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4». Jahrgang.

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1899.

Freilag, de» 13. Iannar.

Fernsprecher No. 52.

Uo. 22.

Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Zum Uerstandniß der „agrarischen Frage". (Eigener Aufsatz für das .Wiesbadener Tagblatt".) III.

Die Selbstyalfe.

Angenommen, Deutschland folgte, unbclehrt durch die geschichtliche Lehre, einer solchen Politik des Hochschutzzolls oder einer Ühnlichen Monopolpolitik, was wäre das Ergeb- niß? Die jetzigen Besitzer würden sich mit starkem Gewinn massenhaft ins Nentnerleben zurückziehen, aber die Erben oder Käufer würden, in thörichter Hoffnung auf bleibende hohe Preise, hohe Zinslasten auf sich nehmen und durch unvermeidlichen Preissturz in noch schwerere Roth gcrathen.

Der einzelne Großgrundbesitzer mag durch Staatshülfe zu retten sein, nie aber die Großlandwirthschaft als Ganzes. Nachdem wir gesehen, daß die Erhöhung der Erträge nicht durch Staatshülfe gefördert weiden kann, sondern nur durch Intelligenz und Technik des Landwirths selbst, auch die Ermäßigung der Produktionskosten durch Staatshülfe zwar »ersucht, aber nicht erzielt worden ist, auch di- Versuche der Steigerung der Verkaufspreise ein besseres Ergcbuiß als bisher nicht verheißen, so bleibt für die Staatshülfe nur tiefes Eingreifen in die Besitzverhältnisse und sogar in das Eigenthumsrecht übrig, irgend eine Art der Bodenbesitzreform oder Land- nationalisirung, sonst aber bleibt nur die Selbsthülfe übrig.

Bedeutungsschwere Thatsachcn zeigen uns, daß nicht an und für sich jeder Großgrundbesitz verloren ist. Der Augen­schein lehrt, daß mancher Großgrundbesitzer durch Kapital­kraft und intelligenten Betrieb florirt, und das um so mehr, wenn er von Seilegast gelernt hat, was landwirthschaftliche Industrie oder industrielle Landwirthschaft bedeutet. Inten­siver Betrieb bedeutet fast dasselbe. Aber endlich fangen wir an zu begreifen, daß Privatwirthschaft und Volkswirthschaft verschiedene Dinge sind, und demgemäß die Frage zu stellen, ob das, was den einen Landwirth emporbringt, auch die ge- sammte Volkswirthschaft heben kann. Die Anlwort auf diese Frage ist ein unbedingtes Nein und hat zwei Gründe. Der Großbesitz und Großbetrieb ist die Erbschaft einer barbarischen Zeit der Sklaverei und schleppt deren Konse­quenzen nach sich; die dauernde Verwahrlosung und Auf­opferung der Mehrzahl zu Gunsten Weniger und die dauernde Vergeudung der besten Kräfte, welche in der Bodenkraft und der Menschenkraft liegen.

Wir wollen nicht, daß die große Mehrheit in Sklaverei verkümmert; denn wir wollen Christen und wollen intelligente Dolkswirthe sein. Das Christenthum verbietet uns, die wirthschaftlich schwächeren Brüder als Menschen niederer Klasse zu halten, die Sozialpolitik verbietet uns, dieNatur- kräfte, welche in unserem Boden und in unseren Volks­genossen schlummern, schlecht genutzt verkommen zu lassen, während andere Völker unö zu überflügeln drohen. Zudem ist der Satz, die Bodenfläche eines Landes sei eine gegebene unvermehrbare Größe, grundfalsch, und noch falscher wäre es, auch die Menschcnkraft als eine solche unvermehrbare ««thematische Summe zu schätzen. Wir fangen im Gegen-

theil an, beide Kräftesummen als unermeßlicher Steigerung fähig zu schätzen, trotz Malthus und seiner rückständigen Anhängerschaar.

Weil nun diese Einsicht uns dämmert, fangen wir end­lich auch an, die gar nicht mehr neue Lehre der ersten landwirthschaftlichcn Autoritäten zu beachten und zu prüfen: „Industrie und Landwirthschaft haben verschiedene LebenL- bedingungen; in jener ist der Großbetrieb dem Kleinbetrieb, in dieser der Kleinbetrieb dem Großbetrieb überlegen. Die Ucberlegenheit des Kleinbetriebs in der Landwirthschaft ist also eine wissenschaftlich und erfahrungsmäßig konstatirte Thatsache; sie beruht in der Theorie auf jener viel voll­ständigeren Entfaltung und Nutzung der in dem Boden und in den Menschen schlummernden Kräfte; in der Er­fahrung stützt sie sich auf zahlreiche unleugbare Ziffern- beweise. Werden nur einige wenige derselben angedeutet, so ergänzt sich der Leser leicht alles Uebrigc aus eigener Erfahrung.

Die Grundsteuer-Neguliruug in Preußen (Juli 1861 bis Januar 1865) schätzte den Durchschnitts-Reinertrag pro Morgen Garten auf 10 Mk., den vom Morgen Acker auf 4,40 Mk., den vom Morgen Weide auf 1,40 Mk. Die großen Grundherren Ostelbiens verwandeln unablässig Acker in Weide, die kleinen rheinischen Kuhbauern verwandeln unablässig Acker in Garten. Ein unwiderleglicher Beweis, daß der Kleinbetrieb höhere Steuern einbringt, mehr volks- wirthschaftlichen Segen bringt als der Großbetrieb.

In einigen Gegenden Deutschlands haben die Gnter- schlächter, welche doch bekanntlich nur für sich selbst Geld verdienen wollen und wahrlich auch viel Geld verdienen, den Großbesitz massenhaft ausgekauft und an kleine Leute wieder veräußert. Der magere Boden ist ertragreich, die niederen Güterpreise sind hoch, die besitzlosen Tagelöhner wohlhabender geworden. Aus allgemeiner Dürftigkeit ent­wickelte sich als Ergebniß des Kleinbesitzes und Kleinbetriebes allgemeiner Wohlstand. Als solche Beispiele seien genannt die niederschlesische Gegend bei Licgnitz und die Landschaft an der westfälischen Pforte.

Leo („Zur Arbeiterfrage in der Landwirthschaft") stellt eine statistische Scala des eingeschätzten Einkommens pro Acre in Großbritannien auf und schließt sie mit folgenden Worten: „Es crgiebt sich, daß das reine, im Durchschnitt pro Acre berechnete Einkommen mit der Flächenzunahme der Besitzungen stetig abnimmt." (Bei der kleinsten Kategorie von 0,149 Acres ist der Reinertrag 104,62 Mal so groß, als bei der größten von 15,588 51crc6.) Der beste Kenner der britischen Agrarzustände, Hasbach, kommt zu ähnlichem Ergebniß. (Aussprüche erster Autoritäten findet man bei Oppenheimer: „Die Siedlungsgenoffenschaft." (Duncker u. Humblot, 1896.)

Derselbe Dr. Franz Oppenheimer hat eine neue Schrift folgen lassen, „Großgrundcigcnthum und soziale Frage", welche wissenschaftlich beweist, daß der Großbesitz demKlein- besitz weichen muß. Diese Umwandlung unserer Agrar­verhältnisse soll jedoch nicht eine Revolution sein, sondern eine naturmäßige Weiterentwicklung der in unserer Arbeit und unserem Boden schlummernden, bisher schlecht ver- wertheten Kräfte. Der Großbesitz soll nicht vernichtet werden, was weder gerecht noch zweckmäßig wäre, vielmehr ist als zweckmäßigster Akt der Selbsthilfe zu erwarten, daß die

Eigenthümer ertragloser Großgüter freiwillig zu deren Ver­äußerung oder zu deren Berwandlung in genossenschaftlichen Besitz schreiten, in der wohlbegründeten Ueberzeugung, daß alsdann die ertraglosen Güter ertragreich werden. Der Großgrundbesitzer macht dabei ein glänzendes Geschäft, und zwar ohne irgend ein Opfer oder einen möglichen Verlust. Ist er sachkundig, so wird er mit gutem Gehalt Direktor des genossenschaftlichen Betriebs, ist er's nicht, so bedingt er sich Station und Rente aus, ohne von seinem gewohnten Komfort etwas anfzugeben. „Sein Gut unter solchen Be­dingungen einer Genossenschaft übergeben, heißt nichts Anderes, als vortheilhaft verkaufen, sein Arbeitseinkommen vergrößern, sich Aerger und Kränkung, Sorge und Angst ersparen — und sein Gut doch behalten." (Oppenheimer.)

Jedoch die Genossenschaften sind Halbwegs in Verruf gekommen, da sie mannigfachen Mißerfolg hatten. Weder Lassalle noch Schulze-Delitzsch, geschweige Raiffeisen, hatten das innerste Wesen der Genossenschaft völlig erkannt. Erst Oppenheimer hat für das Genossenschaftswerk die feste wissenschaftliche Grundlage gelegt. Seine Theorie unter­scheidet zwischen Käufern und Verkäufern, von welchen jene solidarisches Interesse haben, diese nicht. Hieraus crgiebt sich die von der Erfahrung bestätigte Lehre, daß Käufer- Genossenschaften, z. B. Konsumvereine, zu prosperiren pflegen, Verkäufer-Genosseuschaften, z. B. Produktiv-Genosscnschaflen von Handwerkern, stets in engherzig sich absperrende Com­pagnie- oder Aktien-Gescllschaften ausarten. Dies ist das von Oppenheimer entdeckte Transformationsgesetz. Ihm unterliegen aber die Produktiv - Genossenschaften land- wirthschaftlicher Arbeiter nicht, denn die Mitglieder, kleine Leute, nehmen nie den Charakter von Verkäufern an, kommen nie in Versuchung, das solidarische Prinzip zu ver­leugnen. Oppenheimers geniales Riesenwerk ist bewundcrns- werth in der methodischen Sammlung von Thatsachen- bcweisen; in ihm münden und vervollkommnen sich alle die verdienstvollen Vorarbeiten von Huber, Fauconnier, Hamm, Bolle, Stolp, Munding und der anderen Führer der „inneren Kolonisation", sowie zahlreicher gleich hochverdienter Ausländer. Und über der ganzen Arbeit Oppenheimers schwebt als Genius der echt christliche Gedanke Gierkes: „Die Menschheitsgeschichte ist ein unablässiger bis heute noch nicht beendigter Kampf zwischen Herrschaft und Genossenschaft; die Zeit der Herrschaft ist vorüber, die Zeit der Genossenschaft bricht an." Dr. K. Sch.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 12. Januar.

Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Abg. Lieber (Ccntr.), der Abg. Eßlingcr habe ihm und dem Centrum gestern das Mitgefühl mit der Landwirthschaft abgesprochen. Dieser Vor­wurf sei vollkommen ungerechtfertigt.—Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung der Militarvorlage. Kriegsminhter v. Goßler betont die Nothwendigkcit der Heeresverstärkung, denn nur dann könne man der Zukunft mit' voller Zuversicht. entgegensehen. Die Friedens - Kundgebungen des russischen Kaisers sicherten Deutschland vor Angriffen von jener Seite, aber das könne uns nicht von der Fortbildung unseres Heeres abhaltcn, denn man habe nicht gesehen, daß irgendwie tn einem Staate du Rüstungen eingestellt würden. Redner begründet nun „specrell die Schaffung der geplanten neuen Anneecorps. Die Verbände durften nicht so groß sein, widrigenfalls die General-Kommandos außer

(Nachdruck verboten.)

Mändernde Komödianten.

Mzze von Armand Donzrre.— Deutsch von Wilhelm Thal.

I.

Es ist in einer kleinen Stadt am Morgen. Die Trommel lärmt durch die Straßen; was mag das nur sein? Man kommt herbeigelaufen, man nähert sich; der Mann, der die Trommel schlägt, ist etwa 40 Jahre alt; er ist ärmlich ge­kleidet und hat die rcsignitte Miene und Haltung Derjenigen, die viel gelitten haben, und die, nachdem sie versucht, dem Unglück zu widerstehen, sich demselben schließlich gefügt haben; seine mageren Finger bewegen die Klöppel schnell auf der Eselshaut; es ist ein beständiges, geräuschvolles Rollen. Endlich, als der Kreis der Neugierigen stark genug um ihn geworden ist, hört der Mann auf, die Trommel zu schlagen.

„Meine Damen und Herren," sagte er, „ich habe die Ehre, Ihnen mitzutheilen, daß die Familie Daury in dieser Stadt eingetroffen ist. Sie hat ihr Theater auf dem Platz errichtet, wo gewöhnlich die Aufführungen der Wandertruppen stattfinden. Heute Abend erste Vorstellung. Die Familie Daury wird Lustspiele und Possen aufführen, dazwischen Lieder und Romanzen singen. Einige reservirte Plätze zum Preise von 25 Centimes stehen zur Verfügung des Publikums. Die Zuschauer, welche sich außerhalb des reservirten Platzes einfinden, mögen geben, wa§ ihnen gefällt; wir überlassen das ihrer Freigebigkeit. Auf heute Abend, meine Damen und Herren! Wir haben die Hoffnung, Sie werden uns die Ehre Ihres Besuchs zu Theil werden laffen."

Noch ein Trommelwirbel, dann verbeugt sich der Mann, geht weiter und setzt seine Rede an einem anderen Platz «veiler fort.

II.

Der Abend ist gekommen. Auf einem kleinen Platz hat die Familie Daury ihr Lager anfgeschlagen. Da ist der Vater, die Mutter und ein junges Mädchen von 15 Jahren; das ist die ganze Truppe. Sie refft in einem jener großen Wagen, jener Art rollender Häuser, die ein alter klappriger Gaul zieht. Das Theater ist höchst einfach. 23or_ dem Wagen ist eine große Leinwand anfgespannt, das ist die Dekoration, die einen Salon darstellt. Die Scene spielt unter freiem Himmel. Auf jeder Seite sind auf kleinen Tonnen einige Bretter niedergelegt, welche die reservirten Plätze bilden, der übrige Theil des Publikums muß stehen.

Die Stunde der Vorstellung naht. Qualmige Lampen, die auf Pfähle gestellt find, bilden die Beleuchtung Man kommt herbeigelaufen, und unter den Zuschauern werden Witze laut; man macht sich über diese Idee, unter freiem Himmel Komödie zu spielen, lustig, man lacht über die Leinwand im Hintergrund, man hänselt den armen Komödianten, der bereits im schwarzen Frack — und was für einen schwarzen Frack — sich damit beschäftigt, die An­kommenden zu plaziren, den Straßenjungen nachjagt, welche in den reservirten Platz eindringen wollen, und eine Lampe wieder anzündet, deren Flamme vom Wind ausgeblasen worden ist.

In der Coulisse, das heißt zwischen der Dekoration und dem Wagen, spielt das junge Mädchen melancholisch auf einer schrecklich verstimmten Geige eine Operettenmelodie.

Herr Daury — derselbe, der am Morgen die Trommel ge­schlagen — geht noch immer hin und her, paßt auf Alles auf und macht einige grobe Späße, die die naiven Zuschauer amüsiren. Indessen vergeht die Zeit, und die Vorstellung fängt nicht an, das Publikum wird ungeduldig.

Herr Daury ist in die Coulisse gegangen und man hört ihn rufen: „Noch einen Augenblick Geduld, meine Damen und Herren, wir werden sogleich mit der „Zornigen Schwieger­mutter" beginnen, Gesangsposse in einem Akt." Und mit leiserem Tone fügt der arme Komödiant hinzu: „Nun Muth, wir müssen vernünftig sein, baS Publikum wartet."

Etwas, das wie ein Schluchzen klingt, dringt bis zu den Ohren der Zuschauer; welch ein Drama spielt sich denn in diesem Wagen herumziehender Komödianten hinter dieser grob bemalten Leinwand ab?

III.

Endlich wird das Zeichen zum Anfang gegeben; Herr Daury erscheint.

Er hat geröthete Augen, die er, bevor er auftritt, mit rascher Bewegung mit dem Rücken der Hand getrocknet hat. Doch man bemerkt das nicht. Der arme Komödiant spielt einen betrunkenen Mann; er erzählt unter vielen Grimassen, daß er auf der Hochzeit seines Freundes Pitanchard gewesen und seit drei Tagen nicht in die eheliche Wohnung zurück­gekehrt ist; was wird seine Schwiegermutter, Madame Bocasson, sagen?

Gerade in diesem Augenblick erscheint Madame Bocassou.

Madame Daury hat diese Rolle übernommen. Die Aermste! Sie sieht erbärmlich aus; ihr Kleid ist abgebraucht, an zwanzig Stellen beschmutzt und hat fast gar keine Farbe mehr. Die unglückliche Komödiantin hat ein abgcmagertes Gesicht, Thronen stehen ihr in den Augen, und doch ist sie genöthigt, eine komische Rolle zu spielen und ihrem Manne das Stichwort zu bringen.

Welch eine herzzerreißende SceneI

Man hat oft das Leben der Wanderkomödianten be­schrieben, doch nie war ein Leiden kläglicher, als dieses l