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Wiesbadener Tagblstt

Verlag: Langgasse 27"

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Borgen-Ausgabe.

gewesen ur.b, ivie jetzt auch von der An- rständigen Gerichten zugegeben ist, mit dem

Iüv öcrs 2. gruartak 1899 auf das Wiesbadener Tagblatt" ZU abomiiren, findet sich Gelegenheit int Verlag kanggaffe 27, bei den Ausgabestellen, den Zwcig-Lxpeditionen in den Nachbar­orten und fämiutlichen deutschen Reichsxostanstalten.

«r. Jahrgang.

acint in zwei Ausgaben. BezngS-PreiS: den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die

Post 1 Mk. «ö Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

gelegt. Als einst die Musiker unserer deutschen KorvetteAriadne" eben auf den Schultern anderer Matrosen durch die seichte Brandung zum Boote getragen wurden, erfolgte ein allgemeiner Angriff der lustigen Mädchen auf sic. Sic liefen ihnen ins Wasser nach, zwickten die Reiter in die Beine, theilteu zarte Schläge aus und beschenkten die Verfolgten schließlich mit Blumen. Von der Unbefangenheit der Samoanerinnen ein Beispiel, das Kapitän v. Werner anführt: Die 17-jähriae Lolla sah einmal, wie er ver­suchte, daS Kratzen der ihm als Kopfkiffen untergeschobenen Matte auf alle Weise zu beseitigen oder zu mildern. Kurz entschlossen kam sie heratt, entfernte die Di alte und legte Werners Kopf auf ihr Knie. Alles Sträuben half nichts, ein bis zwei Stunden lang leistete Lolla diesen Liebesdienst. Dabei darf man keineswegs denken, daß unter den Samoanerinnen aus­gelassene Sitten herrschen: vielmehr fällt stets ein gewisser feiner Ton auf, der daS ganze samoanische GescllschastSleben kenn­zeichnet und auch au dem Betragen der Frauen und Mädchen deut­lich wahrnehmbar ist. Im Allgemeinen kann mau der Samoanerin das Zeugniß ausstelleu, daß ihre Eigenschaften echt weiblich sind. Sie ist von sanftem Charakter, aufopferungssähig, anschmiegsam und einschmeichelnd, licbebediirftig und häuslich veranlagt. Die Samoanerinneii, die von Weißen geheirathet worden sind, haben eine geradezu rührende Hingebung an ihre Gatte» gezeigt und sich tadellos treu erwiesen.

* Verschiedene Witthcilungrn. Im Kunstverein sind zur Zeit Mei große Kohlenzeichnungeu von A. Weinberger hier ausgestellt. Leider können dieselben nur bis Mitte nächster Woche ausgestellt bleiben, da sic mit dem noch dort befindlichen, schon be­sprochenen Gemälde nach Berlin gehen. DieZeichnungen behandeln Jagdmotive, .Rehgruppe im Sommer" und ,Jm hohen Tann" sBache mit Frischlingen).

In den letzten zwei Jahren sind an den Küsten des australischen Festlandes 154 rsiaschenposten aufgefmigen worden, deren Wanderung der Astronom Rüssel untersucht hat. Es ergab sich die wichtige Thatsache, daß die Fahrt der Flasche» mehr vom Wind, als von der oeeanischen Strömung beeinflußt wurde. Drei Flaschen hatten eine sehr lange Reise hinter sich; sie waren bei Kap Horn ins Meer geworfen worden und hatten gemeinsam den Weg nach AustralleÜ gefunden, wobei sie 9000 Seemeilen mit einer Geschwindigkeit von 8 bis 10 Seemeilen per Tag zurücklegten.

Ruzeigen-PreiSr

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfa. Rcciauien die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

Ans Stadt und §and.

Wiesbaden, 22. März.

Grschichtokalender. 22. März. 1889: f Peter Graf Schuwalow, russischer Staatsmann (* 15. Juli 1827). 1871: Er­hebung Bismarcks in den erblichen Fürstenstand. 1882: f Johann Wolfgang von Goethe. 1799: * Fr. Argclander zu Memel, Be-

bezichtigt Gottschalk, zu Ueberfuhrungszweckeii diese Flecken auf die Manschette nachträglich selbst gemacht zu haben. Hierbei beruft er sich auf das Zeugniß des Kreisphysikus Dr. Berger in Elberfeld, der vor Jahren in einer Zuschrift an den Staatsanwalt Pinoft in Elberfeld die s. Zt. in der Presse veröffentlicht wurde, erklärt hatte, daß die Blutspuren an der Manschette kurz nach dem Morde nicht vorhanden gewesen seien, sondern erst im Laufe der Untersuchung mit rotljer Tinte künstlich hergestellt sein müßten.

Ferner hatte als Ueberführuiigsstück ein Holzfäserchen eine große Rolle gespielt. Der Mord ist unzweifelhaft mit einem Hammer verübt worden, der sich in einem Kasten vorfand. Der Hammer zeigte Blutflecke». Der Stiel des Haunners war mit einem Messer frisch abgeschabt worden. Die abgeschabte» Späne lagen vor dem Tisch, in dem sich der Hammer befand, am Boden und waren blutig. Dem Ziethen toiirbe bei seiner Verhaftung kurze Zeit nach dem Morde ein gewöhnliches Taschenmesser ab- genommen, das et bei sich trug. An der Klinge dieses Messers will Gottschalk am nächsten Tage ein Stückchen Holz gefunden haben, von dem der Sachverständige bekundet hat, eS rühre von dem Hammerstiel her. Landauer behauptet, daß Gottschalk auch das Stückchen Holz an das Messer gebracht habe, und daß es bei der Verhaftung Ziethens noch nicht daran gewesen sei. Dieses Holz- fäserchen hatte in dem Mordprozeß die Hauptrolle gespielt und mit der Echtheit dieses Beweismittels steht und fällt die Frage, ob Ziethen schuldig sei.

Landauer hatte seine Behauptungen schon früher (am 5. Februar vorigen Jahres) imSozialist", dem Hauptorgan der deutschen Anarchisten, ausgestellt. ES war aber gegen ihn keine Anklage erhoben worden. Als die Verjährungsfrist abgelaufen war, erhob er am 1. September vorigen Jahres in einem Cirkular von Neuem diese Anschuldigungen und schickte dasselbe an eine Reihe bekannter Persönlichkeiten und Behörden. Er verwies in dem Rundschreiben darauf, daß, wenn gegen Gottschalk ein derartiges Amtsverbrechen vorliegen sollte, dieses auch binnen Kurzem verjähren würde. Darauf wurde auf Grund eines Strafantrags vom 20. September vorigen Jahres gegen Landauer Anklage erhoben und auch gegen den Redakteur desSozialist", Franz Rubbert, der das Schreiben abgedrnckt hatte. Beide haben sich nunmehr wegen verleumderischer Beleidigung des Königlichen Distrittskoiumissars Gottschalk vor der 3. Strafkammer zu verantworten.

Die Vertheidigung Landauers hat an Stelle von Justizrath Dr. Seiko, der durch eine in Königsberg i. Pr. zu gleicher Zeit zur Verhandlung gelangende cause celebre (als Verlheidiger der bet Anstiftung zur Ermordung ihres Gatten beschuldigten GutsbefitzerS- witttve Rosengart auf Zögershof) verhindert ist, in letzter Stunde der Neichstagsabgeordnete Rechtsanwalt Wolfgang Heine über­nommen. Von der Vertheidigung sind zahlreiche Beweisanträge gestellt worden. Sie beantragt u. A. die Vorführung des Albert Ziethen ans dem Zuchthaus zu Werden a. R., ferner die Vorladung mehrerer Zeugen, welche das Geständniß des inzwischen verschollenen Wilhelm derselbe wurde zuletzt vor einigen Jahren in Algier bei der Fremdenlegion ermittelt angehört haben sollen. Außerdem will die Vertheidiauiig auch den Beweis führen, daß Gottschalk sich auch in anderer Weise Amtsverfehlungen habe zu Schulde» tommett lasse». Gottschalk war bekanntlich der Entdecker des im Jahre 1888 von Reinsdorf und Genossen gelegentlich der Enthüllung be8 Riederwalddenkmals geplanten Dynamitattentats und des kurz vorher verübten Dynamitattentats in Elberfeld. ES wird die Vernehmung des Hauptzeugen im Reinsdorfprozeß, des früheren Webers Palm, der jetzt Aufseher in dem Arbeitshaus zu Brauweiler bei Köln ist, beantragt. Unter den bereits vom Gericht geladenen Zeugen befinden fich Gottschalk und Kreisphyfikus Dr. Berger.

Die Verhandlungen finden unter dem Vorsitz des LaudgerichtS- direktorS Röseler statt, der auch im Leckert-Lützow-Prozeß und im Tausch-Prozeß den Vorsitz führte. (Fortsetzimg felgt.).

Ans Kunst und Erben.

* Die Küste M. tr. Egidqs ist in dem Atelier des Bild- !lauer» Jahn in Berlin nunmehr fertiggestellt. Dieselbe ist vorzüg- ich gelungen. Meisterhaft hat es der Künstler verstanden, in den Gesichtszügen die für Egidy charakteristische Verbindung von Energie unb Milde wiederzugeben, ebenso den Augen den geist- nnb kraftsprühenden Ausdruck zu verleihen. Abgusse der etwa 30 Zentimeter hoben Büste in Elfenbein mässe können durch Ver­mittelung der Geschäftsstelle der Berliner Eqidy-Vereinigung, Marburgerstraße 12, zu einem sehr mäßigen Preise bezogen werden. Von der großen Rheinholdschen Büste Egidys, die bei der großen Gedenkfeier aufgestellt war unb allgemeine Anerkennung fand, finb bisher nur 3 Abgüsse hergestellt worden. Davon ist eine int Namen der Freunde Egidys der Wittwe des Verstorbenen bereits überreicht, die zweite ist für die im Entstehen begriffene Egidy- Bibliothek in Elberfeld bestimmt, während die brüte im Besitz der Berliner Egidy-Vercinigniig verbleibt.

* Mie titattumarbeitet".Beim General-Intendanten Grafen Hochberg", so wird einem schlesische» Blatte mitgetheilt, fand ein Frühstück statt, an dem Kaiser Wilhelm theilnahm. Zu diesem Frühstück war auch Adolf LÄrronge geloben, ber hierauf den von ihm gründlich mngenrbeiteten Text zu ber von Lortzing nachgelaffenen OperRegina" vorlas, bie demnächst im Berliner Opernhaufe zur Aufführung gelangen soll. Ueber bie Einzelheiten der Umarbeitung unterhielt sich ber Kaiser mit LÄrronge aufs Eingehendste unb sprach desonberS feine Befriebigung über ben »aterländischen Hintergrund aus, ber ber Oper nunmehr gegeben ist." Herr L'Arronge scheint, so meint ber ,Kunstwatt', allerdings ben Lortzingschen Text sehr grünblich umgearbeitet zu haben, denn ursprünglich war dieser Text eine in freiheitlichem Sinne gedichtete Episode ans dem Jahre 1848.

t. 46 treue Sferintebtl hat ber Astronom be Liste Stewart am südlichen Sternenhimmel entdeckt. Der Forscher benutzte das große photographische Teleskop ber Harvard-Sternwarte in Nord- Amerika eifrig zu Himmelsphotographieen. Am 14. unb 20. Oktober vorigen Jahres machte er zwei Aufnahmen innerhalb eines Himmels­gebietes, das zwischen ben Sternbildern ber Uhr ober des Horo- iogium unb des Eridanus gelegen ist. Bei ber Prüfung ber Platten

würbe eine interessante Gruppe von Sternnebeln bemerkt, von denen bisher nur zwei in bet astronomischen Litteratur verzeichnet waren. Auch in ihrer Form waren manche der Nebel merkwürdig: vier besaßen eine Spiralgestalt unb einer wirb beschrieben als ein heller, etwas länglicher Lichtkörper, um ben sich matt glänzende Rebel­masse» in Ellipsen unb Spiralen angliebetn.

* Einige» über das Franenlrben auf ben jetzt »riebet vielgenannten Samoainseln der Südsee dürfte inietessiren. Die ?)aiiptschönheit ber Samoanerinnen besteht in ihrem Wüchse. Sie mb freilich nur von Mittelgröße, aber ihre Gestalt ist überaus ebenmäßig, geschmeidig unb in allen Bewegungen anmuthig. Be- sonberS bei ben Häuptlingsfrauen verbindet sich damit eine tadel­lose Haltung unb ein auffallend stattlicher Gang. Nicht ein- gezwängt in enge drückende Kleider, hat fich der Körper dieser 9laturfinber ungehemmt und frei entwickeln können und sich organisch unb schön auswachsen könne». Dazu kommt der eigentliche Zauber der Kindlichkeit unb Natürlichkeit, ber allen Samoanerinnen nachgerühmt werden muß. In der Inselwelt ber ©übfee genießt die Samoanerin auch einen großen Ruf um ihrer Schönheit willen. Die Haut ist kaum dunkler als bie süd- europäischer Bäuerinnen. Auf ben glücklichen Inseln, auf benen bem Menschen Alles, was er zum Leben braucht, ohne viel Dazuthun seinerseits gewissermaßen in ben Mund wächst, ist bie Fran nie zum Arbeitsthier erniedrigt worden, wie bei so sehr vielen anderen Völkern der Natur. Viel­mehr genießt sie hier einen recht hohen Grad von Freiheit unb Selbständigkeit. Durch die Sitte gehütet, wandert sie allein weit durch das Land, geht, wohin sie mag. Eins ber Hauptgeschäfte ber Frau im Haute ist bie Bereitung beS so beliebten National­getränkes, ber Kawa. Zu diesem Zweck kauen sie bie Stücke einer Pfefferwurzel so lange, bis sie zu einem Brei geworben ist, ben sie dann in eine Schüssel ausspeien unb unter Zusatz von Wasser längere Zeit kneten unb schließlich durchsieben. Auch die Weberei ber allgenuin geschätzten Matten (Tapa) ist Frauen­werk, und manche eamoaneriniten lassen sich sogar bazu herab, die Wäsche ber Fremben zu waschen, wobei sie bann ben Ehrgeiz haben, sie so steif wie möglich wiederzubringen, daß man die einzelnen Stücke fest auf ben Boben stellen kann. Bei so bequemen Lebensumständen ist eine sorglose Heiterkeit ber Hauptzug ber Samoanerinnen. Zu Scherze» unb Späßen finb sie immer aus­

jedoch im Gnadenwege in lebenslängliche Zuchthausstrafe nm- I gewandelt. Am 25. Oktober 1883, Nachts zwischen/dl und 9.12 Uhr, wurde zu Elberfeld die Frau des Barbiers und Gast- wirths Albert Ziethen in der Wirthsstube beS ihrem Manue ge­hörigen Hauses Bachstraße 91 durch einen ober mehrere Hiebe über den Kopf ermordet. Der Vorderschädel, bie ganze Stirn bis zur Nasenwurzel waren zertrümmert, bas stark läbirte Hirn lag frei. Sie lebte noch einige Tage im Krankenhaus, würbe bafelb|t am 28. Oktober vom Untersuchungsrichter vernommen unb vereidigt unb starb am 30. Oktober. Albert Ziethen war am Nachmittag bieses Tages in Köln gewesen unb, wie jetzt auch von der An­klagebehörde unb ben zuständige» Gerichte» zugegeben ist, mit dem letzten Zug gegen 9 Uhr von dort zurückgefahren. Der Zug kam nach bahnamtlicher Feststellniig mit 5 Minuten Verspätung in Elberfeld um 11 Uhr 8 Minuten (Bahnzeit) an. Ziethen lief sehr schnell nach Hause, kann hierzu indessen nicht weniger als 5 Minuten gebraucht haben. Da indessen seit lange» Jahren vor­her und nachher, bis 1890, die Uhren in ber Stadt Elberfeld, die RathhauSuhr und bie Postuhr vor Allem, gegen bie Bahnhofsuhr 5 Minuten vorgingen, unb zwar nicht infolge irgenb einer Nachlässigkeit, vielmehr war biese Einrichtung im Interesse des Publikums - absichtlich getroffen, so kann Ziethen frühestens 11 Uhr 18 Minuten nach Ortszeit an seinem Hanse an- gefommen sein. Genau um 11 Uhr 15 Minuten das ist akten­mäßig festgestellt gingen bet Hanbelsmann Klees unb eine Fra» Heinrichs am Rathhaus vorüber, wo sie mit Hülfe ber Rathhans- uhr unb ber Postuhr zufällig genau feststellten, wieviel Uhr es sei. Sie gingen in gewöhnlicher Gangart weiter ihrem Hause zu unb kamen dabei, höchstens (auch nach ihrem eigenen Zeugniß) 5 bis 6 Minuten später, an Ziethens Haus in der Bachstraße vorbei. Das war also spätestens 11 Uhr 21 Minuten, und in diesem Moment hörten sie klagendes Wiinmern und Ziethens Stimme:Aber Mariechen, was ist Dir denn geschehen?" Gleich darauf trat Ziethen, im Begriff, zum Arzt zu eilen, heraus unb erzählte ihnen hastig, et habe, von Köln heimgekehrt, feine Frau erschlagen gefunden. Um 11 Uhr 18 Minuten frühestens betritt er das Haus, um 11 Uhr 21 Minuten spätestens hört man bas SBimmem ber Frau unb seinen Jammerruf. Das Obetlanbesgericht in Köln giebt zu, daß unter diesen Umständen die Frage, ob Ziethen der THüter fei, sich nicht mibebenklich bejahen lasse. Nur wendet es ein: es sei zwar bewiesen, daß in ber Regel bie Differenz zwischen Bahnzeit unb Ortszeit bestauben habe, aber es sei lein Zeuge vothanben, ber mit Sicherheit es waren zur Zeit dieses oberlandesgerichtlichen Erkenntnisses mehr als zehn Jahre seit der That Dcrgangen behaupten könne, gerade am 25. Oktober 1883 sei dieser Unterschied von 5 Minuten auch vorhanden gewesen. Die Anklagebehörde wendet ein, Ziethen sei unerhört rasfinitt zu Werke gegangen, er habe absichtlich sich so seht beeilt, um sein Alibi beweisen zu können. Ziethen lebte mit seiner Frau in unglücklicher Ehe. Heftige Auftritte waten nicht selten, und er selbst hat angegeben, daß er feine Frau öfters geschlagen hat. Et hatte mit seinem Dienstmädchen früher Liebesverhältnisse gehabt und wat am 25. Oktober gerade von seiner Geliebten in Köln gekommen, die er mit Wissen seiner Frau in jeder Woche regelmäßig besuchte. Auch fanden sich in feinen Briesen an diese Geliebte recht häßliche Bemerkungen über seine Ehefrau.

In ber Untersuchung gegen Ziethen spielte ber damalige Polizei- kommiffar, jetzt in der Provinz Posen lebende Königl. Distrikts­kommissar Gottschalk eine große Rolle. Gegen dessen amtliche Sfeit in dieser Sache hatte nun, um bie Angelegenheit zu einer ichen Prüfung zu bringen, bet bekannte anarchistische Agitator und Schriftsteller Gustav Lanbauet eine Reihe schwerer Angriffe gerichtet, wegen deren er sich am Mittwoch vor Gericht zu ver­antworten haben wird. Landauer hatte schon einmal bie Be­hauptung aufgestellt, daß Gottschalk bie Verurtheilung Ziethens Herbeigesiihrt habe durch Fälschung von zwei wichtigen Beweis­mitteln. Gottschalk hatte damals darauf hingewiesen, daß auf einer Manschette Ziethens Blutflecken befunden seien, bie von einer ganz eigentümlichen Form gewesen seien, sodaß sie sich Ziethen nicht denn Hochheben feiner, blutcnben Fran hätte herbe (ziehen können, sondern bie offenbar Spritzflecke gewesen seien. Landauer behauptet nun unb will es beweisen, daß diese Spritzflecken noch nicht auf der Manschette gewesen seien, als Ziethen verhaftet wurde, unb daß sie überhaupt ferne Blutflecken waren, fonbern rvthe Tinte, und er

(Nachbrnck verboten.)

Dir Dirihrn-Affairr vor Gericht.

8. u. H. Kerim, 20. März.

Vor ber 3. Strafkammer bes Landgerichts! zu Berlin gelangt am Mittwoch der Prozeß gegen ben Schriftsteller Gustav Landauer zur Verhandlung, von dem man vielfach erwartet, daß er ben Anstoß geben wird zu dem seit Langem erstrebten Wiederaufnahme­verfahren in dem Fall Ziethen. Kaum je hat bie weiteste Oeffent- lichkeit an einem Kriminalfall fo lebhaft Antheil genommen, wie an bem Schicksal bes feit mehr als 15 Jahren ini Zuchthause zu Werben a. R. wegen Gattenmordes sitzenden Barbiers Albert Ziethen aus Elberfeld. Es hat sich über diesen Gegenstand eine ganze Litteratur gebildet; in erfter Reihe ist da die bekannte Broschüre von Paul Lindau über benFall Ziethen" zu nennen. Man hat ja sogar schon häufig ben Fall Ziethen als bieDeutsche Dreyfus-Affaire" bezeichnet. Nächst Linba» war es bann ber kürzlich verstorbene Oberstleutnant a. D. v. Egidy, der mit un­ermüdlichem Eifer durch Wort und Schrift für die Unschuld Ziethens unb für bas Wiederaufnahmeverfahren eintrat, das immer wieder von ben Gerichten abgelehnt worben war, trotzdem sogar eine Selbstbezichtigung des zur Zeit der That bei Albert Ziethen in Stellung gewesenen Barbierlehrlings August Wilhelm vorlag. Wilhelm hatte bei der Polizei erklärt, baß er Derjenige sei, ber die Frau des Albert Ziethen ermordet habe, unb baß der im Zuchthaus zu Werden sitzende Albert Ziethen an der Blutthat unschuldig sei. Er hatte angegeben, daß er sich ber Frau Ziethen in Abwesenheit des Mannes in unlauterer Absicht genähert hätte und daß er sie, als er zurückgewiesen war und als sie ihm drohte, dem Meister Mittheilung zu machen, mit einem Hammer niedergeschlagen hätte. Die Behörden hatten aber auf die Selbstbezichtigung des Wilhelm, eines dem Trünke ergebenen Individuums, kein Gewicht gelegt und denselben wieder freigelassen, weil nach ihrer Annahme dessen Zeugniß durch die Verwandten des Ziethen erkauft gewesen sei. Thatsächlich ist ber Bruder des Berurtheilten, der Gastwirth Heinrich Ziethen in Berlin, unablässig bemüht gewesen, seinen seiner Meinung nach unschuldigen 39ruber zu rehabilitiren. Unterstützt wurde er in letzter Zeit lebhaft durch ein in Berlin gufammengetretencs Ziethen-Comitö, dem eine Reihe von Männern aller Stände und politischen Parteien angehört; unter ihnen befinden sich Persönlichkeiten wie Gerhart Hauptmann, Friedrich Spielhagen, Paul Lindau, Robert Schweiget, Heinrich unb Julius Hart, Wilhelm Bölschc, Maxünilian Harden, Professor Dr. Mendel, bie Reichstagsabgeordneten Richard Rösicke, Bröinel, Dr. Pachnicke, Liebknecht unb Singer, bie Privatdozenten Dr. Zastrow unb Dr. Arons, Siegfried Ochs, Dirigent des philharmonischen Chores 2C. In einem von diesem (Somite erlassenen Aufruf heißt es:Es handelt sich im Fall Ziethen um keine Parteisache; dem unterzeichneten Comitö gehören Männer ber verschiedensten Parteien und Berufe an; ihnen handelt es sich um das Recht, das zumindest durch verhängnißvolle Jrrthümer getrübt, und bas Rechtsgefühl, das durch diesen Fall, ber vor einem Wiederaufnahmeverfahren niemals zur Ruhe kommen wird, schwer gekränkt ist."

Zum besseren Verständniß des gegenwärtigen Prozesses seien in Sürge nochmals folgende Vorgänge ins Gebächtniß zurück­gerufen: Der Barbier und Gastwirth Albert Ziethen wurde am 2. Februar 1884 wegen Ermordung feiner Ehefrau vom Schwur­gericht in Elberfeld zum Tode veruttheilt; die Todesstrafe wurde

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