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Wiesbadener Tagblatt

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Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur

cm * cw । für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen - Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. Anzeigen -Annahme nüchsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

1899.

Freitag, den 30. Januar.

Fernsprecher No. 62.

N-. 34.

Fernsprecher No. 52.

Verlag: Langgasse 27.

16,000 Abonnenten.

42. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Die einspaltige Petitzcilc für local« Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Amrigen 25 Pfg. — Neclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

Abend -Ausgabe.

ZUM UalionaliliitenKampfe in Oesterreich.

Die „Los von Rom"-Bewegung in Oesterreich nimmt immer größere Dimensionen an. Es handelt sich dabei offenbar um eine Sache von weitgehender politischer Be­deutung, deren Folgen heule noch kaum abzusehen sind. Zur Erläuterung mag hier gesagt werden, daß es sich hier nicht um einen Beschluß handelt, der plötzlich auf Grund irgend einer einzelnen Thalsache und ab irato gefaßt worden wäre. Schon seit Jahren ist diese Forderung in radikal-nationalen Kreisen immer wieder aufgetaucht, und es existiren in Deutschböhmen bereits seit längerer Zeit allkatholische Gemeinden, deren Mitglieder mit Rücksicht auf die That- sache, daß es ihnen nicht möglich war, deutsche römisch- katholische Priester für ihre Gemeinden von den kirchlichen Oberen zu erhalten, zum Allkalholizismus übergetreten waren. In den letzten Monaten treffen wir immer wieder in der „Ostdeutschen Rundschau" Anfragen, worin auf eine Beschleunigung dieser Frage hingedrängt und die Parteileitung der Saumseligkeit geziehen wird. Auch wurden im ganzen Lande bereits Versammlungen in dieser Sache abgehalten, sodaß der Beschluß der großen Versammlung, in nächster Zeit bereits, sobald 10,000 Per­sonen sich zum Uebertritt bereit erklärt haben, denselben zu vollziehen, als ein wohl vorbereiteter gelten Mn. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" schreiben dazu: „Die Gründe, welche hierfür maßgebend waren, lassen sich zum Thcil ganz ziffernmäßig zum Ausdruck bringen. In einer Broschüre*) des Abgeordneten Hoffmann v. Wellenhof ist eine Zusammenstellung des Priesternachwuchscs in Steier­mark und Kärnten gegeben, aus der sich die Thatsache ent­nehmen läßt, daß in Steiermark, dessen Bevölkerung zu 67 pCt. deutsch ist, der Priesternachwuchs in den Seminarien aus sieben Deutschen, 62 Slovenen und 13 Tschechen besteht und in Kärnten, dessen Bevölkerung zu 70 pCt. deutsch ist, aus 20 Deutschen, 23 Slovenen und 37 Tschechen. Die Schuld hieran liegt nicht etwa daran, daß sich die Deutschen nicht dem Priesterberufe zuwenden wollen, sondern es ist systematisch von den kirchlichen Oberen die Slavisirung der Seminarien betrieben worden; und ist einmal ein erheb­licher Prozentsatz der Bewohner dieser Seminarien slavisch, dann wissen die Slaven ihren deutschen Konviklsgenossen das Leben so zu verekeln, daß der deutsche Antheil bald auf ein Minimum herabsinkt und die Deutschen sich dann eben den Klöstern zuwenden, die allerdings fast ausschließlich mit Deutschen besetzt sind, wo aber zu seelsorgerischer Thätigkeit verhältnißmäßig wenig Gelegenheit gegeben ist. Ebenso hat man wiederholt in Böhmen von Petitionen deutscher Gemeinden an die Bischöfe hören können, worin diese dringend um die Zuwendung eines deutschen Priesters gebeten wurden, Ansuchen, die leider häufig erfolglos waren; und der Boykott tschechischer Priester in deutschen Gemeinden war durchaus keine Seltenheit. In der ganzen Geschichte der Slavisirungen sowohl in den Sudetenländern als auch in Steiermark, Kärnten und Krain ist es eine bekannte Thatsache, daß der Geistliche immer als der erste Vorkämpfer dieser Bestrebungen galt und häufig sogar der erste slavische Sendling in eine deutsche Gemeinde war, der dann allmählich die Slavisirung derselben herbeiführte. Der Umfang, welchen diese Bewegung annehmen wird, läßt sich heute kaum ziffermäßig beurtheilcn; so viel ist aber zweifellos, daß bei dem ungeheuren Anhänge der radikal- nationalen Partei im deutschen Volke, der zu der geringen Vertretung im Parlament in gar keinem Verhältniß steht, die 10,000 Zustimmungserklärungen, nach denen der erste Masscnübertritl an einem Tage erfolgen soll, in kurzer Zeit erreicht sein werden. Und in solchen Dingen ist ja bekannt­lich nur der Anfang schwer. Der Einzelne scheut sich, einen Schritt zu begehen, fürchtet vielleicht, allein zu bleiben, viel­leicht auch wirthschaftliche Nachtheile; ist aber erst eine größere Gemeinde vorhanden, dann ist es naturgemäß, daß Boykotte und Anfeindungen an dem Einzelnen viel leichter ab- prallcn, wenn er sich einer vorhandenen Gemeinde angeschlossen hat. So können wir vielleicht das Schauspiel erleben, daß die Reformation, die schon einmal durch alle Gauen Deutsch- Oesterreichs ihren siegreichen Zug gehalten hat, wiederum, diesmal aber aus rein politischen nationalen Gründen, einen Erfolg haben könnte, an den man vor 20 Jahren kaum gedacht hätte. Die Bewegung wird zunächst sich wohl hauptsächlich auf die Sudctcnländer und auf Steiermark und Kärnten beschränken; daß sie auf Tirol übergreift, ist bei der jetzigen Slärke der klerikalen Partei daselbst wohl kaum anznnehnien. Aber sie könnte doch auch dort die segens­reiche Wirkung haben, den Klerikalen darüber die Augen zu öffnen, wohin ihr volksverrätherisches Treiben führt. ES könnte sie vielleicht zum Nachdenken darüber ver­anlassen, warum die katholischen Priester bei allen anderen

*) „Der Kampf um das Deutschthnm", 8. Heft, I. F. Leh­manns Verlag, München.

Völkern, slaviscken sowohl, wie romanischen, immer das Empfinden dieser Völker theilen und nur bei den Deutschen nicht, und daß vielleicht die Deutschen auch darauf einen berechtigten Anspruch erheben können. Es ist freilich eine Frage, wie weit der innerste Kern des llltramontanis- mus sich mit dem deutschen Volkscharakter, ans dessen innerster Anlage die Protestbewegung eines Luther erwachsen ist, jemals aussöhnen kann. Sollte aber selbst das Herz der Klerikalen bei einem Friedenspakte, den sie mit den Deutschen in Oesterreich schließen, nicht dabei sein, sollten sie sich auch nur aus Klugheitsrücksichten gezwungen sehen, statt, wie bisher, an der Seite der Slaven gegen das deutsche Volk zu kämpfen, sich an seine Seite zu stellen, so würde das doch für die deutsche Bewegung in Oesterreich einen unschätzbaren Gewinn bedeuten."

Bei den vorstehenden Ausführungen des Münchener Blattes scheint eines, und zwar das Gravirendste, übersehen worden zu sein. Die Geschichte lehrt hinlänglich, daß die Priesterschaft, sei sie, welcher Art sie wolle, sich bei einem solchen Kampf der Schwachen immer nur annahm, wenn Sieg in Aussicht stand. Ihre Diplomatie ist allzeit nur eine vollkommen selbstsüchtige, auf Machtvergrößerung ge­richtete. Sympathieen oder Anlipathieen spielen dabei absolut keine Rolle, und das wahre Christenthum am allerwenigsten. Wenn also die Pfasfenschaft in Oesterreich so offenkundig die Slaven begünstigt, so hält sie deren Aussichten in dem Reich für die günstigsten. Deshalb sollten die bedrückten Deutschen jede, aber auch jede Hoffnung auf eine ehrliche, schwarze Bundesgenossenschaft fallen lassen und sich endlich aufraffen zu entscheidenden Thaten. ___________________________________

Deutscher Reichstag.

Krrlin, 19. Januar.

Tagesordnung: Fortsetzung der zweiten Lesung des Etats, Etat des Reichsämts des Innern, Titel Staatssekretär. Abg. Röficke (wild-liberal) wendet sich gegen. die Ausführungen des Staatssekretärs und bezeichnet die Thatrgkeit des Bundesraths als eine rein negative, weil er häufig sehr berechtigte Wunsche ablehnc, so in Bezug auf die Koalitionsfreiheit der Arbeiter, Zulassung von eingeschriebenen Berufsvereinen,Aushebung deSVerbindungsvcrbots ec. An der Thronrede habe er, Redner, Verschiedenes auszusetzen; titel Positives bringe sie nicht. Sehr bedenklich sei die Ankündigung eines Gesetzes, welches sich direkt gegen die Arbeiter richte Die Thronrede sage, die Verhältnisse in Bezug auf Streiks und Terronsmus seien geradezu gemeingefährliche geworden Er, Redner, sei entgegeiigesetzter Ansicht. Seit 1890 hätten sich die Lerhalimsse gebessert. Vergessen dürfe man auch nicht, wie Seitens der Arbeit­geber Massen-Aussperrungen von Arbeitern in erhöhtem Umfange stattgefunden haben. Er sei überzeugt, daß, wenn der Kaiser besser von seinen Räthen über die Verhältnisse unterrichtet worden wäre, er die Oeynhausener Rede nicht gehalten haben wurde. Zu empfehlen sei die Errichtung eines Arbeitsamtes. ES sei Pflicht der verbündeten Regierungen und deS Reichstags, Einrichtungen zu treffen zum Schutze der wirthschaftlich Schwachen. — Abg. Wurm (Soz.), der Terrorismus der Arbeitgeber sei nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine ganz unbestreitbare Thatsache. Es existirten Arbeits-Nachweise der Unternehmer, welche haupt­sächlich nichts weiter seien, als Maßregelunas-Büreaus. Die von Herrn Rösicke empfohlenen Arbeits-Nachweise unter gemeinsamer Leitung wurden wohl nicht viel nützen, denn Herr Rosicke sei cm weißer Rabe unter den Arbeitgebern, den die vielen schwarzen Raben bald überflügeln würden. In seinen weiteren Aussuhrungen betont Redner, bei den meisten obligatorischen Verordnungen, die in die Arbeiter-Verhältnisse eingreifen, habe man nie vorher Arbeiter gefragt. Die Revision der gewerblichen Anlagen und das Vorganden- scin der Arbeiter-Schutzvorrichtungen sei unzulässig. vorigen Jahre seien nur 30 pCt. der Betriebe revidirt worden. Desgleichen fei die Zahl der preußischen Gewerbebeamten unzureichend. Es scheine eben, als ob in Preußen für solche» Zwecke keine Gelder vor­handen seien. Wenn die Arbeitgeber sich noch so sehr gegen die Arbeiter-Schutz-Vorschriften vergingen, so kämen sie mit Geldbußen weg. Wenn aber ein Redakteur eine Majestäts-Beleidigung uberfthe, so bekomme er vier Jahre Gesängniß. Da dürfe man sich nicht wundern, wenn der Arbeiter an die Unparteilichkeit der Gencyie nicht glaube. — Abg. Möller (nat.-lib.) wünscht eine Ber- ftändigung über die Revision des Unfallgesetzes und ist der Meinung/ daß der gegenwärtige Zustand, der Terrorismus von Arbeitswilligen nicht fortbestehen könne. In England werde wichet Terrorismus auch ohne besondere Gesetze bestraft, dafür sorge schon der gesunde Menichenverstand, von dem sich die Richter m loschen Fällen leiten ließen. Im Gegensatz zu.Herrn Wurm behaupte er, daß Seitens der Arbeitgeber häufiger freiwillige Lohnerhöhungen gemacht würden. Im Auge behalten müße man, daß man m Deutschland mit der sozialistischen Gesetzgebung allen andern Landern der Welt weit voraus sei. Täglich werde im Reiche eine Million für Unfall-, Kranken- und Invaliditäts-Versicherung von den Arbeitgebern und zum Theil allerdings auch von den Arbeitern aufgebracht und gegen alle diese Versicherungs­gesetze hätten die sozialdemokratischen Abgeordneten gestimmt. Dem Wunsch nach einer Eentralstelle der Arbciterstatistik stimme auch er zu. Die Ärbeiter-Schutzvorschriften nach einer Schablone zu hand­haben, sei nicht möglich. Zu einer Fabrikaufsicht durch weibliche Personen könne er sich nicht bekennen. Die Frauen würden nicht objektiv genug fein. Das warme Herz würde mit ihnen durchgehen. (Lachen links.) — Staatssekretär Posadowsky führt ans, über gesetzgeberische Entwürfe, welche noch nicht an das Hans gelangt seien, sei er nicht in der Sage, sich zu äußern. Eine Erlahmung der sozialpolitischen Gesetzgebung sei »icht eingetnten, nur könne man darin kein schnelles Tempo einschlagen. Daß Vergehen von Arbeit­gebern gegen Arbeiterschutz-Vorschriftcn bestraft werden, wünsche auch er. Er wisse, daß her preußische Handelsminister den Justiz­minister gebeten habe, möglichst darauf hinzuwirken, daß solche Vergehen streng bestrast würden. Wir werben, so schließt Redner, mit'der Fürsorge für die arbeitenden Klaffen nicht ruhen, werden uns aber durch nervösen Dilettantismus nicht dazu treiben lassen,

unreife Gesetze zu machen. — Nach einigen Ausführungen deS Abg Ägster (Soz) vertagt sich bas Haus. Morgen, 1 !lhr: Fortsetzung der Debatte. Schluß 5’/« Uhr.

* * *

Berlin, 19. Januar. In der heufigen Sitzung der Burget» kommission brachte beim Etat der Reichsdruckerei der AM Müller-Fulda den Fall Grünenthal zur spräche. Er erbat vom Staatssekretär Auskunft darüber, wie hoch der von Grünenthal angerichtete Schaden fei und ob Maßnahmen ergriffen seien, welche derartige Veruntreuungen für die Zukunft unmöglich machten. — Staatssekretär Podbielski antwortete, im Ganzen habe sich Grünenthal 489,300 Mk. angeeignet. Durch den Nachlaß Griinen- thals seien 314,000 Mk. gedeckt, sodaß der wirkliche Betrag, der von der Reichsdruckerei zu decken sei, sich auf nur 145,300 Mk. belaufe. Im klebrigen seien die Kontroll-Maß­regeln derart verschärft worden, daß ähnliche Veruntreuungen für die Zukunft ausgeschlossen erscheinen. — Der Etat der Reichsdruckerei wurde bewilligt. — Es folgte die Berathunä des Etats für Kiaiitschon, für welches 8,500,000 Mk. gefordert werden. Einnahmen sind nicht vorhanden. Staatssekretär Tirpitz theilt auf eine Anfrage mit, daß acht Todesfälle an Malaria und Ruhr vorgekommen seien. Nach seiner Beurtheilung werde Kiautschoi, künftig, wenn die Grundarbeiten beendet seien, andern Orten an der chinesischen Kiiste gesuiidheittich überlegen fein. Die neuesten Nachrichten über die Kohlenverhältnisse lauteten recht günstig. Zur Zeit würden die Vorarbeiten für die Hasenanlagen gemacht. Vertrage mit Unternehmern seien noch nicht abgeschlossen, Verhandlungen aber im Gange. Der Etat wurde schließlich be­willigt. Morgen steht der Reichs-Eisenbahn- und Militäretat auf der Tagesordnung.

Deutsches Reich.

* Berti», 20. Januar. Die dem BuubeSrath vorliegende Novelle zur G c werbe-Ordnung sieht, wie die „Natioiigp- Zeitiing" berichtet, zunächst eine Kontrolle der Gesinde-Vermiether und Stellenvermittler vor. Der Betrieb dieser Gewerbe soll von besonderen polizeilichen Konzessionen abhängig gemacht werden. Ferner schlägt die Novelle neue Bestimmungen vor über die Ent­führung von Sohnbücherii und Arbeitszetteln, sowie über die Mit­gabe von Arbeit nach Hause und die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter, namentlich in der Konfektionsbranche. Sodann werden eingehende Bestimmungen vorgeschlagen über die Beschäftigung von Gehiilfen, Lehrlingen und Arbeitern in offenen Läden. Schließlich enthält die Novelle eine Ergänzung der Bestimmungen über das Verfahren bei Errichtung genehmigungspflichtiger Anlagen und Erweiterung der Zahl der vom Gewerbebetriebe im Umherziehen ausgeschlossenen Gegenstände. ,

Das Bankgesetz ist in der heutigen Sitzung des BundeS- raths nach den Vorschlägen der Ausschüsse, denen die Vorlage zur Prüfung überwiesen war, angenommen worden. Die Vorlage soll sofort dem Reichstag zugehen.

Die Revision der Garantiefonds-Zelchner der Berliner Ge­werbe-Ausstellung gegen die Urtheile des Kammergerichts ist vom Reichsgericht zuruckgewiesen worden. Die Betheifigten müssen so­mit jetzt unweigerlich zahlen.

* Sigls tzthttsncht. Es geschehen Zeichen und Wunder! In Dr. Schis „Vaterland" liest man: „Die amerikamschen Maulhelden werden immer frecher. Jin Repräsentantenhaus zuWashingtoirer- tlärte der Deputirte Berry unter stürmischem Applaus: „Wit werden vielleicht noch Deutschland dieselbe Tracht Prügel ertheilen wie Spanien!!" — Es könnte aber in dieser Beziehung zwar leicht umgekehrt gehen. Allein wenn Deutschland um einiger Bauder, Seide 2c. willen, deren Export es vielleicht im anderen Fall ver­lieren müßte, jede moralische Ohrfeige, die über das „große Master ; herüberkommt, ruhig einsteckt, und aus demselben Grund uberbte» noch den „guten Spezelu" der Yankees, den gleichwerthigen eng­lischen Schreiem, unverdrossen nachläuft und die stiefel ableckt, von denen es kurz vorher noch getreten worben ist, dann ist es freilich ganz erklärlich, daß die Achtung vor dem deutschen Namen sich in ihr Gegenthei! verkehrt und den amerikanischen Maulhelden, die ohnehin schon fast am Ueberschnappen sind, ordentlich der Kamm wächst. Wahrlich, man könnte manchmal versucht werden, sich nach den „kalten Wasserstrahlen" Bismarcks zurückzusehuen, wenn man sieht, wie Deutschland jetzt sogar von einem halbwilden Räubervolk auch bte -größten Frechheiten ruhig hinnimml."

* Rundschau im Reich». Sämmtlichen Postunterbeamten Dresdens soll, wie das „Meiß. Tagebl." meldet, eine Verfügung jur Unterschrift unterbreitet worden fein, durch die sie von der Oberpostdirektion vor dem Betreten solcher öffentlichen Lokale ge­warnt werden, in denen das bisherige Organ für die Postunter­beamten, „Der deutsche Postbote", ausliegt. — Die Be­gnadigung eines Sozialdemokraten durch den Fürsten von Neuß ä. 8. hat recht schlimme Folgen gehabt für den — Sozialdemokraten. Eine sozialdemokratische Versammlung beschloß, deii früheren Expedienten Schenderlin aus der Partei auszuschließen, weil er bei seiner letzten Verurtheilung zu fünf Monaten Gefängmß beim Fürsten von Reich ä. L. um Begnadigung eingefommen, btt ihm auch nach Verbüßung von drei Monaten gewährt wurde. — Die Finauzkommission des braunschweigischen Landtages beantragt, den Antrag auf eine besondere Besteuerung der Waarcn- häuser io. abzulehnen, da in dieser Beziehung vorzugchen, Lache des Reiches und nicht der partikularen Gesetzgebung sei.

Ausland.

* Frankreich. Esterhazy ist Mittwoch Abend um 11 Uhr 20 Minuten in Paris angelangt. Auf dem Nordbahnhof hatten fich zahlreiche Journalisten eingeftinden, die ihn erwarteten. Der Zug war bereits seit 20 Minuten auf dem Bahnhof und von allen Reisenden verlassen, als scheu und langsam, auf einen Stock gestutzt, ein einsamer Mann übet den Onni herankam. Es war Esterhazy. Gr war kaum wiederzuerkennen, denn er hat in Holland seinen Bart lang wachsen lassen, der weiß und struppig das Sinn bedeckt. Die tiefliegenden, stechenden Augen blickten fieberhaft. Die ganze Erscheinung hakte etwas fast Gespenstisches. Der Ankömmling schien nur einen Wunsch zu haben, den Fragen der Journalisten aus- zuweichen. Dabei blickte er sich scheu um, ob er von Geheim­polizisten verfolgt werbe. Ihrer waren vier zur Stelle. Auf alle Fragen der Interviewer antwortete Esterhazy mit schwacher Stimme: „Ich kann nichts sagen, ich bin so müde! Dann stieg er tn eine Droschke und fuhr davon, gefolgt von den radelnden Geheimagenten.