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Sonntag, den 9. April
Uo. 165.
1899
Fernsprecher 91t. 52.
Fernsprecher No. 52.
Der Jugend mutz des Wenn ihrer Thorhcit F< Die kaum erschloss'ne F>
su entwickeln. Die Eroberung Erfolg für die Amerikaner, au.
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Morgen-Kusgsds.
Slnzeigen-PreiSr
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Ans der ReichshlmMadl.
Kerli«, 7. April.
Der Jugend muß des Glückes Stern erbleichen, ' ' ' ehler niedermäh'n
. , „ frucht. Die Greise seh'« Klug wohl, doch matt, die Thatenkraft entweichen.
königlich belohnt.
„Auf, auf hinaus ins we ite La nd!" so ruft der Berliner an diesen Tagen mit dem einsamen Grübler Faust aus; aber den Berliner begleitet nicht wie Faust ein „gcheimnißvolles Buch von Nostradamus eigner Hand" — worunter der Spree-Athener wahr- scheiiüich das Kursbuch verstehen würde — sondern der in riesenhaften Dimenfionen gehaltene Futterkorb, genannt Frchkober. Per pedes »vostoloruw, auf dem mit kaninckenhaster Fruchtbarkeit
Wie ist's mit Dir, Du Jüngling reich an Jahren, Der Eiche gleich hast Du getrotzt der Zett, Frisch, ungebeugt nach dem, was Du etfahren.
In Deines Lebenslaufes Sturm und Streit Magst lange Du noch Muth und Kraft bewähren, Beglückt durch edlen Wirkens Thätigkeit!
— Walhallir-Theater. Die größte Attraktion des gegen» wärtigen, so attraktions- und in Folge dessen so erfolgreichen Pro- granlms dürfte der in der That stauncnerregcnde Soubretten» darsteller Alexander Tacianu sein. Die wunderbar ausgiebige Sopranstimme des einzigartigen Künstlers, die raffinirtnachgeahmten, prunkvollen Bühnentoiletten, die täuschenden Bewegungen, all» das versetzt auch den intelligenten Theil des Publikums eine Zeit- lang vollkommen in die Illusion, man habe cs hier mit einem Weib zu thun. Und doch ist Alle? nur Täuschung. Alexander Tacianu ist ein Mann, und seine Kunst triumphlrt, wenn man im Publikum zweifelt und wettet. Er beaicbt sich von hier aus nach Amerika, um ein Engagement von 35 Wochen mit einem monatlichen Honorar von5000Mk. zu absolviren. PomübriacnProgramm erregt Paul Stanley mit seiner urkomischen Solo- und Wahnsinns- sceue als Troubadour heitere Sensation. Bon den reizenden Engländerinnen „The 7 Troubadours“ beginnt die ungemein feine und graziöse Solotänzerin, eine angehende Rivalin der berühmten australischen Tänzerin Saharet, mehr und mehr das Interesse der Kiinstkenner zu erregen. Heute, am zweiten und letzten Sonntag, finden wieder zwei Vorstellungen statt. Nach der Abendvorstellung ist wieder Konzert des Theaterorchestcrs im Theatersaal. Hierzu, ebenso wie zu dem Konzert im Walhalla-Keller (Anfang 8 Uhr) ist der Eintritt frei. Im Hauvlrestaurant findet Vormittags 11'/» Uhr Extra-Frühkonzert mit populär-humoristischem Programm statt.
— KonIroU - Versammlungen Zu denselben haben zn erscheinen: Montag, den 10. April 1899, Vormittags 9 Uhr: Die Ersatz-Reservisten der Jahrgänge 1887 und 1888. Vormittags 11 Uhr: Der Jahrgang 1889. Die Kontroll - Versammlungen finden im oberen Hofe der Infanterie-Kaserne, Schwalbacher» straße 18, statt.
— Die Voraussage milder und strrnarr Minter. Die Witterungskunde kann vorläufig noch nicht daran denken, mit einigen Sicherheit die Eigenschaften eines bevorstehenden Winters auch nur in ihren allgemeinsten Zügen voraus zu verkünden. Man hat zwar in neuester Zeit in der Nordsee einen Faktor finden wollen, besser sommerlicher Zustand einen Schluß auf denjenigen des nächsten
«s. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. OÖ Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusainmeu.
Die Kabincttskrisis, die in Italien in Form einer schleichenden Krankheit auftritt, ist in Griechenland unterdeß in akuter Form aufgetreten. Das Ministerium Za im iS, das schon seit längerer Zeit von der Hand in den Mund lebte und bei dieser für ein Kabinett durchaus unzureichenden Ernährungsweise allmählich sehr von Kräften gekommen war, hat endlich seine Demission gegeben. Grund: Allgemeine Körperschwäche. In der politischen Welt wird diesen inneren Krisen Griechenlands nur geringes Interesse ent- gcgengebracht, denn seit der griechische Staat in dem Kriege gegen die Türkei feine Morschheit dokumentirt hat, sind die Hoffnungen auf eine günstige Entwickelung des griechischen Staatswesens ad acta gelegt worden und ein aufrichtigeres Interesse wird dem griechischen Staate nur von feinen trauernden und hoffnungslosen Gläubigern entaegengcbracht.
In Frankreich hofft man, daß die Kabinettskrise in Europa nicht als epidemische Krankheit auftrete, denn die ohnehin nicht allzu kräftige Konstitution des Kabinetts Dupuy ist im Verlauf der uueiidlichen Dreyfus-Affaire merklich geschwächt worden. Dazu kommt, daß der „Figaro" oder vielmehr seine in den oberen Regionen zu suchenden Hintermänner durch die Veröffentlichung der Protokolle über die Verhandlungen der Kriminalkammer der Regierung einen bösen Streich gespielt haben, der leicht noch weiteraebende Folgen haben kann, als cs zur Zeit den Anschein hat. Jedenfalls sind die Aussichten, die unendliche und für das öffentliche Leben Frankreichs so verderbliche Drcyfus-Affaire in absehbarer Zeit auf einigermaßen befriedigende Weise beizulegen, durch die jüngsten Vorkommnisse keineswegs gewachsen.
Zu einer nicht minder langwierigen „Affaire" scheint sich trotz aller optimistischen Darstellnngen von amerikanischer Seite der Feldzug der Vereinigten Staaten auf den Philippinen zu entwickeln. Die Eroberung von Malolos bedeutet zwar einen Erfolg für die Amerikaner, aber die Bedeutung dieses Erfolges ist von diesen stark übertrieben worden. Wie sehr den Amerikanern an einer friedlichen Auseinandersetzung mit den Filipinos gelegen ist, zeigt in der That die Kundgebung des Generals Otis, worin den Filipinos eine weitqehende Selbstverwaltung zugesichert wird. Aber „man spricht vergehens viel, um zu versagen, der Andere hört von Allem nur das Nein"! Ob die Filipinos' sich mit der Aussicht auf die Selbstverwaltung über den Verlust der Freiheit trösten werden, muß umso zweifelhafter erscheinen, als die in Bälde beginnende Regenzeit dem Feldzug der Amerikaner fürs Erste so wie so ein Ende bereitet. Die Amerikaner sollten aus den Erfahrungen auf den Philippinen die Lehre ziehen und sie auch auf ihre sonstige Politik anwenden, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen und daß allzu scharf schartig macht I
sich vermehrenden Stahlroß, dessen Gewieher ober vielmehr Gebimmel eine der Ursachen der Nervösität dieses Jahrhunderts ist, mit Droschken und Equipagen, mit Pferde-, elektrischer-, Dampf- und Stadtbahn hat in diesen Tagen nahezu ganz Berlin fluchtartig die Stadt verlassen und in wildem Ungestüm den Thiergarten, den Grünewald und sämmtliche Vororte überschwemmt. Dem Massenandrang des Publikums gegenüber erwiesen sich auch die zahlreichen Verkehrsmittel der Relchshauptstadt als völlig unzulänglich. Besonders in den Stadtbahnzügen, welche den Löwenanthei! des Verkehrs zu bewältigen haben, herrschte eine Ueberfüllung, die mancher kostbaren Frühlingstoilette und manchem neugebügelten Cylinderhut verhängnisvoll wurde. Laut Vorschrift soll jedes Abtheil 8 Mann beherbergen, und in der That find auch wir der Ansicht, „was drüber ist, das ist vom liebel". An den beiden Festtagen aber betrug die durchschnittliche Besetzung der Abthcile 20—25 Mann. Fast scheint eine solche Besetzung dem Gesetz von der Raumlehre zu widersprechen, aber es gehen viele geduldige Schafe in einen Stall. Der Anblick eines solchen Abtheils, das eine frappante Aehnlichkeit mit einer Kiste Kieler Bücklinge aufweist, bietet dem Karikaturenzeichner lohnende Stoffe in Menge. Wenn der Zug auf der Station hält und die Thüren der Abtheile sich öffnen, dann fliegen die vordersten Insassen, gleichsam durch Luftdruck getrieben,' auf den Perron wie die Kohlensäure aus einer Seltersflasche. Um seinen eigenen corpus in ein solches überfülltes Abtheil zu zwängen, wendet der echte Berliner eine eigenartige Methode an, die für die Rippen der Nebenmenschen einige Schattenseiten aufweist. Er nimmt einen kurzen Anlauf, reitet in scharfer Attagne gegen das Abtheil, springt in bitf<S mit so elementarer Wucht, baß die Phalanx ber Zusagen einen Augenblick ins Wanken kommt. Düsen Augenblick benutzt er, um die Thür zuzuziehen und sich mit ber Thür in die Masse hineinzuzwängen wie einen Korken in eine widerstrebende Bierflasche. Im ersten Augenblick macht sich dann ivohl eine wilde Entrüstung geltend, aber dann findet sich ein Witzbold, welcher trocken bemerkt: Ick globe, hier is Eener zu viel ins Coups! Und zum Schluß findet sich auch noch ein Spaßvogel, der die kriegerisch gespannte Situation rettet, indem er bas schöne Lied anstimmt: Mang uns mang is Keener mang, der mang uns mang nicht mang gehört! Aber diese „Gemüthlichkeit" hat ihre großen Schattenseiten, und diesmal ist es an beiden Ostertagcn auf der Stadtbahn zu stürmischen und recht bedenklichen ©Centn gekommen. Biele, die keine Möglichkeit sahen, vom Vorort in die Stadt zurückzugelangen, stiegen auf die Trittbretter und kletterten sogar auf die Decken bei
Ä ttitrthttti» für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für bie Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für bie Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur ■ftVeieitltJMev nächsterscheineuben Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jcboch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Scheint die Sonne noch so schön, einmal muß sie untcrgeh'n! Diese betrübliche Wahrheit gilt auch für bie von Alt unb Jung so freudig begrüßten Feiertage, die leider einmal ihr Ende uehulen müssen. Es ist das Schicksal auch des schönsten Tages, unter dem unabänderlichen Naturgesetz zn leiden, daß er nur 24 Stunden hat. Sieht aber schon der gewöhnliche Durchschnitts-Mitteleuropäer mit Sehnsucht und aufrichtiger Freude den Tagen entgegen, bie ihm gestatten, das Alltaasgewanb mit dem Festtagsgewanb, die AlltagS- ftimmung mit ber Fcsttagsstimmnng zu vertauschen, wie viel mehr erst der Bewohner der NeichShanptstabt, für den Tage wie bas Osterfest zugleich einen Lausch zwischen der engen, dumpfen Stadt unb ber freien, frühlingsfrischen Natur bedeutet. Nirgenbs wird auch mit solcher bangen Sorge wie in der Großstadt schon lange vor dem Fest die Frage aufgeworfen und diskutirt: Wie wird das Wetter sein, Sturm ober Sonnenschein? In biefein Jahre war Berlin zufrieden, der sonst so lauirische April hat sich merkwürdig zufammengenommeii und das Osterwetter hat nach Übereinstimmendem Votum die Note 1 zu 2 erhalten. Am ersten Ostertag freilich schien ber launische Gesell April noch nicht ganz im Reinen darüber zu fein, ob er lachen ober weinen, ob er ber erholungsbedürftigen Menschheit ein fröhliches Gesicht zeigen oder ihr wie im Vorjahr den spaß gründlich verderben sollte. Am Vormittag halte es noch den Anschein, als ob die so hoffnungsvoll ins Werk gefetzten FrühlinaSparadcn mit dem neuesten Galakleid und dem allernenesten Kopfputz, der zuweilen iwch, aber selten, an die Form des früheren Normalhutes gemahnt, zu Wasser werden sollten. Aber es kam erfreiilicher Weise anders, unb die Berliner, welche sich nahezu vollzählig in Das hinansgcwagt hatten, waS man hier „nifcht wie Gegend" nennt, sahen sich in ihrem Vertrauen
Verlag: Langgasse 27.
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Aus Stadt und Land.
Wiesbaden, 9. April.
— Grschichtskalrnder. 9. April. 1897: ff Prinzessin Elisabeth zu Fürstenberg zn Donaueschingen. 1886: ff Viktor v. Scheffel ui Karlsruhe. 1882: * Großherzog Friedrich FranzIV. von Mecklenburg-Schwerin. 1868: Angriff der Engländer auf Magdala in Abessinien. 1865: Waffenstreckung de? Generals der amerikanischen Südstaaten Lee zu Appomattox Court House. 1818: Gefecht bei Ban gegen die Dänen. 1843: * Adelina Patti zu Madrid, berühmte Sängerin. 1836: * Friedr. Graf v. Alveiis- leben zu Erxlcben, Diplomat, außerordentlicher Gefandter in Brüssel. 1835: * König Leopold II. von Belgien. 1823: * Fried. Kaufmann in Dresden, der Erfinder der Orchestrions. 1801: Sieg ,der Engländer über die Franzosen bei Ramanieh in Egypten. 1762: * Friede. GrafKleist von Nollendorf, berühmter Heerführer während ber Vefreiungskriege. 1751: * Emanuel Schikaneder zu Regensburg, Lustspiel- unb Operntextdichtcr, Zauberflöte (f21. Sept. 1812 zu Wiens. 1747: ff Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau, ber „alte Dessauer". 1388: Sieg der Eidgenossen über bie Oesterreicher bei Näsels. 1241: Mongolcnschlacht bei Wahlstatt in Schlesien.
— Majestät der König der Kelgier ist einen Tag in Brüssel gewesen unb gestern Vormittag 11 Uhr 40 Minuten toicber hier eingetroffen. Se. Majestät feiert heute seinen 64. Geburtstag.
— Ihre Majestät die Königin von Achmede», welche am 20. d. M. hier zu längerem Kurgebrauch eintrifft, weilt gegenwärtig in Honnef am Rhein. Am Donnerstag traf sie zu kurzem Besuch bei ihrer Schwester, ber Frau Fürstin-Mutter zu Wied, in Neuwied ein, von wo sie Nachmittags nach Honnef wieder zurückkehrte. Der König von Schweden gebraucht gegenwärtig die Kur in Biarritz, von wo er am 21. d. M. ebenfalls in Wiesbaden zu längerem Aufenthalt eintreffen wird.
o. Ehrung. Die Stadt Wiesbaden hat ihrem verstorbenen Ehrenbürger Appellationsgerichts-Vicepräsident Dr. Bertram einen großen Lorbeerkranz mit Schleifen in den Stadtfarben (blau- orange) gewidmet und denselben am Sarge des Verstorbenen nieder» legen lassen. Die Schleifen tragen die Inschrift: „Die StM Wiesbaden ihrem hochverdleuteu Ehrenbürger."
— Dum 80. Geburtstag hat einer unserer heimischen Poeten, Herr August Ammann, dem Herrn Kanzleirath Wilhelm Flindt nachstehendes Gedicht gewidmet:
Das ist des Menschenlebens ernstes Zeichen, Daß neben Rosenblüthen Dornen steh'n, Die schönsten Hoffnungen in Nichts verweh'n. Vollkommenes wir selten nur erreichen.
Politische Ueberstcht.
Nichts Neues auf Samoa? so darf man heutzutage mit der Variation eines geflügelten Wortes sagem denn wir sind es seit einiger Zeit gewohnt, daß die Dinge auf Samoa eine kaleidoskopische ; und wenig erfreuliche Mannigfaltigkeit und Abwechslung auf- weisen. Diese kaleidoskopische Mannigfaltigkeit zeigt allerdings einen .ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht", nämlich bett Um- I stand, daß die diplomatischen Verhandlungen über die Samoa-Frage stets als im friedlichsten unb freundschaftlichsten Geist geführt bezeichnet werden, während die Ereignisse auf Samoa selbst keine Spur von einem solchen Geist merken laffen. Immerhin scheint doch jetzt wenigstens die Vorfrage der Samoa-Frage ihrer Lösung einen Schritt näher zu rücken, nachdem die amerikanische unb bie englische Regierung sich im Grundsatz mit der Entsendung einer Spezialkommission nach Samoa einverstanden erklärt haben. Auf diesem Wege würde wenigstens erreicht werden, daß diese heikle Frage nicht tveiter von dem Kommanbanten der vor Apia stationirten Schiffe, sonbern von den zuständigeren Diplomaten behandelt wirb. Daß bie deutsche Regierung entschlossen ist, bei diesen Verhandlungen bie deutschenJnteressen mit aller Entschiedenheit zu wahren,bokumentirt sich äußerlich schon daburch, daß der Staatssekretär v. Bülow seinen Urlaub unterbrochen hat und nach Berlin ziirückgekehrt ist. Ein entschiedenes und energisches Verhalten ist auf deutscher Seite umso dringender erforderlich, da sowohl die englische wie bie amerikanische Hetzpresse nachdrücklich bemüht ist, bie Regierungen ihrer Länder in einen Konflikt wegen der Samoa-Frage hineinzutreiben. Zum Schluß wird aber auch in England und den Vereinigten Staaten die Politik nicht von dieser Hetzpresse gemacht, und die verantwortlichen Staatsmänner dürften diese Konfliktslüsternheit einer recht zweifelhaften Kategorie der Presse voraussichtlich nicht theilen.
Von geringerer Tragweite als ber Samoa-Konflikt dürfte für unsere Politik das Vorgehen in China fein, dessen Zweck die Pacifizirung der im weiteren Sinne in unsere Interessensphäre fallenden Provinz Sch an tun g ist. Wenn von einigen Seiten behauptet wird, daß es sich um weiteraehende Ziele handelt und daß bie deutsche Strasexpedition mit dem Plan weiterer Lanberwerbuitgen in China zusammenhänge, so sind derartige Gerüchte, bie seit einigen Monaten bereits in bett verschiedensten Gestalten aufgetaucht fitib, mit großer Vorsicht aufzunehmen. Die Berechtigung des deutschen Vorgehens ist jedenfalls von keiner Seite, auch nicht von den in China intercssirten Mächten, in Zweifel gezogen worden, denn daß die chinesische Regierung selbst völlig außer Stande ist, auch nur in irgend einem Lheile des Riesenreiches einigermaßen Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, hat sich zur Evidenz erwiesen.
Aus dieser Erkenntniß heraus stehen wir auch auf dem grundsätzlichen Standpunkt, jede Vergrößerung der europäischen Konkurrenz in China mit Befriedigung und frei von jeder Eifersucht zu begrüßen, denn für China gilt das Wort: „Raum für Alle hat die Erde!" Aber dieses Wort gilt doch, so lange sich bas chinesische Riesenreich noch nothdürftig zusammenhält, nicht in bem Sinn, daß China „Freilanb" wäre. Diese Erfahrung hat man in recht unliebsamer Weise in Italien gemacht, wo bie Tragweite des Spaziergangs nach China offenbar ganz erheblich nnter- Sitzt worden ist. Das Vertrauen auf die Nachgiebigkeit inaS und die Unterstützung Englands haben bei diesem Vorgehen eine größere Rolle gespielt, als diesen Faktoren zukam. Bisher hat Italien in China noch nicht einmal einen „Achtungserfolg" errungen, und es scheint, daß das zweite Opfer des italienisch-chinesischen Konfliktes, nachdem als erstes der italienische Gesandte in China dargebracht wurde, der italienische Minister des Aeußern, Canewaro, fein wird. Anscheinend ha) der Miuistcr- vräsident Pelloux eine gewisse leidenschaftliche Sehnsucht, fein ohnehin auf schwankem Grunde ruhendes Kabinett vor dem am 25. d. M. erfolgenden Zusammentritt der Kammer durch bie Ausschiffung des recht unbeliebten Ministers des Aeußern zu stützen, umso mehr, da noch manche andere Fragen, so die leidige ber Finanzen, ben Bestand des Kabinetts zu erschüttern drohen.
Waggons, um auf diese Weise als angehende Lustschiffer der Heimath zuzusteuern, und es fanden förmliche Kämpfe zwischen den Bahnbeamten und diesen Passagieren statt, die wenig geeignet waren, das Ostervergnügen unb die Betriebssicherheit zu erhöhen.
Der fportverständige Theil des Publikums hatte sich diesmal einen besonderen Ausflugsort für das Osterfest erwählt, denn in Carlshorst hatte sich ein Sportereigniß von welterfchütternder Bedeutung vollzogen: die Hindern ißsaison war eröffnet worden. Das Publikum ist in Carlshorst ein anderes wie in den sonstigen Vergnugungsorten oder es thut wenigstens so. Wer sonst bescheident- lich dritter Klasse fährt, leistet sich hier gern ein Billet erster, denn man will doch für einen richtigen Svortfex gelten. Man spricht auch im Coups gern von „feinem Stall"; es ist fteilich nur ein kommuner Holzstall, aber das vis-ä-vis könnte doch meinen, daß von einem Rennstall die Rede fei. Man läßt auch wohl im Gespräch die Bemerkung fallen, daß man „ihn jetzt wieder laufen taffe'; es ist wahrscheinlich nur der Teckel, der sich das Bein verletzt batte; aber das vis-ä-vio meint ehrfurchtsvoll: Donnerwetter, ein richtiger Rennfex! . ,
Ein Hiiidernißrennen ist für die Meisten auch das Gastspiel der russischen Hof schauspieler, deren Stern Frau Sawina ist. Das erste Hinderniß bei diesem Rennen ins Lessing-Theater ist die Schwierigkeit, BilletS zu erlangen, das zweite Hinderniß ist der enorme Preis für diese BilletS unb das dritte Hinderniß ist die russische Sprache, deren Kenntniß ja im Allgemeinen nicht zu den Funktionen eines Normalmenschen gehört. Aber man muß doch dabei gewesen fein, es gehört dies zum guten Ton und zur allgemeinen fogetiannten Bildung, wenn die Aufführung auch selbstverständlich für ben überwiegenden Theil des Publikums nur den Werth einer Pantomime hat. Mit einer „aktuellen Osternovität" hatte das „Alexander- ptatz-Theater aufgewartet, welches gewohnheitsgemäß „in Sensationen macht". Die Novität betitelte sich „Die Lebemänner von Berlin" ober „Der Klub der Harmlosen" und brachte eine kühne „Drama tifirung" der bekannten Spieleraffaire, welcher der Verfasser jedoch insofern Vorgriff, als er im fünften Akt bereits die Gerichtsverhandlung stattfinden ließ, bie in Wahrheit noch aiissteht. Den „geistigen Höhepunkt" unb die höchste Höbe des Beifalls erfiomm das Stück, als in der Gerichtsverhanblung ein soeben erschienener Zeuge auSruft: „Ist denn kein Stuhl da?" Es uiuß auch solche Stücke und solch' Publikum geben.
Dr. Paul Berthold.
