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Donnerstag, den 1. Innr
Uo. 2S1
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher No. 52.
Morgen-Ausgabe
Die
W** Wegen -es Fronlcichnamfrstes erscheint -ie nächste Ausgabe am Freitag Nachmittag.
«5. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PreiS: durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27
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* Neber das Werfen mit Steinen in den Straßen der Stadt hat auch das „Tagblatt" des Oesteren berichtet, so erst vor Kurzem, daß dabei einem Schulmädchen ein Auge verloren ging. Shin sollte man meinen, daß jeher einsichtige Mensch solchem Unfug steuern würde, falls er dies könne; daß dies jedoch nicht so, sonder»
Ein dritter Gegenstand betraf das sogenannte konstitutionelle System im Fabrikbetriebe, worüber der Fabrikbesitzer Heinrich Freese- Berlin unter Anderem bemerkte, daß er seit nunmehr 15 Jahren in Kiner Fabrik das konstitutionelle System, und zwar mit dem besten Erfolg, eingeführt habe. Die Arbeiterausschüsse sollen mit dem Arbeitgeber über die Arbeitsverhältnisse, Lohn- und Arbeitsverträge, Schutzvorrichtungen, Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen re. berathcn. Es liege nur im Interesse des Fabrikbctriebes, wenn zur Regelung der Lohnverhältnisse, der Arbeitszeit, der Tarife rc. vor jeder Ein- ‘ ’**" * aus freien
Tlnzeigen-PttiSr
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* Trotz der Verschiedenheit der „Gejchmäcke", wie sie der Herr Einsender tn Nr. 249 des Tagblatt" mit Recht behauptet, hat sich doch bei der europäischen Kulturmenschheit ein fast gleiches Schön, heitsgesühl ausgebildet, das im Urtheil über die Schönheit und Zweckmäßigkeit ‘ eines Bauwerks wenig abweichen wird. Die» fand ich bei der Beurtheilung des auf dem Nero berg ent, standcnen SaalungethümS durch verschiedene selbst Künstlerkreif« in so auffallender Weise bestätigt,, daß ich mich nur im Namen und in Uebereinstimmung vieler „Urtheilsfähiger" yt jener Auslassung „unterstanden" habe, wollte aber auch auswärtig, Besucher nicht im Glauben lassen, daß wir Wiesbadener durchaus urtheilslos sind und uns jede Bauausführung, zu der wir durch unsere Besteuerung doch mit herangezogen werden, stillschweigend gefallen lassen. Mein Zweck war überdies, das größere Publikum zur Beurtheilung der unter uns entstehenden Bauwerke im All, gemeinen anzureaen; denn je allgemeiner die Antheilnahm, Kunstwerken ist, desto freudiger wird der Künstler " auch die Kriiik, woher sie auch komme, desto Jede weitere sachgemäße Aeußerung in dieser >er zur Klärung der Ansichten, wie zu ' rwünfcht; nur war die Belehrung deS
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sthrung von Ärbeiter-Wohlfahrtseinnchtungen rc. der aus Wahlen hervorgegangene Arbeiter-Ausschuß gehört werde. .... Arbeiter gewinnen dadurch größeres Interesse an dem Betriebe, die Arbeiten werden besser und sauberer ausgeführt, es werde mit einem Wort mehr Ordnung und größere Kontrolle in dem Betriebe geschaffen. Auch dürfte es bei Regelung der Arbeitsordnung vielfach gelingen, den Schnaps aus der Fabrik fern zu halten. Dieienigen Arbeitgeber, die dadurch einen Terrorismus der Arbeiter befürchten, irren sich vollständig. In den Versammlungen des Ausschusses werde mit der größten Ruhe und Sachlichkeit und mit strengster parlamentarischer Ordnung berathen und Beschluß gefaßt. Er könne nur den Arbeitgebern empfehlen, seinem Beispiele Folge zu leisten, und zwar in fticdlichen Zeiten die Bildung von Ärbeiterausschüffen vorzunehmen und nicht zu warten, bis erregte Zeiten eintreten und die Ausschüsse vielleicht von den Arbeitern abgcleynt würden. Der Redner schloß mit den Worten: Die Arbeiter werden sehr bald einsehen, daß die Arbeiterausschüsse die besten Gewerkschaften seien. Daneben könnten die Parteiorganisationen bestehen bleiben, diese seien ebenso berechtigt, wie die Arbeitgeber-Organisationen. Die Arbeiterausschüsse dürsten aber die Parteiorganisationen sehr bald ablösen. Empfehlen würde sich auch die Gewinnbetheiligung. Er schloß mit den Worten des großen Denkers aus dem vorigen Jahrhundert: ,Große Gebauten kommen aus dem Herzen I" Die Verhandlung führte zu einstimmiger Annahme der Erklärung: „Der Kongreß begrüßt mit Freuden die ersten Ansätze konstitutioneller Gestaltung industrieller Großbetriebe und spricht die ernste Hoffnung au», daß die Staatsbetriebe, die nach kaiserlicher Verheißung „Musterbetnebe" werden sollen, gerade i» der Mitwirkung der ArdeiterauSschüffe sich rorbildlich gestalten MbaL*
gemeinen desselben an .........
schaffen, je frcimiithiger au schätzenswerther ist sie. J< Controverse wäre mir bahi „ ..
eigener Belehrung durchaus erwünscht; nur war die Belehrung deS Herrn Einsenders über die Anwendung der Farbe in der Architektur und die wünschenswerthe Wiedererweckung dieser Freude an d« Farbe die ich vollkommen theile und in Griechenland und 3tollt» in der Antike schätzen gelernt habe, in jener Entgegnung nicht am Platze, da ich m meinem Artikel mit keinem Worte von Farbe» gesprochen und nur die Fensterscheiben als irisirend bezeichnet habe, weil das noch da» Erfreulichste an ihnen ist und mir recht gefallen hat. Absichtlich aber habe ich vo» der äußeren Bemalung der Balustrade mit stilisirten kinbskopfgroßea Rosen geschwiegen, um nur das häßlich Massenhafte des Gallerie« baue» hervorzuheben. Wenn dieser aber zur Verdickung des massive» AussichtSthurmes so kolossal gehalten ist, wie Einsender andeutet, so hieße das wohl dm Teufel durch Belzebub austreiben und entschuldigt den an jenem Mißstand unschuldigen Baumeister nid* dessen Tüchtigkeit ich im Uebrigen nicht bezweifeln will. Aber auch ein Genie bat manchmal einen schwarzen Tag, kann sich deshalb auch gut einmal über eine abfällige Kritik Hinwegsetzen.
Ans Stadt und Land.
Wiesbaden. 1. Juni.
— Grschichtokalender. 1. Juni. 1879: Tod des Prinzen Louis Napoleon im Zululande. 1846: f Papst Gregor XVI. 1825: Seesieg der Griechen über die türkische Flotte bei Kap Kaphereus. 1815: * Otto I. König von Griechenland zu Salzburg. 1815: f Berthier, französischer Marschall unter Napoleon I„ zu Bamberg. 1808: Aufhebung der Erbunterihänigkeit in Preußen. 1691: Stiftung der Universität Halle durch König Friedrich I.
— Magistrat. Wegen des überreichen Materials, das in einer Sitzung nicht erledigt werden konnte, muß am nächsten Samstag abermals eine Magistratssitzung eingeschoben werden.
— Walhalla Theater. Heute Abend bebütirt ein vollständig neues Programm von seltener Reichhaltigkeit. Das allergrößte Interesse wird ohne Zweifel die Hauptattraktion der nächsten vierzehn Tage, der allererste moderne „selbstverfaßte" Humorist, Herr Otto Reut ter, allenthalben erwecken. Otto Reutter ist nicht nur ein großes Talent, cs ist etwas Geniales in seiner Persönlichkeit, die heute unbedingt die von Publikum und Artistmwelt gleichermaßen respektirte, bedeutendste Erscheinung des Spezialitäten-Theaters der Gegenwart genannt werden muß. Er allein hat das Humoristenthum des deutschen Variötö vor Versumpfung bewahrt. Dutzende von Humoristen leben von seinem Repertoire, andere versuchten sich, durch sein Auftreten angeregt, ebenfalls im Dichten aktueller, feinpointirter Couplets. Aber Niemand hat ihn auch nur annähernd erreicht. Dem entsprechen auch feine Gagen, die in wenigen Jahren von 400 SDlt. auf 4000 Mk. monatlich (in Berlin bis zu 6000 Mk.) gestiegen sind. Daneben bringt das neue Programm die beste decentc Soubrette, Fritzi Georgette, vom Wintergarten Berlin, 4 dressirte Panther, die in einem zerlegbaren Centralkäsig von ihrem Bändiger Mr. Mario vorgeführt werden, und vieles Andere. Infolge der besonders schwierigen Vorbereitungen für dieses Programm muß die für heute Nachmittag angeftindigte Vorstellung ausfallen. Die angekiindigte Abendvorstellung beginnt wie gewöhnlich um 8 Uhr. Die Preise sind vorläufig nicht erhöht worden.
— Kismarätring. Das mit der Universalerbin des verstorbenen Herrn Dr. Bertram getroffene Abkommen über die Abtretung des zur Erbreiterung des Bismarckringes nöthigcn Gelände- streifcns, gelegen in dem Distrikt „Drei Weiden", zwischen Dotzheimerftraße, Bismarckrina und Äertramstraße, hat die Genehmigung des Magistrats erhalten, sodaß nunmehr dem Ausbau genannter Straße und der Einlegung der Bahngeleise in dieselbe nichts mehr tat Wege steht.
o. Kalzbach-Verlrgung. Zwecks landespolizeilicher Prüfung des Entwurfs der Verlegung des Salzbachs im Gelände des neuen Bahnhofs war auf gestern Vormittag 11 Uhr im Rheinbabnhof Termin anberaumt. Zu demselben waren Vertreter der Königl. Eisenbahndirektion zu Frankfurt a. M. und der Städte Wiesbaden und Biebrich, sowie Herr Polizeipräsident Prinz v. Ratibor erschienen. Die Verhandlungen wurden im Auftrage des Herrn Regierungspräsidenten durch Herrn Regienmgsrath Dr. Schulz geleitet. Nachdem an Ort und Stelle die Richtung des Bachlaufes näher angesehen worden war, wurde im Büreau der Bauverwaltung (Stationsgebäude des Rheinbahnhofs) an der Hand der dort aufgelegten Pläne die Angelegenheit weiter berathen und schließlich festgestellt, daß gegen die beabfichtigte Verlegung des Salzbachs von keiner Seite Widerspruch erhoben worden ist. Damit ist wieder ein wichtiger Theil der Bahnhofsangelegenheit der Erledigung näher gebracht und zugleich auch ein entscheidender Schritt zur Verwirklichung eines für unsere Stadt bedeutsamen Projektes gethan worden. Neben dem Bachkanal, der, um das Bahnhofsgelände ein für allemal vor Ueberschweminungsgefahr zu bewahren, eine ganz bedeutende lichte Weite erhält — der Querschnitt hat einen Flächengehalt von 16 qm — wird ein neuer Schmutzwasser-Sammelkanal Seitens der Stadt erbaut, der rückwärts durch die Wilhelmstraße bis zur Museum- straße geführt werden soll. Durch die Verlegung des Salzbachs ist es möglich geworden, den Kanal tiefer als bisher zu legen, wodurch eine bessere Vorfluth entsteht, die wieder einen rascheren Abfluß aller Abwässer aus der Stadt bewirkt. Daß dies für letztere von dem größten Vortheil ist, liegt auf der Hand. Die Ausführung dieser Millionen-Projekte wird, wenn dieselbe auch im Interesse des Bahnhof-Neubaues möglichst beschleunigt wird, doch längere Zeit in Anspruch nehmen.
— Uolftskindergatar». Da die Arbeiten an dem Volkskindergarten an der Gustav-Adolfstraße so gefördert werden, daß derselbe voraussichtlich am 1. Oktober eröffnet werden kann, hat der Magistrat beschlossen, die Stellen dreier Kindergärtnerinnen öffentlich auszuschreiben.
— Lehrer-Jubiläum. Wie bereits erwähnt, kann Herr Rektor H ö 1 p e r am 1. Juni l. I. auf eine 50-jährige Amtsthatig- keit zurückblicken. Das Lehrer-Kollegium der Blücherfchule hat im Verein mit der städtischen Schulbehörde Vorsorge getroffen, daß dieser Tag in würdiger Weise gefeiert werde. Da aber auf den 1. Juni diesmal das Fronleichnamsfest fällt, so hat die städtische Schulbehörde bestimmt, daß die Schulfeier am Freitag, den 2. Juni, Vormittags 10 Uhr, in der Turnhalle der Blücherfchule stattfinden soll. Wir freuen uns mit dem Jubilar, daß er diesen Ehrentag in voller körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische begehen darf und wünschen, daß er noch manches Jahr seines schönen Amtes walten möge. Eine gesellige Nachfeier findet am Freitag, Abends 8'/- Uhr, int großen Saale des katholischen Gesellenhaufcs in der Dotzheimerftraße statt.
— Chemikertug. Auf der am 2. und 3. Juni Hierselbst stattfindenden Versammlung des Verbandes selbständiger öffentlicher Chemiker Deutschlands wird der Magistrat durch Herrn Stadtrath Kalle vertreten sein.
- Philister. Man nimmt noch immer fast allgemein an, der Studentenausdruck „Philister" stamme aus Jena. Dort soll beim Begräbniß eines von Bürgern erschlagenen Studenten der Geistliche über das Bibelwort „Philister Über Dir, Simson" gepredigt haben, und seitdem habe sich jene Bezeichnung für Nichtakademiker eingebürgert. Dieser Lesart steht die Helmstedter gegenüber: Die Helmstedter Studenten hatten Simson im Wappen; er war gewissermaßen ihr Patron, und wer ihr Feind war, der war Simsons Feind, Philister. Von Helmstedt hätte sich der Spitzname dann verallgemeinert. In der That hat diese Deutung mehr für sich als die Jenaer.
— Steuer. Die Steuerpflichtigen der Straßen mit den Anfangsbuchstaben J und K sind jur Entrichtung der 1. State auf Freitag, den 2., und Samstag, den 3. Juni, aufgefordert.
für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittag», für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen r»» »gvN (llJJil» nächsterschcinenben Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
— Uergebung. Die Lieferung der Zimmerarbeiten für die neue Töchterschule am Marktplatz würbe auf Antrag der Baudeputation der Firma Georg Rockenuieyer in Würzburg in engerer Submission übertragen, nachdem in der vorhergegangenen öffentlichen Submission kein für die Stadt annehmbares Angebot abgegeben worden ist.
Lereius-Pachrichten.
(Kurze sachliche Berichte werden bereitwmigv unter dieser Ueberschrist aufgenommeKI
* Am nächsten Sonntag, den 4. Juni, unternehmen bfe Rollerschen Stenographen-Vereine des „Hessischen Bundes" einen Ausflug in die Bergstraße, woran sich auchbiehiesige.Rollersche Sienographen-Gesellschaft" betheiligt. Die Abfahrt erfolgt Morgens 6 Uhr 18 Minuten (TaunuSbahn) über Frankfurt, fodaß der Zug 9 Uhr 12 Minuten in Bickenbach eintrifft. Von dort gemeinschaftliche Fahrt nach Jugenheim und von da zu Fuß über Heiligenberg, Goldenes Kreuz auf den Felsberg, woselbst da» Mittagessen eingenommen wird, bann nach Auerbach. Gegen 9 Uh» erfolgt die Rückfahrt von Auerbach.
* Diejenigen Mitglieder des „Alpen-Verein", welche an dem von der Sektion Darmstadt angeregten gemeinschaftlichen Aus« fing der südwestdeutschen Sektionen in den Odenwald am Sonntag den 4. Juni, theilnehmen wollen, benutzen zweckmäßig den Zug am Samstag, den 3. Juni, Nachmittag» 4 Uhr 7 Min. über Frankfurt. Abends gesellige Zusammenkunft tn Jugenheim. Sonntags fünfstündiger Marsch über Felsberg, Lindenfels nach Weinheim. Rückfahrt Sonntag Abend 9 Uhr 22 Min. von Weinheim. Ankunft tn Wiesbaden 11 Uhr 38 Min.
* Der Männergesang-Verein „Cä c il ia" hält am 4. Juni d. 3L von Nachmittags 3 Uhr ab, auf dem „Sveiarskopf" ein Waldfest ak 8ür Unterhaltung, wie Gesang, Musik, Tanz und Kinderspiele, iß orge getragen. Auch werden zwei Lämmchen zur VerloosunG gebracht.
* Der Stemm- und Ringklub „Athletia" unternimmt kommenden Sonntag einen Ausflug nach dem Saale „Zum Aura, graf". Waldstraße (Sportgenosse K. Salttoaffer), verbunden mit Standarien-Weihe. — Sonntag, den 11. Juni, betheiligt sich de» Klub mit Standarte an dem in Schönberg i. T. stattfindende» Athleten-Wettstreit.
Die Gesellschaft „Gemüthlichkeit" veranstaltet kommenden sonntaa im Saal „Zur Germania", Platterstraße 100, theatralische Unterhaltungen und Tanz.
* Der „Christliche Verein junger Männer" feiert am Sonntag, den 4. Juni, fein 8. Jahresfest. Festgottesdienst: Vor» mittags 10 Uhr in der Marktkirche; Nachfeier: Nachmittags 3 Uta im „Evangelischen VereinshauS", Platterstraße 2. Jedermann ist hierzu eingelaben.
Stimme» aus dem Publikum.
(Für Veröffentlichungen unter dieser Ucberschrisl übernimm die Kc6a!iion keinerlei verantwvrumg.)
♦ Das in Nr. 245 des „Tagblatt" erschienene Eingesandt, betreffend den Ban der Marktschule, giebt als Grund fiir da» langsame Fortschreiten der Arbeit an, daß bei diesem Gebäude erst das Material mühsam an Ort und Stelle geschafft und bearbeitet werden müsse, während man an anderen Häusern einfach Stein« auf Steine häufe und bann erst bearbeiten lasse. Wer bfe künstlerisch profilirten, so ungemein sorgfältig unb herrlich au»» geführten Prachtbauten in ber Wilhelmstraße nur einmal aufmerksam betrachtet hat, wirb über bitte Ausführungen mehr wie erstaunt gewesen sein, benn hier waren ebenso gewissenhafte und umständttche Bearbeitungen wie bei stäbtischen Bauten nothwenbigz ber Unterschied liegt nur darin, daß hier nicht viel Redens gemacht worden ist, sondern daß man mit aller Energie seine Vorarbeite» und Bestellungen getroffen hatte, damit es nicht, wie bei ber Markb- schnle, stets zu heißen braucht: „Wartet nur, wenn bas Material alle zusammen ist, geht es los." Daß auf biese Weise ber Voranschlag bebeutenb Überschritten werben wirb, haben außer ber langen Verunzierung bes Marktplatzes lediglich die Bürger zu tragen, darum hat der Einsender des vorigen Eingesandts in Nr. 241 meine vollkommene Zustimmung, wenn er die städtischen Behörden gut Abhülfe aufforbert, ehe es zu spät ist. Ein Steuerzahler.
Der zehnte evnngelisch-soeiale Kongreß in Kiel.
Alle Welt ist social angehaucht unb erkennt endlich, daß bie sociale Frage und bie bamit verwandte Arbeiterfrage im tiefsten Grund eine Erziehungs- unb Bilbungsfrage ist, was schon im Jahr 1875 auf bem in Wiesbaden abgehaltenen deutschen Protestantentage ausdrücklich in den Verhandlungen „über den Berus der Kirche in ber socialen Frage" betont wurde.
Man ist jetzt in diesem Punkt beherzter geworben unb auch bie höchsten Kirchenbehörden erkennen offen die hohen socialen Pflichten ber Kirche an. Der Generalsuperintenbent Dr. Kaftan-Kiel eröffnete die Hauptversammlung des zehnten evangelisch-socialen Kon- arcsses am 25. Mai b. I. u. 81. mit bem Bekenntniß: „Jesus Christus sei zur Menschheit herabgestiegen, um den Armen und Elenden, den Schwachen unb Kranken zu Helsen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit seien die Grundideen des Christenthums. Der Socialismus sei der Sauerteig des Christenthums. Er hoffe, daß der Kongreß dazu beitragen werde, alle Schichten des deutschen Volkes mit diesem Sauerteig immer mehr zu durchdringen." Alle nach- folgenben Verhandlungen schlugen denselben Ton an. Der erste Referent, Prof. Dr. Kaftan-Berlin, kam in seinem Referate über das Vcrhältniß der lutherischen Kirche zu der socialen Frage" zu den Schlußsätzen: „daß die lutherische Kirche den unmittelbar kirchlichen Organen zwar keine direkte Mitwirkung im socialen unb wirthschaftlichen Leben zuweise, baß bie lutherische Kirche aber nicht »erkennen bürfe, daß die sociale Bewegung der Gegenwart mit bem Grundgebanken des Evangeliums unb ber Reformation Luthers innerlich zusammenhänge unb sie daher die Pflicht habe, in Predigt und Volkserziehung eine nach diesen christlichen Gedanken bemessene Socialreform zu befürworten unb zu förbern."
Im Anschluß an biese Leitsätze richtete ber Kongreß auf Antrag des Redakteurs Dr. Manrenbrechcr an die Vertreter der systematischen Theologie die bringenbe Bitte, sie möchten sich mehr als bisher der Lösung ber Probleme zuwenben, die der protestantischcir Ethik aus der socialen Bewegung unseres Jahrhunderts erwachsen find.
Verwandt mit bem erstell Hauptgegenstanbe ber Verhandlung Dar ber dritte über .Wandlungen des Bildungsideals in ihrem Zusammenhänge mit der socialen Entwickelung", worüber Professor Dr. Paulsen-Berlin berichtete und zu bem Hauptschlusse kam: „daß die Entwickelung aller Volksgenossen zu freier sittlicher Persönlichkeit das Bildunasibcal unseres Volkes fei, unb baß bas ganze Volk mit ber geistig-sittlichen Bildung seiner führenben Schichten sich durchdringen müsse. — Sehr ridjtig führte Professor Dr. Wagner- Berlin aus, „baß das nationalökonomische Wissen ber Social- bemofratie in den meisten Fällen nicht wirkliches Wissen, fonbern mir dogmatischer Glaube fei, und daß cs nicht auf das Wissen ' allein ankomme, sondern daß unserem Volke auch der feste Wille und die Energie noch thue, unb baß man im äeitalter ber Nervosität nicht zu große Slnforberungen au bie ehirnthätigkttt stellen dürfe". — Nicht einverstanben sind wir mit ber Furcht vor ber Halbbildung, bie in ber Debatte ehern MS sehr zum Ausdruck kam unb von bet auch ber Referent Professor Paulsen bemerkte: „Auch er verkenne nicht bie Gefahren der Haldbilbung. Sache der Gebildeten fei es, die Halbbildung ju verhüten und zu bekämpfen." — Wir möchten im Gegensatz zu diesen Befürchtungen betonen: daß kein Mensch mehr eine sogenannte ganze Bildung sich aneignen kann, daß unser Wissen immer Stückwerk bleiben wird, unb baß jeher hoch- unb feingebilbete Mensch einmal burch bie Stufe der Halbbildung hindurch gehen muß. Die Hauptsache ist, daß alle akademisch Gebildeten bescheiden bleiben unb anerkennen, daß auch der Aermite an Wissen einen sogenannten Gebildeten an wahrer Herzens- und Gemüthsbilbung übertreffen unb sich im Leben al? ein besserer unb feiner fühlender Mensch bewähren kannl
