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Verlag: Langgasse 27.

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Uo. 26.

Montag, den 16. Januar.

Fernsprecher No. 52.

Fernsprecher No. 52.

1899.

Abendausgabe.

(Nachdruck verboten.) Znm Derßändniß der „agrarischen Frage". (Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)

IV.

Die Leutenoth.

So gefällig die Regierung den Agrariern ist, sie hat immer noch nicht das Mittel erfunden und dekretirt, die Reihen der Jnstmänner und Scharwerker vollzählig zu machen. Thatsächlich herrscht in ganz Ostelbien ein chronischer Arbeitermangel. In einem Regierungsbezirk stehen 6000 Jnst- manns-Wohnungen leer, in einem anderen Regierungsbezirk zählte schon in der besseren alten Zeil von der Goltz, der verdienstvolle Direktor der landwirthschaftlichen Akademie zu Poppelsdorf, 12—16 Millionen Mark Gewinnsentgang in einem Jahre durch das Verderben des Getreides, zu dessen Einheimsung keine Arbeiter zu bekommen waren. Selbst­verständlich müssen dann höhere als die gütigst beabsichtigten Löhne gezahlt werden, aber die Arbeitsleistung bleibt im günstigsten Falle ebenso schlecht wie vorher, denn der Herr wagt ja jetzt nicht mehr, dem Knechte zu kündigen, und wenn dies dennoch geschieht, so bürgt das berühmte ost­elbische Ortsarmenrecht dafür, daß der Knecht im Müßig­gänge eine fast ebenso menschenwürdige Behandlung und Verpflegung genießt wie während der Arbeitssaison.

Die Ursachen der Leutenoth liegen klar zu Tage. Zwar hat der ostelbische Feldtagrlöhner eine starke Fruchtbarkeit, die stärkste in Deutschland, aber — die Kinder bleiben nicht, sie wandern in die Städte oder, wenn sie können, übers Meer. Der Nachwuchs findet auf einem Großgute keine Verwendung. In kultivirten Gegenden, in New-Jersey oder in Argenteuil, ja in der Nachbarschaft irgend welcher rheinischen Stadt, machen die Kinder schon früh sich durch Gartenarbeit nützlich; aber zur Gartenkultur, zu jeder inten­siven Kultur ist der Großbetrieb mit Tagelöhnern unfähig. Die Fähigkeit zu solchen Arbeiten giebt nur die Intelligenz und das Selbstinteresse. Aber Intelligenz des Arbeiters! das ist ja gerade der Teufel, den man fürchtet. Und Sclbst- interesse? das setzt ja Eigcnthum voraus und Freiheit. Aber Freiheit und Eigenthum des Menschen zweiter Klasse wider­streiten der urewigen Tradition der ostelbischen Po-Russen.

Im Osten fehlen ansehnliche Städte, nur armselige Landstädtchen sind da, und das ist ganz natürlich. Der Feldarbeiter ist besitzlos und, von Schnaps und Speck ab­gesehen, bedürfnißlos. Was sollte er kaufen können? Der Edelmann kauft im Pariser oder Berliner Bon Marche ein, für den Stadthandwerker und Stadtkrämcr der Nachbarschaft Ist er kein guter Kunde. Aber außer dem Landedelmann und seinen Feldtagelöhncrn ist vielmeilenweit Niemand vor­handen, woher sollte da die Kaufkraft kommen? Also weiter hinaus in die Ferne, wenn es gelang, dem patriarchalischen Jnstbanne zu entfliehen! Einige der ostelbischen Fcldtage- lühner ziehen als Fabrikarbeiter in die Stadt oder als

„Sachsengänger" nach Westen, andere erschwingen die Kosten zur Ueberfahrt nach Amerika. Mit Grund unterscheidet man von dieser AusWanderung jene Abwanderung. Beide sind so stark, daß sie das Land der stärksten Fruchtbarkeit menschenarm machen.

Der Mensch, vielleicht sogar der ostelbische Jnstmann, braucht noch etwas mehr als Brod, er braucht eine Stellung über dem Thier, eine Sprosse auf der sozialen Stufenleiter, welche ihm Hoffnung auf ein Emporkommen gewährt. In Ostelbien schneiden Jus, Herkommen und Politik jede Hoffnung ab, und darum erstirbt jedes Streben, der Mensch wird zum Thier.

Jus, Herkommen und Politik haben Ostelbien entvölkert und dadurch seinen Acker zur Weide gemacht. Gute Schriften über diesen Gegenstand haben wir von Knapp, von der Goltz, Sering, Buchenberger, Seniler rc. Das Lehrreichste ist die Auswanderungsstatistik.

Sering weist nach, daß in Deutschland gerade diejenigen Gegenden die stärkste Auswanderung haben, deren Bevölkerung die dünnste ist. Im Durchschnitt kommen auf den Quadrat­kilometer 84 Einwohner. Der ganze Nordosten, fast allein von Landwirlhschaft lebend, bleibt weit hinter dieser Ziffer zurück, aber gerade dieser Theil Deutschlands hat die stärkste Auswandercrzahl: 33 bis 43 von 1000 Köpfen in zehn Jahren. Etwas stärker ist die Volksdichtigkeit und etwas schwächer, nämlich 21 bis 32 pro Mille, die Auswanderer­ziffer in Nordwestcn, in Schleswig-Holstein, Hannover, Olden­burg rc. Diese Gegend ist gleichfalls eine agrarische, nur herrschen hier die geschlossenen, großen Bauerngüter vor, nicht wie in Ostelbien dic Herrengüter. Aber auch hier ist das Grund- eigenthum durch Recht und Herkommen gebunden, das Auf- streben kleiner Leute äußerst erschwert, die Lohnarbeit all­gemein herrschend. Die Bodenbinduug treibt auch hier die Nichtbesitzendcn, Hoffnungslosen schaarenweise aus dem Land, der agrarische Großbesitz ist die stärkste Ursache der Aus­wanderung. Häufig hört man predigen, unsittliche Motive, Mangel an Vaterlandsliebe, Sucht nach Vergnügungen und Abenteuern rc., Scheu vor dem Militärdienste treibe die Leute hinaus, Seringverneint das ausdrücklich. Nein, dieHoffnungs- lostgkeit treibt diese juristisch freien, wirthschaftlich unfreien Landbewohner fort.

Südwestdeutschland verlor in dem 10-jährigen Zeitraum von 1871—1880 viel weniger Auswanderer: Württemberg, Baden und Hessen 17—18, Hessen-Nassau nur 15, das rechtsrheinische Bayern nur 10 pro Mille. Bekanntlich ist in dieser Gruppe das Bodeneigenlhum sehr gleichmäßig vcr- theilt, aber in so kleine Theile zersplittert und vielfach so mit Schulden belastet, daß die kleinen Fetzchen nicht hin­reichen, eine Familie zu ernähren. Die Leute plagen sich, darben vielfach, bleiben aber im Lande, da die Hoffnung, auf der sozialen Stufenleiter emporzuklimmen, nicht ab­geschnitten ist.

Die kleinste Auswandernngsziffer endlich, nämlich zwei bis drei Köpfe pro Mille in 10 Jahren, hat die vierte Gruppe, nämlich die Jndustriebezirke West- und Mittel­

deutschlands. Gerade die allerbevölkcrtsten Theile gehören dieser Gruppe an, denn in Brandenburg kommen 85, in Provinz Sachsen 92, in Rheinland 151, im Königreich Sachsen 198 Köpfe auf den Quadratkilometer. Diese Ziffern sprechen der Bodenbindung, dem Groß» grundbesitz das Todesurtheil.

Sering scheidet von der überseeischen Auswanderung die Abwanderung vom Lande in die Städte und Jndustrie­bezirke. Diese Abwanderung zeigt noch bedeutend stärkere Ziffern als die Auswanderung. Der preußische Osten hat von 1885—1890 dreimal so viel Menschen durch Ab­wanderung als durch Auswanderung verloren. Das Uebe!, das vor einem Menschenalter von der Goltz beklagte, nimmt beständig zu, und die Völkerwanderung, welche den preußischen Osten ergriffen hat, läßt auf eine schwere Erkrankung deS wirthschaftlichen Organismus schließen. Die Erkrankung ist erkannt, aber die rechte Heilung noch nicht.

In den preußischen Regierungsbezirken Gumbinnen, Stralsund und Köslin ist die Volkszahl thatsächlich zurück- gegangen, die geringfügige Zunahme der übrigen Bezirke deS Ostens entfällt fast ausschließlich auf die dortigen Städte.

Geht man ein wenig tiefer ins Einzelne, so findet man z. B. noch Folgendes: In dem Ritterschaflsgebict Mecklen­burg-Schwerins ist die Bevölkerungs-Abnahme auffallend viel stärker, als in dem fast gleich großen großherzoglichen Domanium. Warum? Das Ritterschaftsgebiet hat summa summarnm 60 Häusler, das Domanium dagegen Tausende von Häuslern und Büdnern angesiedclt, d. h. Leute, welche ein wenig eigenes Land unter den Füßen und etwas Frei­heit haben. Darum wird dort über Arbcitermangel geklagt, hier nicht. Diese allgemeine Klage über Mangel ländlicher Arbeiter erklärt sich sehr einfach: Land ohne Arbeiter, weil Arbeiter ohne Land. Dr. K. Sch.

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Die Thronrede

zur heute Früh erfolgten Eröffnung des preußischen Landtags erklärt die Finanzlage für fortdauernd günstig. Die Jahresrcchnung 1897/98 ergab einen beträchtlichen U eb er schuß. Das laufende Jahr bringt ein befriedigendes Ergebniß. Der Etat 1899 konnte namentlich bei Betriebsverwaltungen dem steigenden Ausgabebedarf wiederum in weitem Maße Rechnung tragen. Für die Neuregelung der Gehaltsverhältnisfe einzelner Klassen der Unter­beamten konnten die erforderlichen Mittel über die Anregung des vorigen Landtages hinaus bereit gestellt werden. Einige bisher nicht berückstchttgte Kategorieen mittlerer Beamten fallen in die Neuregelung der Gehaltsverhälttrisse einbezogen werden, wodurch eine allgemeine Aufbesserung der B e a m te nb c so l d u n g e n abgeschlossen werde. Die Wittwen-und Waisenversorgung der Volksschullehrer wird anderwest geordnet, die Anstellung und Versorgung der Kommunalbeamten gesetzlich geregelt, die Medizinal-Verfassung in der Lokalinstanz gesetzlich aus­gestaltet. ehrengerichtliche Einrichtungen für Aerzte sollen geschaffen, die Befugnisse der Aerztekammern erweitert werden. Im Gemeindewahlrecht soll durch Gesetzentwurf ein weiterer Ausgleich der durch die Steuerreform von 1891 verursachten Ver-

(Nachdruck verboten.)

Die messroische Periode oder Sekm»dar?eit der Erde.

Von Dr. P. Hartmann.

Die mächtigen Kohlenlager in unserer Erde beweisen es zur Genüge, welche gewalttge Umänderung auf der Erdoberfläche vor stch gegangen sein muß, um, zur Zeit der Steinkohlenperiode, solche Riesenpflanzen so ttef in den Schooß der Mutter Erde zu betten. Und in der That, das zur Steinkohlenzeit aufgetauchte Festland mußte wieder verschwinden, mußte wieder zu Meeresgrund werden, um andere Schichten über sich aufwachsen zu lasten. So herrschen denn selbswerständlich in der Sekundärzeit die Meeresgebilde vor. Die mächtigen Farrenkräuter und riesenhaften Schachtel­halme sind verschwunden, auf dem neu geborenen Fest­lande entstehen Palmen (Farrenpalmen) und Nadelhölzer (Coniferen). Das find schon höher geartete Pflanzen, aber sie treten im Verhältm'ß nur spärlich auf, und die ausgebildeten Dlüthenträger der Jetztzeit fehlen noch vollständig. Das Haupt­interesse und den Hauptraum nimmt die gewaltige Thierwelt in dem unendlichen Meere in Anspruch. Die Korallen finden ihre besondere Entwicklung und treten in typischen Familien und Arten auf, die heute noch vorhanden find. Unter den Scholthieren er­reichen die Kopffüßler (Cephalopoden) und die Armfüßler (Brachio- poden) die höchste Stufe der Entwicklung, ebenso die Saurier ober Echsen. Das erste Auftreten von Säugethieren fällt gleichfalls in diese Periode, die in drei Theile oder Abschnitte zerfällt, und zwar in die Tria«-, Jura- und Kreide-Formatton.

Die Triasformation umfaßt, wie der Name andeuten soll, die drei organisch zusammengehörige Schichten des bunten Sandsteins, des Muschelkalks und des Keuper. Wer kennt den Sandstein heute nicht? Er ist echt deutsch wie der Rheinstrom, an dessen Ufern er gewonnen wird und wo er die gothische Baukunst ins Leben rief. Ziegelroth herrscht vor unter all den verschiedenen Farben, in denen «r auftritt. Zapfenttagende Nadelhölzer (Confferen), sogen. Voltzien,

findet man als Fossile häufig in demselben. Der Muschelkalk ist wieder eine echte Tiefsee-Bildung. Zahllose Muschelreste hänfen sich in Bänken, gebildet aus den Steinkernen von Terebrateln und Myophoren. Im Keuper wechseln Gyps-Mergel, rothe, blaue und violette Mergel und harter Kieselsandstein, die in dieser Reihenfolge übereinander liegend bis zu 300 m Dicke zur Entwicklung kamen; in den Alpen schwillt die Mächtigkeit des Keupers sogar zum zehn­fachen, also zu 3000 m, au.

Die Juraformation begreift die höchste Entwicklung der Cephalopoden und der Meersaurier in stch, von denen mehr al» tausend Arten die Meere belebten, während man heute nur noch 2 Arten derselben im Meere kennt. In der Juraformation, deren Mächttgkeit bis zu tausend Meter steigt, sind die einzelnen Schichten so genau durch leiteirde Fossile bezeichnet, daß hier wohl die ein­gehendste und genaueste Gliederung vorgenommen wurde, die in der „Geognosic" oder „Erdlehre" existirt. Im Vordergründe der Juragestalten stehen stets die Saurier, namentlich der „Ichthyosaurus"; der Fischdrache, von Form und Gestalt der Delphine; dann der „Teleosanrus", der vollendete Drache, der heute noch in dem Gavial am Ganges einen sehr nahen Verwandten am Leben hat, ein wildes, gefräßiges Geschöpf, das im Ganges und dessen Zuflüssen sich aufhält und von den Menschen s:hr gefürchtet wird. Dieser Gavial stellt die größte Art unserer heutigen Eidechsen dar und erreicht eine Länge von 9 bis 10 Meter (selten über 6 Meter. D. 9t.), er gleicht dem Nilkrokodil. Die Fische verlieren in der Juraformatton die ungleichen Schwanz­flossen, beschränken stch aber noch aus die Ganoid- (Schmelz-) und Knorpelfische. Eine Zwischenform von Vogel und Reptil hat sich gebildet, der sogen. Urvogel, der Archäopteryx, der eine lange, eidechsenartige Schwanzrübe, mit zwei Reihen Federn besetzt, trug und von beut bis jetzt zwei Exemplare im Solonhofer Schiefer, also im obersten Jura, gefunben wurden.

Das erste Exemplar befindet sich in London, das zweite, bessere, in Berlin. Es wurde um den Preis von 20,000 Mk. für die Univerfitätssammlnng erworben. Der Schwerpunkt der Jura­formation ruht aber weniger in den Sauriern, als vielmehr in den

Cephalopoden, besonders in den Amnioten, so genannt, weil sie in das Ammon oder in die Fruchthaut eingehiillt waren, eine mit Fruchtwasser gefüllte Blase, welche sich während des FmchtlebenS rings um den Embryo, von besten Nabel aukwachsenb, bilbete. Die Bilbnng dieser zarten Haut fällt zusammen mit dem gänzlichen Verlust der Kiemen, mit dem Auftreten bet Schnecke unb des runben Fensters im Ohr (Gehörgang) unb mit der Entwicklung der Thränendriise. Die Amnioten übertrafen an Artenzahl und Menge der Individuen Alle», was aus früherer oder späterer Zeit bekannt wurde. Aus den repttlienschwänzigen Vögeln wurden erst später die fächerschwänzigen und straußartigen. Sehr verbreitet in der Juraformation war noch der zierlich beflügelte PterodactyluS, der sich im Wasser wie in der Luft mit Leichtigkeit zu bewegen verstand; diese Lufteidechsen waren fledermaus­artige, nackte Thiere, nicht viel größer als unsere henttgen Fledermäuse. Die Kreideformation erreicht nur an wenigen Orten die Mächtigkeit des Jura, als dessen Fortsetzung sie im Allgemeinen gelten kann. Mergel, Sande und erdige Kalke setzen ihre Gesteine zusammen. Wie in der Jura-, so haben stch auch in der Kreideformation vorzugsweise die niederen, die unteren Thierklasten ausgebildet. Al« neue, der Kreide einzig zukommende Thiergruppe können die Rudisten betrachtet werden, zweischalige Geschöpfe, deren Unterschale an Korallen erinnert, auf welcher deckelartig die Oberschale sitzt. Die Meersaurier, oft 10 bis 15 Fuß lang, haben zu Ende der Kreideformation schon zu existtren fast ganz aufgehört, sie haben den Land« fauriem Platz gemacht, an die sich die Monitores, die größten der heutigen Saurier, und die Krokodile anschließen. Die Kreide­formation endet mit einem milden, schneeweißen Kalk, der Schreibe­oder Champagnerkreide. Sehr viel Licht hat das Mikroskop in die Kenntniß der Kreide gebracht. Mit Hülse des Mikroskops sand man, daß der Kreideschlamm vielfach aus den Kalkgerüsten niederer Thiere besteht und sich in Milliarden Rhizopoden, Polythalamien und Foraminiferen auflöst. Mit den letzten Cephalopoden erlischt die Kreidezett; kein einziger Amuiot erreicht mehr die kainozoiiche »der tertiäre Periode.