Wiksbädener TsgbW
«7. Jahrgang.
Verlag: Langgasie 27.
16,000 Abonnenten
Po. 374.
Donnerstag, den 15. Innr.
Fernsprecher No. 52.
1899
Fernsprecher N-. 52.
Abend-Ausgabe
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* Großbritannien. Aus London schreibt uns unser u-Korrcspondcnt: Die Frage des Impfzwangs hat bekanntlich schon viclfacli in England zu erregten Diskussionen in der Presse, in der Bevölkerung und in gelehrten Kreisen Veranlassung gegeben, und im vorigen Jahre, kurz bevor das Parlament auseinander ging.
Ausland.
* Grstrrrrich - Ungar». Die Ausgleichs-Vorlage wurde gestern im ungarischen Slbaeordnetcnhause eingebracht. Dieselbe stimmt vollständig mit den bereits von den Blättern gebrachte» Einzelheiten überein. Im Liberalen Klub gab Koloman Szell die Erklärung ab, daß cs ihm gelungen sei, den ursprünglichen ungarischen Standpunkt zwar nicht buchstäblich, aber dem GeW nach getreulich durchzuführen. Der gelammte Inhalt des AuK- alcichs sei unverändert geblieben. Die Erklärung Szells wurde m» Beifall aufgcnommen.
bereits über eine halbe Million an ihm gewonnen, war viel zu gut erzogen und viel zu gut gelaunt, um dem Präsidenten gegenüber zu streiken. Die Befürchtung, daß das Pferd eines Gendarmen als erstes ankommen würde, hatte sich als nichtig erwiesen. ES war, als ob die Nenner selbst das Auge der Polizei auf sich gefühlt hätten, mit solcher Regelmäßigkeit liefen sie, so anstands- und zwischenfalllos ließen sie Perth ans Ziel gelangen. Kurz, es war auf dem Rennplatz nichts Außerordentliches zu verzeichnen, wenn man von einer Verringerung der gewöhnlichen Einnahmen um hnndert- zwanzigtauseud Francs und der der Wetten um eine Million absieht.
Daß im Pavillon d'Armenonville, einem eleganten Restaurant des Bonloguer-Wäldchens und dem beliebtesten Rendezvous der Dsmi-mondaines, einige Fenster eingeschlagen wurden, und daß die Menge daun mit dem unerklärlichen Rufe „ä bas Rochefort!“ vor die Villa der Chansonettensängerin Otero zog, kann wohl nicht als Revolution bezeichnet werden. Der Präsident kehrte ebenso ruhig heim, wie er ruhig nach Longchamp gefahren war, ja mau bemerkte sogar, daß eine spalierbildende Reihe von sonderbaren Gentle- mens ganz begeistert „Vivo Loubet!“ tief. Kenner der Verhältnisse behaupten, daß diese Herren Klienten eines billigen Nachtasyls seien, welche der Ministerpräsident Dupuy für die Rolle eifriger Republikaner engagirt hätte.
Kein Wunder, daß diese Ovationen, fünfzig Cciitiules pro Manu, den Präsidenten nicht besonders rührten, daß er sogar, angesichts dieser Nachtasyl-Popularität, ein gewisses Mißbehagen empfand und vielleicht an den Vers dachte: „Mieux vaut an ennemi qn’an imprudent ami“. Kein Wunder auch, daß die politische Katastrophe, welche man Sonntag erwartet hatte, erst Montag eintrat, und zwar nicht auf dem Rennplatz, sondern in der Kammer; daß nicht der Präsident der Republik, Loubet, sondern der Minister»
zulächelten und ihn enthusiastisch umringten. An Stelle des Blumenmeeres, das die Hüte der Pariserinnen sonst zu bilden pflegen, sah man bis weit, weit an die Grenze des Horizonts einen flammenden Occan von Messinghelmen sich erstrecken. Man behauptet, daß die Zahl der Politiker, welche sich erwartungsvoll in Longchamp versammelt, die der Pferde bei Weitem überstiegen hätte. Nicht nur die Polizei war aufgebotcii worden, sogar der Proknrator der Republik und eine Anzahl von lluterfuchungSrichtern hatten sich hinausbemühen müssen, um gegebenen. Falls standrechtlich einzugreifeu. Seit der Zeit des heiligen Ludwig wäre dies wohl der erste Fall gewesen, wo Richter unter einer Eiche ihres Amtes geivaltct hätten. Jndeß, es kam nicht dazu. Zum großen Bedailern aller Neugierigen kam es überhaupt zu gar nichts.
Und was hatte man nicht Alles erwartet, was nicht vorausgesagt! Es war während der ganzen Woche, die zwischen dem Grand Steeplc von Autenil und dem Grand Prix von Longchamp verfloß, ausgemacht gewesen, daß am Sonntag eine „große Revolution" auSbrecheu werde. Es waren sogar charakteristische Details angesagt worden. Die aristokratischen Revolutionäre, behauptete man, wurden an diesem Tage alle einen Hut von bestimmter Form tragen, den „Chapeau Bastille“; eine Idee, die offenbar einem Hntfabrikauten ihren Ursprung verdankte. Man wußte auch, daß der voraussichtliche Gewinner des Grand Prix, der Eigenthümer des „Perth", beschlossen hätte, die übliche Beglückwünschung des Präsidenten der Republik nicht entgegen zu nehmen.
Von allen diesen Vorhersagungen war feine eingetroffen. Die eleganten Herrchen von den royalistischen Klubs hatten viel zu viel Geschmack, um sich einen zwingerförmigen Cylinder aufzusetzen; und Herr Caillault, der den „Perth" seiner Zeit von Ephrussi um eine Bagatelle gekauft und nun
sicherungSanstalt. — § 51 wird in der Fassung des Koinpromiß- Antrags angenommen. — Beim § 74 b (Aufsicht des Reichs-Ver- ficherungSamtS über die Versicherungsanstalten) erklärt auf eine Anfrage Staatssekretär Posadowsky, das ReichS-VersicheruugSamt ube schon jetzt eine umfangreiche Rcvisionsthätigkeit aus. So seien im Vorjahr von 17 Anstalten 11 revidirt worden. — Nach Erledigung der Paragraphen bis inel. § 130 vertagt sich das Haus auf morgen 1 Uhr. — Tagesordnung: Fortsetzung der Berathung und Näch- tragsetat, sowie Handels-Provisorium mit England—SchlubS^/.NHr.
Anzekgen-PreiS:
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 1? Pfg-, für auswärtige Anzeigen 25 Psg. — Rrclamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
nochmalige Frist von 3 Tagen. Aber auch diese Frist verstrich und der Bericht war noch nicht in den Händen der Militärbehörde. Bctzt erst wurde ein Stubenarrest von 2 Tagen verhängt. Daß Herr Dr. Bürkle den Geschossenen gerettet hat, ist ebenfalls unrichtig. Schon 15 Minuten vor seinem Eintreffen war ein Arzt bei dem Mann."
* Kitte rfrld wird berichtet, daß drei Landleute, denen nachgewiesen werden konnte, daß sie auf der Feldmark Lärm gemacht hatten, um die Rehböcke und anderes Wild zu ver- scheuchen, ans Anzeige des Jagdpächters, eines Oberamtmanns, zil Geldstrafen von je 60 Mk. vcrurtheilt worden sind. — Die Bestrebungen der liberalen Parteien, das Wildschadengesetz in einer den bäuerlichen Interessen Rechnung tragenden Weise ümzugestalten, sind bisher immer an dem Widerstande der „bauernsreundlichen" Konservativen gescheitert. Wo bleibt da die Jntercssenharmome zwischen Klein- und Großgrundbesitz, die der Bund der Landwirthe nicht genug rühmen kann?
Deutsches Deich.
* Kerlin, 15. Juni. Die „Germania" schreibt: Die Centr ums-Fraktion des Reichstags hat Dienstag Abend über den Gesetzentwurf, betreffend den Schutz des gewerblichen Arbeits-Verhältnisses (Zuchthaus-Vorlage), beratheu und sich über die Stellungnahme zu derselben bereits schlüssig gemacht. Den Standpunkt der Centrums-Fraktion, über den sich, wie dies bei der Stellnng des CcntruniS zur Soeialresorm überhaupt nicht anders zu erwarten war, eine volle Einniütbigkeit ergab, wird der Aba. Dr. Lieber bei der erften Berathung der Vorlage im Reichstag darlegeu. Als zweiter Redner des Centrums ist der Abg. Dr. Pichler- Passau bestimmt worden.
Die Wahl-Prüfniigs-Kommission des Abgeordnetenhauses hat geftern Abend die Wahl des Abgeordneten Dr. Beckmann (<’• Wiesbaden kons.) einstimmig für ungültig erklärt und die Wahl des Abgeordneten v. Colmar (1. Bromberq kons.) beanstandet.
Dem Bundesrath ist eine Uebereinkunft zwischen dem deutschen Reich und der Republik Uruguay über das Wiederinkrafttreten des Handels- und Schisfahrtsvertrags vom 20. Juni 1892 zugegangen.
Die Absicht des EiiiigungSamtes des Berliner Gewerbegerichts, einen Ausgleich zur Beilegung des Steinsetzer-Streiks anzubahnen, ist gescheitert. Die Meister erklärten sich bereit, den geforderten Lohntarif zu bewilligen, jedoch erst vom Jamiar 1900 ab. Damit waren die Gesellen-Vertreter nicht einverstanden. Der Streik nimmt soniit seinen Fortgang.
Die Arbeitgeber des Baugewerbes haben die Aussperrungen vollständig zur Durchführung gebracht. Auf vielen großen Neubauten ruht heute die Arbeit vollständig. Wenn die Maßnahme regelrecht dnrchgeführt wird, kommen 8ü00 Personen und ebenso viele Fnmilienglieder in Betracht.
* Äßv Kaiser «brr die Arbeiterivohmmgen. Von einer ,,absolut sicher infornürten Seite" geht der „Kreuz-Zeitung" über die viel besprochene und politisch ausgebeutele Aeußerung des Kaisers über die Arbeiter - WohuungSverhältnisse in Kabinen Folgendes zu: „Sc. Majestät hatte die Gemahlin des Landraths v. Estorsf ins Gespräch gezogen. Er erwähnte dabei auch neben den von ihm anerkannten Vorzügen des Gnies die ihn wenig befriedigenden Arbeiterwohnnugeu KadinenS, bereu Besserung er sich Vorbehalte. Scherzend hat Se. Majestät etwa hiuzu- gcfugt, da hätte es ja das Vieh beinahe besser. Von einem allgemeinen Urtbeil über die Wohnungen im Osten und einem Vergleich der Ställe mit „Palästeii" kann garnicht die Rede sein. Das letztere umso weniger, als der im Bericht der „Elbinger Zeitung ‘ auch erwähnte „Schweinestall" im Abbruch befindlich ist. Der Berichterstatter des genannten Blattes kann nur auf eine größere Entfernung, ungesehen, von der Unterredung Sr. Majestät etwas gehört haben; daher ergeben sich die Jrrthumer in seinem Bericht, die zu den in diesem Fall ganz unangebrachten politischen Erörterungen Anlaß gegeben haben?
... . * Kleber die erstaunliche Geschichte von dem in zwei- wgigen M ilit ara rr e st genommenen Triberger Bezirksarzt Dr. Bnrkle bringt das „Villiuger Volksblatt" folgende Anf- klarung: In einer Sache sollte Herr Bezirksarzt Dr. Bürkle dem Bezirkskommando Donaueschingen innerhalb 14 Tagen Bericht machen Als nach Umsluß dieser Frist der Bericht noch nicht beim Bezirkskommando Donaueschingen eingelaufen war, erhielt der Genannte eine weitere Frist von 8 Tagen. Nach Umfluß dieser Frist lief der Bericht abermals nicht ein und darauf kam eine
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Psg. monatlich, durch die Post 1 Mk. GO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammeii.
* Still int. Unser römischer Korrespondent schreibt uns: Das Konsistorium, das der Papst diesmal abhalten wird, macht eine große Anzahl Glücklicher, beim nicht weniger als elf, ja vielleicht zwölf Prälaten werden zu gleicher Zeit den Purpur erhalten, was unter der Herrschaft Leo XIII. bisher noch niemals vorgekommen. Der zwölfte ist noch nicht bestimmt, aber man spricht davon, daß einer der siidamerikanischen Bischöfe, die jetzt hier zum Konzn versammelt sind, zum Kardinal ernannt werden soll. Es wäre dies das erste Mal, daß ein kirchlicher Würdenträger Sud-Amerikas den Hut erhält. In Nord-Amerika fließt es bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten Kardinale; in 1875 wurde dort der erste durch Pius IX. geschaffen. Ausfallend ist die große Zahl von italienischen Prälaten, die diesmal in das Heilige Kolleg eintreten. Von den 11 resp 12 sind nicht weniger als 7 dieser Nationalität angehörig. Dadurch wird das Uebergewicht der Italiener ein sehr großes, dieselben werden mm 36 Kardinale zählen, während alle anderen zusammeugenommen nur 30 auSmacheu. Dem so berechtigten Wunsch derdeutscheuRegieruumdaßeinemAugehörigeuihrerNationderPurpur verliefen werde, hat der Papst nicht entsprochen, trotzdem doch ein deutscher Kardinal jetzt das Zeitliche gesegnet, der Erzbischof von Köln. Dagegen erhält ein Franzose Mathieu die Wurde. Aber es kommt in der That wenig in Frage, ob ein Kardinal mehr oder weniger einer fremden Nationalität angehört. Von den 28, die in Nom leben, daher also allein für die Leitung der Kirchengeschäfte tm weiteren Sinne in Betracht zu ziehen sind, sind 24 Italiener, sodaß also immer nur noch diese, trotzdem Italien sich vom Papste abgewendet, die ganze Macht ui Händen haben. — Nicht geringes Aufsehen erregt es in Turin, daß die Herzogin Helene von Aosta, die Schwester des Herzogs von Orleans, alle werthvollen Möbel des hiesigen herzoglichen Palastes, alle Gemälde und sonstigen Kunstwerke zum Verkauf gebracht hat. Als Grund dafür wird gegeben, daß die Herzogin ihrem Bruder für die orleamstifche Propaganda eine große Summe zur Verfügung stellen wollte in Wirklichkeit dürfte derselbe aber in dem wenig glücklichen Eheleben des herzoglichen Paares zu suchen und dies der Anfang vom Ende sein.
21 tuet (ICH -SLtlltrthlltß ^^..dieAbeiid - Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später einaereiditer Aureiaen ,ur uachsterschemenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ' y tingereinper Anzeigen zur
(Nachdruck verboten.)
Pariser Kries.
(Von unserem Korrespondenten.)
I Grand prix. - Der Miuisterstnrz. - Der Streithcngst Bonlangers. - Gedenk-Gottcsdlcnst.
Paris, 13. Juni.
K. Seitdem der Baron Chrisiiani seinen Stock gegen den Präsidenten Loubet geschwungen — der junge Mann mit Wer weißen Nelke scheint bis jetzt nicht zu wissen, warum «r es gethan — hat der Pariser Wettrenuplatz seine Physiognomie gänzlich geändert. Am Tage des Grand Prix tzlich die Ebene von Longchamp eher einem Schlachifelde als E «'nem Turf. Die Gesellschaft, was man so in Paris „lo beau mondo“ nennt, war zu Hause geblieben; die elegante : Menge, die sich aus Fürstinnen und Kokotten zusammensetzt, F tzlänzte durch ihre Abwesenheit.
F Daß die „Haute Galanterie“ und die „Grande Prostitution" V der Republik nicht gewogen ist, weiß man seit Langem, i Diesmal aber hatte die große Welt und die große Halb- s weit außer den politischen ganz praktische Rücksichten, die - sie vom Besuche des Grand Prix abhielten. Man fürchtete, t wie es am vorigen Sonntag in Auteuil so manchem cle- I tzanten Kavalier passirt war, in einer Viktoria auszufahren s »nd in einem „Panier ä salade", dem Vehikel der in der | Eleganz zurückgebliebenen Polizei, znrückkehren zu müssen;
man macht in dieser Equipage in der Allee des Acazias keine besonders gute Figur. Man fürchtete, die funkelnagel- s neuen Toiletten, dir eigens für den Grand Prix vorbereitet r worden waren, der Berührung von Gendarmenfäusten und die duftigen Meisterwerke der Modistinnen geschwungenen - Stöcken auszusetzen.
I Kurzum, die Schönheit und Grazie waren es nicht, die । Herrn Loubet das Geleite gaben, als er nach Longchamp ; Nr; es waren vielmehr schwere Kürassiere, die ihm zärtlich
Deutscher Reichstag.
O Kerlin, 14. Juni.
Dic dritte Lesung des Jnvaliditäts-Vcrsichcrimgsgesetzcs wird fortgesetzt, und zwar mit der Spezialbercithung. Beim 8 4, wonach «. 31. diejenigen Personen der Versicherungspflicht nicht unterliegen, deren Erwerbsfähigkeit auf weniger als ein Drittel herabgesetzt ist, liegt ein socialistischer Antrag Albrecht vor, die Worte „Ein Drittel" zu ersetzen durch die Worte „Die Hälfte". Dieser Antrag wird nach kurzer Debatte abgelehnt. Beim § 5 wird zunächst bei dem Kompromiß-Antrag Hitze der in der zweiten Lesung beschlossene Eingriff in die Verhältnisse der Knappschaftskasseu dahin äbgeschwächt, daß diereichsgesetzliche Rente „auf die sonstigen Kasseuleistungeu nur insoweit angerechnet werden dürfe, daß der zur Auszahlunggelaugende Theil der letzteren für die einzelnen Mitgliederklassen tm Durchschnitt mindestens den Reichsznschuß erreicht". Einige andere, ebenfalls zur Annahme gelangende Kompromißauträge, auch bei dem von der See-Berufsgenossenschaft handelnden § 7 a haben nur redaktionelle Bedeutung. § 8 handelt von der freiwilligen Ver- ficherung. — Abg. Richter (freis. Volksp.) erklärt, das vorliegende Gesetz enthalte nach seiner und seiner Freunde Ansicht zweifelhafte Punkte, von denen gerade hier bei § 8 ein ganz besonders fehlerhafter vorliege. Gleichwohl erkläre er schon jetzt, daß seine Freunde ihr Verhalten zu dem ganzen Gesetz nicht von diesen Fehlern abhängig machen würden. Die Ausdehnung der freiwilligen Versicherung sei ein Fehler, desgleichen nehme er Anstoß an den Rentenstelleu. Zugeben müffe er aber, daß das neue Gesetz manche Vortheile gegenüber dem alten bringe. Er und seine Freunde stimmten daher für das Gesetz, allerdings mit dem Bedauern, daß es nicht besser geworden ist. (Bravorufe.) — Abg. Hoffmann (itat.-lib.) erklärt Namens seiner Partei, dieselbe stimme für § 8, bitte aber die Abstimmung über diesen Paragraphen auszusetzen, bis 8 16 erledigt sei. Das Haus beschließt demgemäß. Zu 8 12 liegt ein socialistischer Antrag Albrecht vor, hinzuzufügen, daß das Heilverfahren Seitens der Ver- ficherungsanstalt eingeleitet werden muß, wenn der Vorstand der Krankenkasse dies beantrage. Auch soll das Krankenkassengeld an die Angehörigen ausgezahlt werden müssen, wenn der Versicherte während des Heilverfahrens getrennt von denselben leben mußte. Der Antrag wird nach längerer Debatte abgelehnt. Bei 8 16 wird die Wartezeit für das Renten-Aezugsrecht freiwillig Versicherter auf 500 (statt 400) Wochen erhöht und sodann auch § 8 angenommen. Bei § 17 befürwortet Abg. Bebel (Soe.) einen Antrag auf Streichung der Bestimmung, wonach auch eine durch geschlechtliche Ausschweifung verursachte Krankheit für die Beitrags- j zeit nicht in Anrechnung kommen soll. Redner weist darauf hin, daß. in der bezüglichen Statistik Offiziere und Studenten au der Spitze standen. Erst dann kämen Kaufleute und Arbeiter. — Abg. Kruse (nat.-lib.) tritt ebenfalls dringend für den Antrag ein. Ein Arzt könne doch nur die Geschlechtskrankheit bescheinigen, nicht aber, daß dieselbe die Folge geschlechtlicher Llnsschweistmg sei. — Abg. Hitze (Centr.) ist gegen den Antrag. — Abg. Nosicke (wild-lib.) plaidirt warm für denselben. Sanitäre Erwägungen sprächen entschieden dafür, die geschlechtlich Erkrankten nicht von der den anderen Erkrankten gewährten Vergünstigmia anszunehmen. — Abg. Hitze (Centr.) kann den Eifer für die Opfer geschlechtlicher Ausschweifungen nicht verstehen. Ebenso.könne man für die Opfer der Trunkenheit eintreten. — Abg. B r äsi cke (freis. Volksp.) behauptet, es würde sich im Lande ein Sturm der Entrüstung erheben, wenn der Reichstag den vorliegenden Antrag ablehnen würde. (Lachen rechts.) Der Antrag wird hierauf angenommen. 8 51 handelt von den Nentenstellen. Ein Centrums-Antrag Hitze will hier entsprechend einem in zweiter Lesung abgelehnten konservativen Antrag die Befugniß der Laudes-Centralbehörde, die Errichtung von Nentenstellen auznordnen, „insbesondere auf Gegenden mit dichter Bevölkerung" erstrecken. Gleichzeitig macht er aber dieses Anorduungsrecht abhängig nur von der Anhörung (statt der Zustimmung) von Vorstand und Ausschuß der Ver-
