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1899
Sonntag, den 3V. Axri!
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher No. 52.
GMoryen-Äusgabe
Politische Ueberficht
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zu Pieushaaen bei Kolbcrg. 1777: * Karl jeig, herv. Mathematiker (st 1855 zu Göttingen).
8». 291.
§für Wcrr und Arrni ruf -ar „Wiesbadener Tagblatt" zu abonnircn, findet sich Gelegenheit im Verlag kanggasse 21, bei den Ausgabestellen, den Zweig-Lxxeditionen in den Nachbarorte» und sämintlichen deutschen Reichrxostanstalten.
Aus Stadt und §and.
Wiesbaden, 30. April.
— Nurhans. Das Leben eines distingnirten Künstlers von der Bedeutung, wie es Herr Rud. Meunier-Sölar ist, der bekanntlich heute Sonntag Abend eine seiner reiwmmirten Soireen im Kurhause veranstalten wird, ist reich an interessanten Momenten. So kam auch der Künstler einst mit Richard Wagner zusammen, der ihm sein Bildniß mit folgender Inschrift dedizirte: „Herr Möunier kann mehr als ich." Herr Mounier verfugt aber auch in derThat über eine außerordentliche Geschicklichkeit,
— Geschieht»Kalender. 30. April. 1895: -sGustav Frehtag, deutscher Dichter. 1875: Erstürmung von Lohong auf Sumatra durch dir Niederländer. 1859: Ausbi uch der nationalen Bewegung in ToScana. 1848: Besieming der Polen bei Mieloölaw. 1847: T Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern. 1835: * Franz v Defregger zu Stronach, Maler. 1803: * Generalfeldmarschall Albrecht d, Roon zu Pieushaaen bei Kolbcrg. 1777: * Karl Gauß zu Braunschweig, herv. Mathematiker (st 1855 zu Göttingen). 1748: Präliminarfrieden zu Aachen. 1694 :)f Johann Georg IV., Kurfürst von Sachsen. 1632: t Job. Graf v. Tilly zu Ingolstadt, Feldherr im 30-jährigen Krieg (* 1559).
ein sicheres und elegantes Auftreten und eine humorvolle gewandte Ausdrucksweise. Wir bemerken noch, daß fich Madame Louise Mounier-Sölar mit einigen anziehenden Nummern an dem Programm betheiligen wird. Wir wünschen dem bei uns stets willkommenen Kiinstlerpgar einen recht vollen Saal. — Die erste Reunion den saute in dieser Sommer-Saison findet am Mittwoch dieser Woche, den 3. Mai, Abends 8'/- Uhr, im weißen und rothen Saale des Kurhauses statt. ZurTdcilnabmedaran sind diejen!genKnrfremden,welcheJahres- oder L>aisonkarten, und diejenigen hiesigen Einwohner, welche Abpnaementskarten zum Kurhause gelost haben, eingeladen. Die Einführung von Nicht-Inhabern solcher Karten kann generell nicht gestattet merben. Tageskarten, sowie eine Beikarte für minderjährige Söhne berechtigen nicht zum Besuche der Reunion. Anzug: Balltoilette (Herren: Frack und weiße Binde).
* Frühliugsfeft. Ilm einem breiteren Theil des Publikums Gelegenheit zu geben, die prachwollen Dekorationen zu dem gestern Abend stattgehabten großen Frühlingsfest der Bühnenkünstler, Maler und Schriftsteller in Augenschein zu nehmen, findet heute Früh um die übliche Zeit in den Räumen des Walhalla-Theater? ein großer musikalischer Frühschoppen (pro Person 50 Pf.) zum Besten der drei Pensionsanstalten statt.
o. Kahnhof-Uenban. Die kürzlich ausgeschriebenen Erdarbeiten für den Bahnhof-Neubau sind dem Bauunternehmer Herrn F. Kunz hier übertragen worden. Derselbe wird anfangs nächster Woche seine Geräthe herbeischaffen und dann sofort mit den Arbeiten beginnen. Die hier auszuführende Erdbewegung, Abgrabunaen und Auffüllungen, umfaßt 170,000 cbm. Sie bildet nur den fünften oder sechsten Theil der ganzen Erdarbeiten; es iväre auch von vornherein mehr ausgeschrieben worden, wenn nicht die Besitzer einzelner Grundstücke, abgesehen von zu hohen Preisforderungen, die Erlaubniß zum Beginn der Arbeiten, durch welche ja ihre Entschädigungsansprüche in feiner Weise berührt werden, verweigerten.' Dem Vernehmen nach ist die endgültige Genehmigung des Planes für den neuen Bahnhof in aller Kurze zu erwarten, worauf daim mit der Enteignung der bctteffenden Grundstücke vor- aegangcn werden wird. — Bezüglich der neuen Linie der Schwal- bacher Bahn sind die Verhandlungen wegen des Gmnderwerbs bereits eingeleitet. In Biebrich ist bereits ein diesbezüglicher Termin gewesen, und wie wir hören, wird in den nächsten vierzehn Tagen ein weiterer Termin stattfinden.
— Der „FSieslradencr Nntrrstiihnngs-Kuud", die bekannte, bestfundirte und älteste Sterbekasse hiesiger Stadt, hat im abgelaufcnen 1. Quartal 1899 wieder eine Vermehrung seiner Mitgliederzahl zu verzeichnen. Letztere betrug Ende März 1655. An Einnahme wurde erzielt: Eintrittsgeld 160 Mk., Vierteljahrsbeiträge 831 Mk. 50 Pf., Sterbebeiträge 6607 Mk., Kapitalaufnahme 11,038 Mk. 95 Pf., Zinsen 217 Mk. 71 Pf. Verausgabt wurden für Unterstützungen 5000 Mk, Kapitalanlage 14,114 Mk 51 Pf., Verwaltungskosten 494 Mk. 89 Pf. In der letzten Zeit hat sich der Zweck des .Wiesbadener Unterstützungs- Bund", den Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder sofort nach dem Ableben eine nothwendige Beihülfe zu gewähren, wieder in besonderem Maße erfüllt.
— Telrgrmnm-Hoqs. Nachdem die Vorversuche abgeschlossen sind, soll nunmehr bei den Telegraphenämtern mit der Etnstcllung junger Boten zur Abtragung von Telegrammen vorgegangen werden. Es kommen hierbei männliche Personen in Betracht, welche das vorgeschriebene Mindestalter von 20 Jahren zur Annahme als Posthülfsboten noch nicht erreicht haben. Sie werden mittelst Handschlags zur treuen Erfüllung ihrer Dienstobliegenheiten und zur Amtsverschwiegenheit verpflichtet, erlangen aber nicht die Beamteneigenschaft. Ihr Einkommen richtet fich danach, wie viele Telegramme sie täglich bestellen, sodaß ihr Lohn um so höher ist, je fleißiger sie sind. Die Abtragung der Depeschen soll daher gegen sogenannten Stücklohn geschehen; dieser soll so bemessen werden, daß die jungen Boten im besten Fall das Einkommen eines neu angenommenen Posthülfsboten erreichen. Da die Besteller sich im eigenen Interesse bemühen werden, die ihnen übergebenen Telegramme möglichst bald den Empfängern > auszuhändigen, so wird das Publikum offenbar einen wesentlichen
Republikaner" beginnen auch bereits in wachsendem Maße den Geschmack au der Eroberungspolitik zu verlieren und die Folge dieses GesundnngSprozesses dürste bei den nächsten Wahlen der Sieg der Demokraten über Mae Kinley und seine für die Politik des Chauvinismus schwärmenden Republikaner sein.
Auch in Italien stehen zur Zeit die Schmerzen der auswärtigen Politik auf der ersten Stelle der Tagesordnung, und sie haben für eine Zeit lang die Sorge um die inneren Fragen, deren hauptsächlichste die Finanzfrage ist, in den Hintergrund gedrängt. Die Tripolis-Debatte int italienischen Senat ist zwar für die Regierung verhältuißmäßig glimpflich verlausen, denn diese verfügt dort über eine starke und zuverlässige Mehrheit. Aber alle Redensarten des Ministers des Äeußercn, Canevaro, können nicht über die Thatfache Hinwegtäuschen, daß das englisch-französische Abkommen hinter dem Rücken Italiens und ohne Rücksicht aus dieses abgeschlossen worden ist und daß es die Hoffnungen Italiens auf das Hinterland von Tripolis für immer vernichtet hat. Von diesem für Italien düsteren Hintergründe heben sich die französisch- italienischen Verbrüderungsfeste in Cagliari als eine lächerliche Komödie ab und die Franzosenschwärmer in Italien werden ihre optimistifchen Hoffnungen auf die französische „Schwesternation" nach diesem Liebesbeweis stillschweigend begraben müssen.
Von nicht geringeren Sorgen ist die Regierung in der anderen romanischen Schwesternation Italiens, in Spanien, bedrängt. Zwar haben auch die Wahlen zum Senat in Spanien eine Mehrheit für die Regierung ergeben, und zwar eine noch stärkere, als die Regierung sie schon bei den Kammerwahlen erzielt hatte. Aber die Einnntthigkeit innerhalb dieser Mehrheit scheint nicht sonderlich groß zu sein und dazu kommt, daß die angeblich schon so und so oft „endgültig" beseitigte Carlistengefahr immer wieder aufs Neue ihr Haupt erhebt und der Regierung Schwierigkeiten bereitet, die um so bedenklicher ins Gewicht fallen, da die Anspaunmig der Kräfte Aller erforderlich wäre, nm einen Ausweg ans der verworrenen Lage im Innern zu finden. Waren die Zustände in Spanien schon vor dem Kriege trostlos genug, so ist setzt die Hoffnung, dem finanziellen und wirthschaftltchen Niedergang Spaniens Einhalt zu thun, auf ein verfchwindend geringes Matz zurückgeschraubt worden.
Eine solche Hoffnung wäre günstigsten Falls daun gerecht- fertigt, wenn es den leitenden Männern in Spanien gelänge, die Station aus dem noch bedenklicheren moraiischen Niedergang auf- zurütteln, der während des Kriege? und nach dem Kriege nur allzu deutlich in die Erscheinung getreten ist. Aber für eine solche sittliche Regeneration, welche die Vorbedingung der nnrthschaft- lichen und finanziellen Regeneration wäre, scheint es der spanischen Nation nicht nur an dem erforderlichen moralifchen Halt, sondern auch an den Männern zu fehlen, welche geeignet wären, diese schwere Führerrolle zu übernehmen.
Nulla dies sine linea — keineWocheohne „Zwischen fall', so muß es jetzt füglich heißen! Auf das Verdienst aber, derartige Zwischenfälle herheizuführen, scheinen sich die seit dem Kriege gegen Spanien etwas übermüthia und großsprecherisch gewordenen Amerikaner ein unveräußerliches Recht erwerben zu wollen. In dem bisherigem Verlaus der Samo a-Äffaire waren derartige M Zwischenfälle gleichsam zu einer lieben Gewohnheit geworden, und M so weit sie sich nicht wirklich zutruaen, entwickelte eilt Theil der amerikanischen und der englischen Presse eine einer besseren Sache i würdige Findigkeit darin, sich derartige Zwischenfälle aus den höchsteigenen Redaktionsfingern zu saugen. Auf Sie Thätigkeit i dieser Presse traf bas Wort zu „gelogen wie gedruckt", aber auch gedruckte Lügen haben kurze Beine. Durch die jetzt erfolgten ; amtlichen Veröffentlichungen ist unzweideutig uachgewiesen worden, i daß die Ausstreuungen der englisch-amerikanischen Presse über die fc angeblichen Konflikte zwischen dem Kommandanten des deutschen L» Kreuzers „Falke" und dem amerikanischen Admiral Kautz nichts als :■ ein dreister Schwindel waren, dessen Zweck durchsichtig genug ist. I In dieselbe Kategorie gehörte die lügenhafte Meldung über | die Mitzhandlutta, die ein amerikanischer Soldat angeblich | einem deutschen Offizier zugefügt haben sollte. Alle diese Lügen- ! Meldungen litten an einem Grundfehler. Ihre Verfasser litten offenbar an der elementarsten Unkenntniß darüber, wie ein deutscher Seeoffizier sich Ungehörigkeiten gegenüber, von welcher Seite sie auch kommen, zu verhalten pflegt. Vielleicht wird dies von den Großsprechern unter den Amerikanern deshalb unterschätzt, weil in der deutschen Armee für Maulhelden vom Schlagdes Kapitäns Co g hl an kein Platz ist, die im Wein nicht die Wahrheit, sondern den traurigen Muth der Unverschämtheit finden. Von deutscher Seite aus ist dieser neueste Zwischenfall mit der fühlen Ruhe behandelt worden, die fich gegenüber den kindisch.lächerlichen Aeußerungen eines betrunkenen amerikanischen Offiziers gebührte, LP bei dem das Verständniß für Disziplin offenbar minder entwickelt M ist. Die Amerikaner aber sollten aus diesem neuesten Vorkonimniß die Lehre ziehen, daß cs für sie dringend Roth thut, dem fich überall .. I. breit machenden chauvinistischen Maulheldenthum mit aller Energie 3t entgegenzutreten, wenn die Politik der Vereinigten Staaten nicht sri-W allgemach in eine Richtung gedrängt werden soll, welche gefährlich lrdtglich für die — Bereinigten Staaten ist!
Zu einer solchen Selbstei»kehr haben die Amerikaner Grund -,» genug, denn „der Mensch soll nicht stolz sein", auch nicht nach k einem Sieg, tote ihn die Vereinigten Staaten gegen die Spanier ÄM errungen haben, deren militärische und finanzielle Unfähigkeit die K • Bedeutung jene» Siege» als eine höchst minderiverlhige erscheinen j W läßt. Die Veranlassung zu einer solchen Selbsteinkehr und Be- UM scheidenheit ist umso stärker, als die Amerikaner sich bisher trotz UM . aller großsprecherischen Redensarten außer ©taube gezeigt haben, mit den halbwilden Bewohnern der Philippinen fertig zu L werden. Die Siegesmeldungen, tote sie auch in den letzten Tagen ■ wieder in die Welt hinaustelegraphirt wurden, will man selbst in | den Vereinigten Staaten nicht mehr recht für baare Münze nehmen, denn die neue Erscheinungsform des „Siegers aus dem Rückzug" H M ist etwa? abenteuerlich. In der Thai find die leitenden Kreise in g f Washington darauf gefaßt, daß der Krteg gegen die Filipinos fich Ist einem recht langwierigen gestalten wird. Die „freien
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Aus der Reichshanptstadt.
Berlin, 28. April.
sichen, und fein Hauptmotiv ist — was als Ziel der Kunst jedenfalls nicht anerkannt werden kann, — die Nerven bet Zuschauer zu erregen, wobei ihm das Schauerlichste gerade schauerlich genug ist. Der Held des Stückes ist ein sauberer Herr, nämlich ein Dichter, der feinen Bruder, gleichfalls Dichter, mir nichts dir nichts umgebracht hat, weil er ein wenig besser dichtete. Mau sieht, fo was kommt nicht alle Tage und nicht in den „feinsten Familien" vor. Der Hauptzweck des Mordes war für den liebevollen Bruder der, sich eines Dramas „Kain" zu bemächtigen, welches der begabtere Bruder halb vollendet hatte. Also ein Mord eines abendfüllenden Stückes wegen! In den 3 Akten kommt die Schuld des Mörders allmählich nn den Tag unter allen fenfafionellen Zwischenfällen eines Gerichtsdramas, und zum Schluß wird der Mörder-Dichter auf offener Bühne tobsüchtig. An dieser Stelle wurde der Widerwille des Pnblitttms, bas schon vorher mehrfach gegen diese Art des krassesten Realismus protestirt hatte, fo stark, daß viele Stimmen wiederholt „Schluß! Schluß!" riefen. Dieser Protest veranlaßte wiederum die zahlreichen Freunde des Autor« zu einem so zähen und lauten Beifall, baß der Protest übertönt wurde. Somit erzielte der Autor deshalb Beifall, weil das Stück dem Publikum mißfiel!
Im Uebrigen beginnt das Theaterleben Berlins bereits unter der sommerlichen Wärme zu leiden. Das Metropol-Theater hat dieser sommerlichen Theaterunlust in radikaler Weise Rechnung getragen, indem es sich für den Sommer aus dem Operettentheater kurz entschlossen in ein Variötetheater verwandelt, um auf diese Weise einem „tiefgefühlten Bedürfinß" zu genügen und zu den zwei Dutzend Vartötötyeatem der Residenz noch ein weiteres hinzu- zufügen! Ein anderer Musentempcl ist dreier Tage für immer eingegangen, das Konzert-Haus in der Leipzigerstraße, das ’ mrt seinen populären, aber guten Konzerten ein Stammlokal des Berliner Fanrilienpubükums geworben war. Aber für ein der Kunst geweihtes Haus ist die Miethe in der Leipzigerstraße allgemach unerschwinglich geworden. Das Konzerthaus ist auf Abbruch verkauft worben und an seiner Stelle soll sich ein weniger poetisches WaarenhauS erheben, für welches daS „tiefgefühlte Bedürfiiiß" nicht minder schwer zu entdecken fein wird, denn an Waarenhänsern ist in Berlin im Allgemeinen und in der Leipzigerstraße im Besonderen wahrlich kein Mangel mehr. Der letzte musikalische Abeud bcS Konzerthauses versammelte noch einmal eine zahlreiche musikalische Gemeinde und diese wurde von einer den Berlinern sonst freutben Sentimentalität
Der Prozeß Gnthmann, der die Bevölkerung der Reichs- £. Hauptstadt so lauge Zeit hindurch in Spannung gehalten hat, ist M w ausgegangen, wie es allgemein erwartet wurde, nämlich mit der
Freisprechung des Angeklagten. Sympathieen hat dieser, wiewohl - :r 9 Monate in Untersuchungshaft zugebracht hat, außer bei seinen | Mchwerthigen Gesinnung-?- und unsauberen „Bernfsgenossen" t nirgends erweckt, denn der jetzt Freigesprochene ist einer jener übel E jeräthenen Sumpfpflanzen, wie sie gerade in dem Großstadtleben gedeihen und die unfern stärksten Abscheu erwecken müssen.
Die Polizei aber hat im Fall Guthmann offenbar einen Fehl- | griff gethan, der schwerlich noch gut zu machen fein wird, denn tm | Lauf der 9 Monate dürfte die Spur des wirklichen Mörders für immer verwischt worben sein. Hat der Prozeß, der sich an die k Ermordung der Bertha Singer, dieses Frauenzimmers niedrigster f Sorte, knüpfte, einen wenig erfreulichen Einblick in die Schatten- k feiten des Lebens und Treibens der Millionenstadt eröffnet, so war r nicht minder unerfreulich das Verhalten, welches bei dieser Gelegenheit ein erfreulicher Weise kleiner TheU der reichshauptstädtischen Presse zeigte. Einzelne dieser Blätter ergingen sich in einer förmlichen Lterherrsicyung der «nsauberen Elemente, Welche in L diesem Prozeß als Angeklagter und als Zeugen aufrraten; sie F gaben dem Publikum, nicht zufrieden mit den ausführlichsten Ver- l haudlungsberichten, von jedem Blick und jeder Geberde dieser r Menschen Kenntniß, kolportieren sorgsam jede private Aeußeriing b derselben und brachten sogar ihre Wohlgelungencn Konterfeis, als i vH cs gelte, diese wichtigen Persönlichkeiten für die Nachwelt zu l rrserviren. Sogar der Vorsitzende des Gerichts hak öffentlich diese i Ge'chmacklosiaketten gerügt, aber diese Blatter werben deshalb [ schioerlich mit ihrem Grundsatz brechen, den schlechten Geschmack ■ des schlechtesten Berliner Publikums als Richtschnur für ihr Ber- ' halten anzuerkennen.
Ein rricht minder aufregendes und nicht viel erfreulicheres I Racktbrld als dieser Prozetz hat uns in dieser Woche das r „Berliner Theater" vorgeführt, und diesmal ist der Schuldige l rin bis dahin unbescholtener Herr Ernst Prange: das Objeft feiner B-l Schuld betitelt sich „Kain" Drama m drei Aufzügen. Die i Handlung dieses Stückes ist geschickt und raffimrt ersonnen, aber der - Verfasser arbeitet im Gebiet des Extremen und Unwabrschein-
ersaßt, als die Orgel zum Schluß die wehmüthige Weise anstimmte: „So leb' denn wohl, du stilles Haus!"
Lustiger als bei diesem Abschieds-Rendezvous der musikalische« Welt ging es dieser Tage in dem Vorort Pankow zu, wo ein Rendezvous ganz anderer Art oeran-ffaltet wurde. Das Rendezvous fand nicht in einem „stillen Hause", sondern in und vor einem Wirthsbause statt, und man glaubte sich in dessen Bell-Etage versetzt. ES handelte fich nämlich um ein Rendezvous der Hundefreunde und Hunde, die — d. h. nur bie_ letzteren — zu einer eintägigen Ausstellung vereinigt waren und sich dort der ausgesetzten Hund— ertzwei Ehrenpreise würdig zeigen sollten. Die 102 Preisgekrönten verließen nebst den „glücklichen Besitzenden" am Abend stolz erfüllt die Mauern Pankows, aber weit größer war die Zahl derjenigen unglücklichen Hunbebefitzer und Befitzerinnen, welche reich an getäuschten Hoffnungen nach Berlin zurückkehrten und fich trotz alledem und alledem nicht den Glauben rauben lassen wollten, daß ihr Ami das süßeste Viech der Welt sei!
Ein Rendezvous der Rabsportfreunbe versammelte fich dieser Tage im Sportpark Friedenau, denn dort vollzog sich etwas, toas maii auf deutschen Rennbahnen noch nicht zu sehen bekommen hat, nämlich das erste Motor-Dreira dien neu. Der sportliche Werth einer solchen Veranstaltung wird zwar sehr bestritten, aber jedenfalls war cs interessant, Vergleiche über die verschiedenen Petroleum-, Benzin- tc. „Autos", wie sie der Bequemlichkeit Halder jetzt kurz genannt werden, anzustellen. Allerdings wer über Nerven verfügt, wird sobald nicht zum Automobilisten werden, denn der wüste Lärm dieser Gefährte, das Puffen, Fauchen und Knattern der Motore, ist weder nützlich noch angenehm. Bei dieser Gelegenheit soll noch einer Neuerscheinung auf den Chausseen vor und um Berlin Erwähnung gethan werden, des Radphotographen. Der Rabphotograph geht seinem Berns als eine Art moderner Geschflftswegelagerer nach. Er postirt sich am Chauffeegraben unp ruft ben ankommenden Radlern und besonders den gruppenweise fahrenden fein „Photozraphiren gefällig?" entgegen, wobei er nicht selten Gegenliebe und Verdienst findet. Freilich, als kürzlich em Radphotograph einem rabeüiben Anfänger, der fich angstschweiS- triefenb nur mühsam auf seinem Rade hielt, fein „Pdotographircn gefällig? Bitte, recht freundlich!" entgegen rief, soll der fich also verhöhnt Fühlende empört erwidert haben: „Männeken, Sie wollen mir wohl uzen!" Jedenfalls erhellt aus dieser Neuerung, daß man beim Radeln in doppelter Weise „abuehmen" kann.
vr. Pani Berthold.
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