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Ko. 276
Freitag, den 16. Juni.
1899
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher N». 52.
Abendausgabe
nachgewiesen wurde.
Dr. Schmidt.
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Henry Georges Ausruf: „Wie selten ist eine Million durch Arbeit verdient worden!"
Hat nun der Boom seine Schuldigkeit gcthan und die glücklichen Landeigenthümer glücklich von ihrem Lande befreit, so merkt der Farmer mit Schrecken, daß seine süße Hoffnung, sich mit Axt und Pflug ein Vermögen zu erarbeiten, getäuscht ist. Das Land ist viel zu theuer gekauft, seine Urbar* machung fordert Geldmittel, die er nicht aufbringen kann, und der Zinsfuß ist hoch. Erzielt sein Schweiß eine schöne Ernte, so fehlen in dem neuen Paradies die Abnehmer, und die Fracht nach dem fernen Handelsplatz verschlingt den Gewinn. Geboomte Gegenden pflegen viele Jahre lang von schweren Zeiten geplagt zu werden; wirklich gute Gegenden werden selten oder nie geboomt.
Dem vorurtheilslosen Beobachter zeigt sich, daß die staunenswerthen Vortheile und Gewinne der amerikanischen Landbewcgung nur einer sehr geringen Zahl von Menschen zu Gute kommen, während die hartarbeitende Menge leer ausgeht. Die eigentlichen „Ansiedler" sind um die sich bietenden Gewinne schon betrogen, ehe die Arbeit ihrer Axt und ihres Pfluges beginnt. Man schafft ihnen fruchtbare Felder und rechnet ihnen unerschwingliche Spesen für den Versandt; man verkauft ihnen herrliche Waldbestände, zahÜ ihnen aber an der Sägemühle die kläglichsten Preise; man überläßt ihnen reiche Viehweiden, aber der „Corner“ sorgt dafür, daß der Gewinn nur dem Kapitalisten zu Theil wird. Wir Deutschen glaubten vormals, an Amerika eine Zuflucht für unsere Arbeitslustigen zu haben, in Wahrheit hat sich unsere Landwirthschaft einen schlimmen Konkurrenten herangezüchtet, denn ernstlich und tüchtig wird der Ackerbau drüben vorzugsweise von den Deutschen getrieben.
Aus dem landwirthschaftlichen Nothstande wird uns nichts Anderes heraushelfen, als die neu erstarkte Bewegung für innere Kolonisation, welche die Interessen des Landmanns nicht durch unwirksame, obendrein unbillig vertheilte StaatShülfe wahrt, noch weniger aber sie dem Kapitalismus opfert. Die deutsche Landwirthschaft kann durch Selbst- hülfe gesunden, wie es in Nr. 17 der „Versöhnung" Egidys
schauender Bauersmann lenkt —, singt er der braunen Haide einen Arbcitshymnus.
Bedeutendes bietet der mächtig aufstrcbcude Karlsruher Künstlcrbuud, an seiner Spitze Graf Kalkreuth mit einen Triptychon: die drei Lebensalter. Kalkreuth, von packendstem Nealismus in der Darstellung, ist kein nüchterner Wirklichkeitsschilderer, vielmehr ein tiefsinniger Seelenmaler, der ein ganzes Menschenleben voll Mühe und Arbeit auf das resignirte Antlitz einer gebückten Greisin zu schreiben versteht. Die übrigen Karlsruher Meister verrathcn ein liebevolles Sichcinleben in die Natur, deren feinste Stimmungen sie wiederzugeben wissen. Die gleiche feine Stimmungsmalerei, dem Herzen der Natur abgclauscht, gieSt der Dresdener Pietschmann, während Ledebur, gleichfalls ein Dresdener, durch seine beseelte Wiedergabe von Frauengestalten aus dem Volke mit Kalkreuth verwandt erscheint. Eine Reihe von Namen zu geben, die doch dem Ohre nur leerer Schall sein würden, ist zwecklos. Wiederum legt die Dresdener Kunstausstellung, wie bereits vor zwei Jahren, ein beredtes Zeugniß von dem mächtigen Emporstreben junger tüchtiger Kräfte ab, die Dresden wieder zu einem lebensvollen, vielseitige Anregung spendenden Centrum der Künste machen wollen. Sie wandeln, fern von den fortschrittsfeindlichen akademischen Traditionen, auf ihren verschiedenartigen, schwer errungenen Einzclpfaden schon ziemlich sicher dahin und dürfen getrost, ja, von Siegcs- hoffen getragen, mit anderen Kunststädten wetteifern. An ihrer Spitze steht der geistvolle, durch vornehmes Farbenempfinden, wie durch tiefe Verinnerlichung seiner Gestalten ausgezeichnete Gotthard Küchl. Und eines der betten
die Anziehungskraft des Neuesten und Neuen. Kräftig tragen, unfern von ihm, die Künstler Worpswedes ihre rauschenden Farbensymphoniecn vor. In Haide-und Moorland, in Wasser,Luft,Wolken undSonnefindensie volle, reicheFarben- accorde, nichts Weichliches, Verblasenes. Alle Stimmungen der weiten Haidelandschaft sind vertreten, doch vorwiegend die ernsten. Schläfrige Kanäle schleichen langsam durch schwarz- braune Moore; in stagnirenden Wassern spiegeln sich stattliche Bäume und niedere, strohbedcckte Hütten; unter einer üppigen Vegetation, in satten Farben sprießend, brodelt der Sumpf, durch schlammige Wasserlachen unterbrochen. Schwere dunkle Gewitterwolken wälzen sich drohend über die roth- braune Haide, aus dem wässerigen Sumpf emporgestiegen, um wieder zu ihm zurückzustrebcn. Die Natur lächelt nur selten, und wenn sie es thut, nur mit einer innigen ernste» Traurigkeit; sie sagt so viel und läßt noch viel mehr er- rathen von den Geheimnissen des ewigen Umgestaltens und Neuerblühcns der reichen Pflanzenwelt. In die großen, feierlichen Grundtöne, die aus jener eigenartigen Natur herausklingen, haben die Künstler deren verborgenes Wirken, alles Werden, Vergehen und Wiedergeborenwerden mit hineingewoben. Am stimmungsvollsten ist Modersohn (Moorgraben, Gewitter). Groß, still und feierlich wirken Vinnens Bilder.
Overbeck sucht sonnige Stimmungen zu schaffen, und Vogeler, so ganz verschieden von seinen Gefährten, nimmt das braune Haideland zur Folie für anmuthige Märchengestalten. Schweigend ernste Gestalten aber stellt Mackensen hinein. Mit seinem großen Bild „Die Scholle", zwei junge Frauen ziehen eine Egge, die ein alter, grüblerisch drein
(Nachdruck verboten.)
Non der Kunstausstellung zu Dresden.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)
„Kunst, was willst du geben? Alltagswochen, als Feste zu leben!"
So sagt einer der vier kernigen Sprüche von Ferdinand Avenarius, die über der Eingangshalle des Ausstellungs- gebäudes stehen. Eine echte Fciertagsstimmung überkommt uns, wenn wir die Räume durchwandern, in denen uns wenige Bilder, auf dem Auge wohlthucndem Grund geschickt angeordnet, zu liebevoller Betrachtung oder eingehendem Studium einladen. Wenige, aber auserlesene Meister; kein Zuviel desGebotenen erdrückt den Sonderwerth des Einzelnen, und aus der leicht übersehbaren Mittelmäßigkeit tritt das echte Kunstwerk gebieterisch hervor, Geist und Gemüth in seinen Bannkreis ziehend. „Wer Vieles bringt, will Jedem etwas bringen". So haben wir neben einer Reihe von Vertretern der besten deutschen Schulen drei Kollektiv-Ausstellungen, des Malers und Plastikers Klinger und der Bildhauer Jeffner und Hildebrand, ferner eine reiche Auswahl graphischer Kunstwerke, treffliche Proben des modernen Kunstgewerbes, eine seltene Sammlung historischen Meißner Porzellans und endlich, als Anregung zu den interessantesten Studien und Vergleichen, eine Ausstellung der Werke des alten sächsischen Meisters Lukas Cranach. Wir überlassen ihn und seine von altdeutscher Fertigkeit, Naivität und oft Unbeholfenheit zeugenden Männer- und Frauengestalten, in denen doch viel gesunder Realismus, viel kernige Tüchtigkeit steckt, einstweilen der Stille seines etwas vereinsamten Saales; zu mächtig ist
«. Jahrgang.
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Wochen zu berichten sein, schon jetzt fehlt es nicht an dergleichen Nachrichten.
Schon vor der Besitzergreifung hatte cs Todte und Verwundete gegeben. Nach Pferden war starke Nachfrage, ein „Boomer" in Purccll hatte 2000 Mk. für ein rasches Pferd bezahlt. Es gab aber mehr solcher Spekulanten, die auf die Schnelligkeit ihrer Pferde bauten; sie müssen ein förmliches Wettrennen gehalten haben.
Eine stärkere Satire auf den Privatbesitz von Grund und Boden ist kaum denkbar.
Der Versuch der Gründung der Stadt Guthrie ist sehlgeschlagen. Es hat sich herausgcstellt, daß die werthvollsten Ländereien betrügerischer Weise von Beamten und Kapitalisten erworben worden sind. Die neue Stadt wurde Nachts halb niedergebrannt; Morde und blutige Kämpfe sind dort zahllos."
So wurde die Gründung des Territoriums Oklahoma ümi Denjenigen beschrieben, welche weniger gut mit Pferden und Revolvern versehen waren. Doch ist die Thatsache reichlich bezeugt, daß das Territorium Oklahoma unterdessen recht erfreulich aufgeblüht ist, es soll bereits Schaaren von Ansiedlern in neue Gegenden aussenden. Weniger ausgemacht scheint uns die Frage, ob dort der sclbstarbeitende Bauersmann seiner Saaten und Ernten froh werden kann, denn jene Gegenden um Kansas leiden (nach Sering) an Dürre, möchten also einer künstlichen Bewässerung bedürfen, welche nur der Kapitalist, nicht der Farmer bestreiten kann. Auch ist der Zinsfuß in allen westlichen Theilen Nordamerikas sehr hoch, in Kansas beträgt er 8bis9pCt. Aber was kümmert das den „Boomer"?
Die neueste Nachricht auS dem Territorium Oklahoma lautet folgendermaßen: „Innerhalb von kaum 14 Tagen ist eine neue Stadt entstanden. Vor einigen Wochen noch war die mehrere (engl.) Quadratmeilen große Fläche Landes, auf welcher sich jetzt der neue Ort erhebt, eine wahre Wüstenei. Eine größere Anzahl Kolonisten, welche in den bewohnten Gegenden des Oklahoma-Gebietes keinen Platz mehr finden konnten, um sich anzusiedeln, faßte den Entschluß, sich zu vereinigen und auf eigene Faust eine Stadt zu erbauen. Mit außerordentlichem Eifer gingen die Leute an die Arbeit, sobald sie den für ihren Zweck sich eignenden Boden ausgesucht und das nöthige Baumaterial beschafft hatten. Der gegenwärtig von etwa 800 Personen bevölkerte Ort hat den poetischen Namen Mountain View (Aussicht vom Berge) erhalten."
Diese Nachricht scheint wieder einen Boom zu bedeuten. Boom ist eine Gründung, ein Bauernfang en gros, eine durch Reklame aller Art von langer Hand vorbereitete starke Steigerung des Grundwerthes einer für den Boom aus- gewählten Gegend. Zum „Boomen" gehört also viel Geld oder wenigstens viel Kredit bei den Geldfürsten, aber es pflegt auch glänzend zu rentiren. Ist die Gegend durch Reklame in den Ruf eines Paradieses, eines Eldorado gebracht, so veräußern die Boden-Eigen- thümer ihr auf Spekulation gekauftes Land mit großem Gewinn und schütteln den Staub von den Füßen, um anderswo weiter zu boomen. Man trifft in Kalifornien reiche Leute, welche an der Küste des atlantischen Oeeans angefangen, daun in Pennsylvania, bann in Ohio, in Illinois, dann in KansaS und schließlich in Kalifornien „Ansiedler" geworden sind und zuletzt Millionäre, aber niemals gearbeitet, sondern immer nur geboomt haben. Hieraus versteht man
(Nachdruck verboten.)
Oklahoma.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".) Die herzlichen Worte der Treue, welche zahllose Deutsch- Amerikaner aus den Vereinigten Staaten zu uns herüberschicken, thun uns wohl, dürfen uns aber nicht zu der Meinung verleiten, es sei dort drüben ein besseres neues Vaterland. Jene Worte kommen von Leuten, welche aus dem langen Kampfe des Lebens zuletzt als Sieger hervorgegangen sind; die anderen Mitkämpfer sind gestorben, verdorben, und die wenigen Glücklichen werden schwerlich raihen, daß mittellose Deutsche ihren Fußstapfen folgen sollen.
Im Schlechten wie im Guten überholt uns Nordamerika mit Windeseile. Max Serings kostbares Buch „Die land- wirthschaftliche Konkurrenz Nordamerikas" (Dnncker u. Hurn- blot 1887) giebt uns hierüber werthvolle Aufschlüsse, ebenso Michael Flürscheims „Der einzige Ncttungsweg" (Leipzig 1885). Die Vereinigten Staaten besitzen längst die ganze Freiheit, welche für uns gefordert wird. Wohin aber diese Freiheit führt, sagt uns Henry George: sie hat Millionäre und Strolche erzeugt, wo vor Jahrzehnten fleißige, zufriedene Bauern sich plagten, und damals mit Erfolg sich plagten.
Ein Blick auf die Vereinigten Staaten widerlegt n. A. auch den Aberglauben von der Uebcrvölkerung, welcher Gebildete und Ungebildete beherrscht. Dieses Land, so groß und reich, daß es sänimtliche 1500 Millionen Bewohner unseres Erdballs fassen und ernähren könnte, trägt bereits die Zeichen der künstlichen Uebervölkernng an sich, jenes Uebels, welches dem edlen Henry George seinen Noihschrei „Fortschritt und Verarmung" eingab. Gierig wird der Boden in Besitz genommen, aber in der Regel wird ein Stück der unermeßlichen Bodenflächen nur Dem zu Theil, der eine dieser beiden Tugenden hat: 1) den pfiffigsten Advokaten und den dicksten Geldsack, 2) das schnellste Pferd und den besten Revolver. Und dieser gierige Bodenerwerb hat keinen anderen Zweck als die Landspekulation; der selbstarbeitende Landmann dagegen bekommt Land, d. h. rentirendes Land nur noch auf Bedingungen, die ihn that- sächlich zum Arbeitsthiere machen, das sich abrackern muß, M um Müßiggängern die Rente zu verdienen.
fc Flürscheirn bringt in „Der einzige Rettungsweg" folgende Zeitungsnachrichten: „Arn 27. März (1889) erließ Präsident Harrison die Proklamation, welche die Ländereien in Oklahoma (südlich von Kansas) vom 22. April ab für Ansiedler eröffnete. Es wäre Jrrthum, zu glauben, daß in West- virginien, Kansas, Texas re. nicht mehr Land genug vorhanden wäre. Die „Ansiedler", welche nach Oklahoma strömten, waren Leute, welche durch Besetzung des Bodens und Verkauf desselben schnell reich werden wollten. Die Scene, welche sich abspielte, als Kanonen die Stunde der Besitzergreifung verkündeten, war unbeschreiblich. Die Männer waren alle bewaffnet und so aufgeregt, daß sie bereit waren, einander niederzuschießen. - Als die Nacht anbrach, hatten 1000 „Ansiedler" alles begehrenswerthe Land in Besitz genommen, sahen sich aber genötigt, es gegen eine vierfache Zahl enttäuschter Männer zu ver- - theidigen. Von mancher Blutthat wird in den nächsten
Deutscher Reichstag.
O Kerli», 15. Juni.
Tagesordnung: Fortsetzung der dritten Lesung des Jnvalidt. täts-Versicherunasaesetzcs. Die Socialdemokraten beantragen durch einen Antrag Albrecht die Wiederherstellung der in der zweiten Lesung beseitigten Schutzoorschriften in den §§ 130a bis 130s. — Abg. Rösicke (wildlibcral) erklärt, prinzipiell pflichte er dem Antrag bei und werde für denselben stimmen, trotzdem er bemerken müsse, daß er ihm etwas zu weit gehe, wenn er auch die häuslichen Betriebe mit einbeziehe. Es empfehle sich, Beschränkung auf die eigentlichen Gewerbebetriebe im Verein mit verschärfter Gewerbeaussicht. — Sächsischer Ministerial-Direktor Fischer bittet dringend um Ablehnung des Antrags. Die sächsische Regierung habe die Absicht, den Arbeiterschutz noch nachhaltiger zu gestalten. Sie wolle versuchsweise sogar weibliche Gewerbe-Inspektoren anstellen. — Abg. Wurm (Soe.) bedauert lebhaft diese ablehnende Stellungnahme des Vertreters Sachsens. Grade in Sachsen lasse dm Gewerbeaussicht ungemein viel zu wünschen übrig. Die Bestrebung des Antrags sei eine nothwendige. — Abg. Lehr (nat.-lib.) hält im Gegensatz zum Vorredner die Gewerbe-Inspektion in Sachsen für ausgezeichnet. (Lachen bei den Soeialdemokraten.) — Abg. Zeidler (kons.) stimmt gegen den Antrag. — Abg. Hitze (Centr.) erklärt dasselbe. Der Antrag Albrecht wird alsdann gegen die Stimmen der Soeialdemokraten abgelehnt. Der Rest des Gesetzes wird debattelos in der Faflung der Kompromiß-Vorschläge angc-
