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WitMkner Tilgblstt

«’• Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Beziigs-PreiS: durch den Verlag 50 Pfg monatlich, durch di« Post L Mk. oo Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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Verlag: Langgasse 27.

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Ilo. 88. Fernsprecher No. 52. Motttl»g, b$ll 23 IltttttSr. Ferusprechcr No. 52. 1899.

flbend-äusgabe.

Iüv Kebruar und März auf bas „Wiesbadener Tagblatt"

ZU abomiiren, findet sich Gelegenheit im Verlag Langgasse 27, bei den Ausgabestellen, den Zweig-Lxpeditionen in den Nachbar­orten und sämintlichen deutschen Reichsxostanstalten.

Die Samoa-Frage.

Die bisherigen Meldungen über die Wirren auf Samoa lassen weder die Ereignisse, die sich dort abgespielt haben, klar erkennen, noch geht aus ihnen Sicheres über den der­zeitigen Stand der Dinge hervor. Da die bisherigen Meldungen über England zu uns gekommen sind, kann cs weiter nicht Wunder nehmen, daß diese Meldungen höchst ungünstig für Deutschland gefärbt sind; die englische Presse nennt in dieser Hinsicht die Gewohnheit ihre Amme. Ver­gleicht man aber die bisherigen Nachrichten, so treten als­bald unentwirrbare Widersprüche zu Tage, nnd es wird unzweifelhaft, daß jene Meldungen eine starke Schönfärberei zu Gunsten der Amerikaner aufweisen.

Nach den vorliegenden Meldungen ist die Wahl Mataafas zum König mit sechsfacher Mehrheit erfolgt. Mit welchem Recht konnte der Oberlichter Chambers diese Wahl um­stoßen, da der Artikel 1 der Samoa-Akte von 1889 den Eingeborenen ausdrücklich das Recht zuerkennt, ihren Häupt­ling oder König selbst zu wählen. Es ist nun freilich be­kannt, daß Mataafa, der vor 10 Jahren infolge der Auf­hetzungen von amerikanischer Seite in Fehde gegen die Deutschen stand, jetzt auf der Seite der Deutschen steht. Die Amerikaner möchten aber auf Samoa gern einen König haben, der nach ihrer Pfeife tanzt. Ganz im Gegensatz zu den englischen und amerikanischen Be­hauptungen, daß bei den jetzigen Vorgängen die Deutschen sich ins Unrecht gesetzt hätten, scheint es vielmehr, daß die Amerikaner eigenmächtig gehandelt haben. Auch sonst scheinen die Meldungen über England in Bezug auf die Rolle, welche den Deutschen bei den Wirren zufiel, ins Gebiet der Phantasie zu gehören, denn da den letzten Meldungen zufolge Mataafa und die provisorische Negierung bis auf weitere Maßnahmen der Signatarmächte anerkannt worden sind, hat mithin auf Somoa die deutsche Partei gesiegt.

Im Uebrigrn wird man selbstverständlich ein sicheres Urtheil übtv die Vorgänge auf Samoa erst gewinnen können, wenn zuverlässige Meldungen vorliegen. Eines ist aber schon jetzt klar, daß diese Vorgänge zu einer Revision der Samoa-Akte führen werden, denn der durch die Akte ge­schaffene Zustand hat sich, wie allseitig anerkannt wird, als unhaltbar erwiesen. Die Klagen über die Samoa-Akte sind saft so alt, wie diese Akte selbst; denn der Vertrag ist eine Quelle unaufhörlicher Streitigkeiten auf den zwar nicht herrenlosen, aber mit zuviel Herren versehenen Inseln ge­worden. Jedenfalls ist aber schwerlich anzunehmcn, daß die jetzigen Vorgänge zu ernsten Verwicklungen zwischen den bethciligten Staaten führen könnten, da diese sämmtlich fest entschlossen sind, sich strikte an die ja noch in Kraft befind­liche Akte zu halten.

Weit schwieriger wird es freilich halten, für die Zukunft eine befriedigende Lösung der Samoa-Frage hcrbeizuführen, denn die jüngsten Ereignisse, welches auch ihr innerer Zu­sammenhang sein mag, haben jedenfalls gezeigt, daß es so, wie es bisher ging, nicht weiter gehen kann. Welches die befriedigendste Lösung der Samoa-Frage sein würde, darüber herrscht im Prinzip unter alle» drei betheiligtcn Mächten »olle Ucbereiustimmung. In Deutschland, in England und den Vereinigten Staaten ist man der Ueberzrugung, daß die beste Lösung der Samoa-Frage darin bestände, daß das Protek­torat über die Inseln einer der drei Mächte übertragen werden würde. Nur darüber, welcher der drei Mächte cs übertragen werden soll, gehen die Anschauungen begreiflicher Weise diametral auseinander! Freilich kann keine der beiden andercnMächte bestreiten, daß Deutschland die überwiegend größten Inter­essen auf Samoa hat. Das deutsche Element überwiegt auf den Samoa-Inseln das englische und das amerikanische zu­sammen genommen sowohl an Kopfzahl als an materiellen Jnlcreffcn. Deutsche Arbeit und deutscher Fleiß find es gewesen, welche auf den unkultivirten Inseln überhaupt erst eine Kultur geschaffen haben. Fast sümmtlichePlantagen- bcsitzer sind Deutsche und nahezu fünf Sechstel des gesammten Handels liegen in deutschen Händen.

Liegt cs somit auf dcr Hand, daß, wenn die Inseln einer Macht zufallen sollten, dies nur Deutschland sein könnte, so ist doch zur Zeit kaum Aussicht vorhanden, daß eine solche Lösung der Frage, auch durch anderweitige Zu­geständnisse. erzielt werden könnte. Ein anderer Vorschlag geht dahin, die Inseln unter die drei Mächte aufzutheilen. Bei dem geringen Umfang der Inseln — dieselben zählen L800Ouadratkilvmeter mit ca. 34,000 Einwohnern — bat dieser

Vorschlag manche Bedenken gegen sich, umso mehr, da die deutschen Interessen sich auf fast alle Inseln dcr Gruppe erstrecken. Die Lösung der Samoa-Frage wird mithin nicht leicht sein, aber sie wird gefunden werden müssen, und es wird nölhig sein, daß die deuische Regierung hierbei den Amerikanern gegenüber entschiedene Festigkeit an den Tag legt, da Deutschlands Interessen auf Samoa sehr erheblich sind. Was England anbetrifft, so wird es sich hierbei zeigen, ob die, wie es heißt, durch den „deutsch-englischen Vertrag" herbeigeführte Verbesserung der Beziehungen nur in der Theorie, oder auch in der Praxis besteht.

* * *

w. Washington, 21. Januar. Der deutsche Botschafter v. Holleben überreichte heute dem Staatssekretär Ha» zwei wichtige, aus Berlin eingcgangene Depeschen, und hatte hlerau anschließend eine lange Unterredung mit demselben. Die Depeschen enthielten eine ausführliche Darstellung der letzten Vorgänge auf Samoa vom deutschen Standpunkt aus, der sich in vielen wesentlichen Einzel­heiten von den bisher veröffentlichten Darstellungen unterscheidet. Nach der Konferenz zwischen dem Botschafter und dem Staatssekretär äußerte sich eine 'Persönlichkeit in hoher diplomatischer Stellung, das Aussehen, das die Angelegenheit neuerdings angenommen habe, lasse eine friedliche Verlegung derselben möglich/ ja sogar wahrscheinlich erscheinen. In maßgebenden Kreisen wird positiv erklärt, daß bis heute Mittag weder von den Vereinigten Staaten allein, noch in Verbindung mit England ein Protest erhoben worden fei. Es kann als sicher behauptet werden, daß, wenn die über die Vorkommnisse veröffentlichten Berichte den Thatsachen entsprechen, die Handlungen Dr. Raffeis und des Generalkonsuls Rose nicht das Ergevniß von Instruktionen aus Berlin waren. Man ist der Ansicht, daß diese Handlungen, soweit sie eine Vertragsverletzung einschlicßen, nicht die Billigung der deutschen Regierung finden werden.

hd. Krrlin, 21. Januar. Nach einer Meldung der „Voss. Zig." aus London sprach während des gestrigen Minislerratycs der deutsche Botschafter Graf Hatzfeld vor. Dieser ungewöhnliche Besuch wird mit der Samoa-Krisis in Zusammenhang gebracht.

hd. Kiel, 21. Januar. Als Ersatz für deu Kreuzer „Cormoran" von der ostasiatischen Station, welcher nach Samoa entsandt wird, geht das Kanonenboot „Iltis" gleich nach der am 1. Oktober er­folgenden Seeklarmachung nach Ostasien.

Ucw-Dorlk, 21. Januar. Der frühere samoanische Ober­richter erklärt, der Oberrichter Chambers sei zweifellos durch den Einfluß englischer Missionare bestimmt worden, gegen Mataafa zu entscherden, obwohl dieser augenscheinlich rechtmäßig erwählt sei.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 21. Januar.

Am Regiemngstisch: Staatssekretär Posadowsky. Eingegangen ist das Bankaesetz. Tagesordnung: Fortsetzung der zweiten EtatS- berathung, Etat des ReichLamts des Innern. — Aba. v. CzarlinSki (Pole) erklärt die Darstellung des Abg. Zubest über die Lage der Ziegeleiarbeiter in Kiel für begründet. Er führt Klage über Die Haiidhabung der sozialpolitischen'Gesetze und zwar namentlich über die Nentenbemessung der bei Unfällen Verunglückten. — Abg. Dr. Vielhaben (Antis.) findet die Abneigung der Nationalpartei gegen die soziale Gesetzgebung ganz erklärlich, da diese Partei hauptsächlich auS großen Unternehmern zusammen­gesetzt sei. Für die Fernsprech-, Post- undTelegropheii-Gehülfinnen wünscht Redner eine dienstliche Unterstützung bei Erkrankungen. Hierauf wendet er sich der Bäckereiverordnung zu, welche er eingehend erörtert, dabei namentlich die hierüber geäußerten Meinungen des Professors Hitze citirenb. — Abg. SBient er (freif. Volksp.): Die gestrigen Erklärungen des Frhrn. v. Heyl ließen er­kennen, daß die Nationalliberalen jetzt mehr als früher geneigt sind, auf sozialpolitischem Gebiet mit der gesammten Linken mitzuthun. Ob die ganze Partei hinter ihm steht, ist freilich zweifelhaft. Wir wollen im Anfchükß an die Rede des Herrn Vasfermann, der sich als ein warmer Anhänger der Koalitionsfreiheit bekannt hat, hoffen, daß die ganze Partei mit uns diese neue Beeinträchtigung der Koalitionsfreiheit zurückweisen wird. Auch die Thron­rede sagt, das Koalitionsrecht solle nicht beschränkt werden; aber tn Oeynhausen (Glocke des Präsidenten). — Präsident Graf Balle st rem: Ich werde keinen Redner hindern, Reden deS Kaisers oder eines deutschen BundeSsiirsteu zu erwähnen, jedoch setzt dies voraus, daß die Reden dieser höchsten Personen dem Reichstag authentisch bekannt geworden sind. Unter „authentisch" verstehe ich, daß sie auf gefchäftSordnungsmäßigem Wege dem Reichstag Ä, oder daß sie im „Reichs- und Staatsanzeiger" ihrem Wori- ch publizirt worden sind. Ich glaube, die Ehrstircht, die wir dem Kaiser und den Bundesfürsten schulden, ebenso auch die Würde des Reichstags erfordert es, daß Sie von Reden, die nur durch Zeitungsnachrichten oder sonstige nicht authentische Kundgebungen in die OEentlichkeit gelangt sind, keine Notiz nehmen. (Beifall rechts.)— Abg. Wiemer (sortfahrenb): Der Weisung des Herrn Präsidenten folge ich gern; ick) hatte aber bei meiner Erwähnung an das Wort des Staatssekretärs gedacht, daß nichts im Reiche geschehen sei wofiir nicht der Reichskanzler die Verantwortung übernehme, und ich dachte mir, daß diese Aeußerung vielleicht auch zuttäfe auf die Kund­gebung, von der eben gesprochen ist. (Zustimmung links.) Redner führt weiter au«, daß die Sorge sehr begründet sei, daß bei dem Einfluß des Herrn v. Stumm auf den Gang der Reichs- gesetzgebung die ZuchthauSvorlage zu einer Beschränkung oder Vernichtung des KoalitionSrechts sich gestalten möchte. Er verbreitet sich weiter über die in Aussicht stehenden Straf­bestimmungen zum Schutze Arbeitswilliger. Sodann empfiehlt er weiter die gesetzliche Ausbahnung der Berufsvereine, hopt auf die Annahme des bezüglichen Antrags seiner Partei und bittet die Regierung, auch ihrerseits die Genehmigung nicht zu versagen. Zu empfehlen sei auch der Ausbau der Gewerbegerichte, ein weiterer Ausbau der Gewerbe-Inspektorate und eine Förderung der Arbeiter- Ausschüsse. Besonders nöthig sei auch eine Regelung der Verhält­nisse der ländlichen Arbeiter. Der freiheitliche Ausbau unseres Rechts lasse Manches zu wünschen übrig. Die RechtSgarantieen würden sehr vermißt. Sie seien nicht einmal vorhanden gewesen für einen Bundesfürsten, dem nach Neberzeugung weiter Volkskreise Unrecht geschehen sei. Aus diesem vermißten Rechtsgefühl entspringe Unzufriedenheit und ReichSverdroffenheit. (Beifall links.) — Abg. Schrempf (kons.) giebt der Thätigkeit der Sozialdemokrasie die Schuld, wenn die soziale Gesetzgebung ins Wanken gerathen sei. Sluf den kleinen Handwerker übe die Sozialresorm einen höchst nach­

theiligen Einfluß aus. Diese Leute seien beute schlechter dran als Arbeiter. Der Schutz der Arbeitswilligen fei nölhig, Streiks seien schon kleine Revolutionen. — Abg. Rö ficke (wild-lib.) wendet sich gegen die früheren Ausführungen des Abg. v. Stumm, dem­gegenüber er die Ansicht vertritt, daß die Verzögerung in 6er sozialen Gesetzgebung nach den Februar-Erlassen schon seit der Demission des Ministers v. Berlepsch dasire. — Abg. Derlei (kons.) wendet sich gegen die Bäckerei-Verordnung. Dieselbe ruinire den mittleren Bäckereibetrieb und rufe ein Spionage« und Denuncir-System hervor, welches unerträglich wirken müsse. Uebrigens sei die Bäckerei-Arbeit nicht so übermäßig anstrengend.— Abg. Prinz Schönaich-Carolath (wild-lids) fragt, welche Stellung die Regierimg gegenüber den Haushaltungs- und Kost­schulen einnchme und bittet, den jungen Mädchen bequemer als bisher Gelegenheit zu geben, das Abit »rieisten - Examen abzulegen und den heutigen Zustand zu ändern, welcher jedem Dozenten anheim giebt, Frauen zu seinen Vorlesungen zu­zulassen, oder dies abzulehnen. — Staatssekretär Posadowsky führt aus, in der Postverwaltung würden 4600 Frauen beschäftigt. Charakteristische Berufs-Krankheiten seien nicht beobachtet worden. Was die Zulassung der Frauen zum Studium der Medizin anlange, so sei die neue Studienordnung in Vorbereitung begriffen, wodurch diese Frage geregelt werde. Ob die neue Seemanns­ordnung noch in dieser Session dem Reichstag zugeheu werde, sei zweifelhaft. Bezüglich der Bäckereiverorduuug wolle er bemerken, daß cs allerdings scheine, als ob das angeftr'cbte Ziel besser durch eine Minimalruhezeit zu erreichen sei. Doch habe die Sache den Bundesrath bisher noch nicht beschäftigt. Die Regierung stehe nach wie vor auf dem Standpunkt der kaiserlichen Erlasse. Die Reichs-Verdrossenheit rühre zum großen Tbeite daher, daß vom Staat mehr verlangt werde, als er zu leisten vermöge. — Abg. Freiherr v. St» tu m (Reichs».) bemerkt, der Abgang des Ministers v. Berlepsch .bedeute gar keine Aenderung in dem Gang der sozialpolitischen Entwickelung. Für diese seien nnd) wie vor die kaiserlichen Erlasse maßgebend. — Abg. Röficke (wildl.) be­hauptet, daß die Entlassung des Ministers v. Berlepsch jedem Un­befangenen den eingetretenen Courswechsel, der (tdi auch noch aus Privat-Korrcspondenzen beweisen lasse, bewiesen habe. — Abg. Schrader (freif. Ser.) wünscht Zulassung der Frauen zu allen Universitäts-Vorlesungen. — Staatssekretär Posadowsky er­klärt, nach den bestehenden Absichten sollen die Frauen, welche den gesetzlichen Anforderungen genügten, auch zum Physikum zu- gelassen werden. — Nächste Sitzung Montag, 1 Uhr. Tages­ordnung: Interpellation wegen Einbringmig eines Weingesetzes und Fortsetzung der heutigen Etatberathung. — Schluß 5l/< Uhr.

Preußischer Landtag.

Berlin, 21. Januar. Abgeordnetenhaus.

Fortsetzung der Etatsberathung. Abg. Richter (freif. Volksp.) führt aus, der von Miguel hervorgehobene gute Stand der preußischen Finanzen sei nicht zu vcrwundem, denn man habe in Preußen trotz der guten Lage noch immer dauernde Belastungen. Gegenüber der Erklärung des Finanzministers, daß die Verstaat­lichung der Eisenbahnen sich glänzend bewährt habe, sei er 6er Ansicht, wenn die Konkurrcnzbahuen bestehen geblieben wären, Tarif-Erleichterungen eher möglich gewesen wären. Wolle man Steuer-Reformen machen, so solle man eine allgemeine Reform der Gewerbesteuer vornehmen, aber keine Ausnahme-Gesetze schaffen, wie die Besteuerung der großen Waarenhäuser. lieber die aus­geworfenen Mistel zur Beförderung des Deutschthmns in den Ostmarken wünsche er eine abgerundete Debatte nach der eigent­lichen Etatsberathung, entsprechend der Wichtigkeit der Position. Bür Kanalbauten könne viel Geld angelegt werden, aber die ortheile der Kanäle sollten nicht durch eine Staffelung der Tarife eingeschränkt werden. Redner sei nicht für eine Uebcrtragung der Wasserbauverwaltimg an das Laudwirthschaftsministerium. Dieses vertrete einseitig die Interessen einer einzelnen Interessengruppe und sei im Schlepptau der Agrarier. (Heiterkeit rechts.) Die Landwirthschaft sei tin Allgemeinen in so günstiger Loge, daß die Rechte keinen Grund zur Klage habe. Richter wendet sich sodann zum Kultusminister, dem Chef des Ministeriums des Geistes. (Heiterkeit.) Es sei ungerecht, daß die staatlichen Zuwendungen lediglich für die evangelische und katholische Geistlichkeit bestimmt feien, es' feien dock) noch andere Staatsbürger da. Es scheine ihm, als lege der Minister es daraus an, die jüdischen Lehrer in der kleinlichsten Weise herailszugratsten. Das Disziplinarverfahren gegen Delbrück sei nicht zu billigen, es kennzeichne die jetzige Richtung. Bon einer Reform der politischen Polizei hört man nichts Besonderes. Es wäre mir interessant zu hören, was der Herr Polizeiminister uns über die egyptische Verschwörung mittheilen kann. Hat es sich dort um Schwindel ober um eine Legende gehandelt? (Heiterkeit.) Die Wahlkrawalle im vergangenen Jahre hat man dargestellt, als wenn man am Vorabend einer Revolution stände und es der sozialdemokratischen Presse überlassen, den bekannten Schießerlaß zu veröffentlichen, der allen preußischen Traditionen widerspricht und durch nichts gerechtfertigt wird. Schneidigkcit ist nicht immer ein Beweis von Kraftgefiihl. Wenn in dieser Weise die Gendarmen inftruirt werden, bann gnade Gott den wehrlosen Bürgern. (Unruhe rechts.) Wie werden andererseits Ucbergriffe der Polizei geahndet? Die Gerichte strafen allerdings oft hart genug, aber wie oft wird die Strafe durch Begnadigung wieder aufgehoben. Auf die Er­laubnis, den Friedhof der Märzgefallenen in würdigen Zustand zu setzen, wartet die Berliner Gemeinde feit acht Monaten und offiziös ist erklärt worden, es soll keine Antwort ertbeilt werden, um zu verhindern, daß wegen Verweigerung der Bauerlaubniß geklagt werden kann. Diese Verzögerung steht aber im Zusammenhang mit der Verzögerung der Bestätigung des Oberbürgermeisters von Berlin. Diese Frage hat allgemeine Bedeutung und muß daher beim Etat besprochen werden. Es wird gesagt, daß der Minister des Innern die Bestätigung befürwortet habe, und die

Sache im Civilkabinett liege, bas entbindet den Minister des Innern aber nicht uon seiner Verantwortlichkeit für

eine Unterlassung. Vertretern bei Stadtverwaltung ist nahe­gelegt worden, bas Gesuch um die Bauerlaubniß zurückzuziehen, unb baß auch bie Inschrift zu beanstanden fei: „Ruhestätte bet in den Märztagen 1848 in Berlin Gefallenen". Das ist doch einfach bie Konstatirung einer historischen Thatsache. Niemand bat das Denkmal für die gefallenen Soldaten beanstandet. Hier handelt es sich nicht einmal um ein Denkmal, sondern darum, eine Verwahr­losung eines Friedhofs zu verhindern. Es bekundet eine un­gemein kleinliche Auffassung, dem entgegenzuarbesten. Es würde viel zur Beruhigung beitragen, wenn eine Erklärung ab­gegeben werden könnte, daß die Verzögernng auf eines