Einzelbild herunterladen
 

Viksbsdemr TsgM

Verlag: Langgasse 27,

10,000 Abonnenten

1809

Montag, den 5. Juni

N-« 236

Fernsprecher R». 52.

Fernsprecher 91 o. 52.

Abend-Ausgabe

i

I.

u

!i

V

Sr

Vielleicht spielte ein wenig die Eifersucht eine Rolle dabei, fürchtete er, von einem seiner Söhne überflügelt zu werden, wahrscheinlich aber lag der Widerstand in seinem halsstarrigen, heftigen Charakter begründet. Er hatte nun einmal von vornherein erklärt, daß aus seinen Knaben ernsthafte tüchtige Männer werden sollten und von dieser Bestimmung wollte er nicht wieder abgehen.

Die Mutter aber stand ihren Kindern bei. Schon, als er mach ein ganz kleines Kind, erkannte sie das Talent ihres Johann, und liebevoll bewahrte sie die Noten auf, die sie niedergeschrieben, als er, ein sechsjähriges Knäbchen, sich au das alte tafelförmige Klavier gesetzt und mit den kleinen Fingcrchcn einen richtigen Walzer zu­sammengetippt hatte. Unter dem Titel »Der erste Gedanke" sind diese Noten dann im Musikhandel erschienen, und als an seinem Jubiläumstag das Opernorchester die berühmtesten Melodieen ge­spielt, die Strauß' Feder entflossen, da stimmte es auch den kleinen Walzer an, den der Vater als einen Dummenjungenstreich be­zeichnete, der der Mutter aber zeigte, welches Talent in ihrem Sohn schlummerte.

Sie stand denn auch fest auf der Seite der Söhne, als diese für die Freiheit, ihrer angeborenen Neigung folgen zu können, kämpften, und der Streit wurde schließlich ein so erbitterter, daß er zur Scheidung der beiden Eheleute führte. Die Söhne gingen mit der Mutter und diese scheute kein Opfer, um ihnen ihre musikalische Ausbildung zu ermöglichen. Johann beabsichtigte anfänglich sehr ernste Studien zu betreiben und wurde daher Schüler des Dom­kapellmeisters Joseph Drechsler. Aber die Hoffnung des Letzteren, aus diesem begabten Jüngling einen Komponisten klassischer Musik zu machen, erfüllte sich nicht. Es gab noch eine letzte Schlacht mit ihm und drei Monate später verkündeten große Affichen das erste Konzert von Johann Strauß Sohn mit seinem Orchester. Sofort spaltete sich Wien in zwei Lager, von denen das eine für den Aelteren, das andere für den Jüngeren Partei nahm, die Folge aber war, daß sich am bestimmten Tage eine ungeheure Menschenmenge in Dommachers Kasino in Hietzing drängte, um der „Soiree dansante“ beizuwohnen. Mit den ersten eigenen Kompositionen, die er zum Vortrag brachte, spielte sich Strauß sofort in die Gunst

Es ist ein wunderbares und tragisches Verhängniß, daß dieser Hauptmann Dreyfus just daran scheiterte, was er selbst zu seinem Lebensgrundsatz gemacht hatte, an dem Chauvinismus. Denn dieser Chauvinismus ist die wahre Ursache der Dreyfus-Affaire und ihrer Entwickelung. Dieser Chauvinismus, der seit dem Zusammenbruch von 1870 in Frankreich üppig emporgeschossen ist und eine höchst gefähr­liche Gestalt angenommen hat, hat bei den Franzosen einer­seits jene blinde, thörichte und nervöse Furcht vordem „Ver- rctth" und andererseits jene fanatische Verehrung für die Armee, den „Grundpfeiler der Revanche", erzeugt. Auf diesem Boden erwuchs, begünstigt durch die Hetzereien einer maßlos agitirenden antisemitischen Bewegung, jene Affaire, welche das politische Leben Frankreichs seit Jahren zerrüttet und die zuletzt den Abscheu der ganzen civilisirten Welt Hervorgernfen hat.

Der weit verbreitete Glaube, daß der Fall Dreyfus das Zeichen einer unhaltbaren Dekadence in Frankreich sei, scheint durch das Urtheil des Kassationshofes widerlegt zu werden, denn wenn die Wahrheit und die Gerechtigkeit auch 5 Jahre hindurch in Frankreich schnöde verleugnet wurden, daß sie zum Schluß doch zum Siege gelangt sind, scheint das Anzeichen einer beginnenden Gesundung des französischen Volkslebens zu sein. Alles wird jetzt darauf ankommen, ob und wie dieser Gesundungsprozeß weiter gefördert wird. Und es scheint den leitenden Männern in Frankreich in der That Ernst damit zu sein, jenem unsinnigen Treiben entgegen zu treten, dessen Säulen eine Anzahl aus Chauvinismus zu Fälschern geworbene Offiziere und eine Anzahl Politiker waren, die ihren Einfluß auf die zumeist urtheilslosen Massen in einer Weise benutzt haben, die Frankreich nahezu an den Abgrund des Ver­derbens geführt haben. Die Verhaftung du Patys scheint den Anfang dieses Vorgehens zu bedeuten; wenn es der Negierung Ernst mit der Reinigung des Augiusstalles im Generalstab ist, werden die Mereier, Boisdeffres re. folgen müssen. Die verhültnißmäßig ruhige Aufnahme des Urtheils in Frankreich scheint dafür zu bürgen, daß die nun folgende unumgängliche Liquidation der Dreyfus-Masse in verhältniß- mäßig ruhigen Formen sich vollziehen wird. Wie dem aber auch sei, diese Liquidation selbst, der energische Kampf der Negierung und der ihrer Verantwortlichkeit bewußten Par­teien gegen die falschen Patrioten ist nothwendig, wenn die Entwicklung Frankreichs wieder in normale Bahnen geleitet werden soll.

des Publikums hinein, besonders der „Sinngedicht-Walzer" fand außerordentlichen Beifall und mußte mehrere Mal wiederholt werden. Dieser Jahrestag war es, der in 189t hier von Jung und Alt, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, von allen Denen, die „Wiener Blut" in den Adern haben, mit solchem Glanz gefeiert worden ist.

Aber nach dem ersten Erfolg kam auch manche Enttäuschung. Gerade diejenigen Kompositionen, die später am meisten zur Be- rüdmtheit von Strauß beigetragen, fanden in Wien zuerst nur wenig Anklang. Der Donauwalzer fiel ab, und erst nachdem er anläßlich der 1867er Ausstellung in Paris außerordentlichen Erfolg hatte, wurde er in Wien populär. Das gleiche Schicksal erfuhr die „Fledermaus", vielleicht die reizendste Operette, die je geschrieben worden. Bei ihrer Premiöre hier in 1874 errang sie nur einen Succ6s d’estime und verschwand bald wieder aus dem Repertoire. Nach Berlin gelangt, wurde sie dort aber mit wahrem Entzücken aufgcnommen und dies hat ihr dann später auch in Wien die ver­diente Würdigung verschafft.

Im Ganzen ist es aber ein glückliches, an Ehren und klingenden Erfolgen reiches Leben, dem der Tod jetzt ein Ziel gesetzt. Von den Berufensten ist Strauß' bedeutendes Talent anerkannt worden und seine leicht beschwingten, halb melancholischen, halb fröhlichen Walzermclodieen werden noch gesungen und zum Tanz gespielt werden, wenn schon seit langen Jahrzehnten Gras über dem Hügel ihres Schöpfers gewachsen. Bei der Mitwelt Erfolg haben, von der Nachwelt nicht vergessen werden, das ist ja das Ziel der Meisten, und Strauß hat es erreicht.

(Nachdruck verboten.) Johann Strauß f.

(Von unserem Korrespondenten.)

Wir», 3. Juni.

Die Augen eines ManueS haben sich heute zum letzten Schlummer geschlossen, der, wenn er auch als keiner der Heroen im Reiche der Musikwelt gegolten hat und gelten wird, doch in seinem kleineren Genre der Ersten einer, ja vielleicht der Erste gewesen. Als ein Fürst auf seinem Gebiete ist er betrachtet worden, fast von dem Augenblick an, da er zum ersten Male als 18-jährigcr Jüngling den Taktstock schwang und auch eigene Kompositionen zum Gehör brachte. Ter Titel eines Walzerkönigs, den sein Vater bereits vor ihm führte, ging gleich einem selbstverständlichen Erbe auf ihn über; er ist ihm noch jubelnder zuerkannt und mit größerer Be­rechtigung von ihm geführt worden, als von seinem Erzeuger.

Als vor 5 Jahren der Tag zum 50. Mal wiederkehrte, an dem sich den frohen Wienern die willkommene Thatsache enthüllte, daß, L wenn Lanner und Johann Strauß senior das Scepter aus den i Händen fallen werde, ein noch Berufenercr da sei, um e§ aufzuheben, wurde er in einer Weise begangen, wie nur ein Volk einen seiner ■ Lieblinge feiert, und trauernd steht auch heut ganz Oesterreich an e brr Bahre des Mannes, der ihm so viele frohe Stunden bereitete. Sa, man kann sagen, daß die ganze eivilisirte Welt Antheil an ■r dem Verlust nimmt, den wir durch den Heimgang Johann Strauß' | «litten, denn wo je in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts fröhliche Füßchen sich im Tanz geschwungen haben, da kennt und liebt man die Weisen des Walzerkönigs, dessen Leier nun für immer verstummt ist.

U. Trotzdem Strauß einer Musikerfamilie entstammte und seinem £ Vater die Kunst im Allgemeinen keine Enttäuschungen gebracht, ■ tr im Gegen!heil fein Talent anerkannt und belohnt sah, wurde «9 ihm doch nicht leicht, die Laufbahn zu ergreifen, zu welcher das beschick ihn bestimmt hatte. Weshalb Strauß der Aeltere sich so F sehr dagegen sträubte, daß seine Söhne sich dem Berufe widmeten, den er selbst eingeschlagen hatte, ist nie ganz klar geworden.

*3. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

JXtHtrthttti» für die Abend-Ausgab« bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgab« bis 3 Uhr Rachmittags. — Für die Ausnahme später eingercichter Anzeigen zur nächsterscheinenden Ausgabe wird kein« Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Anzeigen-PreiS:

Die einspaltige Petitzeile für l»eale Anzeigen 15 Psg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

*

Paris, 3. Juni. Der Kassationshof kassirte das Urtheil des Kriegsgerichts von 1894 und verwies Dreyfus vor ein neues Kriegsgericht, welches in Rennes abgehalten wird. Die Menge, welche sich vor dem Kassationshofsgebäude angesammelt hatte, nahm das Urtheil mit großem Beifall auf. Frau Dreyfus benachrichtigte ihren Gatten sofort telegraphisch von dem Urtheil. — Seit den Morgenstunden hatten sich bereits zahlreiche Menschen vor dem Ge­bäude des Kassationshofs angesammelt, um auf das Urtheil zu warten. Plötzlich erschien eine Gruppe von Studenten und wollte unter den Rufen: Revision, Revisionl den Eingang in den Justiz­palast erzwingen. Die republikanische Garde zersprengte dieselben, nachdem dies der Gendarmerie nicht gelungen war. Mehrere

Win», 3. Juni., Johann Strauß zog sich am Pfingst­montag, als er cm Hofoperntheater die Ouvertüre zur „Fledermaus" birigirte, eine Erkältung zu. Am vorigen Samstag kamen Anzeichen einer Lungenentzündung, die sich stark entwickelte. Eine Rippen- entzundung trat hinzu. Eine Stunde vor dem Tod war Strauß noch bet Besinnung. Um 4 Uhr verschied er ohne Todeskampfi Das Leichenbegängniß findet am Dienstag, Nachmittags 3 Uhr, nach protestantischem Ritus statt. Im Testament ernannte Strang bte „Gesellschaft der Musikfreunde" zur Universalerbin. Sein« Gaittn, zwei Schwestern und Stieftochter bedacht« er mit lebenM langltchen Nutznießungen.

Die Revision des Dreyfrrs-Vrszesses.

Die Entscheidung des höchsten französischen Gerichts­hofes in dem Verfahren gegen Dreyfus, das seit einem halben Jahrzehnt für die Gestaltung des öffentlichen Lebens in Frankreich entscheidend gewesen ist und dieses in der verderblichsten Weise beeinflußt hat, ist so ausgefallen, wie es erwartet worden war und wie es unumgänglich war, wenn diesem Lustrum der Fälschungen und des Triumphes der Ungerechtigkeit in Frankreich ein Ende bereitet werden sollte. Nachdem es unwiderleglich festgestellt worden war, daß das geheime Beweisstück, diese Canaille von D., sich überhaupt nicht auf Dreyfus bezog, sondern eine perfide Unterschiebung darstellte, und daß das verhängnißvolle Bordereau selbst nicht den Hauptmann Dreyfus, sondern den wirklichen Spion Esterhazy zum Autor hatte, war darüber, daß an dem des Vaterlandsverralhs beschuldigten Dreyfus ein Justizverbrechen begangen worden war, kein Zweifel mehr möglich. Die Frage, um die es sich lediglich noch handelte, lautete Kassation oder Revision. Daß der Kassationshof sich für die Revision entschied, ist von weit­tragender Bedeutung nicht nur für den unglücklichen Dreyfus selbst, sondern auch für die weitere Entwickelung der sogen. Dreyfus-Affaire, die ja eine über die Person des Hauptmanns Dreyfus selbst weit hinausgehende Bedeutung hat.

Für den zu Unrecht Beschuldigten selbst hat 'die auf Revision lautende Entscheidung des Kassationshofes die Folge, daß seine Rechtfertigung eine noch weit glänzendere fein wird, da seine endgültige Freisprechung durch ein Kriegs­gericht, also durch seine eigenen Kameraden erfolgen wird, die ihn aus der Armee ausgestoßeu hatten. Ueber den Aus- I gang der Verhandlung deS Kriegsgerichts kann selbstverständ­lich tein Zweifel sein, denn faktisch, wenn auch nicht formell, ist Dreyfus schon von dem Kassationshof freigesprochen worden, und das Kriegsgericht, welches auf Grund der Fest­stellungen des Kassationshofes zu entscheiden hat, hat nur noch das Faeit dieser Feststellungen zu ziehen, und K dieses Faeit lautet, daß Dreyfus zu Unrecht veruriheilt, P daß er unschuldig ist. Die Leidenszeit des Verbannten auf der Teufelsinsel hat also mit der Entscheidung des Kassations­hofs ihr thatsächliches Ende erreicht, was schon durch die vorläufige Freilassung des Hauptmanns Dreyfus zum Aus­druck gelangen wird. Dieser Mann, der von einem unver­gleichlich harten Geschick betroffen wurde, verdient ebenso wie seine Gattin, die mit bewunderungswürdiger Ausdauer für die Unschuld ihres Gatten kämpfte, unsere rein mensch­liche Theilnahme. Er verdient sie, ob er auch einem Volke angehört, das uns fremd, ja feindlich gegenüber steht, und trotzdem er selbst zu der Klasse jener Chauvinisten gehört, welche die Feindschaft gegen Deutschland als obersten Lebens­grundsatz gepredigt und die Revanche auf ihre Fahnen ge­schrieben haben.

Antisemitenführer und Nationalisten wollten Reden halten, waS jedoch verhindert wurde. Eine Person, welche „Nieder mit bett Juden" rief, wurde verhaftet. — Laut einer Blättermeldung demissionirte der General Pellieux als Pariser Platz-Kommandant. Picquart wird am Dienstag, nachdem alle Anklagen gegen ihn fallen gelassen sind, aus der Haft entlassen werden. — Die Frage, welche dem in RemteS zusammentteteuden neuen Kriegsgericht vorgelegt werden wird, lautet: Ist DreyfuS schuldig, im Laufe deS Jahres 1894 mit einer fremden Macht gegen Frank­reich in Verbindung gestanden zu haben? Für die Wahl von Rennes als neuen Ort des Kriegsgerichts entschied der geräumige Saal des dortigen militärischen Gerichtsgebäudes. Die Verhand­lung findet in voller Oeffentlichkeit Anfang August statt. Der Jnstruktionsches Carrö in Rennes sunktionirt als Regierungs- kommissar, der Kapitän a. D. Jacauier als Referent, der Corpschef General Lucas wird unter den Offizieren des 10. ArmeecorpS dip Kriegsrichter zu wählen haben. -- Der Gouverneur von Guyana telegraphirte an die Regierung den Inhalt eines ihm von Dreyfus zur Beförderung an den Krtegsminister Übergebeneft Briefes. Darin bittet Dreyfus in Anbetracht seines Gesundheits­zustandes um rasche Justtz.

Paris, 4. Juni. In einer Besprechung, welche Dupuy mit den Ministern der Justiz, deS Krieges, der Armee und der Kolonicen beute Vormittag hatte, wurde beschlossen, daß der Kreuzer „Sfax", der sich ln Fort France auf Martinique befindet, unverzüglich Dreyfus von der Iles du Salut abholt und nach Brest bringt, woselbst die Ankunft etwa am 26. Juni erfolgen dürfte. Dreyfus soll dann sofort nach dem Militär- gefängniß in Rennes gebracht werden. — Alle revisions­freundlichen Blätter feiern das Urtheil des Kassationshofes als den Sieg der Wahrheit, Gerechtigkeit und des Rechts, und hoffen, alle guten Franzosen von gesunden Sinnen werden sich vor dem Urtheil beugen. Die Blätter mahnen zur Versöhnung und Ruhe. „Aurore" und „Petite Republique" wünschen jedoch die Verantwortlichkeit festgestellt zu sehen für die begangenen Ungesetzlichkeiten, damit di« Schuldigen, besonders General Mercier, bestraft würden. Di« meisten der Revision feindlichen Blätter neigen der Ansicht zu, eS sei die Pflicht Aller, sich zu unterwerfen, um endlich dem Lande Ruhe zu geben, und erwarten mit Vertrauen das Urtheil des neuen Kriegsgerichts. Nur „Jntranstgeant", „Libre Parole" und „Echo de Pans" verharren auf ihrem Standpunkte und bestreiten die Schlußfolgerungen des Urtheils und die Geständnisse Esterhazys. — Frau Dreyfus, die das Urtheil trotz des sichern Ausgangs mit großer Aengstlichkeit bei ihrem Vater erwartete, telegraphirte ihrem Mann: „Der Kassationshof verkündete die Revision, Verweisung vor ein Kriegsgericht. Wir sind mit Herz und Gedanken bei Dir und theilen das unermeßliche Glück. Bewegten Kuß von Allen. Lucie." Fran Dreyfus empfing alsbald zahlreiche Besuche, sowie Telegramme und Blumen; am Abend war die Wohnung Überfüllt mit Bouquets; die Besucher empfing Frau Dreyfus inmitten ihrer Kinder. Zu den Journalisten, die Abends noch vorsprachen, konnte sie nur sagen: „Meine Herren, zählen Sie Alles, was Sie wollen; ich bin glücklich." Auch Mathieu Dreyfus und Anwalt Mornard, sowie die Redaktionen mehrerer Revisions-Älätter erhielten aus Paris und den Provinzen eine Menge Gratulationen. Nach Anordnung der Regierung geht der in Fort de France stationirte Kreuzer „Sfax" sofort nach der Teufelsinsel ab. Donnerstag verläßt „Sfax" mit Dreyfus die Teufelsinsel und trifft am 26. Juni in Brest ein. An Bord des „Sfax" wird Dreyfus als Offizier in Untersuchungshaft behandelt. Er erhält eine Offiziers­kabine, wo ihm auch die Mahlzeiten serviri werden, und kann von Mittag bis 4 Uhr auf dem Verdeck sich anfhalten. In Brest empfängt die Militärbehörde Dreyfus und liefert ihn an das Militärgefängniß in Rennes ab, wo Anfang Juli das Kriegsgericht zusammentritt.

Varis, 5. Juni. Emile Zola ist gestern Abend in Paris eingetroffen. Die „Aurore" wird morgen einen Brief bringen, der mit der Aufforderung an beit Staatsanwalt endet, ihm nunmehr das Urtheil des Versailler Schwurgerichts zuzustellen. Ich wollte, sagt Zola, nichts als Wahrheit und Gerechtigkeit. Das