Witsbaöml
«. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — vezugs-PreiS: durch den Verlag »o Pfg. monatlich, durch dir Post 1 Mk. GO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
RGMOO Kvonneuten
rlnzeigen-PrciS:
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfa. — Rcclaiueu die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
‘X.tttPtrti’lt -9LitMrthtt3? für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vornrittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingercichter Anzeigen zur nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Ko. 49.
Sonntag, den ZS Januar.
Fernsprecher N». 52.
Fernsprecher No. 52.
1899.
Mcrgen-fliisgabe
proqcn werden müssen, denn der Landbesitz der Deutschen an I — Die Doll Inseln überwiegt bei Weitem den aller anderen Nationen zu- I laucht der Frau P icn, und was auf den Inseln an Kulturarbeit geleistet wurde, Lippe verliehen.
sammen,
KoMische Ueberficht
e eine
zugesprochen werden muffen, denn der Landbesitz der Deutschen an den iifl»txoi SHinttzirrt kart nRn ahKau... 03...
Die Rothe Krruz-MrdaiUc wurde auch Ihrer Durch- _________ 3 Prinzessin Elisabeth von Schaumburg- Lippe verliehen, und zwar die 2. Klasse.
„Wiesbadener Tagblatt"
zu abonnire», findet sich Gelegenheit im Verlag Langgasse 27, bei den Ausgabestellen, den Ziveig-Lxxeditionen in den Nachbarorten und sämmtlichen deutschen Reichsxostauftalten.
Jur Jebruar und Wävz
ans das
Ans Stadt nnd Kand.
Wiesbaden, 29. Januar.
— Gcschichtsiiairnder. 1897: f F. Martini zu Frauenfeld, Erfinder des Martinigcwebrs. 1876: f Franz Deäk zu Budapest, ungarischer Staatsmann (* 17. Oktober 1803). 1860: t Ernst Moritz Arndt, deutscher Patriot (* 26. Dezember 1769 zu Schoritz). 1851: Besetzung Hamburgs durch die Ocfterreichcr. 1826: * Louis Favre, der Erbauer des Gotthardtunnels (f 19. Juli 1879). 1814: Napoleon greift Blücher bei Brienne an. 1784: * Daniel Ander, berühmter französischer Opernkomvonist (Stunnne von Portici u. A.) (t 13. Mai 1871). 1763: * I. G. Seume zu Poserna, Sachsen, hervorragender Schriftsteller (f 13. Juni 1810 zu Teplitz). 1613: Frieden zu Knäred ztvische» Schweden und Dänemark. 1499: * Katharina v. Bora, Luthers Gattin (t 20. Dez. 1552 zu Torgau).
ist fast allein aus deutsche Rechnung zu fetzen.
Daß die mehrfach schwebenden europäischen Zeit- und Streitfragen jetzt noch um die Samoa-Frage vermehrt worden sind, zeigt auss Neue, daß der Abrüstungsvorschlag des Czaren nicht unter glücklichen Sternen geboren wurde. Der Czar, oder wenn mau will seine Minister, hat ein recht umfangreiches Programm zu dieser Konferenz herausgegeben, aber Skeptiker meinen, die Größe des Programms stehe in umgekehrtem Verhnltniß zu den Aussichten der Friedenskonferenz. Naive Gcmiither haben, um einen Erfolg der Konferenz zu sichern, an den Czaren das Verlangen gerichtet, daß er, der erst vor Kurzem eine sehr erhebliche Verstärkung der russischen Rüstungen dckretirt hat, selbst nut gutem Beispiel voran- gehe und ein wenig abzurüsten beginne. Als ob es nicht höchst un- ehrerbietig wäre, von dem Czaren zu verlangen, daß er der Parole folge: „Hannemann, geh'Du voran, Du hast die Wasserstiefel au!"
Die stärkste Abnergung gegen das jetzt veröffentlichte AbrüstungS- programni desCzaren trägt man in Frankreich und England zur Schau. Von den Franzosen kann dies weiter nicht Wunder nehmen, denn sie haben den czarischen Friedensgedanken von vornherein als ein ihnen persönlich zugefügtcs Unrecht nnd zugleich als bas Grabgeläut der verheißungsvollen „Allianz" empfunden. Zu der Unzufriedenheit mit der heutigen Gestnltiiug der Landkarte treten die Schlappen, die Frankreich in jüngster Zeit gegenüber England erlitten hat. Derjenige, der mit den derzeitigen politischen Verhältnissen unznftieden ist, wird naturgemäß wenig Neigung empfindeir, diese Verhältnisse zu konsolidiren. Aus dem umgekehrten Grunde tritt man in England der Abrüstungskonferenz mit Unbehagen entgegen. In England ist man nach einer Periode recht schwächlicher Friedfertigkeit neuerdings recht kriegerisch geworden und man beginnt, sich für die früher pcrhorrcszirte „imperialistische Politik" zu begeistern. In der Tbat hat England gegenüber Frankreich bemerkenswerthe Erfolge erzielt, und diese Erfolge find jetzt durch den englisch-egyptischcn Wer trag über den Sudan gekrönt worden. Gegen die Verkündung des englischen Protektorats über Egypten schienen nicht nur Frankreich, sondern auch Rußland entschlossen zu sein, das schwerste Geschütz aufzufahren. Jetzt hat England auf dem indirekten Wege im Wesentlichen dasselbe erreicht, beim durch den Vertrag hat der Vicekönig von Egypten, der schon bisher eine Art Zaunkönig war, in seine, wenn auch nur partielle Unterordnung unter den britischen Generalgouverneur des Sudan gewilligt. Daß aber die ägyptische Frage nunmehr von anderer Seite angeschnitten werden könnte, hat man in England schwerlich zu bcfiirchten.
In Frankreich hat man von den Erfolgen Englands mit Seufzen Kenntniß genommen, aber auch mit Resignation, und die Kammer hat die Darlegung des Ministers Delcafsö über die auswärtige Politik sogar mit Beifall zur Kenntniß genommen: man ist in Frankreich eben bescheiden geworden. Auch' bringt man in Frankreich zur Zeit noch immer den Dingen da draußen in der Welt ein geringeres Interesse entgegen, als der „großen Affaire". Diese ist jetzt in ein neues und interessantes Stadium dadurch getreten, daß der „ehreilwerthe" Herr Esterhazy unter „freiem Geleit" in Frankreich erschienen ist, um an der Aufklärung der Dreyfus-Affaire mit thätia zu sein. Wie übel ist der Wahrheit in Frankreich mitgespielt worden, wenn es so unsaiibercr Werkzeuge, wie eines Esterhazy, bedarf, um ihr zmn Sieg zu verhelfen l
— Aöuiqllchr Fchnuspirle. In der morgigen „Freischütz"» Vorstellung wird Herr Poppe vom Stadttheater in Köln den Kaspar singen.
— Nlichllstäkigkrits-Dorstrlltnig. Unsere Leser machen wir nochmals auf die morgen Montag, den 30. Januar er., Abends 7 Uhr, im großen Walhalla-Saale unter dem Protektorate Seiner Kaiser!. Hoheit des Großfürsten Michael Michailowitsch von Rußland und Sr. Durchlaucht des Prinzen Nikolaus von Nassau stattsindende Dilettanten-Wohlthätigkeits-Vorstellnng aiifmcrtfam, welche eine ganz besondere Weihe erhält, indem sich Herr König!. Hofschauspieler Konrad Dreher, welcher zur Zeit an unserer Hosbühne gaftirt, in liebenswürdigster Weise bereit erklärt hat, bei der Veranstaltung mitznwirken. Wir verweisen auf die Annonce im Jnseratentheil dieser Nummer, welche alles Nähere besagt.
— Kuustsalon Hanger (Taunusstraße 6). Neu ausgestellt: Kollektion Felicien Rops: Oelaeuiälde, Aquarelle, Zeichnungen, Radirnnaen (61 Nummern); <Sabr. Max: „Die Seherin von Prevorst , Ali. Bachmann: „Herbstmorgen am Occan"; Max Rades: „Die Sphinx", „Türkischer Friedhof", „Das Thal des Todes bei Theben", „Im Hafen von Stambul", „Kinderschnle in einer Moschee bei Kairo", „Die Favoritin".
— Stempel wrfen. Wir erinnern nochmals unsere Leser daran, daß die Frist zur Stempelung der Miethsverzcichuisse mit dem 31. d. M., also am nächsten Dienstag, ablänft. Werden solche nach dieser Frist zur Versteuerung vorgelegt, so wird das Prozeßverfahren wegen Gesetzesübertretung eingeleitet. Als Strafe wird der zehnfache Betrag des unterlassenen Steuipels angesetzt. Im Vorjahre traf einen Säumigen eine Geldbuße von 210 Mk.
— Ztener. Die Steuerpflichtigen, welche veranlagt sind in den Straßen mit dem Anfangsbuchstaben N, werden zur Entrichtung derselben am 30. Jamiar ausgefordert.
— D« dem Kapitel „StenerreKIamutiou" sprechen folgende Ziffern eine deutliche Sprache: lieber die Ergebnisse der Einkommensteuer-Veranlagung für 1897 und 1898 in Preußen ist dem Abaeordnetenhause eine Ncbersicht zugegangen. Es wurdeii 456,694 Steuererklärungen abgegeben; von diesen wurden beanstandet 148,268 (32,5 pCt.), mit Erfolg beanstandet 112.225 (75,7 pCk. der beanstandeten überhaupt). Das in den mit Erfolg beanstandeten Steuerklärungen angegebene Jahreseinkommen beträgt 678,87 Milk. Mark mit einer Steuer von 18,84 Mill. Mk. Nach Durchführung der Beanstandung mußten biefelben Pflichtigen versteuern ein Einkommen von rund 863 Mill. Mk. nnd eine Steuer zahlen in Höhe von 25 Mill. Mk. Der Erfolg der Beanstandungen war bei den großen Einkommen erheblich größer als bei den mittleren und kleineren Einkommen bis 300 Mk. herab.
— Drin» Karneval regiert jetzt; diesem Zeitrerhältniß trägt auch die Liebigs Fleisch-Extrakt-Compagnie Rechnung, indem fte eine neue Serie ihrer vielbegehrten bunten Empfehlungskärtchen hauptsächlich den internationalen Faschingsfreuden weiht. „Maskenfeste nnd Umzüge" lautet der Titel. Der „boeuf gras“ in Paris, Fastnachts-Dienstag in Mailand, mexikanische Karnevalstänze, Maskerade ans dem Hudson, chinesische und japanische Lustbarkeiten werden farbenreich veranschaulicht. Wenn nach genossenen Festesfreuden der angegriffene Magen Stärkung braucht, so liegt auch hier das Gute nahe; im Eckchen der Biwer machen sich Liebigs Fleisch-Extrakt und das Fleisch-Pepton der Compagnie Liebig bemerkbar, jedes in seiner Art bekanntlich bei der Ernährung die besten Dienste leistend.
Ucreins-Nachl'lchten.
(Aurze sachliche Berichte werden dereitwilligst unter dieser lieberjdjäft ausgenommen.)
* Der „Gabelsberger Stcnographen-Verein" hielt am letzten Mittwoch seine ordentliche Generalversammlung im Vereinslokal ab. Zunächst wurde durch Herrn Stenographen Christ der umfangreiche Jahresbericht erstattet, woraus hervorging, daß im letzten Jahre der Verein mächtig aufblühte und einen bedeutenden Zuwachs von Mitgliedern erhielt. Es wurden zwei gut besuchte Anfängerkurse abgehalten und ebenso nahmen die Mitglieder an den Fortbildungs- und llebungsabenden regen Antheil. Durch Gründung einer Damen-Abtheilung hat der Verein eine längst gehegte Idee erfüllt. Die finanziellen Verhältnisse des Vereins
In den letzten Tagen haben bei uns die Kundgebungen des Kaisers in Hannover im Vordergrund der politischen Erörterung gestanden. Diesen Kundgebungen war eine produktive Legendenbildung vorangegangen, welche von den Festtagen in Hannover eine Versöhnung mit dem entthronten Welfenlm'use er- ivarten zu können meinte. Diese Gerüchte, welche vielsach Unruhe erregt hatten, haben sich als unbegründet erwiesen. Aber bie offiziöse Auslegung der kaiserlichen Kundgebungen, daß diese eine ^mittelbare Absage" an den Gedanken einer Versöhnung mit dem Welfenthum bedeute, hat doch nur wenig Glauben gefunden. Von nicht Wenigen wird auch jetzt noch und gerade jetzt die Auffaffung festgehalten, daß die Berufung eines Curnberländers auf den braunschweigischen Thron in nähere Aussicht gerückt ist. Da derartige Behauptungen feit nahezu Jahresfrist immer und immer wieder, und auch von gut unterrichteten Blättern, mit großer Entschiedenheit ausgestellt werden, so erscheint eine Aufklärung von berufener Seite über diese Frage, die schon allzuviel Unruhe und Miß- stimMUNg hervorgerusen hat, nicht nur als wünschenswert!), sondern als dringend nothwendig.
Mit nicht geringerem Interesse wird überall der Haltung entgegengesehen werden, welche der Bnndesrath gegenüber dem Mehrheitsbeschluß des Reichstags auf Aufhebung des Jesuiten- gesetzes bezw. gegenüber dem mit großer' Mehrheit gefaßten Beschluß auf Aufhebung des § 2 des Zesnitengesetzes einnehmen wird. Die bisherige Haltung des Bundesraths und der allgemein bemerkte Umstand, daß derselbe cs für richtig erachtete, bei den diesbezüglichen Verhandlungen im Reichstag, trotzdem das (Zentrum dies als „Rücksichtslosigkeit empfand, nicht vertreten zu fein, lassen den Schluß zu, daß der Bnndesrath sich auch jetzt nicht zur „Abrüstung" gegenüber dem Jesuitenorden entschließen werde. Eine andere Auffassung geht freilich dahin, daß der Bundesrath nicht völlig abgeneigt sei, zu der an den § 2 geknüpften Vermittelungsaktion die Hand zu bieten. Jedenfalls wird die Entscheidung des BundeSraths für die weitere Gestaltung unserer innerpolitischen Verhältnisse von wesentlicher Bedeutung sein.
Ein nicht minder starkes Interesse als diesen inneren Fragen ist m der abgelaufenen Woche einer Frage der äußeren Politik B'tt worden, den Wirren auf Samoa, welches man mehr- einer Unterschätzung der politischen und handelspolitischen tg dieser Inselgruppe, als „das bischen Samoa" bezeichnet weitere Aufklärungen über die jüngsten Wirren auf jenen ijttenen Inseln einlaufen, desto zweifelloser wird es, daß ser amerikanische Protest gegen die Wahl Mataafas völlig un- )erechiigt, und daß er die eigentliche Ursache der dortigen Wirren war Da aber die drei betheiligten Mächte entschlossen find, den ruf den Samoa-Inseln entstandenen Konflikt auf Grund der leidigen >samoa-Akte, die ja zur Zeit noch zu Recht besteht, beizulegen, so wird man nicht daran zu zweifeln brauchen, daß diese friedliche Beilegung in Bälde erfolgen wird. Schwieriger wird es fein, die Frage zu beantwortest: Was nun? Daß viele Köche den Brei verderben, hat sich auf der allzu viel, nämlich dreifach, regierten Insel mit greifbarer Deutlichkeit gezeigt. Der neueste Vorschlag gebt dahin, an stelle dieses unglückseligen dreifachen Gemeinbesitzes die Drei- theilung treten zu lassen. Wird einer solchen Theilung im Prinzip zugestimmt, so wird sie zweifellos nur in dem Sinne ausgeführt werden können, daß ihr das Maß der dort vorhandenen Interessen, daß ihr die von den einzelnen Mächten auf den Inseln geleistete Kulturarbeit zu Grunde gelegt wird. Nach diesem Maßstab aber iv^dc der Löwenantheil an den Inseln billiger Weise Deutschland >
(Nachdruck verboten.)
Aus der Reichshimplstadt.
Kcrlin, 27. Januar.
Die Neichshauptstadt trägt heute ein Festgewand, und der Berliner, der, arbeitseifrig wie er ist, gerade deshalb doppelt den Grundsatz beherzigt, die Feste zu feiern, wie sie fallen, giebt heute gern der Festtagsstimmung ihr Recht. Am Tage freilich vermag die Kaiser-Geburtstags-Stimmung noch nicht voll durchzudringen, denn hier halt uns des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr !m Gleise und zwingt uns, unserer Werkeltagsbeschäftigung nachzugehen. Die richtige Festtagsstimunnig bricht sich bei der arbeitsamen Bevölkerung Berlins erst Abends Bahn, wo die Bcdächfigeren ihren gewohnten Abendschoppen noch um einen Kaiser-Geburtstags- schoppen, der sich ans diesem festlichen Anlaß wohl auch ans dem Göttertrank des Gambrinus in den nach göttlicheren des Bacchus verwandelt, vermehren, während die a.zeit fidele Jugend und das neugierige Fremdenpnblikum in unheimlichem Gedränge, gekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge, die Straßen auf- und abwogen, nm ihr Auge an den prächtigen Dekorationen und vor Allem an den Mnzenden Jllmniimtionen zu weiden. Auch hier pflegt freilich auf die Illumination von außen eine „Illumination von innen" gebührender Weise zu folgen.
Der einfachen Festfreude der Erwachsenen steht aber die Jugend mit dreifacher Freude gegenüber. Für sie ist das Kaiser-Gebnrts- tagsfest ein zwiefaches Fest, nicht nur ein patriotisches, sondern gleichzeitig das hehre Fest des Schulausfalls. Freiheit, die ich meine! rufen heilte der beglückte Schüler und die entzückte Schülerin. Sie haben ans ihrem Schiller gelernt, daß „Freiheit liebt das Thier der Wüste, frei im Archer lebt der Gott" aber unter dem
.Natnrgebot", welches nach Schiller den Menschen einengt, verstehen sie begreiflicher Weise den Schulzwang. Heute aber freuen sie sich der goldenen Freiheit und für sie wohnt diese Freiheit nicht, wie es die Meinung Schillers war, auf den Bergen, sondern — und das ist die dritte der drei Freuden — auf dem Eise! Denn feit gestern ist auf die winterlose, die schreckliche Zeit endlich die von der Jugend so heiß ersehnte „Eiszeit" gefolgt. Vorgestern Abend bereits hatten sämmtliche Eispächter ihre getreuen „Kannegießer" um sich versammelt und unter dem Kommando: Wohl, nun kann der Guß beginnen! wurde das große Werk der „Großen Riesen- Monstre-Natnr-Eisbahn mit Musik und elektrischer Beleuchtmig" vollendet.
Ist für die liebe Jugend das Eis das Ereigniß des Tages, so war es für das litterarische Berlin diesmal der neueste Sudermann. AIS Ereigniß kündigten fich.DiedreiReiherfedern" schon dadurch äußerlich an, daß das Deutsche Theater schon sechs Wochen vorher bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Soll doch die Zahl der geforderten Plätze die der vorhandenen um das Dreizehnfache überstiegen haben und in der letzten Woche wurden für Parkettplätze, die sonst 5 Mk. kosten, in der Thai 50 und 60 Mk. bezahlt. Es giebt eben in Berlin viele, die ihren Stolz darin setzen, „dabei zu fein“. Freilich am Ende der diesmaligen Sudermannschen Premiire war Manchem das schwere Geld, das er in dem Kampf ums „Dasein" geopfert hatte, zu einem „Reugeld" geworden. „Die drei Reihersedern" sollten nach dem Willen Sudermanns eine Art Märcheuspiel fein, waren aber thatsächlich ein Räthselspiel. In der Mitte der Handlung steht die Begräbnißfran, eine Art nnparlamentarisches Schreckgespenst, ivelchcs den Prinzen Witte dazu veranlaßt, einen Zauberreiher zu erlegen und ihm, als echter Held der Feder, drei Federn ailszurupfen. Verbrennt der Priilz die
erste Feder, so verkündet ihm die Bcgräbnißftan, dann wird er fein Glück in der Ferne erblicken, verbrennt er die zweite, so wird es ihm begegnen, ohne daß er es erkennt, verbrennt er die dritte, so wird fein Glück sterben und er mit ihm, und dann wird auch er befreit fein von feiner Sehnsucht. Also vollzieht es sich. Ziellos und ruhelos irrt er umher, findet die Geliebte, ohne in seiner Blindheit sein Glück zu erkennen, und stößt sein Glück in Blindheit von sich und begräbt es, während er selbst zu Grunde geht. „Wer seiner Sehnsucht nadjläuft, muß daran sie wen, mir, wer sie wegwirst, dem ergiebt sie sich". Das soll die Moral des Stückes sein, das in Wahrheit Niemand verstanden hat. Ob der Dichter selbst, könnte zweifelhaft sein, wenn er nicht einem Interviewer ausdrücklich erklärt hatte, daß er gewußt habe, was er sagen wollte. Sieht man von dem Beifall der Sudermann-Gemeinde ab, die das Theater »um großen Thcil besetzt hatte, so kann kein Zweifel darüber fein, daß es sich hier nicht einmal um einen Achtungserfolg, sondern um einen thatsächlichen Mißerfolg handelte. Ob es sich hierbei um ein Abirren vom Wege oder um den nur beim ersten Anlauf mitz- rathenen Versuch, neue Pfade zu finden, handelt, wird erst die weitere Entwickelung des Dichters zeigen. — Von den sonstigen Ereignissen der letzten Woche war das bemerkenswertheste der Beleidigungsprozeß Har den-Delbrück, welcher mit einem Vergleich endigte, der nach Lage der Verhandlungen und des darin gegen Herrn Harden vorgeführten Materials für den Herausgeber der „Zukunft" ein recht magerer Vergleich war. Die Verhandlungen waren kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Herrn Harden- Apostata und vielleicht mag er bänglich seufzen, ob er nicht einst das Kaiserwort: „Sie Zukunft liegt auf dem Wasser" auf sich mit der Variation werde anwenden muffen: Die,Zukunft" liegt auf dem.Trocknen"!
