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Wiesbadener Tagblatt

Verlag: Langgasse 27.

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Dienstag, den 31. Januar.

1899

Ua. 52

Fernsprecher No. 52.

Fernsprecher No. 52.

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sind Warnung, Verweis, Geld-

Uon der MohtthaNgkeits-UorsteUnng

Es

Und die Zauberkünstler oben auf dem Podium, sie machten uns

Abend-Ausgabe.

Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PrriS: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. GO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

zu deren Linde- ~ Da

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§ erlitt, 31. Januar. In der Budget-Kommission des Abgeordnetenhauses kam gestern Abend die Denkschrift, betreffend Diensteinkommen-Verbcfferuna für Unterbeamte, zur Besprechung. Bei den Werkführern der Eisenbahn-Verwaltung soll eine Auf­besserung derart erfolgen, daß das Höchstgehalt von 1600 Mk. auf 1800 Mk. steigt. Bei den Grenzaufsehern soll eine Aufbesserung von 1200 Mk. auf 1400 Mk. erfolgen. Heute Abend werden die Bc- rathungen fortgesetzt.

Solche ernste Erwägungen begleiteten mich auf dem Wege nach der Wohl thätigkeits-Vcranstaltnng >m Walhalla-Theater. Aber wie bald verschwanden sie, als ich den freundlichen Saal betreten und die vielen festlich gekleideten Menschen sah, die mir eitel Last und Freude schienen. Das thut wohl in solch schwerer Zeit. Der Verlauf des Festes war auch ein solcher, day alle bedrückenden Gedanken in der Erkenntnis; untertauchten: Das Leben ist doch schön !

Da schien cs noch wohlthätige Feen und dienstwillige Kobolde zu geben, die die Wege der Menschen freundlich kreuzen. Nicht in Wolken schwebend stiegen sie hernieder, nein, sic wandelten mitten unter uns — Parterre —; nicht von geheunnißvollcm Mondlicht umwoben, sondern in elektrischem Abendalanz, der nur zu oft unsere nordische Tagcssonne beschämt. Sie stellten auch keine Räthsel- fragcn, legten keine Prüfungszeit auf, wie da? in Märchenbüchern wohl vorkommt — nein, ohne jede andere Verpflichtung zu iiber- nehmcn, als prompte Bezahlung laut Tarif — noch lieber darüber 1 — waren die kühnsten Wünsche erfüllt, und keine Reue trübte hinterher den gehabten Genuß — denn es war Alles preiswcrth. Ein Engel mit Namen August war sogar hernieder gestiegen und lieg Punsch in dem bekannten Hexenkessel znm Besten des wohlthätigen Zweckes brauen.

Stellung der Werftführcr zugestchcrt worden sei, entgegnet Kontrcaomiral Büch sei: An die Werftführcr würden höhere An­sprüche gestellt, als an die Werftschreibcr, weshalb das Zwischcn- cxamen habe eingeführt werden muffen. Es fei zu hoffen, daß möglichst alle Werftschreiber dieses Examen bestehen. — Beim Extra- Oroinarium erklärt auf Befragen des Abg. Paasche Staatssekretär Tirpitz, e3 werde erwogen, dem Arbeiter-Wohnungs-Bedürfniß in Fricdrichsort weiter gerecht zu werden. Damit ist der Marine- Etat erledigt. Nächste Sitzung Dienstag, 1 Uhr. Tagesordnung: Seideuzoll-Antrag Bachem, Etat für Kiautschoii, Post-Etat. Schluß 6 Uhr.

Unterdessen wollen wir uns jeder milden Regung freuen, die onser Mitgefühl für das Wohl und Wehe unferer Mitmenschen wach erhält. Wir sind ja auf gutem Weg, die vornehmsten Geister arbeiten fa unablässig, die Unvollkommenheiten und Ungleichheiten bet menschlichen Gesellschaft zu vermindern und auszugleicheu. So ist Hoffnung vorhanden, daß wir mit der Zeit auch einen Zehn- Pfennig-Tarif für unsere fämmtlichen Straßenbahnen erhalten unb dir.Hausbesitzer nicht mehr znm Straßenkehren verurlhellt sein werden — wozu sind denn die Miether da?! —, und daß unsere Wege and Stege bei Schnee und Regen so glatt und sauber gefegt sein werden, wie sic cs bisher nicht gewohnt waren, sodaß die Herren mit Lackstiefeln und die Damen in Bastschuhen ihren christ­lichen Nächstenpflichten ohne Benutzung einer Droschke werden nach-

Ä ttttrtltHtrt für die Abend-Sluögabc bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur 'ftMUetllJtllC nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Deutsches $kidj>

* KerNn, 31. Januar. Wegen eines Artikels „Galgen­skizzen", der kürzlich in der Wiener Zeitschrift die „Zeit" erschienen war und den österreichisch-ungarischen Konsul Baumann zum Ver­fasser hat, ist nach einer Meldung der „Alla. Ztg." vom Kolonial­amt eine Untersuchung eiugeleitct worden. (Baumann hat deutschen Beamten in Ostafrika die schlimmsten Greuel gegen die Schwarzen nachgesagt. Da seine Behauptungen zum Mindesten den Stempel

Auzeigeu-PreiS:

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nur zu bald die „noch nie baaewesene Weltwunder" vergessen, die sich sonst dort den erstaunten Augen der Menge zu zeigen pflegen. Stürmische Lachsalven und dröhnender Beifall belohnte die Leistungen der Kiinstler und der Künstler scheinenden Dilettanten — und manchmal, wenn der Applaus bereits im Verklingen, war es, als hörte man das ferne Rauschen von Adlersfittichen — (ob von rothcn oder schwarzen war nicht zu unterscheiden) — be­sonders bei den unvergleichlichen Darbietungen Conrad Drehers, des beneideten Lieblings unseres kaiserlichen Herrn. Aber wir haben bewiesen, daß wir auch in der Anerkennung eines so unwider­stehlichen Sorgenbrechers wie Conrad Dreher nicht minder treu zu Kaiser und Reich stehen als in den wichtigsten Staatsangelegen­heiten. —

Was nun das schier überreiche Programm des Abends betrifft, fo fei dasselbe in seiner Reihenfolge noch besonders gewürdigt. Nach dem „Sprudelmarsch" erschien Prinz Karneval als Prolog — gedichtet und gesprochen von Wilh. Rath, dem wir

B a f f e r m a n n (nat.-lib.) erklärt Namens seiner Fraktion, daß dieselbe mit den Erklärungen des Staatssekreiärs vollkommen einverstanden fei. — Abg. Gröber (Ceiltr.) spricht sich in demselben Sinne aus. Behörd­liche Einmischung von Wahlen verwerfe das Centrum grundsätzlich. — Abg. Rickert (frei)'. Ver.) wendet sich gegen Herrn v. Stumm. Er erinnert daran, daß selbst Herr v. Köller, der jetzige Ober­präsident von Schleswig, den Landräthen einmal gesagt habe: Nehmt Euch in Acht mit Wahlbeeinflufsungen, sonst kommt der Reichstag unb erklärt bie Wahl für ungültig. Es folgen nunAus- cinanberfetzungen zwischen ben Abgeordneten Stumm und Singer. Letzterer bespricht die Entgegnung des Herrn v. Stumm auf die Erklärung des Staatssekretärs und meint, in derselben fei eine versteckte Denunziation des Chefs des Marineanfts zu erblicken. — Vicepräsident v. Frege: Herr Kollege Singer, der Ausdruck: eine versteckte Denunziation, ist denn doch wohl nicht zulässig. Nach einer weiteren Bemerkung wird der Titel genehmigt. — Bei einem weiteren Titel bemerkt Abg. Rickert (frei). Ver.), er empfehle im Voraus unter Bezugnahme auf künftig zu erörternde Petitionen eine Besserstellung der Führer und Maschinisten der Werftdampfer, Windkrähne ec. Auf eine Anregung des Abg. Rickert zu Gunsten der Werftschreiber, denen der Uebertritt in die Höhere

* Arrztliche Ehrengerichte. Der nun veröffentlichte Ge­setzentwurf, betr. bie ärztlichen Ehrengerichte, hat in feiner gegen­wärtigen Fassung grundsätzlich die cinmüthige Zustimmung von 10 Aerztekammern und des Aerztekammeransschufscs gefunden. Er erstreckt die Zuständigkeit des Ehrengerichts auf die approbirtcn Aerzte mit Ausnahme: 1. der beamteten, 2. der Militär- und Marineärzte und 3. der Militär- und Marineärzte des Bcurlaubten- standes während ihrer Einziehung zur Dienstleistung. Er ent­zieht dafür den letzten drei Kategorieen das aktive und passive Wahlrecht bei den Wahlen für das Ehrengericht. Dieses besteht aus dem Vorsitzenden und drei Mitgliedern der Aerztekammer und einem vom Vorstand der letzteren gewählten richterlichen Mitglied eines ordentlichen Gerichts. Dem Gesetz unterliegt jeder Arzt, der die Pflichten seines Berufs verletzt oder sich durch sein Verhalten der Achtung und des Vertrauens unwürdig zeigt, die der ärztliche Beruf erfordert, ober, wie es an anderer Stelle heißt, der Arzt, welcher sich Verstöße gegen die ärztliche Standesehre und gegen das Verhalten zu Schulden kommen läßt, welche der Beruf des Arztes erfordert. Durch diese Begrenzung wird, wie es in der Be­gründung heißt, zum Ausdruck gebracht, daß politische, wissen­schaftliche und religiöse Ansichten und Handlungen eines ArzteS „als solche" niemals den Gegenstand eines ehrengerichtlichen Ver­fahrens bilden können. Als Strafen si-i- ""..... m-,‘-

strafe bis zu 3000 Mk. oder dauernde Entziehung des aktiven unb passiven Wahlrechts zur Aerztekammer bestimmt. Die Berufung an ben Ehrengerichtshof ist zulässig. Dieser besteht aus bem Direktor ber Mcbizinalabtheilung des Kultusministeriums, aus vier Mit­gliedern des Aerztekainmer-Ausschusfes und zwei anderen Aerzten. Letztere werben vom König ernannt.

Preußisch ei' ^andtag-

Kerlin, 30. Januar. Abgeordnetenhaus.

Das Abgeorbnetenhaus fetzte Beute die Etatsberaihung fort. Erledigt wurde zunächst der Etat der Domänen-Verwaltung und die Einnahmen des Etats der Landwirthfchasts-Verwaltung. Beim Titel Ministcrgchalt entspann sich eine längere Debatte über die Nothlage der Landwirthschaft und über die angebliche Fleischnoth. Abg. Frhr. v. Erffa (kons.) sagt u. 81.: Ich will dazu folgende Erklärung abgeben: 1. Wir erkennen keine Fleischnoth an. 2. Wir bestreiten jeden Zusammenhang ber Fleischpreise mit den Vieh­preisen. 3. Die deutsche Landwirthschaft ist völlig im Stande, den Fleischbedarf des deutschen Volkes zu decken. Eine Zufuhr aus dem Auslände ist nnnöthig. 4. Es ist keine Ursache vorhanden, bie Sperrmaßregeln an ber Grenze abzuschwächen. Der preußische Städtetag hat auch tonftatirt, baß man von einer allgemeinen Fleischnoth nicht rebcn kann. — Minister v. Hamm er st ein griff wieberholt in bie Debatte ein unb erklärte u. 81., baß ein Wasser- gesetz m biefer Session wohl nicht mehr dem Hanse werde vor- gelegt werden können. Morgen: Fortsetzung der Etatsberathnug.

Deutscher Reichstag.

. Berlin, 30. Januar.

Am Bunbesrathstisch Staatssekretär Tirpitz und Staats­sekretär Thielemann. Tagesordnung: Antrag Ä g st e r (Soz.), betreffend bie Einstellung eines gegen ben Abgeordneten Thiele fchwebeiiben Strafverfahrens für bte Dauer ber Session. Der Antrag wirb bcbatteloS angenommen. — Es folgt ein weiterer schleuniger Antrag Aqster: Erthcilung der Genehmigung zur Strafverfolgung des Abg. Schmidt-Aschersleben wegen angeblicher Majcstätsbeleidigung. — 8lbg. Singer macht den Vorschlag, den Antrag der Geschäfts - Ordnungs - Kommission zur schleunigen Berichterstattung zu überweisen. Das Haus beschließt dem­gemäß. — Zur Berathung steht nunmehr der Marine- Etat. Namens der Budget-Kommission beantragt Abgeordneter Lieber (Centrum) unveränderte Annahme des Voranschlages. — Bei bem Ausgabetitel Staatssekretär des Marineamtes bringt Abg. Singer (Soz.) ben Erlaß des Oberwerft-Direktors in Danzig gelegentlich der letzten Reichstagswahlen zur Sprache. Der Tages­befehl vom 21. Juni 1898 habe sich abfällig über die sozialistischen Grundsätze und Ziele verbreitet und der Sozialdemokratie nach- gefagt, Gegner bcs Reichs zu fein unb dasselbe zu bekämpfen. (Ruse rechts: Sehr richtig.) Der Tagesbefehl habe bie Werft­arbeiter aufgefordert, bem anberen Kandidaten, einem treuen Bürger ber Stabt, ihre Stimmen zu geben. (Heiterkeit.) Der Reichstag habe allen 8lnlaß, solchem Unfuge entgegenzutreten. Ein Tagesbefehl bcs Obcrwcrst-Direktors in Wilhelmshaven gebiete ben Arbeitern, für bie rechtzeitige Entrichtung ihrer Steuern Sorge zu tragen. Bei breimaliger Versäumnis; erfolge Entlassung. — Staatssekretär Tirpitz glaubt im Sinne bes Hauses zu sprechen, wenn er eine Sozialistendebatte vermeidet. Von ben Befehlen habe er selbstverständlich erst post festum Kenntnis; er­halten. Er fei ber Ansicht, baß bie Werft in solcher Weise vor den Wahlen nicht hätte hervortreten sollen. Er habe biefer Ansicht auch entsprechenden Ausdruck gegeben. Ueorigens sei bie Annahme des Herrn Singer nicht richttg, baß bie Ab- kommanbirung bes Herrn Wietersheim mit biefer Angelegenheit in Zusammenhang stehe. Was ben anderen Tagesbefehl anlange, so seien die Verwaltungen durch die Gesetze vom 21. Mai 1869 und 27. März 1897 verpflichtet, für die Abführung rückständiger Steuern zu sorgen. Die Verwaltuiig habe ein Interesse daran, daß die Verhältnisse ber Arbeiter georbnete feien. Was den zweiten Paffus des Tages­befehls anlange wegen der Entlassung, so fei derselbe allerdings etwas hart. Es würden wohl auch besonders schwere Fälle vor­gelegen haben, welche diesen Passus veranlaßten. — Abg. Rickert (frerf. Ver.) begrüßt die Erklärung des Staatssekretärs mit Freuden und bemerkt, er habe weder direkt noch indirekt Anlaß zu dem Vorgehen des Herrn v. Wietersheim gegeben. Er, Redner, sehe ber Prüfung seiner Wahl mit größter Seelenruhe entgegen. Die Erklärung bes Staatssekretärs solle Nachfolge finben bei allen Reichstagswahlen unb bie Konservativen müßten gleichfalls von ber Erklärung bcB Herrn Tirpitz die Konseaucnzen ziehen, wo ste in Betracht kämen. Auf eine Anregung des Abg. Lingens (Centt.) erwidert Staatssekretär Tirpitz, daß bie Instruktion ganz Bestimmtes in Bezug auf die Erleichterung ber Theilnahme ber Mannschaften an kirchlichen Handlungen vorschreibt. — Abg. Stumm (Rcichsp.) meint, hoffentlich habe der Staatssekretär mit feinen Erklärungen nicht etwa auch eine Mißbilligung bet einzelnen Ausführungen des Tagesbefehls über bie Sozialdemokratie aus- fprechen wollen. — Abg. Molkenbuhr (Soz.) wendet sich gegen diese Ausführungen unb bemerkt, vor zwei Jahren sei ber bekannte Werftarbeiter Lorenzen in Kiel ein Hauptgewährsmann be8 Herrn v. Stumm gewesen. Vor Kurzem fei nun Lorenzen wegen seiner moralischen Qualität entlassen worben. Rebner befchaftigt sich hierauf mit einer im Vorjahr erschienenen Denkschrift über bie Arbeitslöhne auf den Wersten. Direktor im Reichs-Marineamt Büchse! entgegnet, bie Entlassung bes Lorenz sei erfolgt wegen Zuwiderhandlung gegen bie Arbeits-Ordnung. Von einem Spitzel­wesen auf ben Werften könne keine Rebe sein. — 8lbg. Werner (Antis.) spricht sich gegen bchörbliche Wahlbeeinsluffung aus. —Abg.

ber llebertreibung und Gehässigkeit trugen, haben wir keine Notiz von ihnen genommen. D. R.)

Wie wir hören, hat das ReichSamt des Innern zu der am 6. Februar hier in Berlin stattfindenden Konferenz von Sachver­ständigen zur Berathung des WeingesctzeS dreißig Einladunge» ergehen lassen.

Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Seit einigen Wochen beschäftigt sich bie Presse mit Gerüchten, wonach ber Reichskanzler seinen Rücktritt ins Auge gefaßt haben soll. Einige Blätter toiffen sogar schon ben Tag bes Rücktrittes an­zugeben. Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß auch diesmal oie Gerüchte über einen Kanzlerwechsel völlig Ünbegründet sind.

kommen können. Diesmal hat freilich noch der Himmel die Für­sorge dafür übernehmen müssen. Diese Gedanken haben aber weder den Besuch, noch die Freudigkeit des Festes beeinträchtigen können, über dessen Verlauf ich zu berichten unternommen. Nur der pessi­mistisch kritische Zug unserer Zeit hat mich zu dieser etwas ab- fchweifeiiben Einleitung veranlaßt. Ist es aber ein Wunder?

Wenn man des Tags über nur von den herrschenden miserablen Zuständen lieft, von Kamps und Streit hört, da wird cs schwer, des Abends so ohne Weiteres abznrüsten, wenn man auch im Grunde noch so friedliche Gesinnungen hegt. Man ist ja nicht un­empfindlich für die Noch der Zeit. Es ist doch nicht so gleichgültig, ob man seinen täglichen Braten sorgenlos genießt, oder ihn mit dem Gedanken nn die allgemeine Fleischnoth hineingrämt. Und bann die politischen Sorgen: die Lippc-Detmoldsche Thronfolge, bie Garnisonsuoth — bie ©amoafrage —; unser sittlicher Nieder­gang: bic Decabance bes Darmstädter tzosthcaters, baS sich zum Entsetzen ber Frommen im Lande nicht scheut, ein Teufelswerk, wie ben „Opernball", zur Anffühning zu bringen —; bie Gefahren für bic allgemeine Bildung von Seiten des geistigen Bruimen- ver stop fers Podbielsti nut seinem neuen Post-Zeituugstarif —; von Drcyfus nicht zu reden, der seine Richter nicht finden kann — dazu die Prügelscenen in der französischen Kammer und im Parla­ment unserer österreichisch-ungarischen Bundesgenossen — das kann ansteckend wirken! — Das und hundert andere nicht minder ernste Vorkommnisse müssen jeden guten Staatsbürger mit schweren Sorgen erfüllen, die man nicht so mir nichts dir nichts abfchüttelt, wenn man ins Theater oder auf den Ball geht.

Da fällt mir noch ein, ob es nicht angezeigt wäre, wenn man zur Vermeidung solch widerlicher Scencn im Parlament unserer Nachbarn, und im Nothfall zum eigenen Gebrauch, von dem famosen Bautzener Kirchen-Lchullchrer etwas lernen wollte. Wenn man vielleicht die diskretionäre Gewalt der Parlainents-Präsidenten dahin erweiterte, daß man ihnen in Zeiten der politischen Erregung — nach dem Beispiel des christlichen Kindersreundes — gestattete, eine gespannte Leine unter den Nasen der Abgeordneten zu ziehen, um ihnen bas Stillsitzen deizubringcn, wie es jener «Schullehrer an seinen Pflegebefohlenen erprobt hat. Ich halte das für sehr praktisch, unb es würde gewiß den Beifall der Regierungen finden. — Man kann überall etwas lernen l

* Ein allgemeines preußisches Jagdgesetz ist in Vor­bereitung. In der Bndget-Kommifsion des Abgeordnetenhauses erklärte bei der Berathung des Forst-EtatS Minister v. tzammer- stein, daß Vorarbeiten .für ein allgemeines Jagdgesetz int Gange sind.

* Zustande in den Vriesterseminarien. Die bayrische Presse beschäftigt sich jetzt, nachdem kürzlich die „Köln. Ztg." einen herzzerreißenden Brief über die Zustände in einer Priesterzuchtanstalt veröffentlichte, gleichfalls lebhaft mit den Zuständen in den Pricster- feminarien, und cs kommen dabei recht erbauliche Dinge über die körperliche und geistige Pflege der jungen Leute ans Licht,. die künftig Geistliche sein werden. Die Klagen, die sich auch auf bie katholische Fakultät ber Universität München beziehen, betreffen den 2)1 angel an freier wissenschaftlicher Pflege, engherzige, individuelle Bevormundiinq, Mangel an nöthigcr Bewegungsfreiheit und — für einzelne Lycecn — ungenügende hhgieimsche Einrichtungen. Alle bieie Klagen wurden durch Betheiltgte in die Oeffentlichkeit gebracht, und da alle klerikalen Blätter, mit Ausnahme eines einzigen, solchen Klagen keinen Raunt geben, so sind sie in nicht- klerikalen Zeitungen erschienen. Das Wuthgeheul der „klerikalen" Organe kann man sich eigentlich denken, zumal der von einej.t Priester geleitete „Bayer. Kur." ganz ruhig eingeftanb, baß diese Anklagen unter den Geistlichen selbst bestätigt wurden. Der Streit entwickelt sich, so schreibt man der „Franks. Ztg." ans München, in einer Weise, die für ben Unbeteiligten etwas ungemein Humorreiches hat. Die Herren, bic sich unb die Art ber Prieftervorbilduiig gegen bic erhobenen Anklagen vertheidigen, spotten ihrer selbst unb wissen cs nicht. Charakteristisch ist vor Allem der rüde Ton, den bie Herren Professoren sofort anschlugen und die Vehemenz, mit ber sie Mißstänbe bestreiten, bereu Vorhanbensein in ber Hauptsache schon aus ber Entwicklung bcs Streites ersichtlich wird. In geradezu attischer Weise hat die „Allg. Ztg." eine Erklärung des stark in Mitleidenschaft gezogenen Subregens des Freisinger Lyceums lächerlich gemacht, indem sie dieselbe in Faksimile ver-

WahrcS Glück besteht darin, glücklich zu machen, sagt ein indischer Spruch. Ich hätte eher auf gut Wiesbadencrisch gerochen. Auch auf bem letzten, unter dem Protektorat des Großfürsten Michael von Rußland und des Prinzen Nikolaus von Nassau zum Besten des „Rothcn Kreuzes" und des „Auguste Biktoria-Dameiististes" veranstaltetenWohlthätigkeitsfesteim Walhalla-Theater waren wieder viele glückliche Menschen versammelt, Anbcre glücklich zu machen, ihr Scherflein öei- zusteucrn zur Linderung fremder Roth — trotz der Warnungs­tafeln inmitten unserer geliebten Stadt, die die Be- bürftigen auf bie „Natural - Vcrpfleastation" verweisen. Siebt eben noch viel Noch und Elend, zu deren i rung diese sonst so vortreffliche Anstalt nicht ausreicht, sind z. B. gleich die nothleidenden Hausherrn, bie zur Straßen- reinigung herangezogen werden sollen, was ich sehr unverhältniß- mäßig finde, wo doch selbst bie „Süddeutsche Straßenbahn-Gesell­schaft" nicht vergebens an das gute Herz unserer Stadtväter und an den Geldbeutel der Steuerzahler appellirte. — Ja, cs ist eine unvollkommene Welt, und mit Almosen und Wohlthätigkeits- anftalte» und Allem, was aus dem guten Herzen kommt, kann auch n r Eines ober bes Anderen Roth gelindert werden, aber eine gründliche Abhülfe wird bannt nicht geschaffen. Da müssen wir chan tiefer gehen, den Ursachen nachspürcn, diese zu vermindern iidjeit. —