iksbadener Sagblatt
«s. Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27.
16,000 Abonnenten.
Ito. H4
Mittwoch, den 8. März.
Fernsprecher No. 52.
1899
Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
Sonder-Beilage zum Wiesbadener Tagblatt No. ns.
Stott jeder besonderen Anzeige.
! 1
Wiesbaden, den 7. März (899.
€. Schellenberg'sche k^of-Nuchdrnekerei.
v / *.. v v u * * m w • • w < qvw । • , v * w». M.mümm
ijle&en zurückziehen werde, um als Premier ihm die ! nur solche Beschlüsse 'gültig
Von A. Brnnneman».
j
gegenwärtig in den Händen Szells Rücksicht auf die Dissidenten Graf 5 während andererseits verlautet, daß ■ den Grafen Albert Apponyi reservirt f'! Mehr, daß der Führer der gewest vorziehen werde, für seinen Eintritt Zeitpunkt zu erwarten, da Koloman l.
»Sie werden mit einer höheren Moral konimen, mit reinem schlichtem Herzen, und als Sieger werden sie wahrhaft und aufrichtig brüderlich sein. Der alte Occident kann gegen solche großherzige Eindringlinge nicht mehr die Erbitterung des Besiegten bewahren, und die Eroberung wird vollkommen sein, da der Eroberer, sobald er die Flinte niedergelegt hat, das Brod mit dem Feinde von gestern theilt. Er wird die Herzensgüte des Muschick lernen, aber seine hohe Kultur werden dann jene dürftigen Kunstbegriffe ersticken, die der größte Muschick, der Prediger der Menschenliebe, heute verkündet." Tolstoi, eine der größten Seelen dieses Jahrhunderts, der mit imponirender Macht die wahrhaft christliche Idee in sich verkörpert, erneuert mit einer höheren Moral den Fanatismus Savonarolas. Im Namen des Gekreuzigten kommt er, die Civilisation aufzuhalten, um sie nach seinen Begriffen zu läutern. Ein Citat aus seiner Broschüre und man weiß genug von diesen Anathemcn über die Kunst: „Nur Dank der Kritiker, die heute die groben und oft unsinnigen Erzeugniffe der alten Griechen loben: Sophokles, Euripides, Eschylos, Aristophanes besonders; ferner an den späteren: Dante, Taffo, Milton, Shakespeare; in der Malerei: Raphael und den ganzen Michel-Angelo, darunter selbst sein absurdes „Jüngstes Gericht"; in der Musik: Bach und Beethoven, ihre letzten Werke mit eingerechnet; dank dieser Kritiker, sage ich, sind heute die Ibsen, Maeterlinck, Verlaine, Mallarme, Puvis de Chavannes, Klinger, Böcklin, Stuck, Schneider, Wagner, Liszt, Bcrlioz, Brahms, Richard Strauß und die ungeheure Masse von Nachahmern in allen Künsten möglich geworden! Wir müssen zugeben, daß unter allen Romanen, Erzählungen, Dramen, Komödien, Bildern, Bildwerken,Sinfonieen,Opern,Operrtten, Balletten rc., kurz allem, was heute unter Kunst verstanden wird, auf Hunderttausend kaum ein Kunstwerk kommt. Was aus einem wahrhaft vom Künstler empfundenen Gefühl hervorgegangen ist; gewöhnlich sind es nur künstlich fabrizirte Erzeugnisse, Nachahmungen,Entlehnungen, Schmuckwerk; Effekt und äußerer
Heinrich Krane und Fran
Franziska, geb. Laux.
Reiz ersetzen das Gefühl, die künstlerische Schöpfungskrast. Nach solcher Massenverdammung können wie uns die Einzelheiten ersparen. Tolstoi entzieht der Kunst den Begriff Schönheit. Das Wort schön soll in der Sprache Peters deS Großen garnicht existiren. Der drohende Untergang der Schönheit beängstigt zunächst den Lateiner und Idealisten. „Was ist die Kunst", ruft er aus, „wenn wir ihr den Be- griffdcr Schönheit entziehen?" Denn die einzige Freude an ihr besteht darin, daß sie eine momentaneErhebungdes Individuums veranlaßt. Sie lädt die Seele ein, eine höhere Anschauung von einer höheren Welt zu gewinnen; aber diese Anschauung sinder nur durch eine Offenbarung statt, die man Schönheit nennt. Für Tolstoi sind das Schöne, Wahre, Gute Worte ohne Sinn; er sieht einen dreifachen Widerspruch in dem, was eine dreifache Harmonie sein sollte: „das Schöne ist das fühlbare Wahre, das Wahre ist das faßbare Schöne, das Gute ist das Schöne und Wahre verwirklicht."--
„Die Kunst stellt ein Mittel der Vereinigung zwischen allen Menschen her", sagt Tolstoi — „Nein", sträubt sich der Czar: „für den Muschick genügt der Pope, der gebildete Russe aber braucht Parsifal! Die Kunst ist der letzte Funke des heiligen Geistes, der in den Vcrfallzeitcn fortleuchtet, wenn der mystische Herd schon erloschen ist, und der gute Kosake will ihn zertreten."
Weiter fordert Tolstoi, daß die Kunst die materiellen Bedürfnisse der Menschheit schildere und den physischen Schmerz nicht ausschließe; er will auch keine Helden, sondern Menschen von heute sehen.
Als Antwort darauf entwickelt nun sein Gegner, selbst ein „aristocrate cerebrale“, die Anschauungen einer aus Gelehrten, Schriftstellern undKünstlern gebildeten „aristocratie ceröbrale“ Frankreichs, die vor Allem Feind des Naturalismus und Feind des Säbelgerassels ist. Vor etwa 10 Jahren wäre unter der Herrschaft des Naturalismus eine offene Kundgebung solcher Anschauungen undenkbar gewesen. — So sagt er unter Anderem; „Die Kunst verabscheut daS
, Kürzlich ist ein seltsames Buch in Frankreich erschienen, «me Erwiderung auf Tolstois bekannte Auslassungen über Kunst aus der Feder Sür Peladans, mystischen Schrift- g ^u-rs und Förderers der symbolisch-mystischen Kunst in Frankreich. Nicht allein die fesselnden, anregenden Wider- Mdngen Psladans machen das unter dem Titel: „La ttatcadence .estbetigus" erschienene Buch so interessant; der Deutsche findet weit mehr darin: den verzweifelten Kampf - des Franzosen, des Romanen gegen das Eindringen nordischer und östlicher Elemente und die gewaltige Reaktion des Realismus gegen die so machtvollen naturalistischen Thaten Stimmen. Pe'ladan legt in seinem Buch die An- x_.Ichauungsweise einer ganz bestimmten geistigen Elite Frankreichs nieder, die mit Schrecken den durch äußere und fc; F«e Ursachen herbeigeführten ästhetischen Verfall ihres W erkennt.
BE... .pr sowohl als sein Gegner Tolstoi betreten die spiri- !- jMiche Richtung, doch, welche Kontraste: Der Eine erwartet 7'- H«l von der naiven Herzensgüte, auch des Beschränk- - ^Uen, der Andere von der durch Kunst und Wissenschaft ^MKauterten und verfeinerten Menschheit. Beide find Fana- urer doch der Eine ein Demokrat, der Andere ein Aristokrat;
k ^ bezeichnen die entgegengesetzten Pole, um die die slavische °nd dre lateinische Rasse kreisen. Die herbeigesehnte Ver-
- vuibung dieser Völker erklärt Peladan mit seltener Auf- M^ilgkeil als ,,Niaiserie rdpublicaine“, nur auf beiderseitige Materielle Interessen gegründet; er sieht vielmehr dem Auf- । "Ren des slavischen Volksstammes mit Bangen entgegen. - ßP ber wachsenden Macht dieser Millionen von gläubigen I vasten des Ostens liegt nach ihm das Verhängniß der »««reiner, der Untergang der ganzen lateinischen Kultur.
■jjjtr--------------------------—-------------------------------------------------
-SUtitnhtttt ffe«y* *dlusgavc bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr Nachmittags, c** : ■»' * nachsterjcheinendcn Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
■fc- (Nachdruck verboten.)
Sie ästhetische Dekaden; in Frankreich.
Wigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt"^
Zügel der Regierung zu übergeben. Und superkluge Politiker, welche das Gras wachsen hören, wollen sogar wissen, daß auch Graf Stefan Tisza, der Sohn Koloman v. Tiszas, als Ackerbauminister in das derart rekonstruirte Kabinett Apponyi gelangen werde, damit die Versöhnung mit den Tiszas den Frieden vollkommen mache. Aber Viele unter ihnen, die Tiszas selbst und die machtvolle Persönlichkeit Desider SzilagyiS, sehen diesen Projekten voller Mißtrauen entgegen, und Szilagyi sagte gestern bereits im liberalen Klub Jedem, der cs hören wollte, ganz offen, daß er dem neuen „Gottes- friedcn" nicht über dem Zaun traue. Dieses Mißtrauen wurzelt jedoch nicht allein im Persönlichen, dieses Unbehagen,
Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 9. März, Nachmittag« 5 Uhr, von der Leicheuballe des alten Friedbofs aus, statt. Die feierlichen Srequieti werden am Freitag, Vormittags 9‘, Uhr, in der katbolsschen Pfarrkirche, Luisenstraße, adgehalten.
im noch nicht vollendeten (6. Lebensjahre.
Unfern Freunden und Bekannten widmen wir schmerzgebeugt diese Trauernachricht.
ViUty g ± ucmjuiuiyc I iUUHUClVS UUU vycwcivi» UHV uuyut vmwt
letcn, welche zur Wahrung der 1 (freis. Volksp.) mit einem Unterantragc Gamp (frei-kons.) an, worin
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Psg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Das Kabinett S;eU nnd die Fufion.
Kodaprst, 6. März.
So ist denn die Fusion, die seit Jahr und Tag in Ungarn umgegangen, endlich Fleisch und Blut geworden. Sie war die erste Regierungsthat des neuen Kabinetts Szell, und die liberale Partei ist über Nacht numerisch so groß geworden, wie sie es noch niemals gewesen, selbst zu "eiten Tiszas nicht. Aeußerlich herrscht nunmehr auch über len Wipfeln Ruh'. Die Harmonie sch “ ’ ’ ——
it nun auch die Nationalvartei in de ichooß der liberalen Partei eins
| dennoch, im Innern dieser riesigen P> aufmerksamen Beobachter eine leise < _________
als der erste Keim der später naturge.
Bewegung zu betrachten ist. Was ist haßtes Ministerium ist gestürzt und ein Szell hat das Kabinett Banffy abgel fc Kabinett Szell spielt sich als par auf und beginnt mit der Versck auf der 67er Basis stehenden Parteie Partei blieb dem Spiele vorläufig fer Partei folgte der Einladung. Die nationale Forderungen, wie die uugaris das ungarische Kommando, die Krein k. Honved-Artillerie, das trikolore Offizi
Programm SzellS absolut keinen Platz das gegenwärtige Kabinett Szell gilt Kabinett, von Herrn v. Szell se er in Bälde — in einem Jahre etwa gleich durchgeführt, zu den Fleischtöpf
Mdenten-Stellen, deren Gehälter ihm
M dieses Jahr reservirt blieben, zurückkk
ist dem Macht-Hunger der gewesenen sie verkündet, daß fie ihrem Ziele (lick nahe sei, und fnstonirt. Und schon, Minister recht Platz nehmen grfo: die ersten Meldungen auf: Ferdin/
L Präsident der selig verblichenen >
| fe Kürze Herrn v. Lnkacs, dem das ■
Punktationen nicht verzeihen können, ablösen, sein Freund Herr v. Hodossh des Justizministeriums aus den Hä.
. Ploß übernehmen. Für das Ministe W
gemeinsamen Interessen der Gläubiger gefaßt seien. — Abg. Schrader (freis. Ser.) hält in Bezug auf die Ausdehnung des Gesetzes einige Aenderungen für angezeigt und heißt dasselbe im Uebrigen willkommen. — Aba. Lenzmann (freis. Ver.) hält das Gesetz eigentlich für überflüssig und wegen der Bindung der Minorität durch Majoritätsbeschlüsse für bedenklich. Es sei ja möglich, daß sich aus dem Entwurf etwas Gutes herausschälen lasse, aber vollkommen sei er keinesfalls. — Abg. Beckh (freis. Volksp.) ist im Gegensatz zum Vorredner der Ansicht, daß das Gesetz einem längst vorliegenden Bediirfniß entspreche. Hierauf geht der Gesetzentwurf an eine Kommission. — Es folgt die erste Lesung des Entwurfs eines Hypotheken- Bankgesetzes. Staatssekretär Rieb erd ing betont das Bc- dürfniß für ein solches Gesetz und empfiehlt dasselbe mit warmen Worten. — Abg. Rettich (konf.) erklärt, seine Freunde seien mit hm (Srnnhiünen und an* mit Den wesentlichen Bestimmungen der
Freitag, den 5. Ularj, verschied sanft in Arosa, woselbst sie zu ihrer Erholung weilte, unser gutes, heißgeliebtes Aind
Krcrne
SUrzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeilr für locale Anzeige»
15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Psg., für Auswärts 75 Pfg.
— Für die Aufnahme später eiligereichter Anzeigen zur
