MMener ttagblat
Anzcigeu-PrciS:
Freitag, den 17. März.
Fernsprecher 9?o. 52.
K-. 129
Fernsprecher No. 52.
Morgen«ftusgabe
eines
1899.
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Aus Stadt nud Zand.
Wiesbaden, 17. März.
Verlag: Langgasse 27.
LG,OOO Avottneuten
— Gefchichtsstalrndrr. 17. Marz. 1893: f Jules Ferry. hervorr. franz. Staatsmann (* 5. April 1832). 1871: Kaiser Wilhelms Rückkehr nach Berlin. 1818: Unblutige Revolution in Venedig. 1817: f Graf Anton Apponyi, der Gründer der bekannten Apponyischen Bibliothek zu Preßburg (* 4. Dezember 1751). 1813: Aufruf Friedrich Wilhelms III. „An mein Volk". Verordnung zur Errichtung der Landwehr. 1811: * Karl Gutzkow zu Berlin, deutscher Dichter und Schriftsteller. 180: f Marc Aurel, römischer Kaiser.
— Ans dem Magistrat. Der Magistrat behandelte eine Reihe von Flnchtlrnienplänen. So wurde der Fluchtlinien- plan für die Strecke der Nico las st raße zwischen Goethe- und Ringstraße endgültig fcstaestellt, nachdem während der Offenlegung desselben kein Einspruch erhoben wurde. — Bezüglich des Fluchtlinienplanes für die Erbreiterung der Schützenstraße wurde beschlossen, die gemachten Einwendungen, soweit sie nicht durch direkte Unterhandlungen mit den Interessenten erledigt werden können, dem Bezirksausschuß zur Entscheidung vor- zulcgcn. — Der von der Fluchtlinien-Devutation empfohlene neue Entwurf zu einem Bebauungsplan des den zukünftigen neuen Bahnhof umgebenden Geländes wurde als Grundlage zu weiteren Verhandlungen mit der König!. Eiscnbahndirektion angenommen. — Der Entwurf eines Fluchtlinienplanes für die Umgebung der im südwestlichen Stadttheile zu errichtenden neuen Schule wurde genehmigt vorbehaltlich der Zustimmungder Stadtvcrordncten- Versammlung.
— Wiesbadrrrer $ Sitte. Die Frequenz hat, so schreibt die Zeitschrift des deutsch-österreichischen Alpen-Vereins, bedeutend zugenommen, wie überhaupt diese so außerordentlich günstig gelegene Hütte ein ganz neues Leben in das herrliche Gebiet des Fermunt- Sletschers gebracht hat. Von der Hütte aus ist die Hauptspitze ihrer imgcbungs der Piz Buin, von über 100 Personen bestiegen worden. Die Bewirthschaftnng der Hütte gebt in diesem Jahre auf den in den ganzen Alpen bewanderten Führer Ignaz Lorenz aus Galtür über, der die Hütte während des Sommers mit seiner Tochter dauernd bewohnen wird, wodurch der große Vorthcil erwächst, einen tüchtigen Führer mit Rath und That stets ans der Hütte zu wissen. Da derselbe die Bcdürfniffe der Bergsteiger in ausgedehntestem
DieFeier des 18.Miirz1848 imKLluerDorrr.
Der Eindruck, den der 18. März 1848 in ganz Deutschland machte, geht am besten ans der Schilderung einer Todtenfeicr hervor, bte zu Ehren der Märzgefallenen im Kölner Dom veranstaltet wurde und die die „Kölnische Zeitung" in ihrer Nummer vom 30. März 1848 beschreibt. Zur allgemeinen Erbauung druckt der „Vorwärts diesen Bericht ab, der jetzt durch die Angelegenheit bctr. des Friedhofs der Märzgefallenen wieder aktuell geworden. Er lautet:
Die Todtenfeler im Dom zu Köln.
Die einspaltige Petitzeilr für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg-, für Auswärts 75 Pfg.
I „Gestern (29. März) um 10 Uhr Morgens begannen die Glocken von unseren Thürmen ihre dumpfen Klänge niederzusenden; •8 war das Zeichen zur Todtenfeicr für unsere Berliner Brüder. Bald erfüllten Tausende die weiten Räume des Domes, dessen Chor der ernsten Feier würdig ausgeschmückt war. Der Hoch- iltar, von oben herunter mit breiten Trauerfloren überspannt and mit wehenden Cypressen besetzt, schimmerte im reichen Kcrzcn- zlanze; die Wände des Hochchors waren mit schwarzem Tuche ausgcschlagen, worauf die deutschen Fahnen, in jedem Felde kreuz- rvcise aufgezogen, als Einschuß der umkränzten Bürgerkronen dienten. Inmitten des herrlichen Chores erhob sich ein großartiger Katafalk, dessen schwarz und weiße Trauerfarben durch die zierlich angebrachten grünen Kränze und Festons, sowie durch Cypressen und Palmenoäume einen finnrcichen Schmuck erhielten, wahrend an den Ecken vier bronzene Kandelaber die Trauerkerzen aufnahmen. Oben auf der Mitte des Katafalks prangte zwischen den deutschen Flaggen eine schöne mit Immortellen und Eichenlaub bekränzte Bürgerkrone, so wie an beiden Enden zwei Soldatenhclme ruhten. — Der Herr Erzbischof, die Herren Stadtkommandanten und viele Stabsoffiziere, die Mitglieder mehrerer Behörden, des Gemeinderaths und die gesammte Bürgergarde nahmen an der erhebenden Trauer Theil. Eine Ehrenwache aus der Mitte der letzteren umstand, mit Trauerflor geschmückt, den Katafalk; eine andere Abtheiluna derselben war der Aufrechterhaltung der Ordnung überlassen. Der Stadtoechant Herr Domkapitular vr. Filz celebrirtc das Todtenamt, die Trauerrede hielt Herr Domkapitular Dr. Broix. Die ergreifenden Klänge des Mozartschen Requiem erhöhten die ftierliche Stimmung der Versammlung.
Wir haben damit eine ernste, heilige Pflicht erfüllt. Wir konnten die edlen Tobten nicht zu Grabe geleiten, die für die Freiheit des Vaterlandes starben, wir konnten ihre Schläfen nickt mit Lorbeern schmücken; so haben wir ihnen denn aus der Ferne und an heiliger Stätte einen letzten Scheidegruß hinabgeworfen in die stille Gruft, wo ihre blutigen Leichnamen ruhen.
Ja, eine Stunde ernster Erinnerung haben wir erlebt. Als die Glocken von unserem hohen Dome herab so feierlich erklangen, als dann ringsum von allen Thürmen ein trauerndes Echo reicher« hallte in die Ferne, da traten die Bilder der Vergangenheit uns var die Seele.
Wir gedachten jener mond- itnb sternenhellen Nacht, reo tue Straßen unserer Kapitale zu einem Schlachtfelde wurden. Blitzschnell stiegen die Barrikaden aus dem Boden empor, hinter ihnen die todesmuthigen Streiter des Volkes, jenseits in Waffen die kunstgeübten Krieger, und dazwischen das Knallen der Gewehre, das Donnern der Kanonen, das Wimmern der Sturmglocken von den Thürmen herab, dazu der Himmel vom Brande «eröthet.
Und sodann gedachten wir jener feierlichen Stunde, in welcher Berlin feine Tobten zu Grabe trug. Rein, sagen wir mcht Berlin I Es war ein Volk, das an diesem Grabe stand. Es war ein Könia, der sein Haupt entblößte vor diesen Leichen. Stumm, in feierlicher Stille zogen diese Tausende hinaus zu jener Ruhestätte für die Gefallenen. Und an dieser Stätte wird sich ein Denkmal erheben, welchesderNachweltsagt, daßhier nicht nur ein Kirchhof, daß hier ein !”*“
Gewiß, es ist ein großartiges Schauspiel,
Volkes! Sie ist doch etwas Anderes, als jene offizielle Trauer, die auf ein Kommandowort von oben angelegt wird. Sie gicbt
«. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. «Ö Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Maße kennt, so hofft die Sektion Wiesbaden, daß diese Einrichtung der Hütte Allen, die ihre Schwelle betreten, zum Vortheil gereiche» wird. Nene Wcgeanlagen sind ausgeführt: 1. von der Hütte m südlicher Richtung über die Moräne bis zum Gletscher; 2. in östlicher Richtung bis zum Gletscher, ein Weg, der nach der Ochsen- furkel und somit zur Jamthalhütte führt; 3. ein Weg, welcher etwa 20 Minuten unterhalb der Hütte vom Fußweg abzweigt und auf die Spitze des Hohen Rades führt; 4. ein Weg durch die Felsen unterhalb des Sattels beim Aufstieg.
— Das Meisierscho Heim fiir stellen- «nd mittellose Mädchen, Schwalbacherstraße 65, hatte am 15. März ein Jahr bestanden. Geißer ist mehr als zwei Jahrzehnte Diakon und hat seine Arbeit in einer Reihe von Großstädten betrieben und dabet reiche Erfahrungen gesammelt. Der leitende Grundsatz für ihn war: „Bewahren ist leichter als retten“. Den fremden, nach hier kommenden, Dienst suchenden und den stelleulosen Mädchen soll Anschluß an die Familie und billigst Kost und Logis dargcboten werdet!. Die gute Beobachtungsgabe der Heiminhaber ist Garantie bafilf, daß keine räudigen Schafe sich cinschleichen. Nur ordentlichö, brauchbare und zuverlässige Dienboten werden gegen geringe, aber feststehende Vergütung an das Heim nachgewiesen. Der Erfolg ist denn auch nicht ausgeblieben. Im ersten Jahre des Bestehens des Heims waren über 1200 Stellenangebote (Herrschaften) unp 700 Stellengesuche (Dienstboten) eingetragen. Das Heim ist nutb mehr zur Ausnahme von 12 Mädchen gleichzeitig eingerichtet. Sämmtliche Schulden sind bereits im ersten Bctriebsjahre nach und nach bis auf 200 Mk. abbezahlt worden. Der Hausvater hofft, daß es ihm gelingen werde, das Haus künftig möglichst ohne weitere Beiträge von Freunden der Sache, die in dankenS- werther Weise in dem abgelaufenen Jahre gespendet wurden, zu erhalten. Nach den bisherigen Erfolgen ist das auch wohl anzunehmen.
d. Cigaretten. „Um Gottes willen, das Kind!“ schrie gestern Nachmittag eine Frau und stürzte auf einen etwa 13-jährigen kleinen Kerl zu, der sich krampfhaft an das Geländer eines Vorgartens in der Westendstraße Hämmerte und mit vornüber geneigtem Kopf dastand, als wolle er jeden Augenblick ohnmächtig hinfallen. „Was ist Dir denn, Liebcrchen?" fragte sie den Knaben und suchte ihm in das ihr abgewandte Geficht zu sehen. Der Junge sträubte sich eine Zeit lang heftig, endlich aber gelang cS der Frau doch, ihn hcrumzureißen. Ein kreideweißes Gesicht. Natürlich, das Kind ist krank! Influenza vielleicht —, die kommt ja so plötzlich über ihre Opfer, vielleicht auch etwas Schlimmeres. Ein paar andere Buben standen in der Nähe und kicherten. Dabei hielten sie mit Konsequenz eine Hand hinter dem Rücken. „Dimmte Buben, was ist da zu lachen. Kommt lieber her und helft den armen Bub Heimthun, damit er ins Bett kommt!“ schalt die mitleidige Alte. Die Jungen rührten sich nicht und lachten noch mehr. Da faßte die Frau den Patienten selbst tapfer an, und indem ste ihn nach Namen und Wohnung fragte, sucht sic ihn davonzuschleppen. Plötzlich ein paar Rucke in dem schmächtigen Körper und etwa-, das nur bei verdorbenem Magen sich einzustellen pflegt, ergoß sich aus dem Mund des Kleinen über die saubere Schürze des Weibes. „Laßt mich los, jetzt ist mir's wieder besser, erklärte nun der Kranke und befreite sich gleichzeitig au» den Armen der ihre beschmutzte Schürze bedauernd anschauenden Frau. Wirklich rötheten sich auch seine Wangen wieder. „Er hat geraucht und da ist's ihm schlecht geworden,“ riefen seine Kaulcradest und wie auf Kommando steckte jeder eine noch brennende Cigarette in den Mund und marschirten an her verblüfft dastehenden Alten vorüber. Der Sünder aber, dem's immer noch ein wenig wackelig urn's Herz zu fein schien, mußte sauber eine Ohrfeige von der guten Frau einstecken. Und er that's ohne zu mucksen.
o. grrtttt». Gestern gegen Abend brannte das andern Bierstadt- Rambacher Weg, oberhalb des „Liudcnthaler Hofes“, bclegene große Ginsterfeld. Das Feuer, das von Stromern oder bösen Bube« gelegt worden war, wurde von dem Gendarmen Jansen und £)rt& diener Kiamer von Bierstadt bcmertt. Nach harter Arbeit gelang es beiden, das verheerende Element von dem angrenzenden Wald abznhaltcn und zu unterdrücken.
o. Nrrgeden wurden von der städtischen Baudevutation 1. die Gestellung des Taglohnfnhrwerks für das Stadtbauamt, und zwar a) für Straßenreinigung an die Herren F. Ruppert,
uns noch heute Zeugniß davon, daß noch ein deutsches Volk lebt, das einig rst in Freud und Leid. , ,
Ja, erinnern wir hier, an den Ufern des Rheines, tn dem Angesicht des deutschen Domes, in dieser ernsten Stunde an eine der herrlichsten Trophäen, welche in jener langen TodeSnacht hinter den Barrikaden von Berlin, auf einem zweiten Leipziger Schlachtfelde, erkämpft worden sind. Nicht allein der Absoluttsnms, nicht allein das Militär-Regiment ist zu Boden geschmettert worden in jener Nacht: auch die künstliche Zwietracht zwischen den Stämmen unseres Volkes ist besiegt. Zwischen den Stämmen am Rhein und der Ostsee giebt cs keinen Mißklang mehr. Von den Preußen- namen ist ein Schatten genommen, der am Rhein über ihm ruhte. Nach langer Entfremdung reichen wir dem Volke an der Ostsee die Bruderhand hinüber. Die schwarz-roth-goldene Fahne über dem Grabe der Gefallenen wird das Zeichen des Sieges fein.
Und so mögen sie denn in Frieden ruhen in ihrer Gruft! Aber ruhen möge ihr Name, möge das Andenken ihres Todes nicht! Nein, der Gedanke an die Barrikadenkämpfer wird fortleben bis zu kommenden Geschlechtern: er wird, eine ernste Mahnung, um die Throne, um die Völker schweben!“--
Aehnliche Todtenfeiern, so fügt der „Vorwärts" hinzu, wurden in zahlreichen Kirchen des katholilchen Rheinlandes veranstaltet. in welchen in gleicher Weise der Opfer der Revolution gedacht und sie verherrlicht wurden. Und wie aus dem abgedruckten Bericht zu ersehen, nahm an der Feier zu Ehren der Märzgefallenen nicht nur die gesammte katholische Geistlichkeit bis in ihre höchsten Spitzen Theil, sondern auch — es ist schrecklich zu sagen, die Spitzen der Militärbeho rden, das heißt die vornehmsten Stützen jenes Systems, gegen das sich die Revolution richtete, wie das auch der geistliche Redner im Kölner Dom ohne Scheu aussprach.
« ‘IuhaLhi« für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzcigett zur
•(AliniUjW» nächsterscheineilden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Königliche Schauspiele.
Roth. Uslenskys, des Prinzipals, Frau ist vor Kurzem mit einem Mädchen niedergekommen, das der Taufe harrt —, Konrads Ver-
Mittwoch, den 15. März, zum ersten Mal: „Hans Mnrst".
Schauspiel in 4 Aufzügen von Heinrich Lee. Regie: Herr Köchy.
Heinrich Lee, recte Landsberger, hat sich bereits mit feiner gleichfalls historischen Komödie „Der Schlagbaum“ im hiesigen Residenz-Theater eingeführt. Das Werk hat sich nicht auf dem Spielplan erhalten. „Hans Wurst“ dürfte ein längeres Leben finden. Das Schauspiel ist eine Apocheose der Schauspielkunst in historischer Einkleidung, schlecht und gerecht nach altbewährtem Rezept gemacht, mit einem sehr wirksamen 3. Att und einem über- fiusfigen 4. Akt — ein Stück dramatischer Kulturgeschichte. Es fridt zu Ende des 17. Jahrhunderts, da die Komödianten noch zu den unehrlichen Leuten gehörten, zum fahrenden Volk, an dem man sich zwar gern ergötzte, aber hinterher ein Kreuz schlug. Ob es gerade nothwendig ist, heute noch eine Ehrenrettung der Bühne zu unternehmen, will ich dahingestellt sein laffen, wenn ich auch ststiglich und inniglich überzeugt bin, daß sowohl die dramatische Litteratur wie die Schauspielkunst noch einen großen Entwickclungs- wcg vor sich haben, ehe sie ihrem Wesen vollständig gerecht erfunden werden könnten.
Die wandernde Komöbiantenbande de» Mathias Uslensky hat ihre Bretter auf bem Rathhause in Berlin aufgeschlagen, dem- ftlbcn Berlin, wo der geniale, hochherzige und oft wunderliche
Eberhard Freiherr v. Dankelmann birigirenber Minister von
ßurbranbenburg und der Konfistorialrath waren.
pietisttsche Philipp Jakob Spener Ober- Der Bruder Uslenskys, Konrad, der
Hanswurst der Bande,
liebt und wird
gdiebt von der Nichte des
Hofschusters und MtmeisterS
der Innung, dem hochangesehenen, be
schränkten, aber umso eingebildeteren
der Alle» um seine
daran setzt, die Komödianten Nichte — die von Konrad
«eint.
von der Schande zu retten.
Joachim Quast. Er ist es, aus Berlin hinauszubringen, nicht laffen will —, reie er Die Bande befindet sich in
hältniß zu Anna droht diese Noth noch zu vergrößern —, er soll entsagen, um die Anderen zu retten. Aber Konrad, der Hanswurst, ist der Einzige, der eine Ahnung von der hohen Aufgabe der Schauspielkunst hat —, die Liebe hat ihn znrn Bewußtsein gebracht. Je mehr Anna in ihn bringt, um ihretwillen seinen von allen Menschen verachteten Beruf aufzugeben, desto unwiderstehlicher fühlt er sich zu ihm hin- gezogen, desto klarer wird ihm feine höhere Aufgabe. Die sich daraus ergebenden Konflikte und deren Lösung, die einesthcils durch Annas Energie, wie durch Konrads in bet Liebe zu Anna immer überzeugendere wachsende Kraft herbeigeführt wird, bilden den Mtttelpunkt der Handlung. Dankelmann und seine Frau Marie Eleonore find die Hebel, die dadurch in Bereegung gesetzt werden, um schließlich Alles zum guten Ende zu leiten.
Künstler-Dramen haben immer etwas Mißliches — es ist fast unmöglich, uns an die Größe und Bedeutung eines Dichters ober Denkers glauben zu machen — und das wäre doch schließlich noth- wenbig, wenn wir für seine Handlungen einen Maßstab und damit erhöhte Theilnahme für ihn gewinnen sollen. Daß die Schauspielkunst die überzeugendste ist, baS hat uns H. Lee auch in seinem „HanS Wurst“ bewiesen. In bem bereits erwähnten 3. Akt, wo Konrab, ber HanS Wurst, bei her Vorstellung im Rathhaus hinaustritt und von seinem Herzen wälzt, was tief im Innersten lebendig geworden, wenn er unter Sprüngen und derben Scherzen das Herz erbeben, die Thräne in unserem Äug' erglühen macht, in dem wir sehen, wie er durch die Darstellung seines eigenen Leids die Herzen seiner Widersacher gewinnt, da wirb uns bie «inigenbe Gewalt der Schauspielkunst überzeugend klar. Die Wirkung dieser Scene, die an btn Schauspieler die höchsten Anforderungen stellt, war daher auch am heutigen Abend eine vollkommene, nicht zum Mindesten durch die höchst anerkennenSwetthe künstlerische Leistung de»
Herrn Radius — wie denn bie Aufführung im Ganzen eine vorzügliche war. Die Jnscenirnng be-3 Stückes bnrch Herrn Köchy verdient bas höchste Lob — sowohl der langweilige 2. Akt wurde durch bie stimmungsvolle Wiedergabe erträglicher, wie der prächtige 3. Akt durch bie lebendigen Volksscenen und die bis zum Schluß fest- gehaltene künstlerische Steigerung erheblich an Wirkung gewarnt. Auch bie dekorative unb kostiiinliche Einrichtung stand auf der gewohnten Höhe.
Die historischen Persönlichkeiten Dankelmann, seine Fra» Eleonore und ber Oberkonsistorialrath Spener nehmen wenig für sich in Anspruch — sie find sehr zahm unb enthalten sich aller aktuellen Rebensarten, wozu bie Begegnung DankelmanuS mit Spener — Herr Rudolph — sehr dankensreerthe Gelegenheit geboten hätte. Es klingt Alles sehr friedlich und versöhnend aus, besonders Dankelmanns Schlußrede, in ber er bem Oberkonsistorialrath bie Liebe als Leitmotiv empfiehlt unb der Bühncnknnst eine freie Stätte in ßurbranbenburg sichert. Die Figur Dankelmann- ist von anbcren Bühnenschriststellern schon glücklicher behandelt worben als von H. Lee.
Von ben Darstellern sind noch mit befonbtrer Anerkennung zu neunen: Herr Leffler als Dankelmann, ber in dieser Rolle wieder zeigte, daß er nicht nur für bie Leidenschaft, sondern auch für fein# diskrete Charakteristik die Töne zu finden versteht; HerrSchreiner als Hofschuster Joachim Quast — der in Spiel unb Maske vorzüglich war; — Fräulein Willig setzte für die verblaßte Rolle der Eleonore ihre schönen Mittel ein unb Fräulein Scholz al» Frendine, wie Fräulein Santen als Emerenz blieben ihren Rollest nichts fchulbig. Um gerecht zu sein, müßte ich ebenso alle „Mitglieder der Baude“ wie bie gejammten Bürger und die ganze höhere Gesellschaft nennen — sie seien hiermit, der Kürze wegen, in da» Gesammtlob ausdrücklich eingeschloffen. Es war ein angenehmer Abend. „Hans Wurst“ dürste nicht nur für die Kgl. preußischen Hosthcater zu empfehlen sein. F. v—r.
