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«»• Jahrgang.
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Ko. 275
Freitag, den 16. Ium.
Fernsprecher No. 52.
1899
Fernsprecher No. 52.
Mitgliedern gebildet sind. Diese Gerichte haben die Ausführung der von Aerzten und Kassen übcrnommeuen Verpflichtungen zu überwachen und Streitigkeiten zwischen beiden Parteien zu schlichten. Gegen den Spruch dieser Gerichte kann Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde erhoben werden, die vor ihrem Urthcil jedoch die staatliche Staudcsvertretung der Aerzte zu hören hat.
Der Reichstag wird schwerlich vorläufig geneigt fein, die freie Aerztewahl bei den Krankenkassen in der vöm deutschen Aerztetag gewunichtcn Form zu billigen. Die Honorirung der kassenärztlichen Leistungen nach den bekanntlich einen sehr weiten Spielraum gewahrenden Landestaxen wird gleichfalls auf Widerstaud stoßen. Auch der Bundesrath wird Bedenken haben, dem deutschen Aerztetag soweit git folgen.
Für die Stellung der Regierungen zu den Forderungen der Acrzte ist eine Aeußerung des Geheimraths Aschenborn bezeichnend, der die preußische Regierung auf dem letzten deutschen Aerztetag vertrat. Derselbe gab den Aerzten in den wärmsten Worten die Versicherung, daß die preußische Regierung für den Aerztestand die größte Sympathie hege, aber es sei von diesem doch klug, wenn er mit der Gewährung eines TheileL seiner Forderungen sich zufrieden gebe, wenn das Ganze unerreichbar sein sollte.
Aerzte nnd Krankenkasse»
Krankenkassen gegen Bezahlung beschäftigt werden, cklich, wie bei der Beseitigung der Kurpfuscher aus
Die, große sociale Bedeutung der deutschen Krankenkaffen rechtfertigt die Aufmerksamkeit, welche man in socialpolitischen Kreisen auch der inneren Entwickelung derselben schenkt. In diesen Kreisen verfolgt man daher mit einer gewissen Antheilnahme auch die Auseinandersetzungen, welche seit Jahren zwischen dem Aerztcstande und den berufenen Vertretern namentlich der großen Krankenkassen vielfach stattgefunden haben. Diese in einzelnen Fällen leider zu schroffen Gegensätze führenden Erörterungen sind in der Hauptsache durch materielle Erwägungen und durch Rücksichten auf bte ärztliche Standesehre hervorgerufen. ES läßt sich nicht verkennen, baß der ärztliche Stand durch die gewerbliche Freigabe der Heilkunde in eine eigenartige Lage gerathen ist. Es hat sich in manchen deutschen Gegenden ein sehr skrupelloses inarktschreierisches Kurpsuscherthum entwickelt, gegen das der Aerztestand nach der Lage der gegenwärtigen Verhältnisse fast machtlos ist. Durch Erziehung, Ehrenhaftigkeit nnd StandeSordnung ist es denAerzten verboten,sich derOesfentlichkeit gegenüber der gleichen Mittel zu bedienen, wie sie von vielen Kurpfuschern zur Ausdehnung ihrer Thätigkeit angewendet werden. Es ist daher crLärlich, wenn die Aerzte nicht nur die auerkanuten Kurpfuscher, sondern überhaupt jede Ausübung einer ärztlichen Thätigkeit durch einen Laien mit einiger Heftigkeit bekämpfen. Daß ent großer Theil des Aerztestandes durch entsprechende Abänderung der Gewerbeordnung den Laien überhaupt die Möglichkeit nehmen will, die Heilkunde gegen Entgelt, ausüben zu können, ist bekannt. Zunächst aber wehren sich die Aerzte namentlich dagegen, mit »erartiaen Erwerbsthätigen an Krankenkaffen zusammen zu wirken. 3m Allgemeinen haben sie damit Erfolg gehabt. In allen Bundesstaaten ist die Praxis der Verwaltungsbehörden und berichte dahin zielend, daß nur den in Deutschland ipprobirten Aerzten das Recht zugestanden wird, gcwiffe autorative ärztliche Handlungen, wie die Ausstellung von Krankenscheinen bei raffen, Ertheilung von Zeugniffen, Abgabe von Sachverständigen- llrtheilen ec., auszuüben. Allerdings werden die bestehenden Bor- ,Christen in der Praxis nicht überall beachtet, ebensowenig wie man
i- B. in Sachsen überall das Verbot berücksichtigt, daß Laien- Heilkundige von Krankenkassen gegen Bezahlung beschäftigt werden, ff Nicht so glücklich, wie bei der Beseitignng der Kurpfuscher aus den Krankenkassen, sind bisher die Aerzte mit den auf eine bessere Honorirung ihrer Thätigkeit hinzielenden Wünschen gewesen. Es ist in den weitesten Kreisen durch zahlreiche und oft sehr lebhafte Erörterungen bekannt, daß von manchen großen Ortskrankenkassen der Besuch des Kaffenarztes bei dem Erkrankten dein ersteren schlechter als der Weg eines Dienstinannes bezahlt wird.
Diese Kassen behaupten, die große Anzahl der Besuche müsse für die geringe Bezahlung der einzelnen entschädigen; mehr zu zahlen, sei den Kassen nicht möglich, ohne die Mitgliederbeiträge ungebührlich zu erhöhen. In vielen Fällen mag das wohl richtig sem, und die Aerzte werden hieraus, tote billig, Rücksicht zu nehmen haben. Im Nebrtgen darf jedoch nicht vergessen werden, daß die heute zwischen Aerzten und Krankenkassen herrschenden Beziehungen auf bte Dauer unhaltbar sind. ES liegt, bei aller Hochachtung vor der wissenschaftlichen Erziehung und den Charaktereigenschaften des deutschen Aerztestandes, doch die Befürchtung nahe, daß ein für seinen Weg zum Kranken unter dem Dienstmann bezahlter Arzt, btt sich durch die große Zahl der Besuche für die dürftige Hononrung des einzelnen entschädigen muß, seinen Beruf in einem etwas handwerksmäßigen Sinne ausübt. Dabei fühlt sich weder der Arzt noch der Kranke wohl. Jedenfalls ist es eine Forderung ber Volkswohlfahrt, daß die Beziehungen zwischen Aerztestand und Krankenkassen besser werden, als sie es gegenwärtig sind.
: Doch ist cs nicht leicht, einen Weg zu freundlicheren Verhält-
ntffen zu finden. Um zu diesen zu gelangen, wird von den Aerzten rin sehr großes Gewicht auf die freie Aerztewahl bei den Kranken- kaffen gelegt. Einzelne Kaffen haben diese freie Wahl bereits ein- geführt, die meisten sträuben sich bisher jedoch im Wesentlichen aus materiellen Gründen dagegen. Auf dem im vorigen Monat in Dresden abgehaltenen 27. Deutschen Aerztetag bildete diese freie Aerztewahl der Krankenkaffen-Mitglieder den Hauptpunkt der Tagesordnung. Durch die ausführlichen Verhandlungen gerade über diesen Gegenstand wurde der Standpunkt des deutschen Aerztestandes zu ben Krankenkassen neuerdings festgelegt. Vollständige Ueberemstimmung herrschte über bett Ausschluß nicht in Deutschland approbirter Personen, also namentlich der sogenannten mirpfuscher von der Krankenkassenpraxis. Ebenso war die große Mehrheit der Aerzte in . der Versammlung der Ansicht, daß Nur solche Personen in die Krankenkassen ausgenommen werden sollen, deren Jahreseinkommen 2000 Mark nicht übersteigt. Auch die freie Aerztewahl fand als solche nur geringen Wider- Wruch doch gingen die Anschauungen über die Art ihrer Durchführung anselnander. Von verschiedenen Aerzten wurde betont, daß jeder gesetzliche oder andere Zwang bei der Durchführung der freien Wahl den Kassen gegenüber unterbleiben miijfc. That- sachlich. ist man in ärztlichen Kreisen vielfach der Ueberzeugung, daß die allgemein anerkannten Erfolge der freien Aerztewahl wesentlich dadurch erreicht wurden, daß unabhängige ärztliche Körperschaften auf dem Wege freier Vereinbarung mit'b'en Krankenkassen in Beziehung getreten und den Aufgaben und Verhältnissen der Kaffen in richtiger Weise gerecht geworden sind. Diese Aerzte glauben, aus ethischen und rechtlichen Gründen könne die freie Aerztewahl nur dadurch erreicht werden, daß die Kaffenmitglieder kür dieselbe eintreten. Dieser Weg wird als der sicherste bezeichnet, wt, wie mit Recht betont wird, zwischen den Aerzten und den Kaffenmitgliedern in Beziehung auf die freie Aerztewahl eine ballige Interessengemeinschaft herrsche. Einzelne Aerzte bezeichnen die gesetzliche Durchführung der freien Aerztewahl als eine nicht zu billigende ZwangSmaßregel und als ein Ausnahmegesetz.
6. Auf dem letzten deutschen Aerztetag drangen diese Anschauungen nicht durch. Nach den gefaßten Beschlüßen wird der deutsche rlerzteftand auch fernerhin daran sesthalten, daß die freie Aerztewahl so bald als möglich bei sämmtlichen Krankenkassen gesetzlich durchzuführen ist. Die Mitglieder derselben sollen sich nach gänzlich fttum Ermessen einen Arzt ans denjenigen staatlich approbirten Aerzten des Kassenbezirks wählen können, die sich zu ben cnt- wrechenden Leistungen verpflichtet haben. Die Bezahlung biefer Acrzte soll nach den Bestimmungen der Landestaxen erfolgen. Die Verhältnisse der Aerzte zu den Kaffen sollen durch schriftliche Vertage festgelegt werden, die der Genehmigung der staatlichen «tandesvertretung der Aerzte bedürfen. Es sollen Schiedsgerichte »bubet werden, die zu gleichen Theilen aus Acrzte» nnd Kasscn-
Ans Stadt und Zand.
WieSbaden, 16. Juni.
— Geschiehtslrulender. 16. Juni. 1871: Wilhelms I. Triumph-Einzug tu Berlin. 1866: Entrücken der Preußen in Hannover, Kurhessen und Sachsen. 1815: Schlacht bei Liguy, Sieg Napoleons über Blücher. 1815: f Karl Friedrich, Herzog von Braunschweig, gefallen bei Quatrebras.
— Perfonul-Uuchrichte». Herr Prälat Dr. Keller ist nm Mittwoch Abend von seiner Palastinareise zurückgekehrt. — Herr Intendant v. Hülsen hat den Ehrenvorsitz des «Wiesbadener Männergescing-Verein" übernommen.
— Walhalla - Theater. Heute tritt in diesem beliebten Kunsttempel der zehnten Muse ein vollständiger Progrmumwechsel ein, welcher neun hervorragende Debüts verzeichnet, u. A. das berühmte französische Tanz-Quartett Salvaggi-Molasso, welches den sensationellen „Lusttanz' ausführt; außerdem die urkomischen Musikal-ExcentricS Black und White, Kunstradfahrer Daßlon zc. zc.
— Thoma-AnostrUung. Wir machen darauf aufmerksam, daß heute der letzte Tag der großen Sonber-Ausstelliiug von Professor Hans Thoma in Bangers Knnstsalon ist und die Gemälde noch bis Abends 7 Uhr zu besichtigen sind. Um einem größeren Publikum Gelegenheit zu geben, 'diese hervorragenden Werke zu besichtigen, ist das Eintrittsgeld für den heutigen Tag ausnahmsweise auf 50 Pf. ermäßigt worden.
— Fechtsport. Unter dem Namen „Fechter-Vereinigung Wiesbaden hak sich hier ein Verein gebildet, welcher zum Zweck hat, die Fechtkunst sportmäßig zu betreiben. Der Vereinigung haben sich bewährte aktive Fechter anaeschlossen und die Uebungen finden in der Turnhalle der Oberrealschule in der Orauienstraße statt. Gefochten wird in Florett, leichtem und schwerem Säbel und Schläger.
— Der Urrschönrrmrgi^Uerritt hat beschlossen, an dem Brunnen am Rondell, auf der Straße nach Biebrich, den er s. Zt. der Stadt übergeben hat und der zur Stillung des Durstes der Thiere dient, Trinkbecher anbringen zu lassen, damit auch Menschen sich dort erquicken können. Der Magistrat hat hiergegen nichts einznweuden.
— Feldschuh. Die Anstellung der vom Feldgericht vor- gcschlagenen und nachbenannten Personen: Karl Müller, Karl Ritter, Philipp Göttert, Philipp Schepp, Johann Neu sei und Friedrich Blum als Hiilfsfeldhüter für die Dauer der Erntezeit vom 1. Juli ab wurde vom Magistrat genehmigt.
— Der Flaschenbier handel hat bekanntlich für das Publikum seine nicht zu unterschätzenden Vortheile. Daß aber auch hier nicht alles Gold ist, was glänzt, lehrt ein Vorfall aus Stuttgart. Dort bat der Magistrat eine Enquete über die Sauberkeit der Bier- Handlungen und Flaschenbiergcschäfte veranstaltet. Das Rcsultat derselben war, daß nur 302 Bierhandlungcn reinlich waren, 96 weniger reinlich, 137 unrein und HO sehr unrein. Zur Illustration dieser Ziffer wurde in einer gemeinschaftlichen Sitzung der beiden städtischen Kollegien mitgethcilt, man habe bei einer Untersuchung gesehen, daß das Flaschenbier in einer Schlafkammer eingefüllt wurde, wo die Eltern mit 4—5 Kindern zusammengepfercht sind. Aber nicht genug damit, haben die Leute auch noch die Gewohnheit an sich, die Flaschen in Zubern zu reinigen, worin vorher die Kinder gebadet wurden. Man will deshalb ortspolizeiliche Vorschriften für den Flaschenbierhandel erlassen. Auch in Oesterreich unterzieht man das Flaschenbicrgeschäft einer strengen Kontrolle. So hat man neuerdings dort em Gesetz mit vielen Paragraphen erlassen, das den Flaschenbierfüllern scharfe Vorschriften macht. So ist das Absüllen von Flaschenbier au eine Konzession gebunden. Die Ab- füller haben den Befähigungsnachweis zu erbringen, sowie nachzuweisen, daß sie im Besitz geeigneter Lokalitäten, Einrichtungen und Betriebsmittel find. Das Feilbieten von Flaschenbier im Umherziehen ist verboten. Flaschenbitt darf mir auf Bestellung zugestellt werden. Und so weiter. Es wäre zu wünschen, daß man auch bei uns dem Abfüllen des Flaschenbiers eine erhöhte Aufmerksamkeit schenkt, denn die Enquete in Stuttgart zeigt, daß vielleicht auch anderswo nicht Alles so ist, wie es fein sollte.
-n. Ucl-er dir schädliche Wirkung von glasirlrm parier auf dir Augen spricht eine englische Zeitschrift, die dabei angeblich ben Stanbpunkt deutscher Aerzte vertritt. Ieben- falls dürfte die Ansicht berechtigt sein, daß das Schreiben auf Glanzpapier wie auch das Lesen von beschriebener und gedruckter Schrist auf solchem den Augen auf die Dauer schädlich wird. Das aus Lumpen bereitete Papier, wie es früher ausschließlich in Gebrauch war, hatte eine bläuliche oder graue Färbung und ein gröberes Korn, es war unpraktisch insofern, als es eine große Schrift und einen großen Druck erforderte, aber es blendete das Ange nicht. Heute bedient man sich fast ausschließlich des Papiers, das aus verschiedenen pflanzlichen Stoffen bereitet wird und eine äußerst glatte Fläche bietet, Über die die Feder leicht hinweg gleitet nnd das in kleiner Schrift bedruckt werden kann. Bei einiger Aufmerksamkeit wird man wahrnehmen, daß sich auf solchem Papier das Licht stark spiegelt und diese Reflexe sind dazu geeignet, das Auge zu ermüden. Oft muß man das Blatt nach einer bestimmten Richtung drehen, um sich von diesem Einflüsse des Glanzpapiers frei zu machen. Es wird auf Grund besten der Vorschlag gemacht, lieber auf das ganz weiße Papier zu verzichten und auch den
besseren Papieren einen bläulichen oder ins Graue spielenden Tort zu geben, was übrigens vielfach schon geschieht, allerdings nicÄ oder nur höchst selten im Buchdrucke.
o. Unfall. Ein auf einer Radtour begriffener Braumeister aus Köln ist gestern in der Nähe unserer Stadt so unglücklich vom Rad gestürzt, daß er sich eine schwere Verletzung am rechte» Bein zuzog, die ihn nöthigte, sich in das städtische Krankenhaus aufnehmen zu lassen.
Stimmen aus dem Publikum.
(Für Leröffkntlichuuge» unter dieser Ueberichrist übernimmt die Redaktion teinertet Berautwortuug.)
* Wie in der Abend-Ausgabe des „Wiesbadener Tagblatt" vom 13. Juni zu lesen, beschäftigt sich die städtische Verwaltung gegenwärtig mit der Regelung der Straßenbesprengung. Die Bewohner der Philippsbergstraße, Qucrseldstraße zc. unterbreiten hiermit der städtischen Verwaltung die Bitte, ihrer bei diesen Bc- rathungen gedenken zu wollen. Seit zehn Tagen hält man dieselben keines Tropfen Wassers zur Straßeubesprengung mehr werth, sodaß sie bei dcm heftigen Nordwind im Staub fast ersticken.
* Kleine nassauische Uachrichten. In Bommersheim wählte die Geineindevertretung nahezu einstimmig ben Lanbwirth Herrn Joseph Wolf zutn Bürgermeister. — Aus bem Rieb er Wald war am Dienstag wiederum Feuer ausgebrochen, und zwar an derselbe» Stelle, an welcher c3 am Montag, den 5. d. M., brannte. Der Brand konnte in einigen Stunden gelöscht werden. — Der vor einigen Tagen im Binger Hasen beim Baden ertrunkene 15-jährige Arbeiter Leydecker von Rüdeshcim wurde in der Nähe von Trechtliugshausen getänbet.
Vermischtes.
* Uvelte Gnilberts neuester Teich. Man schreibt de» „M. N. N.": Sie hat stets etwas Neues auf bet Walze, bie berühmte „Diffuse"; diesmal aber, bei ihrem jüngsten Wiederauftreten in Paris, kam sie doch so originell wie noch nie, mit einem Trick, der Alle überraschte und der zugleich seine Vorgeschichte hat. Seit einiger Zeit nämlich gehört es in Paris gewissermaßen zum guten Ton, den ehemaligen Abgott Ivette Guilbert zu lästern; das launische Paris hat dies und bas an ihr auszufetzen, bespöttelt ihr Repertoire und ihr tremolirenbes Organ, ihre schwarzen Handschuhe und die alles .Moderne" spottende Bühnentoilette. Mit einem vorzüglichen Witz — nichts Anderes bedeutet der neueste Trick — dürste nun bie geistreiche Künstlerin den Spott aller ihrer Wibersacher in zustimmenbesLachen umgewanbelt haben. Ihr Schlachtenplan begann bamit, daß sie im Rahmen eines kleinen Theaterstücks auftrat, für bas Tert unb Musik speziell für sie geschrieben waren. Die Scene spielt sich hinter ben Couliffen in Ivettes Ankleiberaum ab. Es ist Mitternacht, Ivette hat ihr Repertoire abgesungen unb ihre Garberobefrau Hilst ihr an ihre Straßentoilette bie letzte Hand anlegen. Nach vollendeter Toilette verschwinden Beide. Alles ist still. Da wird es an der Wand, dort, wo die lebensgroße Affiche der Ivette hängt, lebendig. Ivettes Reklamebild löst sich aus dem Rahmen und tritt vor. Nach berühmtem Muster beginnt nun die Gestalt, die natürlich keine Andere als die Guilbert selber ist, ihr Original zu verlästern: was sie könne, könne Jede, man brauche dazu nur den langen Hals, das schlichte Kleid, zwei dünne, in schwarz gekleidete Arme und den mageren Leib, um die Hände darüber zu falten. „O es ist leicht, ihr gleich zu thun," ruft schließlich bte „Kopie" auS^ unb um es zu beweisen, singt sie ein Couplet von beißender Satire: „Man rüstet sich zur Ausstellung!" „Duette hat nicht den leisesten Geschmack in der Wahl ihres Repertoires I" meint die Affiche und zeigt nun, was sie singen würde, wenn sie vor der Rampe stände. Eine Fülle neuer, reizender Chansons gab nun diese „Pseudo-Ivette" zum Besten, und das kleine, amüsante Stück, das bezeichnender Weise den Titel „Zut pour Yvetto!“ („Es ist nichts mit der Ivette I") führt, hatte einen Riesenerfolg und wird in den künftigen Wochen sicherlich Schaaren von Besuchern, Freunde unb Feinde ber Ivette nach bei* Variötö ber „Ambassadeurs“ locken.
-n. Eine Fabrik von thierischen und menschlichen Ungeheuern. Eine sonberbare Nachricht, für bie wir ber Pariser „Gazette Msbieale" die Verantwortung überlassen müssen, behauptet, daß es früher in Loudon einen Mann gab, der sich zu einem Fabrikanten von „Naturwundern" ausgebildet hatte. Er beschäftigte sich damit, durch Vivisektion und Aufpfropfung gewöhnliche Thiere in alle Arten von Ungeheuern zu verwandeln. Er fall ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht haben, indem er seine grausam erhaltenen Produkte an die Besitzer von Jahrmarkts-Museen verkaufte. Der Mann Namens Sheard, der sich natürlich auch den Professortitel beilegte, formte sogar menschliche Mißgestalten, von denen er aber nur Abgüsse verkaufte. So war in seinem Atelier ein kleiner Neger mit zwei Köpfen und vier Armen zu sehen, ferner ein Frauenkops mit einem Ziegengehörn, das Kind mit doppelte:» Gesicht, das Cyklopenkind zc. Alle diese Ungeheuer waren zeitweilig in den Schaubuden der Jahrmärkte zu sehen. Auch für das Anatomische Museum in London hat Sheard gearbeitet, indem er die Gestalt jenes Doppelmonstrums nachbildete, das vor etwa 30 Jahren in Oxford zur Welt kam und in manchen gelehrten Zeitschriften beschrieben wurde. Dieses Ungeheuer weiblichen Geschlechts hatte zwei entgegengesetzt gerichtete Köpfe, vier vollständig ausgebildete Arme, eine einzige Büste und zwei Beine. Es hatte zwei Namen erhalten, Maria und Martha, und als der frühe Tod des MißgefchöpfeS eintrat, starb Martha zuerst und Mana eine Viertelstunde fpäter. Nicht weniger merkwürdig war jenes andere Monstrum, das zwei übereinander befindliche Köpfe besaß, den einen auf feiner gewöhnlichen Stelle, ben anberen darüber und nach der entgegengesetzten Seite gewendet. Diese Mißgeburt lebte bis zum vierten Jahre. „Professor" Sheard wurde einmal gefragt, ob er auch lebende Monstrums von Menschen fabriciren könne, und er versicherte mit großem Ernst, das wäre nicht unmöglich, aber die Ergebnisse wären nicht immer,sicher, auch würde man diese Industrie als verbrecherisch verfolgen. Letzteres darf allerdings angenommen werden, und es will uns nur bedenklich erscheinen, daß man diesem Manne nicht etwas genauer auf die Finger gesehen hat, denn die künstliche Erzeugung von Mißgestalten auch beim Menschen ist leider durchaus nichts Unerhörtes. Aber auch wenn sich jener „Künstler" nicht bis zu dieser äußersten Roheit verstiegen haben sollte, so hätte» auch seine Thierversuche schon genügenden Anlaß geboten, um ihm fein Handwerk energisch zu legen, dessen Ausübung an Grausamkeit und Verrohung kaum etwas ans der an solchen Dingen fo reichen Geschichte der Menschheit au die Seite zu stellen ist.
