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MeMeim

Freitag, den 13. Januar

Uo. 21

1899

Fernsprecher No. 52.

Fernsprecher No. 52.

Morgen-Ausgabe

sie „Dienst haben" am Hof anwesend.

r Friedrich Wilhelm IV. fand täglich größere Tafel

Herr eines

jur ersten Sitzung zu, wmburgcr Verkehrs»

geschriebenen Abschnitt „Der Kaiser in seinem Heim". Den größten Theil des Jahres ist das Hoflager im Neuen Palais in Sanssouci. Dort lebt Wilhelm ll. in keiner Weise anders, ja, in mancher Be­ziehung noch weit einfacher, als ein reicher Privatmann. Im Palais selbst wohnen, abgesehen von den Kaiserlichen Kindern und deren Erziehungs-Personal, nur die Oberhofmeisterin und die drei Damen der Kaiserin. Der Oberhofmeister und die beiden dienstthuenden

solcher, die eine einigermaßen bedeutende Mitgift besitzen, ist sehr gering — die Anforderungen an die Königliche Kasse recht groß werde:!, viel größer als heute, wo die Kaiserlichen Kinder noch bei ihren Eltern oder, wie die drei ältesten Prinzen, in einfachster Weise in Plön wohnen.

Somit kann jeder gute Preuße und Deutsche sicher sein, daß die Finanzen seines Kömgs und Kaisers so geordnet sind, wie e» die irgend eines reichen Privatmannes im Staat oder Reich nur irgend sein können. Wer aber noch weiter nachforschen will, der schlage einmal das ^Handbuch über den Königlich Preußischen Hof und Staat" nach. In dem Abschnitt Ministerium de? Königlichen Hauses wird er die unter der Verwaltung der Hoflammer stehenden Familiengütcr einschließlich desForstbcsitzeS, und zwar gegen achtzig sogenannte „Pachtvorwerke", d. h. Landgüter und fünfzehn Ober» förstereien, die dem König, daneben zehn Besitzungen, die dem Prinzen Heinrich gehören, und außerdem das Königlich Prinzliche Fidcikommiß verzeichnet finden, und weiter unter HöfmarschallamH Unterabschnitt Schloßverwaltungen, den sonstigen Grundbesitz — alles nicht Staats- sondern Krongut, da« durch die dazu eingesetzte» Behörden nach den Grundsätzen altpreußischer Sparsamkeit ver» waltet wird. Selbst wenn man sich den Fall denken wollte, der Herr eines so großen Vermögens — der Kaiser hat sich selbst einmal den größten Grundbesitzer im Lande genannt—könnte einmal in Verlegenheiten gcrathen, so hätte er doch Wcrthobjcktc genug, die er verkaufen oder verpfänden könnte, ohne in die Nothwendigkeit versetzt zu werden, irgend welche fremde Hülfe in Anspruch z» nehmen.

Unzcigen-Preiv:

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg. — Reclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

Es ist, wie gesagt, kein Gerücht so widersinnig, daß es nicht doch Glauben fände. „Etwas muß doch daran sein, onst könnte man eS nicht verbreiten," pflegt man zu sagen. Und leider gicbt es Leute, die es sich angelegen sein lassen, ans solchen Verdäch» tigungcn Waffen gegen die Krone zn schmieden. Die Meinung, der Kaiser sei finanziell in bedrängter Lage, ja er sei sogar verschuldet und von seinen Gläubigern abhängig, spielt eine vergiftende Rolle in weiten Kreisen deS Volkes.

«• Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Aus Stadt und Zand.

Wiesbaden, 13. Januar.

— prin; Nirala» von Nassau, Durchlaucht, hat mit Famllie Wiesbaden verlassen und sich nach Cannes begeben.

— Personal - Nachrichten. Versetzt: Postdircktor Reiß, land von Limburg (Lahn) nach Wesel, Postüirettor Fuldner von Diedenhofen nach Limburg (Lahn). — Der Landmesser Clement ist von der Spezialkömmisston zu Wiesbaden an die Spczialkommission zu Carlshafen versetzt.

— Hnunurrnrustk-Watlner Zetlett-KrK. Eingeiretener Hindernisse wegen kann die zweite Trio-Matinee erst am 22. oder 25. Januar stattfinden.

Ärrrnrovt» ‘Xttttrtlntti» f“r bie Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingcreichtcr Anzeigen zur nächsterschcinendcn Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Verlag: Langgasse 27,

LGMÄO Abonnenten.

— Ans dem Magistrat. Auf dem preußischen Städte» tag, der am 23. und 24. d. M. in Berlin zusammentreten wird, wird die Stadt durch Herrn Bürgermeister Heß und ein Mitglied des Stadtvcrordncten-Kollegiums vertreten sein. Von den wichtigeren Gegenständen der Tagesordnung hierfür wären zu nennen: der Getetzentwurf, betr. die Rechtsverhältnisse der Kommunalbeamten, die Flcischoersorgung der Städte und der Schutz des Kleingewerbes gegen die Waarenhauser. —In die gemischte Kommission zur Prüfung der Straßenreinigungsfraae wählte der Magistrat die Herren Stadträthe Dr. Bergas, Bickel und Stein und zum Schriftführer Herrn GerichtSaffeffor Dr. Lohmcycr. Die Kommission tritt am nächste» Montag, Vormittags 11 Uhr, zur ersten Sitzung zu» jammen. — Das Comitö zur Besserung verHomburger Verkehrs» Verhältnisse in Homburg hat dem Magistrat ein Schreiben gesandt, in welchem es um Unterstützung und Förderung eines Bahnprojektes bittet, das Homburg mit Umgehung Frankfurts direkt mit der Taunusbahn verbinden soll. Die Eingabe wurde der Verkchrskommission de« Magistrats zur näheren Prüfung überwiesen. — Die Garanttezeit, für welche die Unternehmer von städtischen Kanalbauarbeiten mit ihrer Kaution zu haften haben, ist auf Vorschlag der Baudeputafion von zwei Jahren auf ein Jahr verkürzt worden bei den Arbeiten, bei welchen die Lieferung der Materialien nicht Sache des Unternehmens ist. Ebenso wurde die Haftpflicht der städtischen Kanalbaunntemehmer für die ordnungsgemäße Herstellung der Sttaßen auf ein Jahr beschränkt.

— Alterthnmskmide. Herr Dr. Lehner wird am Sonntag, den 15. Januar, im Museumssaale (Museumsgebäude, 1. Stock) einen Vortrag über den „MithraskultuS und seine Denkmäler* halten. Hieran wird sich eine Besichtigung der hervorragenden Diithras-Denkmäler aus Heddernheim tm Museum anschließen. Der Vortrag beginnt um 11'/, Uhr Vormittags. Der Eintrittspreis beträgt 1 Mark, der Erlös wird für die Zwecke des Museum» verwendet.

— Kircher fnv Kairo. Unsere Leser werden sich erinnern, daß im Anfang Mai v. I. in diesem Blatte eine Bitte um Bücher für die deutsche Schule in Kairo ausgesprochen wurde. Die große Menge der eingegangenen Bücher wurde im Herbst an den verdienstvollen Leiter der genannten Schule, Herrn Pfarrer Wede- mann in Kairch abgesandt. Wie Herr Pfarrer Wedemann jetzt schreibt, ist die Sendung richtig angekommen. Er spricht Namens des Schulvorstandes den allerherzlichsten Dank für dieselbe aus, der hiermit Allen, die freundlichst beigefteuert, übermittelt sei.

o. Holzdiebe. Am 21. Februar v. I. ist in dem Wald­distrikt „Himmelswies" eine große Partie Kiefernholz, etwa drei Master, das von mehreren hiesigen Holzhändlern daselbst ersteigert worden war, gestohlen worden. Die angestellten Nachwrfckungen ergaben, daß es der Maurer und Taglöhner Wilhelm F. von hier, geboren 1865, durch die Fichrlente Karl St. und Johann F. von hierum Morgen und Nachmittag deS21.Febniar in je zwei Wagenladungen ab- fahren ließ und an einen Kohlenhändler und einen Bäcker verkauft hatte. F.,, der deshalb jammt den beiden Fuhrlemen des Diebstahls angeklagt ist, beruft sich vor Gericht auf den bekannten Unbekannten, der zwar Wiiuer heißt und Bäcker sein soll, aber, wie alle Un­bekannte. nicht aufzufinden ist. In deffen Auftrag will F. da» Holz geholt und verkauft haben; er sieht aber schließlich selbst die Unhaltbarkeit dieser Ausrede ein und bekennt sich schuldig, beschuldigt aber auch die Mitangeklagten St. und F. der Betheüigung an dem stechen Diebstahl, welche diese jedoch in Abrede stellen. Das Gericht erachtet die Beschuldigung deS F. nicht für ausreichend und spricht die beiden Fuhrleute mangels genügenden Beweises frei, verurtheilt dagegen y-., der wegen EigenthuinSvergeyens bereit» mehrfach vorbestraft ist, zu 6 Monaten Gefangniß.

— fronkrrrsverfahre«. lieber das Vermögen des Schuh- waareuhandlerS Georg H o llin gSh aus dahier, Ellenbogengasse 2,

Kammerherrn, desgleichen die Hofmarschälle, die Generale und Flügeladjutantcn haben ihr Quartier in Potsdam und Berlin, nur zwei Flügeladjutanten und ein Kammerherr find abwechselnd, nämlich wenn sie „Dienst haben" am Hof anwesend.

Noch unter Friedrich Wilhelm IV. fand täglich größere Tafel statt, an der alle Herren und Damen des Gefolges theilnehmen konnten oder mußten. Speiste die Königliche Familie für sich allein (Familientafel, die unter Zuziehung sämmtlicher prinzlichen Herrschaften zumeist am Sonntag statlfand), so wurde zugleich ein zweites Diner für das Gefolge servirt (Marschallstafel). Der Regel nach aber sah der König Mittags und Abends zahlreiche Gäfte bei sich, einheimische und fremde. Magnaten aus dem Lande, höhere Provlnzialheamte und Militärs, Fremde von Distiilktion meldeten sich, wenn sie nach Berlin kamen, bei Hofe und erhielten eine Einladung zur Tafel. Unter Friedrich Wilhelm QI. hatte der „Kämmerier" des Königs freien Tisch, zu dem er nach Belieben eine Anzahl Gäste einladen durfte. Alles das ist weggefallen. Das Kaiserliche Paar pflegt zwar einzelne Gäste zur Tafel zu ziehen, aber doch nur in einem sehr beschränkten Umfang, und durchaus nicht jeden Tag. Auch die Zahl der großen Feste ist, wenn man den Vergleich mit der Vergangenheit zieht, ans das geringste Maß zilsammciigefchmolzen. Früher gab der Hof während der sogenannten Karnevalszeit in jeder Woche mindestens ein Fest zu Zeiten Friedrich Wilhelms IV. im Schloß, unter Kaiser Wilhelm I. ab­wechselnd dort und in seinem Palais. Dazu kamen die prinzlichen Bälle und sonsttgen Festlichkeiten, die ja doch nach dem oben Gesagten Jammt und sonders aus der Kasse des Königs bestritten werden mußten. Jetzt sind die Neujahrs-, die Geburtstagsfeier und die große Cour, bei denen eine Bewirthung überhaupt nicht oder doch nur in sehr beschränktem Maß stattnudet, sodann zwei ober drei Bälle und eine Anzahl größerer Diners am Kaiserlichen Hofe zu zählen. Feste bei Prinzen finden überhaupt nicht statt.

Wie Wilhelm II. überhaupt ein Freund der Kunst ist, so ins­besondere der Architektur. Aber er scheint Anstand zu nehmen, große und prächttge Bauten auf Kosten der Privatschatulle aus- führen zu lassen, rote seine Vorgänger dies gethan haben. Rominten, Urville und die Matrosenstation bei Potsdam laffen erkennen, wie sparsam in dieser Beziehung gewirthschastct wird. Einzig und allein der Leibmarstall beim Neuen Palais wäre noch zu nennen, der gebaut worden ist, um endlich die Unbequemlichkeit zu beseitigen, daß Der größere Theil der Pferde rc. beim Stadtschloß in Potsdam Unterkunft haben mußte. Ein großes Palais, das prachtvollste, das die preußische Krone besitzt, das Bauwerk Friedrichs II. und — ein Stall daneben, das Bauwerk Wilhelms II., das eine von dem Herrscher des kleinen Staats nach dem längsten Krieg, den Preußen geführt hat, das andere von dem Herrscher des ver­größerten Staats nach fünfundzwanzigjährigem Frieden errichtet! Und da redet man noch von großen Ausgaben!

Aber der Kaiser reist so vrel, sagt man. Ja, haben seine Vor­gänger an der Krone nicht dasselbe gethan. Friedrich Wilhelm IV. bereiste oft das Land, inspizirte die Behörden, besuchte Italien und befreunbete Höfe. Wilhelm I. ging jedes Jahr nach Karlsbad und Gastein oder nach Ems, die Kaiserin und Königin Augusta rejibirte in Koblenz und Baden-Baden. Diese Reisen erforderten sehr viel höhere Kosten als Kaiser Wilhelm II. aufwendet, der, abgesehen von Besuchen an fürstlichen Hosen, entweder in seinem Hofzuge ober auf der „Hohenzollern" zu übernachten pflegt. So hat er bei feiner letzten mehrwöchigen Reise nach Neapel tharsächlich nur in der Hofburg *u Wien ein Gastbett benutzt. AllcrdtngS brauchen Lokomottve und Schiff Kohlen, und auch ein Hofzug kostet mehr als die „fahrplanmäßige" Beförderung; aber was bedeutet das gegenüber oent Aufwande, der aus dem Aufenthalt fürstlicher Reisenden mit Gefolge in Gasthäusern erwächst! Wenn der Kaiser im Hofzuge wie auf dem Schiff aus feiner Küche speist, so wird ihm das schwerlich mehr kosten, als wenn er daheim residirt und repräsenfirt. Schon der einfache Privatmann, der eine längere Reise mit seiner aus mehreren Personen bestehenden Familie gemacht hat, weiß, was er für Logis, Beköstigung, Trinkgelder rc. zu leisten halte, auch wenn er noch so sparsam lebte. Uebersetzt man diese Preise in solche, die einem Fürsten und noch dazu einem Kaiser berechnet werden, so kommen ganz ungeheure Summen heraus. Auf einer Reise, die Friedrich Wilhelm IV. als Kronprinz unternahm, hatte sein damaliger, noch junger und mit den einschlägigen Ver­hältnissen unbekannter Hofmarschall es unterlassen, bet dem ersten Nachtguartier auf italienischem Boden mit dem Wirth zu accorbiren. Als die Rechnung dementsprechend ausgefallen war, ließ er den •Kann kommen und stellte ihn vor die Wahl, entweder die Preise auf die Hälfte zu reduziren oder sich darauf gefaßt zu machen, daß sie in einer Anzahl Zeitungen abgeoruckt würden. Der Wirth er­klärte sich ohne Zögern mit der Zahlung der Hälfte befriedigt.

Große Hofjagden in Wusterhausen, Letzlingen, Springe rc. hält der Kaiser nicht öfter ab als sein Großvater; er tagt außerdem noch viel, aber dann ladet er sich entweder bei seinen Unterthemen zu Gast, oder er geht, wie z. B. in Rominten, dem Waidwerk in der Einsamkeit nach.

Besuche fremder Fürstlichkeiten am preußischen Hofe sind ver- hältnißmäßig selten und nicht häufiger, als durch das Staats- intcreffe geboten ist. Auch in dieser Beziehung ist im Vergleich gegen frühere Zeiten eine bedeutende Verminderung zu verzeichnen. So pflegte man unter Friedrich Wilhelm IV. scherzweise zu sagen, die mecklenburgischen, und zwar sowohl die Schweriner wie die Strelitzer Herrschaften, müßten eigentlich in Berlin Kommunalsteuer zahlen, weil sie sich einen so großen Theil des Jahres dort auf­hielten. Welchen Aufwand verursachten einzig und allem die regel­mäßigen Besuche des ruffischcn Kaiserpaare» Nikolaus I. und seiner Gemahlin, der Prinzessin Charlotte von Preußen!

Kostspielige Paffionen, wie man sie au» der Geschichte anderer Fürsten kennt, liegen dem Kaiser fern. Ja, man könnte sogar sagen, unser Hof sei verhältnißmäßig zu einfach, er sollte länger in Berlin residiren, mehr Feste geben, dadurch Geld unter die Leute bringen, mehr für das Theater aufwenden rc. Vielleicht nimmt man gerade, weil das nicht geschieht, weil in mancher Beziehung eine große Sparsamkeit geübt wird, an, daß die finanzielle Sage nicht günstig fei. Selbstverständlich entziehen sich oie Gründe für diese Sparsamkeit bet Beurtheilung; aber man sollte meinen, sie wären leicht zu erkennen. Sicherlich denkt der Kaiser daran, daß in nicht zu langer Zeit feine sechs Prinzen erwachsen sein, sich ver­mählen und täte eigenen Haushaltungen haben werden. Dann muffen — denn die Zahl evangelischer Prtnzessinen und insbejottdere

Kaiserliche Finanzen.

Ende Dezember meldete eine Wiener Zeitung als Gerücht, der Deutsche Kaiser habe den Kaiser von Oesterreich in einem eigen­händigen Schreiben um ein Darlehen von zwölf Millionen Gulden gebeten. Wenn auch die Unsinnigkeit einer solchen Nachricht auf der flachen Hand liegt, so hat sie dennoch ihren Grund in einer Meinung, der man auch in gut gesinnten und wohlwollenden Kreisen vielfach begegnet: die finanzielle Lage de? Kaiserlichen Hofes et mißlich. Woher diese Meinung stammt, ist vollständig dunkel, ie läßt sich nur mit dem Loos der Regierenden erklären, deren ge- ammtes Leben von falschen Gerüchten begleitet zu werden pflegt. Dian beschäftigt sich überall und gern mit der Person und den Verhältnissen dessen, der in irgend einem Kreise an der Spitze steht. Das beginnt schon bei dem Bürgermeister in der kleinen Stadt und geht hinaus bis zum Thron. Findet sich nichts, worüber man sich aufhalten tarnt, so erfindet man etwa», und das aus der Luft Gegriffene setzt sich schließlich fest. Dein König Friedrich Wilhelm IV. sagte man nach, daß er geistige Getränke über das Maß zu sich nähme. Dabei trank er fast ausnahmslos Wasser mit etwas Wein vertnischt. Von der Königin Elisabeth, die erst nach mehrjähriger Ehe aus freien Stücken vom katholischen zum evan- geltschen Glauben übergetreten war und ihre Ueberzeugung sogar dem Papste gegenüber persönlich bekannt hatte, behauptete man, sie hinge einer katholisirenden Richtung an und suchte ihren Gemahl Dafür zu gewinnen, ja man versticg sich sogar zu der Behauptung, der König fei heimlich zur katholischen Kirche übergetreten.

Für Jeden, der mit den Verhältniffen auch nur einigermaßen vertraut ist, steht, so schreibt C. o. Massow in den .Grenzboten", nicht nur fest, daß die Gerüchte über finanzielle Verlegenheiten am . Kaiserhofe aller und jeder Unterlage entbehren, er weiß auch, daß das Gegentheil der Fall, nämlich daß die Vermögenslage der Krone durchaus günstig ist. Allerdings sind mit der Uebernatjme der Kaiserwürde bte Anforderungen bedeutend gestiegen. Das Deutsche Reich zahlt keinen Pfennig für seine Repräsentation, die es dem König von Preußen auferlegt; andererseits ist aber nicht allein die preußische Krondotation erhöht worden, sondern cs liegen auch andere Äerhältniffe für den König und Kaiser Wilhelm II. sehr viel günstiger, als für feine Vorgänger. Es wird den Allermeisten unbekannt 'fern, daß die preußischen Prinzen keinen Pfennig ans der Staatskasse beziehen. Soweit sie kein Privatvermögen besitzen, »t ihr gelammtes Einkommen au« einem Jahrgeld, das ihnen önig nach seinem Ermeßen aussetzt, und aus dem nicht nur die persönlichen Ausgaben, sondern auch der gekämmte Aufwand für die Hofhaltung vom Hofmarschall und der Oberhofmeistcrin an bis zum geringsten Stallknecht und dem untersten Küchenmädchen hinab bestritten werden. Was das bedeutet, kann jeder Familien­vater, auch wenn er nur einen bescheidenen Haushalt fuhrt, be­rechnen. Nun mache man sich einmal klar wie die Verhältnisse früher lagen, beispielsweise als König Wllhelm I. den Thron be­stieg, und rote sie heute liegen. Damals waren außer dem König­lichen noch folgende Höfe vorhanden: 1. der Hof der oerwittweken Königin Elisabeth; 2. der des Kronprinzen, späteren Kaisers Friedrich; 3. der des Prinzen Karl; 4. der seines Sohnes, de» Prinzen Friedrich Karl; 5. Der des Prinzen Albrecht; 6. der seines Sohnes, des jetzigen Regenten von Braunschweig; 1. bis 9. die de» Sen Friedrich und feiner beiden Söhne, der Prinzen Alexander eorg; 10. derber Fürstin Liegnitz, verwittwete Gemahlin Fnedrich Wilhelm» III. Die Königin Elisabeth residirte im Winter in Charlottenburg, tat Sommer in Sanssouci, der Kronprinzliche Hof in Berlin und tat Neuen Palais bet Potsdam, die Prinzen Karl und Albrecht (Vater) in thren Palai» in Berlin und in Glienicke und auf der AlbrechtSburg bet Dresden, Prinz Friedrich Karl im Berliner Schloß und tat Jagdschloß Glienicke. Damit vergleiche man den heutigen Zustand: 1. die Kaiserin Friedrich führt ihr stilles Wittwenleben meist außerhalb Berlins; 2. dasselbe gilt von der vcrwittweten Prinzessin Friedrich Karl: 3. Prinz Heinrich, der in Kiel residirt, hat bedeutende Vermächtnisse, darunter auch Land­besitz, von seinen Großeltern geerbt; 4. Prtnz Friedrich Leopold, der soeben em Kommando in Kassel erhalten hat, lebte bisher oer- hältnißmäßig in Zurückgezogenheit auf dem Jagdschloß Glienicke und bewohnte fern Berliner Palais nur selten. Er bezieht die Einnahmen ati» den Fideikommißherrschaften Flatow und Krojanke; 5. Prinz Albrecht wird durch seine Regentenpflichten in Braunschweig festgehalten und lebt im klebrigen auf seinem schlesischen Schlosse Camenz; 6. Prinz Georg, der unvermählt ist, bringt den größten Theil des Jahres auf Reisen ju und hält sich seines hohen Alters und seiner Gesundheit wegen schon seit Jahren von allen Festlich­keiten fern. Außerdem sind sowohl er wie bet Prinz Albrecht im Besitz eines sehr bedeutenden mütterlichen Vermögens.

Somit haben sich nicht nur die Höfe der Zahl nach vermindert, sondern auch ihre Bedürfnisse, und damit sind ihre Ansprüche an Die Königliche Kaffe weit geringer geworden. Denn es liegt, wie Sjon erwähnt, ganz in Der Hand des Königs, wie hoch er die panage bemessen, und ob er eine solche überhaupt zahlen will.

Nach dem siebenjährigen Krieg ließ Friedrich der Große, um zu zeigen, daß seine Finanzen noch nicht erschöpft seien, das Neue Palais, mit den dazu gehörigen Kommüns der prachtvollste Bau, den die preußische Krone besitzt, errichten, und welche Bauten hat König Friedrich Wilhelm IV., der ebenfalls alle die vorgenannten Böse und außerdem den des Prinzen von Preußen (nachmaligen aisers Wilhelm) zu unterhalten hatte, aufführen laffen! Allein in der Umgegend von Potsdam nennen wir: die Friedenskirche und die Kirche bet Sacrow, das Schloß Charlottcnhof mit den Römischen Bädern, das Gebäude auf dem Pfingstberg, und vor Allem den „Orangerie" genannten Palast mit den dazu gehörigen Anlagen, ganz zu schweigen von den großen Summen, die er Überall tat Lande und weit über dessen Grenzen hinaus für die Errichtung neuer und die Restanrirung älterer Baulichkeiten aus seiner Privat­schatulle hergab. Trotzdem hat Fnedrich der Große ein bedeutendes, und Friedrich Wilhelm IV. das Kronvermögen in durchaus geord­neten Verhältniffen hinterlassen, während unser überaus sparsamer alter Kaiser ständig zurücklegte und dadurch das Hausvermögen bedeutend vermehrte. Alledem gegenüber soll man nun doch irgend einen Grund geltend machen, aus dem sich schließen ließe, daß das preußische Kronvermögen, das früher einen so großen Aufwand tragen konnte, jetzt plötzlich die Ausgaben für die Hofhaltung des Kaisers nicht mehr zu leisten vermöchte.

Oder find diese Ausgaben etwa besonder» hoch? Das tägliche Leben an unserem Kaiserhof liegt offen und klar zu Tage. Wer sich näher darüber tnforntiren will, der lese in dem von Büxenftein heransgegebenen Buch »Unser Kaiser" den vom Hofprediger Keßler