Wteuahwr Tagblatt
I
«s. Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27.
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9Lmrtrtett-9Lttttrthm» ffir bic Abrnd-Ausgabe bis 11 Uhr Bormittaas, für die Morgen'Ansgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme sväter einaerei-bter Slnieineit am trtHICIßrn nächsterfcheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ■ 19 -uigerei-yker Anzeigen zW
Uo. 252
Freitag, den 2. Juni.
Fernsprecher Wo. 62.
1899
Fernsprecher No. 62.
Abendausgabe
3U1
Ausland.
* Grftrrrrich-Ungarir. Die wieder aufgenommenen Ans- gleichsvcrhandlungcn lassen, wie in unterrichteten Kreisen verlautet, die sichere Erwartung auskommen, daß man ans eine Verständigung wird rechnen können. (Wie oft hat man diese „sichere Erwartung" schon vergeblich gehegt. D. R.)
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag SO Psg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
glitt bei Besichtigung der für den Stapellauf des Panzerschiffes „Ersatz König Wilhelm" hergerichteten Taufkanzel beim Besteigen der frischgestnchenen Umfassung aus und stürzte herab. Er brach das Rückgrat und war sofort tobt. Der Maschinenbauer Kranich wurde bei der Montage durch einen herabstiirzenden Fahrstuhl getöbtet.
* Rundschau im Reich». Die Stadiverorbneten in Po sen bewilligten 76,000 Mk. für bie Restaurirung bes alten Rathhauses. — In Dresden finb 4000 Maurer nach vorausgegangener Versammlung in einen Lohn-Ausstand getreten. Die Zimmerer halten ebenfalls eine Versammlung ab, in welcher der Generalstreik proklamirt werden soll. — In Mannheim wird vom 3. bis 5. Juni der diesjährige Kongreß des Deutschen Freidenker- Bundes abgchalten.
* Italic». Wie der „Kreuzzeitung" aus Rom geschrieben wird, ist der Urlaub des russischen Gesandten beim Vatikan keineswegs auf eine Spannung zwischen der Kurie und Ruß and zuriick- 5'iführen, vielmehr seien die russisch-vatikanischen Beziehungen dadurch, daß Leo XIII. auf der Friedens-Konferenz nicht vertreten ist, in keiner Weise getrübt worden. — Ein Regierungs-Erlaß erklärt ganz Eghpten für verseucht und verfügt strenge Maßregeln für alle aus Egypten kommenden Maaren. — In der vorgestrigen Kammersitzung erklärte sich Viseonti Venosta gegen jede Expansions-Politik und gegen die Besetzung der Sanmun-Bai. Die fftegicying werde in China ausschließlich Handelspolitik treiben. Ber der Abstimmung über die Tagesordnung erhielt die Regierung ein Vertrauensvotum mit 99 Stimmen Majorität. Rudini drückte sein besonderes Vertrauen in die Leitung der auswärtigen Politik ans. Dagegen erklärte sich Crispi gegen die Regierung, mit deren China-Politik er nicht einverstanden ist.
Deutsches Deich.
* Hof- und Urrsoual-Rachrichtru. Dem „Berliner Tageblatt" zufolge verlautet von gut unterrichteter Budapester Seite, Kaiser Wilhelm und König Albert träfen im September in Ungarn ein, um an den Hofjagden des Erzherzogs Friedrich tbeilznnehmen. — Wie aus Schwerin gemeldet wirb, hat sich bie älteste Tochter des Erbgroßherzogs von Mecklenburg-Strelitz, Prinzessin Elisabeth, in London mit dem Grafen Gametel verlobt. Die Hochzeit wird im Juni stattfinden. — Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Danzig: Die Versetzung des Eisenbahn-Präsidenten Thomö nach Frankfurt a. M. stehe in kürzester Zeit zu erwarten. — Demselben Blatt zufolge beabsichtigt das Reichsamt des Innern, die Pensioniruiig des jetzigen Präsidenten des Patentamtes, v. Huber, in die Wege zu leiten.
* §crli», 1. Juni. Wie der „Staatsbürger-Zeitung" uiitgetheilt wird, hat sich Minister von Miquel kürzlich dahin ausgesprochen, daß die Regierung auf die Erledigung ber bem Lanbtage bisher zugegangenen Gesetzes-Vorlagen Werth lege und daß die Regierung demzufolge mit einer Dauer der Session bis Mitte Juli rechnet. Voraussetziing für die Innehaltung dieses Arbeitsplanes ist die Annahme der Kanal-Vorlage. Falls diese Vorlage abgelehnt werden sollte, soll nach Erledigung der dringlichsten Arbeiten die Auflösung des Abgeordnetenhauses erfolgen, sodaß die Kanal- Vorlage die Parole für die Neuwahlen bilden würde.
* Die sogenannte Znu>thans - Dorlngr ist gestern im Reichstag eingegangen. Sie trägt beit Titel: Gesetzentwurf zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverdaltnisses. Der Entwurf umfaßt 11 Paragraphen. In § 8 heißt es u. A.: Ist in Folge eines Arbeiter-Ausstandes oder einer Arbeits-Aussperrung eine Gefährdung der Sicherheit des Reiches oder eines Bundesstaates eingetreten oder eine Gemeingefahr für Menschenleben oder Eigenthum herbeigeführt worden, so ist auf Zuchthaus dis zu 3 Jahren, gegen bie Rädelsführer auf Zuchthaus bis zu b Jahren zu erkennen. Ein Theil der Abendblätter bespricht bereits die Vorlage. Die „Nat.-Ztg." sagt, die Bestimmung des § 8, der eine Androhung der Zuetithanssträfe enthält, macht den Eindruck, als ob der Verfasser des Entwurfes um jeden Preis irgendwo die Androhung von Zuchthausstrafe hätte anbringen wollen. Die Reuest. Nachr." betonen, daß in dem Entwurf bas Koalitionsrecht grundsätzlich gewahrt bleibe. Nur die maßlosen Mißbräuche, die damit getrieben worden feien, sollten eingedämmt werden. Die „Deutsche Tageszeitung" billigt an bem Entwurf, baß er Arbeitgeber und Arbeitnehmer vollkommen gleichartig behandle. Das Blatt hält den § 8 für am meisten umstritten. Die Fassung dieser Bestimmung scheine nicht ganz glücklich zu fein und es werde hier eine forgfamere Scheidung und Festlegung der Begriffe eintreten müssen. Die „Volkszeitung" hebt hervor, daß § 153 der Gewerbeordnung aufgehoben werden soll, bezeichnet den § 8 auch in ber vorliegenben Fassung für burchaus nicht harmlos. Man wisse ja, wie weltfremd manche Richter bem praktischen Leben gegenüberftänben und welche Neigung gerade bort manchmal hervortrete, die Gesetze nach politischen Gesichtspunkten auszulegen und anzuwenben.
* §t»prllfl»f. Bei prachtvollem Wetter erfolgte gestern Mittag in Kiel ber Stapellauf bes Panzers „Ersatz König Wilhelm". Die Taufe vollzog ber Kaiser selbst. Außer ihm standen auf ber sogenannten Taufkanzel bie Kaiserin, ber Kronprinz unb ber Großherzog von Baben. Anßerbem nahm bie gefammte Admiralität und die Staatssekretäre v. Podbielski und v. Bülow, ferner alle dienstfreien Offiziere, die Generale o. Werder und Lindequist Theil. Das Schiff erhielt den Namen „Kaiser Wilhelm ber Große". In seiner Rede betonte ber Kaiser: „Möge das neue Schiff allen Gewerben zum Schutz gereichen unb ben Namen dessen mit Ehren tragen, dem wir allein das Bestehen des deutschen Reiches verdanken." — Der technische Direktor ber Kruppschen Germania-Werft, Hagen,
* Frankreich. In Paris würben große Vorsichtsmaßregeln getroffen bezüglich des Empfanges Marchands. Nach der Freisprechung Döroulödes und Haberls ist die Begeisterung ber Nationalisten und Antisemiten eine so große, baß eine Gefahr für die öffentliche Orbnung destelst. — Anläßlich der Ankunft Marchands wirb heute Zur Linden allen Soldaten des Pariser Gouvernements ihre Disziplinarstrafen erlassen. Der für Marchand hergestellte Ehrendegen war auf dem Boulevard des Italiens zur Schau gestellt. — Im Revisionsprozeß wies Mittwoch der Prokurator Manau ans dem Inhalt der auf Pauspapier geschriebenen Briefe Esterhazys nach, baß bie Verrnnthung bes Generals Roget, biese Briefe könnten nachträglich im Auftrage der Vertheibigung bes Dreyfus angefertigt fein, eine völlig grundlose Beleidigung ' bedeute. — Im Prozeß Döronlsde wurde auf bie Vernehmung weiterer Zeugen verzichtet. Der Geueralstaatsauwalt Lombard begann alsdann seine Rede mit der Schilderung der früheren Rolle Döroulödes, besonders während ber Boulanger-Epoche. Die Freisprechung ist inzwischen erfolgt. Anläßlich derselben fand Abends eine große nationalistische Versammlung statt, worin Dvronlode sich in heftiger Weise gegen den Parlamentarismus unb die Juden aussprach. Döroulöde betonte, er wolle nur eine Republik auf der Grundlage des Plebiseits. Es wurden noch mehrere andere Reden in gleichem Sinn gehalten, namentlich von Franxois Coppö, Hadert und Qu es nah de Beaurepaire. Letzterer erklärte Doroulöde, er mache sich zu seinem Soldaten und werde nach den Tönen seiner Trompete marschiren. Allen Reden folgte stürmischer Beifall. Ruhestörungen kamen nicht vor. — Sebastian Faure hatte Mittwoch Abend eine Versammlung einberufen, welche mit der Dreysus-Sache die Frage ber Abrüstung beschäftigte. Auch diese Versammlung verlief ohne Zwischenfall. — Unter dem Vorsitz des Präsidenten Loubet fand Dienstag Abend spät im Elysee ein Ministerrath statt, in welchem von dem Kriegs-,
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sowie dem Justizminister ber Vorschlag gemacht wurde, erst nach der Veröffentlichung bes Urtheils über bie Revision am Samstag telegraphische Weisung an ben Gouverneur von Cayenne abqeben zu lasten, damit Dreyfus unverzüglich eingeschifft werde. Auf das persönliche Eingreifen des Präsidenten fioubet wurde beschlossen, sofort telegraphische Weisung an den Gouverneur von Cayenne abgehen zu lassen, damit am Samstag Alles in Bereitschaft gehalten werde für die Einschiffung des Exkapitän« nach Frankreich. Es ist dies ein Beweis dafür, daß alle Meldungen, Dreyfus sei bereits nach Frankreich unterwegs, unrichtig sind. — Major Marchand ist gestern Vormittag in Paris eingetroffen. Eine zahlreiche Menschenmenge bereitete ihm auf bem Bahnhof einen festlichen Empfang. Marchand trug die Parade-Uniform der Marine-Infanterie mit dem Kommandeurkreuz ber Ehrenlegion. Bier offizielle Ansprachen wurden gehalten. Vom Bahnhof fuhr der Gefeierte nach dein Marinemiiiisterium, wo gleichfalls Tausenbe von Menschen sich angesammelt hatten. Einige Häuser hatten geflaggt. Der Marineminister Lockroy, Marchand und seine Offiziere zeigten sich wiederholt auf dem Balkon. Die Menge fang bie Marseillaise. Marchand sieht etwas leidend ans. Auf eine diesbezügliche Frage Seitens feiner Freunde erwiderte er, daß er an Nierenkolik leibe unb in Vichy deshalb eine Kur gebrauchen werde. — Vor dein Kassationshof schilderte gestern der Vertheidiqer Mornard, wie das Kriegsgericht von 1894 systematisch irre geführt worden sei, vornehmlich durch Henry unb dessen Helfershelfer. Alsdann verlas Mornard die Note, die Dreyfus als Truppen - Offizier erhalten hat. — Das „Kleine Journal" läßt sich aus Paris melden: Dreyfus trifft, nachdem feine Einschiffung für Samstag angeordnet ist, am 24. Juni in Saint-Nazaire ein. Die neue Verhandlung findet vor dem Kriegsgericht in Evreux statt. — Der Freispruch DsroulödcS erfolgte nach halbstündiger Berathung. Das Publikum begrüßte ihn durch Absingiing der Marseillaise.
* Großbritannien. Das „British Mebieal Journal" erfährt ans bester Quelle, bie Gerüchte von einer bevorstehenden Augenoperation bei der Königin beruhen auf einer Erfindung. Das Augenlicht der Königin ist in den letzten Jahren in keiner Hinsicht schlechter geworden.
* Türkei. Der Prior des armenischen Klosters inSassnra wiirde von Kurden ermordet.
* Sudan. In mehreren Gegenden des Sudans ist bie Hungersnot!) ansgebrochen. DieBehörben sehen sich genöthigt, mit Unterstützungen einzugreifen, sodaß ber Etat für bas neue Jahr infolge der Hungersnoth sich sehr ungünstig gestalten wird.
* Egypten. Bei den ins Spital zu Kairo überführten Kranken wurde die Pest konstatirt. Die Regierung wies behufs energischer Bekämpfung der Pest 500,000 Francs an. Die beiden Doktoren Bitter und Roger sind zu den Pestkranken nach Alexandrien abgercift. — Aus Kairo, 22. Mai, wird uns geschrieben: Wahrend der Sieger von Chartum, Lord Kitchener, aufs Glänzendste gefeiert wurde unb wird, die dankbare englische Nation ihm ein Palais am Nil geschenkt und mit Ehren überhäuft,' gedenkt man kaum noch des Mannes, ber so viel zur Ausbreitung ber britischen Herrschaft in Afrika gcthan unb daburch feinen Tod gefunben, General Gorbons. Wie wenig sein Anbeuken in gebührenber Achtung gehalten wird, beweist ein geradezu unglaubliches Vorkommnis. Kürzlich verkaufte ber Sirdar all seine Möbel unb sonstigen Einrichtungsstücke feiner hiesigen Wohnung unb babei auch einen ganzen Stoß Makulatur, alte Briefe und sonstige Schriftstücke. Ein Mann, welcher einen Theil davon erstanden, löste die Marken, welche sich auf den Couverts befanden, ab, als feine Aufmerksamkeit durch die Unterschrift „Gordon" auf einem der Briefe erregt wurde. Er las denselben durch, nahm weitere zur Prüfung in bie Hanb, und da zeigte ei sich, daß es bie letzten Briefe des unglücklichen Paschas waren, in denen der von seinem Lande verlassene Held seine verzweifelte Lage schilderte und dringend Hülfe verlangte. Und solche Schriftstücke werden so wenig geachtet, baß sie der Mann, ber doch angeblich als Rächer Gordons nach Chartum zog, sie einfach als Makulatur
(Nachdruck verboten.)
Londoner Kries.
Achtzigster Geburtstag der Königin. — Höhe der Saison. — Die „italienische" Oper. — Ihre allmähliche Verwandlung in eine brutsche. — Ein polyglotter Chor. — Ein hunvcrtfacher Millionär. — Die armen Reichen.
—, 30. Mai.
Die vergangene Woche war znm großen Theil durch die Feier des Geburtstags der Königin — cs mar der achtzigste — in Anspruch genommen. Der Jahrestag selbst fällt auf den 24. Mai, aber aus Anlaß desselben kam ihre Majestät schon mehrere Tage vorher in die Reichshauptstadt, hielt einen Empfang im Buckingham-Palast ab und stattete auch unter großem Andrang ihrer getreuen Unterthancn der Stätte ihrer Geburt, dem Kensington-Palast, jenem unschein- Saren Rothsteingebäude in Kensington-Gardens, einen Besuch ab. Den Tag, an dem sie thatsächlich achtzig Jahr alt geworden, verbrachte sie dann aber wieder in Windsor und wohnte Hier einer Aufführung Lohengrins bei. Seit nahezu vierzig Jahren, seit dem Tode des Prinz-Gemahls, hat die hohe Frau kein Opernhaus mehr betreten, wohl aber in den letzten Jahren mehrfach die Künstler der italienischen Oper zu sich kommen lassen, und so fand auch diese Aufführung im Windsorschloß statt.
Der Zufall hat es aber gefügt, daß die Londoner Saison, die Ende April allmählich beginnt, ungefähr mit dem Geburtstag der Königin ihren Höhepunkt zu erreichen anfängt; und die englische Hauptstadt, die den ganzen langen Winter hindurch so wenig Anziehungskraft für den Fremden bietet, zeigt sich im Augenblick in ihrem schönsten Glanz. Wer einen günstigen Eindruck von London gewinnen will, der beeile sich, jetzt zu kommen und — lasse den Geldbeutel nicht daheim. Der Anblick, den für die nächsten paar Wochen %. B. schon der Hyde-Park bietet, findet auf der ganzen Welt nicht seines Gleichen. Diese Equipagen - Pracht,
diese edlen Rosse, diese schönen Frauen-Gcstaltcii, diese Toiletten, diese endlosen Schaaren stolzer Reiter und der nicht minder zahlreichen, anmuthigcn Reiterinnen in Rotten-Row sind schenswerth. Und wer die erforderlichen Einführungen mitbriugt, der bekommt dann auch wohl ein “lift” auf einem der stattlichen Eoachcs, die, von Viergespannen gezogen, zu Dutzenden vom Hhdc-Park nach Hurlingham fahren, wo er in den erlesensten Kreisen dem Polo-Spiel — einer Art Fußball zu Pferde — zuschauen und dann auch in den Kreisen der npper ten die großartigsten balls und eonversaziones, garden parties und regattas horse races und cricket matches rc. mitmachen kann. Wie gesagt, es kommt nur auf die nölhigen Einführungen an. Und auch diese sind nicht einmal erforderlich für den festlichen Anblick — von den Aufführungen gar nicht zu reden — den das erlesene Publikum in der italienischen Oper allabendlich darbietet. Dazu braucht cs nur zwanzig Mark für einen Sperrsitz und au einem Wagner-Abend dreißig; und um nicht auffällig zu erscheinen, müssen die Damen natürlich auch ihre Diamanten — wenn nicht alle, so doch etwa ein halbes Kilo eine jede — sich aufladen. Wenn dann zu den bezaubernden Tönen eines Lohengrin-Borspiels das vornehme musikalische Publikum das Auditorium betritt ober auch später noch — das ist hier so Mode, je später, desto vornehmer — und die dienstbereiten Logenschließer gewandt herumschwänzeln und zur selben Zeit bie Operntexte feilbieten (1 Mk. 50 Pf. das Stück), da könnte man schier außer sich gerathen.
Indessen auf der Bühne sind ja auch bje erlesensten Sangeskräftc der ganzen Welt vertreten, und da bietet ein Opernbcsuch in Covcnt - Garden denn doch noch einen anderen Genuß. Und spricht es nicht selbst zu Gunsten des Pnblikttms, daß hier, wo zwar so Viele noch immer sich cinstcllen, nur weil es die Mode erheischt, nun auch längst Wagner eine so außerordentliche Anziehungskraft ausübt.
sodaß trotz der erhöhten Preise an Wagner-Abcnben beinahe zwei Drittel aller Aufführungen Wagnersche Opern sind. So kommt es denn, daß, während in früheren Jahren verschiedentlich, aber nie mit besonderem Erfolg, ber Versuch gemacht worden, neben der italienischen auch eine rein deutsche Oper hier einzuführen, jetzt die alteingebiirgerte italienische allmählich sich selbst tu eine deutsche Oper umwandelt. Schon der verstorbene bahnbrechende Im« presario Sir Augustus Harris verfiel auf die Idee, statt Alles auf Italienisch fingen zu lassen, wo ihm doch die erlesensten Gesangskräfte aller Länder zu Gebote standen, versuchsweise einzelne Opern in derjenigen Sprache aufzuführen, in der sie ursprünglich geschrieben waren. Das mar natürlich für keine von größerem Belang als für diejenigen Wagners, der seine so eigenartige, unübersetzbare Sprache führt, unb mit bem immer stärker durchschlagenden Erfolg seiner Werke ist denn auch die deutsche Sprache in der „Italienischen Oper" immer stärker in ben Vordergrund getreten. Ein Nachtheil der Verschiedenartigkeit der Sprachen, in denen gesungen wird, ist allerdings bie Zusammensetzung des Chors, der aus Zugehörigen verschiedener Nationalitäten gebildet ist, die bis auf diesen Tag eine jede — ihre eigene Sprache singen. Das ist ein Uebclstand, dem sich doch aber unschwer abhelfen ließe, zumal bet einem Unternehmen, das in mancher Hinsicht so Musterhaftes leistet und — 35 pCt. Dividende bezahlt.
Neben den in meinem vorigen Brief bereits genannten hervorragenden Vokalisten wirken nun auch Fran Gadski, Fran Schumantt-Heink und Herr Scheidemantel in Covent- Garden mit. Und zahlreiche andere Musiker von kontinentalem Ruf haben London zur Saison wieder ausgesucht. Hofkapellmeister Mottl gab eine Serie von Orchester-Konzerten und leitete die ersten Wagner-Aufführungen in Covent» Garden. Ihn löste Dr. Muck ab, während Hans Richter wieder eine Serie von Konzerten sowohl in London wie
