No. ISS.
Donnerstag, den 27. April.
1899.
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher No. 52.
| « jKttitrtltitt» für die Nbend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur
s III» „ächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Morgenausgabe
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t gegründet mit der je 50 Mk. ausgegeben
(Nachdruck verboten.)
Gegen und für den Feminismus.
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ß „Wiesbadener Tagbiatt"
zu abonniren, findet sich Gelegenheit im Verlag Langgaffe 21, bei den Ausgabestellen, den Zweig-Expeditionen in den Nachbar- Aorten und sämmtlichen deutschen Reichsxostaustalten.
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Haupt hat. Für alle 3 sind 1200 Mk. als Einkommen angenommen und wieder durch Farben veranschaulicht, wie sich die Ausgaben verthcilcn für Nahrung — Kleidung — Heizung und Licht — Erziehung, Versicherung,' Vereine — Alkoholika — Wohnung — persönliche Ausgaben — handgreiflich vor Augen stellend, wie sehr hier die geistigen und sittlichen Erfordernisse, als Förderung der eignen Bildung, Kinderzucht, möglichste Sicherung der Zukunft, Erholung, Theilnahme an guten Bestrebungen zu kurz kommen. Ein nach jenen Grundsätzen geregeltes Essen und Trinken bcdentet also nicht bloß eine Ersparniß an Geld, sondern zugleich einen Gewinn an körperlicher, geistiger und moralischer Gesundheit, an Lebens- und Arbeitskraft.
— Kleine Ilotizen. Das Fest der silbernen Hochzeit feiern ani Freitag, den 28. April, die Eheleute Cartonnage-Fabrikant Adam Ulshöfer und Frau, geborene Stiehl, Römcrberg 9. — Zwei große Kreidezeichnungen (darstellend »Der segnende Christus" nnd „Madonna mit dem Kinde" nach Steinle), von dem hiesigen Kunstmaler F. I. Muller ausgcführt, sind derzeit in dem Schaufenster der Hof-,Bnch-und Kunsthandlung des Herrn H. Habermann (Jurany u. Hensels Nächst), Wilhelmstraße 28 (Park-Hotel), ausgestellt. —
Ans und Fand.
Wiesbaden. 27. April.
— Gelüst chtskalrnder. 27. April. 1896: f Heinrich
Treitschke zu Berlin, bedeutender Geschichtsschreiber.' 1881: L f Ludwig Ritter v. Benedek in Graz. 1848: * Otto, König von | Bayern. 1848: Die französisch-deiztsche Legion unter Herwegh bei t Tossenbach in Baden auseinander gesprengt. 1845: * Alben Keller Kn München, hervorragender Maler der Gegenwart. 1814: Napoleon k schifft sich nach der Insel Elba ein. 1812: * Friedrich v. Flotow zu ßiRentendorf in Mecklenburg, Komponist der Oper „Martha" u. A. : 1792: Hinrichtung Anckarströms, des Mörders Königs Gustav III. ‘ von Schweden. 1622: Tilly bei Wiesloch von dem Markgrafen Georg ? Sriedrich von Baden-Durlach geschlagen. 757: j Papst Stephan n.
Rermischte».
* Ein Mnuder. Die bischöfliche Kurie von Nola hat ein Wunder festgcstellt nnd darüber ein Protokoll auf Grund eidlicher Zeugenaussagen ausgenommen. Danach hat ein anrüchiger Orts- polizist von Liveri, Namens Barone, am 28. Januar 1899 beim Spiel in der Schenke die Madonna beschimpft, ein Stück Stockfisch nach ihrem Bilde geworfen und ausgerufcn: „Wenn die Madonna zu Etwas tmrgt, so soll sie mir den Arm verderben!" Zwei Tage später empfand Barone heftige Schmerzen am rechten Arm, und am 2. Februar fand der Arzt einen bösartigen Favus am Deltamuskel desselben. Der Arzt machte wiederholte Schnitte an dem erkranken Theil, aber die Geschwüre breiteten sich weiter aus, und Barone starb am 13. Februar, selbst überzeugt, daß die Madonna ihn an dem schuldigen Glied, mit dem er den Stockfisch geworfen, besttaft habe, und gleich ihm find auch alle Bewohner von Liveri davon überzeugt. Das bischöfliche Protokoll stellt dann zum Schluß noch fest, daß seitdem nicht mehr so viel geflucht wird in Liveri; so hat denn der böse Stockfisch auch sein Gutes gehabt. („Köln. Ztg.")
* Abonnentenfang im Beichtstuhl. Man schreibt der „Franks. Ztg." aus Bern: In den katholischen Kantonen scheut der Klerus kein Mittel, für die ultramontanen Zeitungen Abonnenten zu werben. Im Kanton Wallis hat vor einiger Zeit der Hilfs-
□ Ems, 25. April. Eine Obstbaugenossenschaft wurde gestern Abend in einer im „Schützenhof" stättgehabten Versammlung von 16 Interessenten auf Grund der von der Limburger Genossenschaft angenommenen Statuten für hiesige Stadt gegründet mit der Maßgabe, daß Antheilscheine im Betrag von je 50 Mk. ausgegeben werden, von denen ein Mitglied jedoch nicht mehr als 10 übernehmen darf. Da Herr Amtsaerichtsrath Stöhr, der sich um die Gründung der Genossenschaft in anerkennenswerthester Weise bemüht hatte, eine Wahl zum Vorsitzenden auS dienstlichen Gründen ablehnte, ward Herr Chemiker Heinrich Jung zum Vorsitzenden, Herr Lehrer Jos. Herbst zum Schriftführer und Herr Buchhalter Louis Gilles zum Kasstrer gewählt. Der Aufsichtsrath besteht aus den Herren Amtsgerichtsrath Stöhr, Kaufmann Karl Joachim und Buchdruckereibesitzer Heinrich Sommer. Eine früher in Umlauf gesetzte Liste war nahezu von 100 Namen unterzeichnet worden, sodaß anzunehmen ist. daß noch recht Viele der neugegründeten Gesellschaft veitreteu werden. Ueber den Erwerb eines geeigneten Grundstücks wird sich der Vorstand erst später noch schlüssig machen. — Die Stadtverordneten haben in ihrer letzten Sitzung beschlossen, dem Lahnthalverband beizutreten, um die Tafeln für die Markirung der Wege in unserer die herrlichsten Spaziergänge bietenden waldreichen Umgebung zu erhalten. Ein weiterer bedeutungsvoller Schritt erfolaste auf Anregung des Herrn Stadtverordneten Konrad Deller („Stadt Wiesbaden") dadurch, daß die Stadt dem „Taunus- und Westerwald-Klub" als Mitglied beitrat. Es werden also in Zukunft die Waldungen sowohl südlich als nördlich der Stadt, dem sie ein nur in Krcuen wanderungslustiger und fußsichcrer Badegäste bisher bekanntes und geschütztes Gebiet waren, hinfort einem größeren Touristenverkehr erschlossen werden. — Die Stadt Ems hat für ihre Realschule bei einem Staatszuschuß von 11,000 Mk. hinfort jährlich 14,281 Mk. bestimmt und 5900 Mk. veränderlich aufzubringen, sodaß jeder Schüler der Stadt 300 Mk. kostet. Die Ausgaben für Lehrergehälter haben sich infolge von Einführung des Normal-Besoldunas- etats von 32,390 auf 38,498 Mk. gehoben. — Herrn Stadtbaumeister Her tw ig in Höchst wurden die Vorarbeiten für ein Schlachthaus in Ems übertragen, wobei angenommen werden soll, daß bei einer ansässigen Bevölkerung von 6222 Seelen im Sommer durchschnittlich 4- bis 5000 Fremden und ein Dienstpersonal von 1400 Seelen, insgesammt 15,000 Seelen anwesend seien.
Peretns-Vachrtchten.
(Rutjt sachliche Berichte werden berciiwmigst Unter dieser Ueberschrift eusgenammeu.-
* Die ordentliche Generalversammlung des „Spar- und Bauverein zu Wiesbaden" findet Donnerstag, den27.d.M., Ahends präeis 7>9 Uhr, in der „Mainzer Bierhalle", Mauergasse 4, statt.
* Der „Klub Edelweiß" veranstaltet kommenden Sonntag, den 30. April, einen Familienausflug in den Saal „Zum Burggraf", Waldstraße.
* Die Gesellschaft „Fr aternitaS" unternimmt am nächsten Sonntag, den 30. April (auch bei ungünstiger Witterung), wieder einen Familicn-Ausflug nach Biebrich a. Rh. („Hotel Bellevue").
o. Kierstadt, 25. April. Das Zmm o biliengeschäft war dahier noch nie so rege, wie in der letzten Zeit. Dies gilt besonders von den Grundstücken an der Wiesbadener Gemarkungsgrenze, an der Chaussee sowohl wie im „Aukamm". An der ersteren bat kürzlich Herr Bauunternehmer M. Hartmann von Wiesbaden wieder einen größeren Komplex (die Ruthe zu 140 Mk.) erworben, um daselbst mehrere Landhäuschen zu erbauen.
(!) Doülirim, 25. April. Wie uns mitgetheilt wird, ist der kürzlich erwähnte Verkauf des Gasthauses „Zum Hirsch" nicht perfekt geworden. — Nächsten Sonntag Abend findet im Gasthause „Zum Goldenen Löwen" dahier das geplante Wohlthätigkeits- konzert zum Besten der Krankenpflege und Kleinkinderschulc statt. Sämmtliche hiesigen Vereine haben ihre Mitwirkung zugesagt und ist das Programm ein sehr reichhaltiges, sodaß allen Besuchern ein höchst genußreicher Abend in Aussicht steht.
o. Polizei und Fahrrad. Nachdem die Versuche mit der Benutzung des Fahrrads im Dienste der Polizei in Berlin befriedigende Resultate erzielt haben, hat, wie bereits erwähnt, der Minister des Innern die Beschaffung von Fahrrädern für die königlichen Polizeidirektionen einer Anzahl größerer Städte, darunter auch Wiesbaden, angeordnet. Die für die hiesige Direktion bestimmten vier Räder sind gestern eingctroffen und den vier Polizeirevieren übergeben worden. So wird man denn nächstens auch den „Schutzmann auf dem Rad" sehen.
— Pfingstoerkehr. Auf den Preußischen und Hessischen Staatsbahnen wird den am 18. Mai und den folgenden Tagen gelösten gewöhnlichen Rückfahrkarten — nicht auch Arbeiter- Rückfahrkarten — von sonst kürzerer Dauer verlängerte Gültigkeit bis einschließlich den 29. Mai c. beigelegt. Die Rückfahrt muß spätestens am letzten Tag um 12 Uhr Mitternacht angetreten und darf nach Ablauf dieses Tages nicht mehr unterbrochen werden. Die gleiche Vergünstigung tritt auch ein im Verkehr mit der' Cronberger-, Kerkerbach-, Bröhlthaler- und Main-Neckar-Bahn, der Sächsischen und Oldenburgischen Staatsbahn, der Lübeck-Buchener-, der Eutin-Lübecker-, Mecklenburgischen Friedrich Franz-Eisenbahn, sowie im Verkehr mit den Holländischen, den Niederländischen und den k. k. Oesterreichischen Staatsbahnen. Die direkten Rückfahrkarten nach und von Badischen, Bayrischen, Württembergischeu, Pfälzischen und Stationen der Reichs-Eisenbahnen erhalten die verlängerte Gültigkeitsdauer bis zum 29. Mai nur auf den Preußischen und Hessischen Strecken, während sich die Geltungsdauer auf den Strecken der vorgenannten Bahnen selbst nicht über Mitternacht des zehnten Tages, vom Lösungstage ab gerechnet, hinaus erstreckt.
o. Stenographisches. Der Verband der Stenographen desMain-RheingauS (System Gabelsberger) hält seinen 20. Verbandstag am 6. und 7. Mai c. in Darmstadt mit folgender Festordnung ab: Samstag, den 6. Mai, Abends 8 Uhr: Vertteterversammlung in Anwesenheit des Bundes- Vorsitzenden Herrn vr. Clemens-Wolfenbüttel rm Bahnhof-Hotel; Sonntag, den 7. Mai, Vormittags von 8 Uhr ab: Empfang der Gäste; 9 Uhr: Frühschoppen astf der Terrasse des Bahnhof-Hotels; 10 Uhr: Verbands-Wettschreiben in 4 Abt Heilungen (100,130,170 und 200 Silben), 7-12 Uhr: Akademischer Festakt in der Aula der technischen Hochschule mit einem Festvortraa des Herrn l)r. Clemens über: „Die Stenographie in Schule und Leben". Hierauf Besichtigung der stenographischen Ausstellung und Vorführung des „Stenotypers", der neuen patentirten Maschine zum mechanischen Stenographiren; 7*2 Uhr: Festmahl im „Kaisersaal"; 7-4 Uhr: Ausflug in die Umgebung Darmstadts (Ludwigshöhe und Marien- höhc) oder — bei ungünstiger Witterung — Festkonzert im „Kaiser- >aal"; Abends 7 Uhr: Abendfest im „Kaisersaal" zur Feier des 38. Stiftungsfestes des Darmstädter Vereins.
— Arbeiterfest. Ein in heutiger Zeit seltenes Jubiläum feierte am 23. d. Herr Heinrich Horn, indem er nunmehr 25 Jahre in der Ban- und Kunstschlosseret von Herrn Will). Hanson dahier thätig ist. Der Meister drückte dem Jubilar seine Anerkennung durch ein ansehnliches Geschenk aus, und auch seine Mitarbeiter verfehlten nicht, ihn in gleicher Weise zu ehren. Das Fest erhielt eine doppelte Weihe, tnbem Herr Horn am selben Tage seine silberne Hochzeit begehen konnte. Besonders hervorzuheben ist, daß Herr Horn keine Arbeitsstunde, soweit ihn nicht Kranksein abhielt, versäumte und stets das Interesse seines Prinzipals wahrte. Man kann nur wünschen, daß sich alle Arbeiter an dem Jubilar ein Vorbild nehmen möchten. Dem Jubilar aber ein „Glück auf!" zu seiner ferneren Thätigkeit.
— Kochet mit Gas. Wie aus dem Jnserateutheil ersichtlich, bringt das Spezial-Magazin für komplette Kirchen-Einrichtungen von Conrad Krell, Tauuusstraße 13, einen ganz neuen Gas- »arat in den Handel. Derselbe wird in jeder Beziehung als efte und Praktischste, was bis jetzt in Gaskochern geboten wurde, bezeichnet, zumal er in Bezug auf Sparsamkeit im Gasverbrauch und Ausnutzung der Hitze alles Dagewesene übertreffen soll. Mit jeder Flamme lassen sich zwei Kochlöcher heizen, wie auch gleichzeitig em Wasserschiff dadurch mitgeheizt wird, sodaß man, ohne den geringsten Mehr-Gasverbrauch, stets heißes Wasser zur Verfügung hat.
— Ersparnisse. Eine alte, berechtigte Klage ist es, daß viele arme und ärmste Leute entweder garnicht auf Ersparnisse bedacht sind oder am falschen Ort zu sparen suchen, so sich und ihren Familien da» Leben erschweren, die Kindererziehung beeinträchtigen und häuslichen Unfrieden ssiften. Von Vereinen und der Presse wurde zwar in den letzten Jahrzehnten dagegen emsig gearbeitet, gemahnt, gewarnt, aber noch ist davon in die breiten Volksschichten nur wenig gedrungen. Vornehmste Quelle von Verschwendung ist wohl Küche und Keller, Essen und Trinken, bei der weiblichen Hälfte der Bevölkerung Putzsucht. Werfen wir zunächst einen Blick auf die übliche Wahl der Nahrungs- und Genußmittel. Welch heillose Verkehrtheiten da gang und gebe sind, lernen wir trefflich kennen an der Hand einer Tabelle, die Fritz Kalle in Wiesbaden vor einigen Jahren in deutscher Uebersetzung nach dem französischen Original einer Genfer Gesellschaft herausgegeben hat, betitelt „Vernünftige Ernährung". Vom „Deutschen Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke" in Hildesheim für 20 Pf. zu beziehen. Die Tabelle zerfällt in A. Verdauliche Nährstoffe der wichtigsten Speisen und einiger Getränke. Fünf verschiedene Farben bezeichnen Eiweiß, Salze, Wasser, Kohlehydrate, Fette. Die Farbenstreifen deuten an, welche verdauliche Nährstoffmengen in den betreffenden Speisen und Gettänken enthalten sind. Unverdauliches ist durch Rothgelb bezeichnet. B. stellt den mittleren täglichen Näbrstoffbedarf dar, je nach Alter und Arbeitsleistung, die verdaulichen Mengen auch hier durch Farbenstreifen anschaulich gemacht. Eine verständige Hausfrau kann hiernach also ihre Mahlzeilen so zusammensetzcil, daß eine gesunde, kräftige Nahrung gesichert ist. Eine andere ergänzende Tatel zeigt, welche Stoffe zu verwenden find, um auf die billigste Weise den Bedarf zu decken. C. Gejammter und verhältnißmäßiger Nährwerth der wichtigsten Speisen und einiger Getränke 1. im Ver- hältniß zum Gewicht, 2. zum Preise. Abermals durch Farbenstreifen illnstrirt: Kurze Anweisung, wie man gesund und billig lebt. Auf diese Rubrik namentlich sei nachdrücklich hingewiesen. Wohl fast Jeder, der sich btc Mühe giebt — ohne Mühe geht's freilich nicht ab, soll's auch nicht abgehen — ihre Lehren und Winke mit seinen bisherigen Gewohnheiten im Essen und Trinken zu vergleichen, wird staunen, wie falsch, wie verschwenderisch er gewirthschaftet, wie viel er für Entbehrlichkeiten und Spielereien ausgab, was er für Nahrung, Wohnung und Kleidung hätte aus- nützen können. Endlich folgt unter D. eine Ausgabenvertheilung dreier Familien, von denen eine gar teilte geistigen Getränke braucht, die zweite solche mäßig genießt, die dritte einen Trinker zum
Unser Pariser ^-Korrespondent schreibt uns unterm 22. d.: Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft verfolgt in ihren e vielfachen Richtungen und Stadien verschiedene Wege. Nach einem E Zustande langsamer Gährung, die in der Regel von wirthschaft- i lichen Lebensbedingungen hervorgerufen wird, erfolgt von er- leuchteten Individuen die Verarbeitung' zu theoretischen Grund- ' sätzen, die dann durch agitatorische Wirksamkeit in abgeklärter Form und mit revolutiontrender Kraft zu den Massen zurück- teilten. Die feministische Bewegung in Frankreich — der- BLjtmgen in England und Amerika nachhinkend — befindet ' sich wohl kaum auf der ersten der drei erwähnten Entwickelungsstufen, denn wenn wir es auch schon mit der E Hevretischen und praktischen Propaganda zu thnn haben, so zerfällt diese doch in so verschiedene, einander widersprechende Spaltungen, U daß im Gesainmtüberblick der Zustand doch nur als Gährung be- j zeichnet werden tarnt „Es mutz anders werden!" Dies ist die - Idee, die sich aus allen, der Tendenz nach noch so verschiedenen [ weiblichen Bestrebungen deutlich losringt. Das Bedurfniß nach Mdem Anderswerden macht sich sogar in senen Kreisen geltend, in M.die sonst am spätesten der erfrischende Hauch des Fortschritts zu E dringen pflegt: es hat in der weiblichen religiösen Unterrichts- U körperschaft ein Buch gezeitigt, welches viel Aufsehen und Elm geistlichen Kreisen sogar ein wenig Skandal machte. Die MVerfafferin des Werkes: „Les Religitzu es enseignantes et E les Necessitfa de l’apostolat“, Mine. Laroche (Schwester | Marie du Sucre-Coeur), spricht mit unumwundener Offenheit ihr i Urtheil über den religiösen Unterricht, der in jeder Beziehung dem - staatlichen Schulunterricht nachstehe und sich im grellen Miß- U verhältniß mit dem Fortschritt der Wissenschaft und den Forderungen [ der Zett befinde. Sie verlangt daher die Gründung eines Seminars s in Paris, das den Klöstern em dem Unterrichtskörper der weltlichen i Lyeecn geistig gleichkommendes Lehrerinnenpersonal liefern würde, r Der Aufruf der aufgeklärten Schwester wurde von Namen des 7 besten pädagogischen Klanges, wie Brunetiäre, Coppee, de Voguö f- — und überdies von drei Erzbischöfen und 14 Prälaten unter« M zeichnet. Die gegnerischen Bestrebungen, weit entfernt, das Buch E auf den Index zu bringen, bewirkten nur, daß der zum r Schutze de» angegriffenen Werkes vom Erzbischof von Avignon R verfaßte Bericht vom Papst günstig aufgenommen wurde. E Es muß anders werden! — so ruft auch Frau Lampsriere, die k in einem unlängst herausgeaebenen Buch die soziale Rolle der Frau, r ihre Pflichten, Rechte und ihre Erziehung behandelt. Aber auch sie | beschränkt ihre Reformbestrebungen nur auf die Bildung der Frau, ig ohne an ihrer sozialen Stellung etwas rühren zu wollen. Da sie Mtkine Wesensgleichheit zwischen Mann und Frau anerkennt, so si weist sie auch die Gleichheit der Rechte zurück. Was sie verlangt, t ist nur, daß die Frau nach dem Prinzip vernünftiger und natur- I7 gemäßer Arbeitstheilung eine geachtete Mitarbeiterin, nicht aber | Konkurrentin des Mannes werde. Auf die Theorie des englischen |1 Soziologen Herbert Spencer gestützt, der in einer Wiederbefestigung U der Familien-Jnstitution im Sinne einer vollkommenen Er- F ziehung der kommenden Generation die Entwicklungslinie Uber Menschheit sieht, fordert Frau Lampöriere, daß die Frau durch eine höhere wissenschaftliche und geistige Kultur, i als die bisher in weiblichen Lyceen gebotene, zu der Rolle einer | vollkommenen Menschheits-Erzieherin vorbereitet werde. Die eigent- | liebe feministische These, die, ohne die physiologischen Unterschiede k-zwischen Mann und Frau zu leugnen, doch deren psychologische MKückwirkung bestreitet, findet ebenfalls Vertreterinnen, die sich um I das Organ der Frauen die „Fronde“ und den Verein „La ligue | pour les droits des femmes“ schaaren. Von der Thatsache aus- k gehend, daß der Beruf der Gattin und Mutter heutzutage nicht t allen Frauen mehr offen steht, daß vielmehr die wirthschaftliche und I tnbufftieüe Entwicklung eine große Anzahl von Frauen vom k-Zäuslichen Herd verdrängt und sie, unbekümmert um ihre & Steigungen, zum Konkurrenzkampf mit dem Manne in der Fabrik, im f, Lürcau, im Geschäft, in den liberalen Berufen zwingt, verlangen die ^-Verfechterinnen der Frauenrechte im Namen der Gerechtigkeit, daß | in diesem Kampfe den Frauen keine anderen Schrankens als die- Wjenigen der individuellen Fähigkeiten gesetzt werden. Die bestehenden - Schranken zu stürzen, ist daher die erste Aufgabe der Feminissinnen. feSuf einer ihrer letzten Versammlungen wurde mit großer Energie gbic dem Parlament zu unterbreitende Forderung gestellt, daß den Mveiblichen Lyceen das bisher nur den männlichen zukommende g- Recht des Baccalaurcats zugestandcn, und so der Eintritt in die t Universität den Frauen erleichtert werde. Wie schade nur, daß sich : die hiesigen Feministinnen nicht von dem ans Lächerliche streifenden gHaß gegen das „Männliche" losmachen können! War es Ironie F des Zufalls, daß vor den Thoren des Lokals, wo für Frauenrechte riefampft wurde, die Camelots den Heraustretenden mit lauten 5 Rufen anboten: „Le meilleur moyen de traiter les femmes! — pour deux eous!“
Verlag: Langgasse 27
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419. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. BÖ Pfg, vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
