irslidbnifi" Tagblilü
Verlag: Langgaffe 27
16,000 Abonnenten.
«. Jahrgang.
aeint in zwei Ausgaben. — BezugS-Preis; den Verlag &o Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Nnzeigen-PreiS:
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg..— üittlamcii die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
für die Slbend-Ansgavr bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen.SlttSgabt bis 3 Uhr Nachmittags. - Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur uächstcrscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkert Sorge getragen.
1899
Kamstag» den 24 Innr.
Uo. 289
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher N». 52.
Haug und Kapuze hatte» Übrigen? schon während des dcutsch- frcmzösischeu Krieges den bayrischen Offizieren vorzügliche Dienste
Morgen-Ausgabe
ge-
*
ö er am 15. Januar ivuv, ihr, in seiner Betriebsstätte ! Arbeit vorgenommcn habe.
beschädigt.
in dieser
m
*1 Metb.
siorbeerzweigen der Rückseite
Mit den Johaunisfeuern nahe verwandt ist die Sitte des Rad- treibcus, die in den zwei verschiedenen Formen des cmpor- ----->- --- ä£-<-—->-------,Der
höloschen Kirche am Luisenplatz am M., werde» die beiden Thiirme dieser Kirche
o. Diebstahl. Dieser Tage sind in den, Landhause Frcink- fiirtcrstraste 14 ein silbernes Theeservice und eine Anzahl Kleidungs- tiicke gestohlen worden. Der Dieb welcher durch ein offenes Souterraiufenster in das HauS ciugestiegen war,hatte es unbemerkt auch auf demselben Wege wieder verlassen. Der freche Patron wurde bald darauf von einem Schutzmann in dem Moment ab- gesastt, als er seinen Raub bei einem Trödler in der Metzaergasse versilbern wollte. Er ist der Kutscher Albert Wogtalewitz. Die ge- stohlenen Sachen wurden ihm abgenommen und er selbst hinter «chloß und Riegel gebracht.
Vrxrlno-Dnchrichtrn.
(Kurze sachliche verichle werden b-reUwilligst unter dieser Uederschrift ausgenommen.»
Der «Iärtner-Vercin „Hedera" feiert am Samstag, den 8. Juli, im Römersaal feine Bannerweihe, verbunden mit Konzert und Ball. Sonntag, den 9. Jnli, findet Festzug mit darauffolgendem Waldscst statt.
— Aus drru Kamrnrrgrricht. Gegen den Schuhmacher Roth aus der Nähe von Wiesbaden war eine Strafverfügung unter der Beschuldigung ergangen, daß er am 15. Januar 1899, einem Sonntag, Vormittags gegen 9 Uhr, in seiner Vetriebsstätte eine mit störendem Geräusch verbundene Arbeit vorgenommcn habe. Die Polizeiverordnung des Regierungspräsidenten zu Wiesbaden vom 23. September 1896 verbietet in § 1 für die Sonn- und Feiertage alle öffentlich be>nerkbaren Arbeiten, sowie alle geräuschvollen Arbeiten in den Häuser» und Vetriebrstätten. Gegen den Strafbefehl trug Roth auf richterliche Entscheidung an. Das Schöffengericht verurtheilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 2 Mk. bezw. 1 Tag Hast. Die hiergegen eingelegte Berufung wurde von dem Landgericht z» WieSbadenZerworfen. Der Angeklagte focht das Urtheil deS zweite» Richters noch mit Revision an. Der Strafsenat deS Kammergerichts wies in seiner Eigenschaft als höchster Gerichtshof in LaiideSstrafsachen am 22. Juni 1899 das Rechtsmittel zurück, indem er, tote uns aus Berlin berichtet wird, begründend ausfubrte: Die Polizei-Verordnung vom 23. September 1896 ist unbedenklich rechtsgültig. Den Thatbestand derselben hat der Vorderrichter festgestcllt, wenn er ausführt, daß das zur entscheidenden Zeit erfolgte Klopsen deS Angeklagten bei dem Einschlagen von Nägeln recht erheblich die Sonntagstcier zu stören geeignet und das störende Geräusch auf der Brücke zu hören gewesen ist, die sich neben dem Hause des Altgeklagten befindet und von Jedermann betreten werden kann.
— Die neuen Neichaltnslrulcheinr fu 50 Warst sind 10 (Zentimeter hoch und 15 (Zentimeter breit, in bläulich-grünem Kupserstichdruck auf eigenartig geriffeltem Hanspavier hergestellt, welches als fortlaufendes Wasserzeichen eine von Li umgebene Kaiserkrone und auf dem linken Rande .
einen mit bunten (gelben, blauen, grünen und rochen) Pflanzenfasern durchsetzten Streifen enthält. Die Vorderseite ist innerhalb des Randes mit einem auillochirtcn Ueberdruck in besonderer Farbe versehen. Sitter« und Nummer des Scheines sind zwei Mal, und zwar am unteren Rande der linken. Hälfte, sowie am oberen Rande der rechten Hälfte der Rückseite in röthlich-brauner Farbe aufgedruckt.
geschleuderten und des htnabgewälzten Feuerrads auftritt. Sounwendzeit eigeirihümlich ist wohl, tote sich aus der in Handlung verborgenen Symbolik ergiebt, nur das abwärts rollende Rad, das Bild der von ihrer nunmehr erreichten Höhe wieder herabsteigenden Sonne. Das sogenannte Scheibenschlagen, das Emporwirbeln am Rande angeglühter Holzscheiben, gehört als Symbol des steigenden Sonnenrades in die Osterzeit; für diese findet es sich schon aus dem Jahre 1090 bezeugt, wo am 21. März die prächtige Kirche des Kloster Lorsch durch eine solche Scheibe entzündet und nebst einem großen Thcil der Klostergebäude eingeäschert wurde. Eine spätere Zeit, die sich des inneren Gehalts dieser Festhandlungen nicht mehr bewußt war, wechselte und verwischte die ursprünglich getrennten Gebräuche. (H. Berdrow.)
Mancherlet Anzeichen weisen darauf hin, daß die heiligen Feuer ursprünglich nach Art der „Nothfeuer" entzündet wurden. Letztere, gegen welche schon die Synoden des 8. Jahrhunderts als
gfimmen aus dem Puvlistnm.
/Mr BetCnenUhtanaeu unter bitter Uetertorifl übernimmt die tRrtatlion (einerlei jkraniwrrwz»)
* Einsender Dieses las den Artikel in der Abend-AuSgabe vom Mittwoch, betr. das Spatzenschießen, und hat auch schon die Beobachtung gemacht, daß cs leider mehrere dieser Kunstschützen und Jagdsreuude giebt, welche nicht nur fahrlässig, sondern sogar absichtlich unfern gefiederten Sängern mit der Flinte in der Hand nachstellen. So z. B., wenn man sich einem nahe der Adolfshohe liegenden Landhaus nähert, hört man öfter das Knallen einer solchen Mordwaffe, und fast jedes Mal ist doch dabei wieder das Lebenslicht irgend eines harmlosen Vögelchens aiisgcblasen, mag dasselbe heiße», wie cs will. Und warum, aus welchem Grunde? Nur weil das arme Thier, welche« sonst den Besitzer dieses HauseS, wenn er »och Gehör dafür hat, mit seinem Gesang erfreuen will, sich ein Bcerchen weggenascht hat Außerdem wundert es Einsender Dieses, daß nicht fchorr Leiste, welche an fraglichem Grundstück vorbei spazieren gehe» oder int Feld beschäftigt sind, von diesem tödtlichen Schrot getroffen worden sind, da dasselbe doch nur in Menschenhöhe nach den armen Vögeln, welche sich unglücklicher Weise auf einem Himbeerstranche nicdctlasscn, durch das den Garten umgebende Drahtgeflecht saust. Ist da nicht dringende Abhiilfe nöthig? K-
— Diebstahl»-Versicherung. Die Gothaer Feuer-Versicherungs-Bank hat, um ihren Mitgliedern den Abschluß einer Diebstahls-Versichcruiig leichter zugänglich zu machen, mit der Frankfurter Transport-Unfall- und GlaS-Versicherungs-Gesellschast, welche die Diebstahls-Vetsichcruua schon seit längeren Jahre» mit gutem Erfolge betreibt, ei» Abkommen dahin getroffen, daß dir Vertreter der Gothaer Feuer-Versicherungsbank für erwähnte Ge- 'cllschaft Anträge auf Versicherung gegen Diebstähle entgegenzunehmen befugt sind. Dem Beispiele der Gothaer Bank sind eine Reihe der erste» deutschen Feuer-Versicherungs-Gesellschaften gefolgt, da der vorerwähnte Versichcruugszweig beim Publikum, namentlich in de» größeren Städten, immer mehr Aufnahme gefunden.
einen heidnischen Brauch ankämpftcn, waren ursprünglich an keine bestimmte Zeit geknüpft, sondern wurde» entfacht, wenn epidemische Krankheiten unter Menschen oder Vieh ausgcbrochen waren. Nachdem man alle Feuer deS Ortes auSgeiöscht hatte, zog Alt und Jung vor Sonnenaufgang nach einem festgesetzten Platze, um als Ersatz des alten, abgelebten Feuers feierlich das junge, frische Feuer, an dessen heiliger Flamme das Herdfeuer für die folgende Jahreshälfte entzündet wurde, zu schaffen. Das neue Feuer mußte ein reiner Jüngling durch Reiben eines harten Holzes mit einem weichen entfachen (daher hieß es „Nothfeuer", d. h. durch Reibung erzeugtes Feuer), worauf jedes Glied her Gemeinde das Feuer nährte. .Durch den brennende» Holzstoß wurde dann das gesammte Vieh der Gemeinde dreimal getrieben, bis die Mensche» endlich selbst durch die Flamme sprangen. Zum Schluß nahm jede Familie etwas Feuer mit nach dem heimischen Herde, während die Asche auf Felder und Wiesen gestreut wurde. Die Quellen berichten ausdrücklich, das sei gegen die Drache» geschehen, so die Luft vcr- derbcten. Nun trieben aber im Volksglauben die Drachen, d. h. die bösen Geister, vor Allem in der Johanniszeit ihr Wesen, worüber uns cdenfallS mittelalterliche Quellen belehren. Hub so kam man auf den Gedanken, der Gefahr der Verseuchung vorzubeugen und das abwehrende Feuer jährlich in dieser Zeit zu entzünden." (Meyer, Das Deutsche Volksthum.)
Weniger verbreitet wie Johannisfeuer und Sonnenrad scheint der Mittsommerbaum oder die Johannesstange gewesen zu sei», eine Birke, Eiche oder Fichte, die, mit Laub, Blumen, Bändern und Kränzen geschmückt, im Ort aufgepflanzt und jubelnd umtanzt wurde. Bei den Wenden des Sprecwaldes wird zu Johannis die Maistange fortgeräumt, die Pfingsten errichtet worden war, und dafür der Kronenbaum aufgerichtet. Am Abend vor dem Johamiistag wurde eine Birke gehauen und bis auf eine Krone aller Zweige beraubt. Am Johannistage selbst nahmen dann die Weiber das Vordergestell eine« Wagens, spannten sich statt der Ochsen oder Pferde davor und zogen in den Wald, um den neuen Baum zu holen. Mit demselben in das Dorf zurückgekehrt, erhoben sie ein Freudengeschrei, eilten geradewegs nach dem Orte, wo der alte Kronenbaum stand, hieben denselben um und richtete» unter vielem Frohlocken den neuen Baum auf, der vorher mit Kränzen und 8turnen geschmückt und mit zwölf oder mehr Kannen Bier eingefegnet worden war.
In dieser Mittsommerstanae, die in vielen Gegenden Deutschlands und Frankreichs im Johannisfeuer verbrannt wurde, ist — tote int Maibaum — „die Vegetationsaotthcit pcrsouifizirt; daß sie verbrannt wird, bedeutet, daß die Pflanzenwelt erst unter deut Einfluß der sommerlichen Sounenwärme zur vollen Entfaltung gelangt, also gleichsam das Sonmvcndfeuer passiren muß".
So übt also das Volk in zahlreichen Bräuchen heute «och unbewußt, was unsere heidnischen Vorfahren im volle» Gefühle der Beiligkeit dieser Kultushandlungen thateu. Und so gewinnen diese olksbräuche ein um so größeres Interesse, als die moderne Wissenschaft eifrig bestrebt tft, durch gründliche Forschungen den Zusammenhang derselben mit dem germanischen Heidenihum festzustellen. ____________________________
Ans Stadt und Zand.
Wiesbaden, 24. Juni.
— Geschichloknlender. 24. Juni. 1866: Sieg der Oesterreicher über die Italiener bei Custozza. 1859: Schlacht dei Solscruio. 1849: Gefecht bei Ubstadt und Stattfeld in Baden. 1763: * Etienne Modul zu Givet, berühmter französischer Komponist. (Oper „Joseph in Egypten".)
— Walhalla. Heute Samstag und morgen Sonntag fallen die Vorstellungen wegen der in den Theaterräumen stattsindeudcn Festlichkeiten des mittelrheinischen Fecht'oundes aus. Dafür giebt aber das bedeutend verstärkte Theater-Orchester zu Ehren genannten Bundes an beiden Tagen im Hauptrcstanraut und im illuminirteu Garten Konzerte, zu welchen ein besonders gewähltes Fest- Programm ausgestellt ist und zu denen Jedermann Zutritt hat. Da der Garten nunmehr vollständig überdacht ist, finden die Konzerte auch bei ungünstiger Witterung statt.
— Ginjahrig-Freiwilligen-Prüfnng. Die Anmeldungen zu den 1899er Herbstprüfungen der Aspiranten de« einjährigfreiwilligen Militärdienstes müssen spätestens bis zum 1. August er. bei der Kgl. Prüfungskommission für Einjährig-Freiwillige etn- gereicht fein. Die Termine zu dieser Prüfung werden demnächst bekannt gemacht werden. Da es nicht ausgeschlossen ist, daß die Prüfung sehr frühzeitig stattfindet, so empfiehlt es sich, die Meldungen schon vor dem 1. August einzureichen.
— Uever Aendenmgen in der ®ffi?ter»klritntng wird berichtet: Zum Dienstanzug gehören fortan rothbraune Handschuhe aus Huudeleder. Weiße Handschuhe dürfen nur noch zu Gesellschaften und zum Reiten (außer bei Paraden, im Feld und tm Manöver) getragen werden. Neu eingeführt wird ferner ein Umhang. Dieser, aus einem Stück ohne Äermel gefertigt, soll die Hüfte bedecken und mit den Fingerspitzen abschneiden. Er wird aus wafferdichtern Lama- oder Lodenstoff hergestellt. Aus beiden Seiten sind Knöpfe zur Befestigung einer Kapuze angebracht. Um
geleistet.
o. Beleuchtung der katholischen Zonifaeluvlilrche. Gelegentlich der 50-jährigen Wiederkehr des Tage« der Einweihung der ®1 -
Sonntag, de» 25. d. ------------ ... .
an diesem Tage Abends gegen 10 Uhr bengalisch beleuchtet. Die AuSführiing der Belcuchtiuig ist Herrn Hofkunstfeuerwerker August Becker hier Übertragen worden.
4- Kchiefsiciu, 22. Juni. Wie verlaulci, ist der hinter dem hiesige» alten RathhauS gelegene große Ziergarten m den Besitz eitler Frankfurter Gesellschaft übergegangen, welche beabsichtige, auf dem Terrain eine Anzahl kleinerer Häusei — man spricht, daß für 7 solcher Platz vorhanden sei - zu erbauen. — Herr Gartenbau- techuikcr Klose beabfidjrigt, auf feinem an der Biebrlcherstratze gelegenen Besitzthum einen größeren Weinkeller zu erbauen. Mit den Grundarbeiten ist bereits begonnen worden.
* Kleine nasiauische Uachrichle». Au die Stelle des mit dem 1 Juli dieses Jahres nach Kammerforst bei Rüdeshcim versetzten Königliche» Försters Kauß vom Forsthaus Dauborn tritt der Förster Meister von Wissenbach. — Die Kirschenernte in der Gemarkting Camp liefert in diesem Jahre einen günstigen Ertrag. So erlöst allein ein Bürger etwa 1800 Mk. aus seiner Kirschcuernte. Den Gesanuut-Erlös schätzt man auf 100,000 bis 110,000 Ml. — Während des Gewitters am Montag schlug der Blitz in U nuau zweimal ein. Es wurde ein Schwein gelobtet und die nutzere Wand eines Hauses beschädigt. — In F l a ch t wurde das vier Jahre alte Söhnchen des LaudmaunS K. rückwärts m eine Sense geschleudert und trug erhebliche Verletzungen im Rucken davon. - In Frickhofen fuhr der schwerhörige Sch«lnermelster Jakob Heep mit einem mit Kühen bespannten Wagen übet das Bahngeleise, als der Personeuzua hcranbraustc und den Wagen zertrümmerte. Fuhrmann uud Gespann blieben un= - - • • __ gn Püschen (Oberwesterwald-Kreis) brach
dem" Woduhause des Landmanus August Baldus 2r steuer aus Dieses Gebäude, wie daS des Nachbars Johannes Heidrich würden vollständig eingeäschett. Dem erstgenannten Eigentümer sind zwei Stück Rindvieh und ein Schweinchen mrt- verbrannt. - In Bcltershause n traf. der Blitz die Kirche - In Gustavsburg kam auf der Maschmenbau-Aktiengesell chast der 19-jährige Arbeiter Bellmann aus Berlin beim Ausladen zwischen zwei Waggon», wobei et schwere Verletzungen an Lew uiid Brust davontrug und starb. — In Braubach stürzte der Thurm und ein Theil oes LaugschiffS an dem Neubau der evangelischen Kirche ein. Man nimmt an, daß sich infolge des starken Gewitterregens die Fundamente gesenkt haben. — In Koblenz wurde ern Mädchen von einem umfallenden Trottoirstein erschlagen. Das Kino war zum Besuch bei Verwandten. - Bei der Posthulfsstelle i« Niederwald (Nattonal-Denkmal) bei NstdeSheim a. Rh. ist der Telegraphenbetrieb eröffnet worden.
(Nachdruck verboten.)
Der Johannistag
im Spiegel der Kulturgeschichte.
Von Ludwig Norden»
Unsere heidnischen Vorfahren begingen zwei Hauptfeste im Jahre, die sich dem Laufe der Sonne aiischlossen und dem aus einem goldenen Eber einherreitenden Sounengotte, Freyr, geweiht waren, der nach dem Glauben unserer Stammväter der 6rbe und ihren Bewohnern Wachsthum und Fruchtbarkeit verlieh. Rege» und ‘ Soimenschciii spendete. Das eine Fest — die Sommersonuenwendc E — fand statt, wenn der Lichtgott auf der Höhe seiner Macht stand, das andere — die Wintersonnenwende — wenn er nach langem, immer schwächer werdendem Ringen seine Kräfte wieder schwellen . fühlte. An bte Stelle der Wintersonnenwende trat das Weihnachts- feft mit seinem Lichtbaum und den Gabeuspenden für Jung und Alt, während die Somiuersonnenweude durch das Fest Johannis des Täufers, das am 24. Juni gefeiert wird, ersetzt wurde. Viele Volksbräuche, denen man in den verschiedensten Gauen unseres Vaterlandes am Johannistage begegnet, sind noch Reste des bei den alten Deutschen gefeierten großen Festes der Jahrcsmitte.
Drei wichtige Kulthandlungen scheinen an diesem Feste in Mittel- und Nordeuropa verbreitet gewesen zu fein: Das Auziinden des Sonnwcndfeuers, das Treiben des feurigen Rades und das Aufpflanzen der Mittsommerstange. Wie im Mittelalter weit und breit, so zogen vor einigen Jahrzehnten noch in vielen Städten und Dörfern die Buden und die jungen Burschen von Haus z» Haus, um Holzscheite, alte Besen, Tannenzapfen und, wenn möglich, eine ■ Theertonne zu dem Johannisfeuer zu sammeln. Dabei stimmten sie sülzendes Lied an:
,Mir kommen vom Sankt Veit; '
Gebt uns auch a Scheit, Gebt uns auch a Steuer Zu diesem Sonnweudfeuer. Wer uns ka Scheit will geben, Soll das nächste Jahr nimmer erleben."
Und am Vorabend des Sonnwcudfestes oder am Johannistage - selbst flammten überall auf den Bergeshöhen die „Sunnawend" oder „Johannisfeuer", in Süddcutschland und Oesterreich auch i- „Veitsfeuer" genannt, auf, um die sich Jung und Alt, Reich und . Arm zu fröhlichem Tanze und zur Ausübung mancherlei Aber- glaubens zusammenfand. Selbst Fürsten und hohe Herren ver- : schmähten die Theilnahme an einem solchen Feste nicht. Von der weiten Verbreitung des Sounwendseuers zeugen folgende Worte 7 Sebastian Francks: „Auf Sankt Urban lumpt St. Johans der teuffer; daran machet man im in allen gaffen Freudenfeuer, singt ■ und banüt brumb wie die juden um das kalb, springen darüber, darznr fanden die Bürde» den Tag zuvor Holtz mit fingen | und ftdlen. An ettlicheu enden setzet man fass auff-
etnanber. Ditz spilet man auch in Dörfern; an diesen
tag trinket schier Jedermann mebt*) mich dem landesbrauch." I Heute sind diese Sonntoendfeuer seltener getoorbcit, aber häufig trifft man sie noch in Böhmen. „Wenn wir am Johanuisabend in den Vorbergen der Sudeten uns beftnben“, sagt Prof. E. Mogk, ‘ „sehen wir Hunderte solcher Johauuesfeuer leuchten. Alles Eifern der Geistlichkeit gegen diese altheibnische Sitte, die mahnenden Worte de» heiligen Elegius im 7. Jahrhundert, wie die Bestimmungen dagegen, die von Burchard von Worms herrühren, sind vergeblich : getvefen; auch heute wird man die Sonnenwendfeuer bei der deutschen / Bevölkerung Böhmens nicht auszurotten vermögen, trotz der scharfen M, Verfügungen, die eine vom Slaveuthum beeinflußte Negierung gegen diese alte Sitte erläßt."
Nach dem Volksglauben soll das Johaimisfeuer vor Krank- - Heiken und Unwetter schützen.
Sehr urerkwürdig ist die bei den Johaunisfeuern und anderen | Johanuisbräuchen auftretende Neunzahl. In Ungarn, wo sich , aus der Zeit, da altgermanischc Stämme da? Land bewohnten, l ober aus ber Zeit ber Einwanderung der Siebenbürger Sachsen i zahlreiche Reste des Sonnwendfestes erhalten haben, wurden f Die Johannisfeuer von den Hirten aus neunerlei Holz M. entzündet, um die Schafe vor Schaden zu bewahren. p In vielen Gegenden Deutschlands wurden Kränze aus ss neun verschiedenen Blumenartcn gewunden und ins Feirer fc geworfen. Solche heil- und segenbringende Pflanzen sind außer \ den schon genannten der Rainfarn, die Eber- oder Siadwurz, das | Frauen- oder Mäbcheiiblatt, der Kreuz-Enzian, die rothe Ochsen- L junge, eine etwa »och blühende Schlüsselblume, mit deren Hülfe E man in der Sonnwendnacht Schätze heben konnte, und der Nessel- t dusch, „den die lieberfüllte Dorsschone in der Abenddämmerung mit | festem Griff brach, mit Spruch und geheimnißvollcn Bewegungen - weihte und dem erkorenen Burschen vor die Schwelle legte. Auch & die Johannishand, die weiße, handförmig gestaltete Wurzelknolle M des Knabenkrautes, ein unfehlbares Mittel zur Vertreibung von K Heizenskummer, ist am Somiwendtage zu sammeln; wer dreimal Jiingejogen, ohne sie zu finden, darf erst übers Jahr wieder danach uchen." In ber Johannisnacht kann man endlich vom Haselstrauch ; die Wiiuschelruthe schneiden; diese muß dreijährig und ber Zweig k von einer Gabel fein, dabei aber nur drei Spannen Länge haben, v Wirb sie über bte Finger gelegt, so zeigt sie dorthin, wo verborgene
