4». Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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Uo. 93.
Freitag, den 24. Februar.
1899.
Fernsprecher No. 52.
Fernsprecher No. 52.
Morgen-Ausgabe.
Iür öen Monat März auf das „Wiesbadener Tagblatt" zu abonniren, findet sich Gelegenheit im Verlag kanggaffe 27, bei de» Ausgabestellen, den Zweig-Lrxeditionen in den Nachbarorten und fäinmtlichen dentfchen Reichsxostanstalten.
Ans Stadt «nd Fand.
Wiesbaden, 24. Februar.
— GeschichtsKalrnder. 24. Februar. 1858: *Chr.Schrempf tu Besigheim, Redakt. in Stuttgart, Mitgl. d. N. (K.). 1851: • M. Lurz zu Hcrrnmühle, Hauptzollamtsverwalter in Fürth, Mitgl. d. R. (®.J. 1848: Revolution in Paris. 1834: f Alois Senefeldcr zu München, Erfinder des Steindrucks. 1834: * Julius Kollmann zu Holzheim in Schwaben, Prof, in Basel, herv. Anatom. 1831: * Georg Graf v. Caprivi zu Charlottenbura, ehemaliger Reichskanzler, t. 1829: * Friedrich Spielhagen zu Magdeburg, bek. Romanschriftsteller. 1809: * Generalfeldmarschall Edwin Freiherr o. Manteuffel zu Dresden. 1799: f Georg Lichtenberg zu Göttingen, ausgezeichneter deutscher Satyriker und bedeutender Physiker (* 1. Juli 1742 zu Oberramstädt in Hessen). 1548: Belehnung des Kurfürsten Moritz v. Sachsen zu Augsburg mit den Ernestinischen Erblanden. 1545: * Johann von Oesterreich zu Regensburg, der Sieger in der Seeschlacht von Üepanto (f 1. Oktober 1578). 1530: Kaiserkrönung Karls V. zu Bologna, Die letzte Kaiserkronung durch den Papst. 1525: Sieg Kaiser Karls V. über Franz I. von Frankreich bei Pavia. 1500: * Karl V., römisch-deutscher Kaiser, zu Gent (f 21. September 1558). 1496: t Eberhard im Bart, erster Herzog von Württemberg, zu Tübingen. 1468: f Johann Gutenberg. Erfinder der Buchdrnckerkunst. 1389: Schlacht bei Falköping, Niederlage Albrechts, König von Schweden, Herzog von Mecklenburg.
— Prrlonal-Pachiichtrn. Als Nachfolger des mit dem 1. Januar in den Ruhestand getretenen Lehrers Herrn Kray zu Bärstadt bei Schlangenbad würbe Herr Lehrer Schreck, seither m Dickschicd bei Langenschwalbach, nach Bärstadt versetzt. — Den Gemeinde-Einnehmern Koch in Rennertshausen und Muth in Buchenau ist das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden.
— Ans dem Magistrat. Die Lieferung vontzafer und Stroh für die Pferde der hier stationirten Gendarmen für das laufende Jahr wurde dem Mindestfordernden, Herrn Leop. Marx, übertragen. — Ein Gesuch des Herrn Architekten Friedrich Lang um Ertheiluna der Konzession zur Anlage einer Kleinbahn von dem künftigen Hauvtbahnhof nach Biebrich wurde der Bau- deputation zwecks Prüfung und Berichterstattung überwiesen. — Der Magistrat hat dem Vorschlag der Polizeidirektion zugcstimmt, §72 der Polizeiverordnung vom 1. August 1889, der die Errichtung von Schweineställen in bestimmten Straßen untersagt, auch auf folgende Straßen auszudehnen: Wllhelminen-, Echo-, Franz-Abt-, Weil-, Emser-, Walkmühl-, Schützen-, Bachmcyer-, Philipvsberg-, Querfeldstraße, BiSmarck-Ring und das zwischen Dotzheimcr- und Rheinstraße gelegene Terrain des Kaiser Friedrich- RingS, der Wörth- und Karlstratze.
— Wlrsbadrnrr Knnstsäle. Als Ersatz für die in voriger Woche ausgebliebene Kollektion Aller» ist von heute ab der künstlerische Nachlaß des im letzten Winter verstorbenen Malers Benjamin Bautier zur Ausstellung gekommen.
— Zur Invalidität»- «nd Altrrsvrrstcherung. Der Vorstand der hiesigen Gemeinsamen Ortskrankenkasse versendet zur Zeit an die Inhaber größerer gewerblicher und anderer Betriebe Fragebogen, um zu ermitteln, ob der Gedanke der Uebernahme der
Einziehung der Beiträge zur Jnvaliditäts- und Altersversicherung, sowie das Einkleben der Marken in die Quittungskarten und das Entwerthen derselben Seitens der Ortskrankenkasse auf Rechnung der Versicherungsanstalt für Hessen-Nassau gute Aufnahme findet. Dringend zu wünschen wäre es, daß sich alle Betheiligten in zustimmendem Sinne äußerten. Denn erhält die Ortskrankenkasse auf Antrag der Arbeitgeber die Qualifikation einer Hebestelle, so sind die Versicherungspflichtigen berechtigt, ihre Quittungskarte bei der die Beiträge einziehenden Stelle so lange zu hinterlegen, als sie int Bezirk dieser Kasse versichert find. Dadurch werden die Arbeitgeber von dem für sie lästigen und verantwortungsvollen, sehr leicht mit dem Strafgesetz sie in Widerstreit bringenden Geschäfte des Markeneinklebens entlastet und dasselbe vollständig auf die Hebestelle übertragen, damit aber zugleich eine strenge Anwendung des Gesetzes nach Möglichkeit gesichert. Dem Arbeitgeber liegt dann nur noch Die An- und Abmeldepflicht ob, welcher er bezüglich der einer Krankenkasse an- aehörenden versicherungspflichtigen Person ohnehin genügen muß, bezüglich der übrigen Versicherten aber ganz ebensowohl zu genügen in der Lage ist. Alles klebrige wickelt sich für ihn von selbst ab und wird von der Kasse besorgt, ohne daß er eine weitere Verantwortung zu tragen hätte. Unzweifelhaft ist es wett besser, die einmal nicht zu vermeibende Arbeit und Verantwortung geschulten Beamten aufzubürden, als die weitesten Kreise der Bevölkerung, die theilweise ihr nicht immer gewachsen sind, damit zu belasten. Im Königreich Sachsen, Württemberg, Großherzogthum Hessen, Braunschweig, in den Hansestädten, sowie im Stadtkreis Hildesheim ist der § 112 des betreffenden Gesetzes längst zur Anwendung gebracht zum Wohle aller Betheiligten. Ebenso segensreich könnte eine derartige Einrichtung hier im Stadtkreise Wiesbaden wirken. Allerdings wäre dann wohl erforderlich, da die Beiträge zur Jnvaliditäts- und Altersversicherung nicht gut im Voraus zu erheben sind, diejenigen zur Krankenkasse aber gleichzeitig miterhoben werden sollen, beide Versichemngsbeirräge postnumerando zu erheben. Daraus entstünde für die Arbeitgeber der weitere Vortheil, daß die vielen Abschreibungen bereits erhobener Krankenkassenbeiträge vermieden würden. Den diesbezüglichen Acußerungen der beteiligten Kreise darf man mit Spannung entgegensehen.
— Kehrrrstrlle. Die erste Schulstelle zu Löhnberg im Oberlabnkreise soll zum 1. April 1899 mit einem Lehrer evangelischer Konfession anderweit besetzt werden. Grundgehalt 1140 Mk. (einschließlich 90 Mk. für Kirchendienste), Alterszulage 150 Mk., freie Dienstwohnung. Äewerbungsgesuche sind bis zum 1. März 1899 durch die Hand der Kgl. Kreisschulinspeltoren der Kgl. Regiemng, Abtheilung für Kirchen- und Schulwesen, einzureichen.
— Ausstellung für Amateur - Photographie. In Darmstadt soll vom 3. bis 11. Juni eine Ausstellung für Amateur-Photographieen stattfinden. Die Ausstellung soll sich erstrecken auf die Amateure von Hessen, der Pfalz, Baden, Elsaß, Württemberg, Kreis Unterfranken, Regierungsbezirk Wiesbaden und Rheinprovinz bis Koblenz. Als letzter Anmeldetermin ist der 1. Mai festgesetzt. Alle die Ausstellung angehenden Anfragen, Anmeldungen re. sind an den ersten Vorsitzenden des Vereins von Freunden der Photographie zu Darmstadt, Herrn Dr. Ernst W. Büchner in Pfüngstadt, zu richten.
— Kleine Notizen. Die Vorträge von H. Buzello- Stürmer über neuere italienische Litteratur, die heute beginnen (stehe Anzeige), werden natürlich in deutscher Sprache gehalten.
(Weitere Lotalnotizcn gehe Nachtrag.)
Vereins-Nachrichten.
«kurze sachliche Berichte «erden bereitwilligst unter vieler Ueberlchrift ausgenommen.)
* Das „Pompier-Corps“ veranstaltet am Sonntag, den 26. Februar, Abends 8 Uhr, in der Turnhalle Wellritzstraße 41 einen UnterhaltnngSabend. Das Programm desselben verzeichnet im ersten Theil einen Lichtbilder-Vortrag über Nordamerika. Im zweiten Theile des Programms sind Gesangsvorträge der Sänger des „Pompier-Corps", ferner Soli der Herren Opernsänger Hans Schuh und Konzertfänger Alter, sowie humoristische Vorträge re. vorgesehen.
Stimmen au« dem Publikum.
(Für Veröffentlichungen unter dieser Ucberschrist übernimmt die Redattio» keinerlei Verantwortung.)
* Der neue, schon seit einem Jahre unseren schönen Schloßplatz verunzierende Bauzaun an der neuen Töchterschule scheint uns noch recht lange Zeit gegönnt zu fein, denn wie wir hören, fehlt es bald an Steinen, bald an Arbeitern, sodaß alle paar Tage die Arbeit stille steht. Wenn das so weiter geht, so wird Seme Majestät nicht allein dieses Jahr, sondern noch recht viele Jahre einen netten Ausblick vom Schlosse aus haben. Wie wir hören, wollen sich einige Bürger demnächst beim Magistrat beschweren, denn die ganze Burgslraße und Marktstraße ist keineswegs gesonnen, sich Jahre lang das Wohnen und die Geschäfte durch Lastfuhrwerke, Staub und mangelnde Ordnung aus dem Marktplatz verleiden zu lassen. Es wäre nur zu wünschen, daß die entsprechenden Schritte möglichst rasch eingeleitet würden, damit nicht noch mehr Zeit verloren wird. Mehrere Bürger.
-H- Schierster«, 23. Februar. Herrn Ziegeleibesitzer vr. PeterS wurden in vergangener Nacht von ruchloser Hand in seinem auf der Fabrik befindlichen Pferdestalle drei Pferde erstochen und die beiden anderen derart schwer verwundet, daß vielleicht das eine von ihnen auch noch verenden wird. Die Thiere sind sämmtlich in die Brust gestochen und zwar so, wie es nur von geübter sachkundiger Hand auSgeführt werden kamt. Zn verwundern ist nur, wie der Thäter so ungehindert in den Stall gelangen konnte, da die Hunde im Hofe immer sehr wachsam waren. Allem Anscheine nach ist der Betreffende mit der ganzen Umgebung sehr bekannt gewesen. Die sofort eingeleitete Untersuchung wird wohl hoffentlich den Thäter bald ermitteln.
II Königstein, 22. Februar. In einer gemeinschaftlichen Sitzung des hiesigen Magistrats und der Stadtverordneten, welcher auch der Verweser des Landrathsamtes Frhr. v. Salmuth, sowie der Direktor der Aktiengesellschaft für Eisenbahnbau zu Frankfurt nehst einem Ober-Ingenieur beiwohnten, wurde gestern das Gelände unter der Gärtnerei Alter, etwa 30 Meter vom Schueidhainerweg entfernt, als Baustelle für den Bahnhof definitiv bestimmt. Die Zugangsstraße zu demselben, der Schneidhainerwea, soll deshalb auf 15 Meter erweitert und die Steigung der Straße gleichmäßiger vertheili werden. In derselben Sitzung wurde von den genannten Körperschaften der Beschluß gefaßt, daß Königstein zu den Grunderwerbskosten der Strecke Höchst-Königstein 25 pCt. beiträgt. — Am vorigen Sonntag wurde hier eine Delegirtenversammlung des .Main-Taunus- Sängerbundes" unter Vorsitz des Bundesdirigenten Herrn W. Geis aus Wiesbaden abgehalten. Letzterer theilte für das am kommenden 6. August hier stattfindende Bundesfest die von ihm entworfene Wettsingordnung mit, welche einstimmige Annahme fand.
* Marburg, 23. Februar. Der Privatdozent an der hiesigen Universität Dr. Knorr, früherer erster Assistent des ProfefforS Behring, ist gestern infolge Jufizirung mit Rotzkrankheit am land- wirthschaftlichen Hochschulinstitut München daselbst gestorben.
Aus Kunst und Krben.
* Gedichte von Anna Kitter. (Verlag von Liebeskind, Stuttgart und Leipzig.) Der massenhafte Weihrauch, der den Gedichten einer Johanna Ambrosius, Katharine Koch und anderen dichterischen Genossinnen gestreut wurde, hat keinen günstigen Ein- fliiß auf die Bcurtheilung der dichterischen Produktionen von Damen ausgeübt. Dian begegnet denselben mit einem gewissen Mißtrauen, das erst ganz allmählich zu weichen pflegt, wenn man sich einer wahrhaft bedeutenden und ursprünglichen Kraft gegenüber sieht. Das ist der Fall bei den Gedichten von Anna Ritter. In dem stattlichen Bande von etwa 150 Gedichten findet sich nur bei einigen wenigen Gedichten etwas Konventionelles. Mittelmäßiges, die große Menge zeigt eine ausgeprägte Eigenart der Empfindung und der Form, und darunter gtebt es wahrhafte Perlen, denen der Stempel des Dauernden, Bleibenden ausgeprägt
»
sich seinem Lieblingsfach, dem Studium der thysik, zu widmen. Er besuchte dabei auch fleißig
gäbe in 8 Bänden erschienen.
Lichtenberg gehört zu den besten, deutschen Stylisten. Ungemeine Klarheit und Natürlichkeit der Darstellung zeichnen alle feine Schriften aus. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er. infolge seines Körperleidens in hypochondrischer Zurückgezogenheit im Schooße seiner Familie und im Verkehr mit seinem intimsten Freunde, dem Buchhändler Johann Christoph Dietrich.
Geschichte, Staatenkunde, Kritiken) Streitschriften re. von vollendeter Form, großer, fast krystallhaster Klarheit des Styls und nnübertrefflichem Witz aus seiner Feder brachte. Er rückte in denselben gleich seine vortreffliche Abhandlung über „Physiognomik wider die Physiognomen" ein. Die dann noch in dem nämlichen Jahre besonders erschienene Abhandlung soll zwar nicht Lavaters weitläufiges Werk geradezu widerlegen, sondem nur einigen gefährlichen Folgerungen, die daraus gezogen werden könnten, begegnen, Behutsamkeit bet I
des „Hainbundes" geißelte. Berühmt und unsterblich find seine „ErÜarungen der Hogarthschen Kupferstiche", bei welchen ihm die genaue Kenntniß der englischen Verhältnisse sehr zu Statten kam und die sich durch eine wahrhaft glänzende Schreibweise und feinsten, geistvollsten Witz auszeichnen. Die fünf ersten Lieferungen dep ausführlichen Ausgabe erschienen in Göttingen 1794 bis 1799. Lieferung 6 bis 11 wurde nach feinem Tode mit Benutzung des vorliegenden Materials herausgegeben.
Von bleibendem Werth sind ferner die Aufzeichnungen, Sentenzen oder längeren Aufsätze, welche sich unter seinem Nachlaß in den sogenannten „Gedenkbüchern" fanden. Diese zeichnen fick sowohl durch philosophische Tiefe als durch schlagenden Witz und Humor aus und bilden ein vollständiges Gedankensystem. Sie wurden zuerst veröffentlicht in den „Vermischten Schriften", welche in 9 Bänden im Jahre 1806 und bann im Jahre 1844 in neuer Aus-
(Nachdruck verboten.)
Der Verfasser des „Timorns".
(Zum 100. Todestage Georg Christoph Lichtenberg« f 24. Febr. 1799.)
Von Dr. E. Ziel.
Gar oft passirt es, daß Wärterinnen kleine Kinder fallen lassen und diese dadurch Schaden nehmen, daß sie für ihr ganzes Leben unglücklich werben. Daß ober aus diesem Unglück ein ganzes Volk Gewinn und Genuß zieht, das ist wohl nur einmal der Fall gewesen, und zwar da, als dieses faHengelaffene Kind das achtzehnte von der Kinderschaar des Generalsuperintendenten Lichtenberg zu Darmstadt war und Georg Christoph hieß. Dieses Kind, welches durch jenen Fall in seiner ersten Jugend im achten Lebensjahre buckelig und als Mann einer der geistreichsten Satyriker Deutschlands im achtzehnten Jahrhundert wurde, erblickte am 1. Juli 1742 zu Oberamstädt im Hessischen das Licht bet Welt. Nicht mit Unrecht hat man gerade in seiner Verkrüppelung den Anstoß zur Entwickelung seiner großen satyrischen Anlagen gesucht und mehrfache Eigenthümlichkeiten darauf zurückgeführt.
Den ersten Unterricht erhielt der, trotz seines körperlichen Elends sehr lernbegierige, aufgeweckte Knabe von seinem Vater und von Hauslehrern. Spater besuchte er das Gymnasium zu Darmstadt und zeigte namentlich für Mathematik und Naturkunde große Vorliebe und ausgezeichnetes Talent und beschäftigte sich schon früh viel mit Astrognoste. Mit 19 Jahren bestand er seine Abgangs- Prüfung tnaxima cum laude und bezog 1763 die Universität Göttingen, um sich seinem Lieblingsfach, dem Studium der Mathematik und Physik, zu widmen. Er besuchte dabei auch fleißig die Vorlesungen der berühmten Profefforcu über Philosophie, Philologie und Geschichte und bildete seinen Geschmack durch mannigfaltige gewählte Lektüre. Später meinte er freilich, er habe den Plan zu dem Gebäude seiner wissenschaftlichen Bildung in der Jugend zu groß angelegt; unsere Litteratur hat davon nur Gewinn gehabt.
Im Jahre 1770 wurde ihm zugleich der Lehrstuhl der Mathe- matik in Gießen und eine außerordentliche Professur der Philosophie in Göttingen, wo er immer noch verweilte, angetragen. Ergab Dem letzteren den Vorzug, benutzte aber noch, bevor er ibn bezog, die sich ihm darbietende Gelegenheit zu einer Reise nach England, wo er von den Männern der Wissenschaft mit der größten Auszeichnung aufgenommen wurde und sich des Wohlwollens des Königs und der fiöniaüi zu rühmen hatte. In den Jahren 1772 und 1773 führte er
im Auftrage des Königs von Hannover die astronomische Berechnung der Längen- und Breitengrade im Königreich au8. 1774 ernannte ihn die Göttinger Soeietät der Wissenschaft zu ihrem Mitgliede und 1775 erhielt er‘eine ordentliche Professur. In diesen beiden Jahren war er zum zweiten Mal in England. Seinem Aufenthalt da- felbst, der durch feinen Umgang mit Mannern wie Herschel, Banks, Solander, die beiden Förster und Andere für seine ganze geistige Bildung, seine Weltanschauung und dadurch auch für seine Auffassung' und Benrtheilung unserer heimischen Litteraturverhältmsse von den allerbedeutendsten Folgen War, verdanken wir die geis^ reichen „Briefe aus England" über die dortige Schauspielkunst und besonders über das Spiel Garricks, des größten Shakespeare- darstellers feiner Zeit und einiger anderer Mitglieder der Londoner Bühne. Nach Göttingen zurückgekehrt, nahm er die Pflichten feiner ordentlichen Professur mit ganzem Eifer auf und wurde 1788 zum Kgl. großbritannischen Hofrath ernannt.
In seiner speziellen Wissenschaft zeichnete sich Lichtenberg aus durch seine, von ausgezeichneten Apparaten unterstützten Vorlesungen über Experimentalphysik, Welche einen bedeutenden Ruf genossen und von einer stets zahlreichen Zuhörerschaar besucht wurden. Sein Name lebt in der Physik fort durch die nach ihm benannten „Lichtenbergschen Figuren". Aber obwohl er das Gebiet der Physik völlig beherrschte, wie vor ihm kaum Einer in Deutschland, hat er es doch zu keiner epochemachenden Bereicherung seiner Wissenschaft gebracht. Dagegen ist er at§ schönwissenschaftlicher Schriftsteller von einziger Bedeutung und hat als solcher der bewundernden Nachwelt ein wahrhaft unschätzbares Material hinterlassen, wenn er auch keine einzige größere, d. h. umfangreiche Schrift verfaßt hat.
Die oben erwähnten „Briefe ans England", welche im „Deutschen Museum" vom Jahre 1776 erschienen, zeugen von feiner außerordentlichen Beobachtungsgabe und lesen sich mit einer Leichtigkeit und einem Interesse, das den Leser bis zimi letzten Buchstaben fast athemloS fesselt.
Bald nach den „Briefen aus England" erschien sein Hauptwerk „Timorus oder die Vertheidigung zweier Jsraelften, die, durch die Kräftigkeit der Lavaterschen Beweisgründe und der Göttinger Mettwürste bewogen, den wahren Glauben angenommen“. In dieser Schrift verspottet er mit feinem Witz und köstlicher, wenn auch oft beißender Satyre die supranaturalistischen Anschauungen Lavaters. Vom Jahre 1778 an rebigirte er den im Diettichschen Verlag erschienenen „Göttinger Taschenkalender", welcher zahlreiche wiffenschastliche und populäre Aufsätze über Naturwisscnfchtzft.
ne daraus gezogen werden
.......... ....____________ i derartigen Untersuchungen empfthlen und' auf das Mißliche der Auffiellung einer Physiognomik als Wissenschaft aufmerksam machen. So trug diese Abhandlung, mit den sich daran schließenden, zunächst gegen Lavaters Freunde und blinde Bewunderer gerichteten, kleinen Aufsätzen am meisten dazu bei, daß die Schwärmerei für Lavaters Lehre und der Glaube an die Möglichkeit einer eigentlichen wiffenschastlichen Begründung und Ausführung derselben sich ebenso schnell verlor, wie sie ents standen war.
Im Jahre 1780 gründete et mit Georg Forster das „Göttinger Magazin", in dem er die deutschen Roman- und Zeitungsschreiber, dann auch die damaligen Dichter, vor allen Voß und dieMitglieder des „Hainbundes" geißelte. Berühmt unb^unf
