für Gruppen von Orts-Ausschüssen; b) Berufung von Rednern, Recitatoren und Künstlern von Verbands­wegen zur Unterstützung sämmtlicher, namentlich aber der Ausschüsse In kleineren Orten; c) die Herstellung des organischen Zusammenhangs der Volksvorlesungen mit dem Ganzen der Volksbildung und andere praktische Dinge.

Die zweite gleichwichtige Aufgabe ist die Beschaffung und Sicherung entsprechender Geldmittel. Es muß eine Verständigung über die gemeinsamen Schritte er­folgen, um den Staat und die Gemeinden zur budget­mäßigen finanziellen Unterstützung der Bestrebungen der Volksbildungsvereine heranzuziehen. Je weiter sie ihre Thätigkeit ausbreiten wollen, desto nothwcndiger erweist sich diese Mitarbeit derjenigen Stellen, deren Aufgabe ja die

(Nachdruck verboten.)

Die RollrsbUdungs-Uereine.

(Eigener Aufsatz für dasWiesbadener Tagblatt'.)

Die Thätigkeit der Volksbildungs-und Volksunterhaltungs- Vereine hat im Laufe der letzten Jahre höchst erfreuliche Resultate erzielt. Daß Wiesbaden dabei mit in erster Reihe genannt werden muß, soll von vornherein anerkannt werden. In der richtigen Erkenntniß des innigen Zu­sammenhanges der Volksunterhaltungen mit der Volks­bildung, des erzieherischen Einflusses, den die Mittel der Kunst auf die Gemüth- und Herzensbildung, auf die Be­fruchtung der Ideale und Leben schaffende Phantasie aller Menschen, ausüben, haben die Volksbildungs-Vereine auch jene Mittel ihren Bestrebungen dienstbar gemacht. Es gilt der Vorbereitung eines gemeinsamen Bodens der Ver­ständigung zwischen den oberen Zehntausend, den Hundert­tausenden eines gebildeten Mittelstandes und dem Proletariat, das heute aus einer sehr selbstbewußten Masse besteht. Die Schaffung eines neutralen Bodens, auf dem sich die rein humanitären Bestrebungen unbeirrt um der Parteien Gunst und Ungunst zu gemeinschaftlichem Werk vereinigen können, ist ein unabweisliches Bedürfniß. Die sociale Frage ist die Bildungsfrage nur mit ihrer Lösung, die Jedem die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit sichert, werden die socialen Gegensätze einen Ausgleich finden. Die Volksbildungs-Vereine scheinen vermöge ihrer Organisation diesem Bedürfniß am besten zu entsprechen. Ihre Förderung muß Jedem am Herzen liegen, der eine friedliche Entwicklung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse erstrebt.

Sonntag, den 11. Juni, fand in Frankfurt a. M. auf Einladung des dortigenAusschusses für Volks- Vorlesungen" eine Konferenz der Ausschüsse und Vereine für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen im Rhein- und Maingcbiet statt. Der Hörsaal dcs Scncken- bcrgischen Instituts war bis auf den letzten Platz von Interessenten gefüllt, die von Nah und Fern gekommen waren, sich über die Thätigkeit der einzelnen Verbände und die dabei gewonnenen Erfahrungen auszusprechen. Freunde und Förderer aus allen Kreisen der Gesellschaft nahmen an den Verhandlungen Thcil.

Ein Ueberblick über die so geräuschlos ausgeübte Thätig­keit der verschiedenen Vereinigungen zur Verbreitung von Volksbildung muß uns mit Staunen und Bewunderung erfüllen für die uneigennützigen Männer, die mit so kargen materiellen Mitteln das Alles ins Werk gesetzt. Die Thätig­keit der Vereine erstreckt sich auf Veranstaltung von Vor­lesungen über Litteratur und Kunst, auf Vor­träge fach wissenschaftlichen Inhalts, Führungen

Wahrung der höheren Interessen der Allgemeinheit ist. Was bisher von einzelnen Gemeinden geschehen, steht in keinem Verhältniß zu den hohen Aufgaben, die die Volks- bildungsvcreinc zu lösen berufen sind. Und der Staat hat sich bisher ziemlich passiv, ja mißtrauisch verhalten. Auf die Dauer wird die Privat-Unterstützung und der gute Wille Opferwilliger, die ihre Kräfte ohne Entlohnung bereit stellen, nicht ausreichen. So nebenbei lassen sich so ernste Dinge nicht erledigen.

Aber hier kann nur ein einmüthiges Zusammengehen zum Ziele führen. Wir müssen fordern und immer wieder fordern, einmüthig und an der rechten Stelle. Es ist unser gutes Recht für die gute Sache. Die läßt sich nicht mit Almosen abfinden. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Amerikanern und Engländern. Die praktischen Engländer z. B. haben bereits 1892 eine Parlamentsakte durchgesctzt, nach der den städtischen Bürgermeistern aufgegeben wurde, auf Verlangen von mindestens 10 Steuerzahlern eine Ab­stimmung über die Annahme einer Bibliotheksteuer ins Werk zu setzen, wobei die einfache Majorität entscheidet. Und schon heute bestehen etwa 6700 Volksbibliotheken in un­gefähr 300 Städten und Ortschaften, die einen jährlichen Betrag von mehr als 16 Millionen Mark aus ihrer Bibliotheksteuer ziehen. Sollte Aehuliches bei uns, dem Volke der Denker, nicht auch zu erreichen sein! ? Wir müssen nur wollen.

Hoffentlich führt der auf der Frankfurter Konferenz an­genommene Antrag des Herrn vr. Stein dem Frank­furter Büreau die Ausarbeitung einesStatuts zur engeren Organisirung des Verbands auf­zutragen zu dem erwünschten Ziel. Unterdessen seien die Bestrebungen der Volksbildungsvereine der Theilnahme der weitesten Kreise dringend empfohlen. F. Dr.

Erscheint in zwei Ansaaten. Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur 6*nächsterscheinendeu Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Preußischer ßandlag.

Abgeordnetenhaus.

Kortin, 26. Juni.

Im Abgeordnetenhaus begann heute die zweite Lesung des Ansfnhrnngsgesetzcs zum bürgerlichenGesetzbuch. Dieersten 10 Artikel werden ohne erhebliche Debatte angenommen. Zu Artikel 12 und 25 (Beurkundung von Grundstücksveräußerung tn Form der Auflassung) bedauert der Abgeordnete Lotichius (nat.-lib.), daß eS mit Rücksicht auf die Geschäftslage nicht

Anzeigeu-PrelSr

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

möglich sei, weitergehende Anträge zu Gunsten des nassauischen Rechtes zu stellen. Er bitte aber den Minister, bei der Aus­führung des Gesetzes und bei der Einführung des Grund­buches die berechtigten Eigenthümlichkeiteu und die wirthschaft- lichen Verhältnisse in Nassau nach Möglichkeit zu berücksichtigen. Das könne geschehen, wenn man Amts- und Gerichtstage inner­halb der einzelnen Amtsgerichtsbezirke einführe und dadurch dem Amtsrichter Gelegenheit gebe, in den entlegenen Orten die Auf­lassung und die Kauf- und Tanschverträge der Parteien entgegen­zunehmen. Das liege im Interesse des Publikums. DerJustiz- minister sagt bte Erfüllung dieser Bitte zu. Art. 71 und folgende handeln von der Anlegung von Mündelgeldern. Nach

(Nachdruck verboten.)

Aus Deutsch-Südwest-Afrika.

Nach amtlichen Quellen von vr. 8. Postel.

Während im verflossenen Jahre Deutsch-Ostafrika unter großer Dürre zu leiden hatte, herrschte in Südwest-Afrika eine ungewöhnlich lange und starke Regenzeit. Infolge dessen brachen Malaria und Rinderpest in ungewöhnlich starkem Maße aus. Während die Weißen sich auffallend rasch von der Fieberkrankheit erholten und wenig Sterbe- fälle bei ihnen vorkamen, wurden dagegen die Farbigen so decimirt, daß eine derartige Noth an eingeborenen Arbeitern entstand, daß der Bahirbau vom Haupt-Hafenort des Landes, Swakopmund, nach dem Innern, sowie viele Häuserbauten lange Zeit stockten.

Die Nindviehzucht hat durch die Rinderpest zwar quan­titativ sehr gelitten, dafür aber qualitativ sehr gewonnen. Wie bei allen Epidemiecn wurden nämlich auch hier die Schwächeren zuerst und zumeist weggerafft. Dieses zeigte sich ganz besonders bei den Kühen, von denen durch recht­

zeitige Impfung die besten und kräftigsten Exemplare die Krankheit gut überstanden. So ist namentlich bei den Hereros ein viel kräftigerer Stamm an Muttervieh gewonnen worden. So hat die Pest das Gute geschaffen, was die Hereros niemals freiwillig thun, da sie keine Kuh verkaufen

oder schlachten, sie hat das alte und schlechte Material gründlich beseitigt. Jetzt ist auch Weide in so ausgiebiger Weise vorhanden, daß überall im Lande Mutiervieh und Nachwuchs sich kräftiger entwickeln kann als früher.

Trotz der heftigen Malariaerscheinung hat sich die Zahl der Weißen im letzten Jahre vermehrt, sie beträgt im Ganzen nach der Zählung von 1898 rund 2600 Personen, welche sich auf die Hauptorte und Postämter Windhoek, Swakop­mund, Otjimbingue und Keetmannshoop Vertheilen.

Die Zahl der Farbigen konnte nach der Dezimirung durch die Fieberepidemie noch nicht festgestellt werden. Auch sind viele in den Kämpfen mit den Zwartbooi-Hottenlotlen im Kaokofelde gefallen. Im Westen des Landes schlossen sich die Hereros, aus Verzweiflung, daß sie fast ihren ganzen

Viehbestand durch die Rinderpest verloren hatten, den Zmartbooi-Hottcntotten an, sodaß die Schutztruppe in einer Stärke von annähernd 800 Mann in große Bedräugmß gerochen wäre, wenn nicht verschiedene Häuptlinge treu an dem Schutzvertrcige gehalten hätten. Der Hotteutotten- Häuptling wurde nach heftigen Kämpfen, in denen zwanzig Deutsche blieben, völlig geschlagen und im Kampfe gelobtet.

Die Hottentotten und Buschmänner, die in ihren Gesichts­zügen alle ungeheuer an die Chinesen erinnern, gelten für die ältesten Bewohner des Landes. Sie gehören ohne Frage zu den tiefststehenden Menschenrassen. Sie sind körperlich eng verwandt. Der Name Hottentotten rührt daher, weil ihre Sprache ungemein reich an Schmelzlauten ist und sich wie das Krähen eines kalikutischen Hahnes anhört.

Der Hottentotte sowohl wie der Buschmann steht nicht auf einer so niedrigen Geistesstufe, als man gewöhnlich bei uns annimmt. Selbst der Geist des Buschmannes ist leb­haft, und das kleine schwarze Auge hat einen wachsamen unruhigen Blick.

Die Kleidung des Buschmannes ist freilich ebenso einfach wie seine Wohnung, die ihm den Namen gegeben hat. Findet er nämlich durch Zufall eine Höhle oder Felsspalte, so ist ihm das als Wohnung ein Palast. Findet er solchen Zufluchtsort aber nicht, so entschließt er sich, eine Hütte zu bauen, die an Einfachheit nichts zu wünschen übrig läßt. Er sucht nämlich irgend einen Busch auf, dessen Neste sich einem gemeinsamen Mittelpunkte zuneigen, bann verschlingt er einige von ben Zweigen miteinanber, binbet sie an ihren Enben zusammen, bedeckt das Ganze mit einer hinreichenden Menge groben Grases, um den Regen abznhalten, und fertig ist die Hütte. Unter dieser Hütte wird nun eine längliche Grube gegraben, welche mit Gras gefüllt wird. In diesem Nest, in des Wortes wahrster Bedeutung, schläft bann der Buschmann mit seiner Familie. Freilich wiegen drei Buschmänner kaum soviel, wie ein kräftiger deutscher Bauer. Diesem Obdach und der Gewohnheit, sich bei etwaiger Verfolgung im Gebüsch zu verkriechen, verdankt der Buschmann seinen Namen. Sein einziger Schutz gegen rauhe Witterung ist ein Schakalfell. Daß sich bei solch«

Lebensweise auf dem Körper des Buschmannes eine dicke Erd- und Schmutzkruste ansammelt, das ist natürlich. Das genirt bett wackeren Buschmann aber nicht, er denkt in Wahrheit: Schmutz wärmt.

Die Hütten der Hottentotten sind weil wohnlicher. Sie ähiteln riesigen Bienenkörben. Sie sind entschieden kunstvoll gemacht. Das Gerüst bilden käsigartig gebogene,, in die Erde gesteckte, kräftige Ruthen, die Bekleidung besteht aus Binsenmatten. Diese Hütten sind zwar so groß, daß man darin stehen kann, aber dennoch werden Löcher darin ge­graben, die als Schlafstellen dienen wie beim Buschmann. Während der Ostafrikaner sich gern und willig der Impfung durch deutsche Aerzte unterzieht, hat der Hottentotte einen Abscheu gegen diese Manipulation. Sie ist so verhaßt bei den Eingeborenen, daß die Furch! vor ihr sie fd;on oft zu Empörungen veranlaßt hat. Diesen Umstand benutzen immer noch einige Häuptlinge, um die schlechte Stimmung gegen die Deutschen zu schüren, doch kann im Ganzen der Zustand der Sicherheit als befriedigend gelten.

Neben der Rindviehzucht hat sich noch diejenige der Fett­schafe entwickelt. Durch die Weißen hat auch die Schweine­zucht eine bedeutende Höhe erreicht. Dagegen will die Pferdezucht ganz und gar unter diesem Himmelsstrich nicht gedeihen. Ist der Wohlstand des deutschen Schutzgebiets auch durch die Rinderpest erheblich berabgeminbert worden, so kann man doch nicht sagen, daß es trostlos im Lande aussieht. Durch den Verlust seines Zugviehes ist mancher Weiße und Farbige gezwungen worden, das lohnende Transportgeschäft aufzugeben und zum Spaten zu greifen. Auch durch den Fortschritt des Bahnbaues wird die Arbeit des Frachtfahrens immer weniger lohnend. Die Deutschen wissen das sehr wohl, und es herrscht unter ihnen daher eine starke Neigung zur Seßhastmachung und zur Ergreifung des landwirthschaftlichen Berufes, was von der Regierung mit Freude und Wohlwollen begrüßt wird. Sie hat deshalb im Laufe des letzten Jahres (1898) den Preis für Regierungsland sehr herabgesetzt und die Zahlungs­bedingungen erleichtert. Nach diesen Sätzen kann in vielen Distrikten zu einem höchst nUbrig$s Preis Land erworben