N-. 153
Freitag, den 31. März,
1899
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher No. 52.
Der zu begründende deutsche Bundesstaat solle von einem Direktorium
Morgen-Ausgabe
gebende deutsche Reichsversammlung hat also lichen Sitzung, Mittwoch, den 28. März de
das baldige Zustandekommen ichische Krage. Der Staat
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piKtdeutschenBestanbtheilen in den deuffchenBunbesstaat aufzunehmen. I Beigeordneter Körner, Beigeordneter Mangold und Stadtrath
HF* Wegen des Charfeeitags erscheint die nächste Ausgabe erst am Samstag Nachmittag.
Anwesend sind unter dem Vorsitz des Herrn LandcsbankdirektorS Reu sch 35 Mitglieder des Kollegiums, Seitens des Magistrats die Herren Oberbürgermeister Dr. o. Jbell, Bürgermeister Heß,
Vor 50 Jahre».
Erinnerungen an das Jahr 1849. Die Kaiserwahl in der Paulskirche.
Sitzung der Stadtverordnete» vom 30. März 1899.
Anzeigen-Preisr
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige «»»eigen 25 Pfg. — Reclamc« die Petitzeilc für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
«. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Ml. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
(Nachdruck verboten.)
Pariser Modebericht.
Paris, 25. März.
.Der Kampf des Frühlings mit dem Winter tobt mit einer Schärfe und Ausdauer, die die Geduld auch der Gleichmüthigstcn auf eine harte Probe stellen. Und da der Unwille sich nicht auf andere Weise Lust schaffen kann, so wählt er sich den Kalender als Sündenbock, der sich vergeblich damit oertheidigt, daß er ja nur offizielle Mittheilungen mache, welche doch durchaus keine Verpflichtungen auferlegen. Wie viel Aerger, Spott und bittere Ironie mußte das Datuni des ersten Frühlingstages über sich ergehen lassen! Aber aus den glitzernden Scyneckrystallcn, welche am 21. März die Straßen und Dächer der Lichtstadt mit diamantener Sülle bedeckten, sprühten auch Funken des Pariser Esprit hervor.
rchend erzählte man, der Premierminister Dupuy, der vor einigen Wochen bei einem Ministerdiner die Wette eingegangen war, daß er bis zum 21. März, d. h. bis der Winter zu Ende sei, auch die „Affaire“ beendigen werde, — könne nun fein berühmtes Wort „la seance eontinue“ in zwei Varianten wiederholen. Indem er seine Wette — 22 Couverts bei Marguery — zahlt, wird er in einem humorvollen Toast die Worte anbringen können: „l’affaire eontinue* und „l’hiver eontinue.“ Beide sind gleich wahr. Daß der Winter fortdauert, überzeugt schon ein Blick auf die Toilette der Damen. Wohin man sieht, nur Pelzmäntel, Pelzkragen, Pelzverbrämungen und Pelzmützen. Von kompetenter Seite hört man freilich die Versicherung, daß das Pelzwerk durchaus nicht die Absicht habe, mit der warmen Saison abzudankeu, wenn es auch natürlich nur als Aufputzmaterial seine Geltung behaupten wird. Zn der That sieht man schon jetzt Frühjahrs- und Sommer- Wlen aus Hellem und leichtem Material in Verbindung mit Pelz. So staunte ich jüngst einen sackartigen Mantel aus weigern Seiden- damast an. Die lauge, lose Pelerine mit breiten Aermeln reichte
für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eiugereichter Anzeigen zur nächsterscheinendcn Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Weste, hat zwei große Reverse, wird durch einen Gürtel zusammen- gehalten und schließt ein wenig seitwärts mit Knöpfen bis zur Kniehöhe, wo die übereinander gelegten Tunikenden in Zacken ausgeschnitten sind, lieber diese ärmellose Tunik kommt erst eine zweite in Polonaiseform, ebenfalls mit Aufschlägen, vorne offen und unten länger als die erste und gerade ad- geschnitten. Die Ränder der Tunik sind meist reich verziert; neben Applikations- und anderen Stickereien kommt jetzt als Neuheit ausgeschnittenes Tuch, sogen. Drap guipure, in Verwendung. Mit der Tunik kann sich, was allgemeine Verbreitung betrifft, nur noch ein Kleidungsstück vergleichen: das Bolerojäckchen. Es wird aus allerlei Stoffen hergcstcllt und nimmt auch verschiedene Formen an. Am häufigsten verlängern sich die Vorderthelle zu zwei gerundeten Patten. Der neueste Boleroschnitt zeigt den Vorder- und Rückentheil ans einem glatten nahtlosen Stücke, unten gerundet und über den Gürtel herabfallend und mit je zwei Knöpfen an die nur bis zum Gürtel reichenden Seitentheile angeknöpft. Die vollständig sackartigen, mit Steppnähten versehenen, bis zu denKnieea reichenden Jacken aus Hellem oder rothem Tuch sind eine Neuerung, der man nur das Leben einer Eintagsfliege wünschen könnte — sie werden dennoch voraussichtlich eine Saison lang die schönsten Taillen verunstalten. In Hüten haben die tonangebenden Künst- lerinnen noch nicht das letzte Wort gesprochen, doch sieht man viel Modelle aus farbigem Stroh, unter denen die blaue Farbe vorherrscht. Die Form ist an der linken Seite stark emporgehoben und dann eingedrückt, um für einen großen Vogel ein Nest oder für ein Blumenbouquet einen Behälter zu bilden. Man munkelt jedoch, daß noch große UeberraschiuMN bevorstchen. Ein offener Kreuzzug wird gegen den beliebten Cvlinderhut der Herren unternommen. Man spricht von einer neuen Liga, deren Begründer, elegante Klub- menS und Künstler, den Rembrandt- ober MoröS-Hut lancittn wollen. Erst am Tage des „Grand prix“ wird diese wichtige Frage entschieden werden. Franyillou.
fast bis zu den Knieen, und hier schloß sich an den Rand ein türkischer Shawlstoff an, der den Mantel bis zum Rocksaum verlängerte und, die stark gerundeten und auseinandergehenden Vorder- theile ergänzend, bis zum Hals hinauf reicht. An der Verbindungslinie der beiden Stoffe, zu beiden Seiten der Rückcnfalte und um den hohen Kragen ist em schmaler Silberfuchsdesatz angebracht. Daß das Sackartige, Lose, Hängende überhaupt gegenwärtig als graziös gilt, beweist der Umstand, daß die Empire-Kleider aus den Modejournalen, wo sie meist ein ziemlich unschuldiges, weil rein theoretisches Dasem führen, nun bet Abendgesellschaften oder festlichen Gelegenheiten in praktische Erscheinung treten. Als die bekannte hiesige Sängerin Fräulein Pacary letzthin bei einem Konzert aus dem Künstlcrzimmer aus die Estrade hinaustrat, da ging eine Bewegung durch den Saal: „Im Hemde!“ — rief halb erstaunt, halb entrüstet eine junge Dame neben mir. .Nun, möchtest Du denn, daß sie ohne Hemd hereinkomme?“ — bemerkte mit echtem Pariser Wortspiel ihr Begleiter. Die hemdartiae Hülle aus ganz durchsichtigem weißen Seidenmouffelin ließ freilich die korrekt geharnischte Taille und die ganze Toilette aus weißem Atlas mit Silber- stickereien deutlich hindurchschimmern. Eine breite Silberborte umrandet den geraden Ausschnitt der Taille, die nur durch schmale Achselbänder znsammengehalten wird, während eine zweite Bortenreihe den Oberarm umfaßt. Sind die Empirekleider das Excentrische, .. so sind die langen Tunikas das Alltägliche der gegenwärtige» Mode. Nicht nur giebt es kaum ein Kleid ohne Tunik, aber Viele haben deren sogar zwei über dem Rock. Und zwar schichten sie sich entweder quer oder der Länge nach übereinander. Im ersten Falle z. B. ist die Tunik vorne und rückwärts spitz, darunter kommt eine zweite gerade abgeschnittene hervor und dann erst sieht man den unten sehr faltigen Rock, — der sogar bei Straßenkostüme» in eine Mittellauge Schleppe ansgeht. Als Beispiel der zweiten Tunikart erwähne, ich ein Kleid, welches über dem Rock ans glattem Stoffe, eine erste Tunik aus hellerem gemustertem Stoffe anfweist: Dieselbe ,st an bei Taille anliegend wie eine
verwaltet werben, bei» ein von den Ständen und Regierungen gewähltes Staatenhaus zur Seite stehen solle. Ein aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenes Volkshaus wurde verworfen.
Ein Umschlagen der Stimmung zu Oesterreichs Ungunsten war unvermeidlich. Der bisher großdeutsche Abgeordnete Welcker beantragte, die Verfassung ohne Oesterreich schnell unter Dach und Fach zu bringen. „Uns Deutschen soll es verwehrt sein", so bornierte er gegenüber den österreichischen Zumuthungen, „uns ebenso zu einigen, wie die 38 Millionen Ocsterreicher geeinigt sind? Dort verschiedenartige Völker geeinigt und hier lauter Deutsche, die sich nicht einigen sollen! Ist bas ein ehrcnwerther Antrag an eine ehrenwerthe Nation, oder ist es nid) tvielmehr eine Löwengesellschaft?“
Jedenfalls stimmten die Plane der österreichischen Regierung nun aud) einen Thcil der demokratischen Männer der Linken um. Sie erklärten sich bereit, für den preußischen Kaiser zu stimmen, wenn das im Verfassungs-Entwurf eiithaltene absolute Veto des ReichSoberhaupts in ein bloß suspensives verwandelt werde das heißt, daß auch gegen den Widerspruch des Kaisers eine Maßregel Gesetz werden sollte, die dreimal vom Reichstag angenommen worden sei. Ebenso verlangten sie für ihren Ucbertntt zu den Erbkaiserlicheu das allgemeine Wahlrecht. Die Gagernschen waren hierzu bereit.
Am 28. März war die entfdjeibenbe Abstimmung, die die Annahme der Verfaffung und des Erbkaiserthums ergab.
Dann kam man zur Kaiserwahl. DerVersassungSausschuß schlug vor, sie sofort zu vollziehen. Jeder namentlich aufgerufene Abgeordnete habe den Fürsten zu nennen, den er zum Kaiser erklärt sehen wolle. Der erwählte Kaiser solle durch eine Deputation der Nationalversammlung eingeladen werden, die auf ihn gefallene Wahl auf Grundlage der Reichsverfassung anzunehmen. Endlich schloß die Vorlage: Die Nationalversammlung spricht das feste Vertrauen aus, daß die Fürsten unb Volksstamme Deutschlands großherzig unb patriotisch in Uebcreinftimmung mit bei Nationalversammlung die Verwirklichung ber von ihr gefaßten Beschlüsse förbern werden.
Der Namensaufruf zur Wahl begann. Die Oesterreicher, Bayern, Ultramontanen unb viele Mitglieder der Linken riefen: Ich wähle nicht! oder auch: Ich wähle keinen Fürsten! Ich wähle keinen erblichen Kaiser! Die Mehrheit antwortete jedoch: Friedrich Wilhelm, König von Preußen!
Nach geschehener Wahl ließ sich der Präsident der Versammlung, Siinson, also vernehmen:
„Die 290 abgegebenen Stimmen haben sich sämmtlich auf den König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., Bereinigt. 248 Mitglieder haben sich der Wahl enthalten. Die verfaffung- gebenbe deutsche Reichsversammlung hat also in ihrer 196. öffentlichen Sitzung, Mittwoch, den 28. März bcs Jahres 1849, auf Grund der von ihr beschlossencn,apgenommeneii unb verkündetenReichs- verfassnng die in derselben begründete erbliche Kaiserwürde auf den König vonPreußen, Friedrich Wilhelm IV., übertragen. — Möge der deutsche Fürst, der wiederholt und öffentlich in unvergeffenen Worten den warmen Herzschlag für die deutsche Sache sein kostbares mütterliches Erbe genannt hat, sich nun als Schutz und Schirm der Einheit, der Freiheit, der Größe unseres Vaterlandes bewähren, nachdem eine Versammlung, aus dem Gesammtwillen der Nation hervor- aegangcn wie keine, die je auf deutschem Boden tagte, ihn an bereit Spitze gerufen hat. — An unserm edlen Volk aber möge, wenn es auf die Erhebung des Jahres 1848 und auf ihr nun erreichtes Ziel zurückblickt, ber Ausspruch des Dichters zur Wahrheit werden, dessen Wiege vor jetzt fast einem Jahrhundert in dieser alten Kaiser- stadt gestanden hat:
Richt den Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung Ziellos fortzuleiten, zu schwanken hierhin und dorthin. Dies ist unser; so laßt uns sprechen und fest es behalten. Gott sei mit Deutschland unb seinem nemiewählten Kaiser!“ In ber Paulskirche erhob sich nach biesen Worten ein stürmisches Hochrufen. Auf ihrem Thurm unb bann von allen übrigen Thürmen Frankfurts läuteten die Glocken, und die Kanonen bornierten in ben Glockenklang.
Diese Freudenausbrüche sollten vergeblich fein. Der König von Preußen wies die ihm gebotene Krone zurück.
dem preußischen KLuiaShause zugedacht. — Aber gerade diese Pläne Waren für die Linke der Paulskirche ber Gründ, sich auf bie Seite ber österreichischen .Großdeutschen“ zu schlagen, um mit diesen gemeinsam das Zustandekommen ber von ber „Rotte (Sägern“ erstrebten Verfassung mit bem Kaiser an ber Spitze zu verhnidmt.
Unter biesen Verhandlungen war der Marz heranaekommen. Immer noch unb fester als je staub bie großbeutsche Partei auf bem Stanbpunkt, daß man Oesterreich nicht ausschließen dürfe. .Das ganze Deutschland soll es sein!“ rief man höhnisch dem alten Arndt mit ben Worten seines Siebes zu, ber sich zu ben preußischen Erbkaiserlichen geschlagen hatte. Da that Oesterreich selbst einen Schritt, ber einen Umschwung zu seinen Ungunsten in ber Versammlung herbeiführte. Am 4. März wurde in Oesterreich mit Umgebung bcs hierzu berufenen Reichstags eine Verfassung oktroyirt. Unb gleichzeitig wurde von Olmütz aus das Verlangen an die Paulskirche gerichtet, den österreichischen Gesammtstaat auch mit den niKtdeutschenBestandtheilenindendeuffchenBunbesst
Stein, ferner Herr Obersekrelär Rosalewski als Protokoll' führcr.
Mit der von dem Magistrat beschlossenen Pensionirung beS Herrn Leichenbeschauers Wolff zum 1. Juli er. unter Festsetzung ber Pension auf 1575 Mk. erklärt sich das Kollegium einverstanden.
Die Vorlage, betr. ben Verkauf vou Feldwegflächen, wird dem Finanzausschuß zur Vorprüfung überwiesen, desgleichen eine Eingabe des Pächters der „Kurfürsteiimühle“, betr. Entschädigungsansprüche desselben.
Der Herr Oberbürgermeister giebt Kenutniß von der im „Tagblatt“ bereits mitgetheilten Entscheidung des Herrn Ministers ber öffentlichen Arbeiten über den Entwurf für die Verlegung der Schwalbachcr Bahn zwischen Wiesbaden und Dotzheim durch bie Sandgruben bei Mosbach, westlich ber Dr. Kampmannschen Besitzung unb des Exerzierplatzes, unb theilt im Anschlüsse hieran mit, daß bie „Sübdeutsche Eisenbahn- Gesellschaft“ den ihr auf Grund der Verhandlungen ber Stadtverordneten-Versammlung vorgelegten Vertragsentwurf angenommen habe, sodaß die Gesellschaft nunmehr' an die Vervollständigung des Netzes herantreten könne.
Ferner giebt der Herr Oberbürgermeister von bem Beschlüsse bes Kommunal-Landtags, zu den Kosten der Unterhaltung des Museums im Falle dessenUebernahme durch die ©tabt eilten jährlichen Beitrag von 10,000 Mk. zu leisten, Kenutniß. Der Magistrat hält es am zweckmäßigsten, daß die ganze Angelegenlieit nochmals von der gemischten Kommission geprüft werde und die Versammlung ist damit einverstanden.
Die Vorlage, betreffend einen Flnchtlinienentwurf für eine Straße durch das Terrain des „Paulinenschlößchen“, wird bem Bauansschuß, unb diejenige, betreffend Bewilligung von 1150 Mk. M Beschaffung eines Meßapparats für bie Faßaiche, dem Finanzausschuß zur Vorprüfung überwiesen.
Ueber die Prüfung des RechnungSüberschlage? der ordentlichen Verwaltung für das Etatsjahr 1899 1900 Seitens des Finanzausschusses hat Herr E. Hees einen ausführlichen Bericht erstattet, der den Mitgliedern der Versammlung bereits vor der Sitzung gebrueft zngestellt worben ist. Derselbe lautet im Wesentlichen wie folgt: Aus ben Vorbemerkungen zu bem ordentlichen Etat für 1899 ist zu ersehen, daß aus der abgeschlossenen Rechnung für 1897 98 ein Ueberschnß von 90,255 Mk. 78 Pf. zur Verfügung steht. Derselbe wird je zur hälfte dem Schulhausban- unb dein Nenpflasterungsfoubs zugewtesen. Dte ordentliche Verwaltung pro 1898/99 wird voraussichtlich mit einem Uederschuß von 60—70,000 Mk. abschließen. Der Fonds zur Disposition der Stadtverordneten-Versammlung hat sich als nöthig erwiesen, beim die davon bestrittenen Ausgaben belaufen sich auf 87,636 Mk. Die im Etat pro 1898/99 vorgesehenen, aber nicht auf- gewendeten Ausgaben im Gesammtbetrag von 79,408 Mk. sind in den "Etat für 1899 nicht eingestellt, sondern als Restkredit übertragen worben. Daraus ist zu ersehen, baß bie Entwickelung unserer Stabt auch in ben verflossenen Jahren in erfreulicher Weise ihren Fortgang genommen hat, unb es bars wohl angenommen werden, daß sie in ähnlichem Verhältniß stetig fortschreiten wird. Mit der weiteren Entwickelung werden naturgemäß aber auch vermehrte Aufwendungen nöthig werden, besonders in Bezug auf Straßenanlagen, Verbesserung bestehender Straßen, Erbauung von Schulen u. A. mehr. Diese bevorstehenden großen Ausgaben drohen unsere Einnahmen zu übersteigen. Um diesem vorzubeugen, beschloß der Magistrat, eine Erhöhung der direkten Gemeindesteuer von 90 auf 100 pCt. der Einkommensteuer und von 112'/- auf 125 pCt. der Realsteuern vorzuschlagcn. Der Finanzausschuß erkennt an, daß sicherlich in den nächsten Jahren große Anforderungen an die Finanzkraft ber Stabt werden gestellt werden. Er ist auch einstimmig ber Ansicht, daß bie Verbesserungen und Instandhaltungen der Straßen und Anlagen, sowie sonstige Aufgaben, welche im Interesse ber Einheimischen wie Fremden gefördert werden müssen, nicht zu sehr hinauSgcschobeu werden dürfen. Er ist aber auch einstimmig der Ansicht, baß bie Erhöhung ber Steuern gerade für unsere Stadt von den nachtheiligsten Folgen sein wird. Dieselbe wird den Zuzug wohlhabender Fremden nichts weniger als fördern, sondern sicherlich manchen steuerkräfsigen Fremden abhalten, seinen bauernden Wohnsitz nach Wiesbaden zu verlegen, möglicher Weise sogar manche Familie zum Wegzug verleiten. Um die Erhöhung unb ihre nachtheiligen Folgen womöglich zu vermeiden, einigte sich ber Finanzausschuß vor Eintritt in die Prüfung des Etats dahin, die Ueberschüsie der Betriebsergebnisse desGas- und Wasserwerks so viel als möglich als Einnahme in die ordentliche Verwaltung einzusetzen. Beide Werke sind geschäftliche und industrielle Unternehinungen der Stadt, deren bedeutende Ueber- schüffe aus den von ber Stadt für ihre Produkte festgesetzten
Auch das Jahr 1849 lebt, ebenso wie das vorhergehende eigentliche Revolutionsjahr, im Gedächtniß des deutschen Volkes {ort. 1849 sollte vollenben, was 1848 begonnen. Die Zeiten aber otten sich mittlerweile arg verändert.
Im Frühling 1848 schien die ganze Macht an das für Freiheitsideale kämpfende Volk übergegangen zu fern. Jedoch bei einem großen Theil des deutschen Burgerthums war das revolutionäre Feuer schnell verflackert. Das Bedürfniß nach ruhigen politischen Verhältnissen, nach geregelter Erwerbsarbeit stellte sich wieder ein. Und damit hatten die parlamentarischen Vertretungen in den Einzel- ftaaten und in ber Paulskirche, bie als Kinder ber Revolution übrig geblieben waren, ben Regierungen gegenüber bie Kraft unb den Rückhalt verloren. Die Regierungen, wenigstens die großen und starken, wie bie preußische und die österreichische, hatten sich vom ersten Schrecken längst erholt unb pochten ben ^SchwatzklnbS“ gegenüber, bie nichts hatten als bas freie «Bott unb allenfalls die Sympathie ber Massen, auf ihre alt- gegründeten Rechte und die ihnen zu Gebote stehende reale Macht.
Vis zum Schluffe des Jahres 1848 hatte die deutsche National- oerfammlung in der Paulskirche über bie Grundrechte des deutschen Volks bebatfirt. Während des Frühjahrs 1849 beschäftigte sie sich bann mit dem Aufbau einer deutschen Verfassung. Und zust in diesen Mötzingen vor fünfzig Jahren war es, daß bie Paulskirche nach Ueberwinbung unzähliger, fteilich vielfach selbst- geschaffener Schwierigkeiten, bäs Verfassungswerk zu Ende brachte.
Man hat oft unb mit Recht auf eie erste deutsche National- yersammnng gescholten, daß sie nicht in ihren Juaendtagen, die hinter ihr stehende Volksbewegung ausspielend, dem deutschen Volke die Einheit und die erstrebten politischen Freiheiten zu geben verstanden habe. Aber nachdem dies einmal versäumt war, nachdem sich bie Versammlung auf ben Weg ber Verhandlungen und Vereinbarungen mit ben alten Mächten hatte drängen lassen, ist die unerfreuliche Weiterentwicklung, wenn auch nicht verzeihlich, so doch wenigstens begreiflich.
Die Hauptschwierigkeiten für das baldige Zustandekommen einer Verfassung bot die österreichische Frage. Der Staat Oesterreich hatte in geharnischten Noten erklärt, seine alte Stellung im dcutscheii Bund behalten zu wollen. Dem stand eine große Partei ber Paulskirche, den Reichsminister G a g e r n an ber Spitze, Stüber, die zwar die deutschen Stämme Oesterreichs in den zu bendtn deutschen Einheitsstaat aufnehmen, die Interessen 3 neuen deutschen Staatengebildes aber nicht mit denen der nicht- deutschen Bestandtheile der osterrreichischen Monarchie verquicken wollte. Um diesen Widerstand gegen die österreichischen Wünsche durchführen zu können, mußte sich die Partei nothwendig an die preußische Macht anlehnen, die einzig befähigt war, der österreichischen entgegenjutreten.
Ja, ber Ve'rfasfungSqusschuß schlug sogar, im Einverständniß nut der Gagernschen Partei, ein erbliches Kaiserthum als Spitze des neuen Deutschlands vor. Und aud) diese Würde ward dem preußischen KönigShause zugedacht. — Aber gerade diese Pläne
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