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Jlo. 14, Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe.
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Rußlands Abrüstung.
Von unserem Korrespondenten.)
Petersburg, 6. Januar.
Als der aufsehenerregende Vorschlag des Czaren zu einer allgemeinen Abrüstung zuerst die Welt in Erstaunen setzte, begegnete derselbe fast nur enthusiastischer Zustimmung, und die wenigen skeptischen Stimmen, die sich Gehör zu schaffen suchten, wurden durch den begeisterten Chorus aller Derer, welche einem großmüthig erscheinenden Projekt stets ohne Ueberlegung zustimmen, übertönt. Seitdem aber ist einige Zeit vergangen, und ruhigere Erwägungen sind an die Stelle des anfänglichen Entzückens getreten. Nicht daß die Völker oder doch wenigstens die große Mehrheit jeder Nation nicht eine Abrüstung für außerordentlich wünschenswerth hielte, auch die Möglichkeit einer solchen erkannte, aber das ganze Verhalten Rußlands während der letzten Monate stimmt so absolut nicht mit den in dem Vorschlag niedergelegten Ansichten überein, ja, ist denselben so diametral entgegengesetzt, daß Niemand mehr glauben kann, daß jemals dort wirklich die Absicht vorgeherrscht, im eigenen Lande das Projekt zur Ausführung zu bringen.
Was selbst in den Augen der Skeptiker demselben etwas mehr Wahrscheinlichkeit lieh, war, daß zugleich mit dem Abrüstungsvorschlag die Nachricht auftauchte, Rußland beabsichtige eine neue Anleihe aufzunehmen. Es bewies dies, daß hier die Ausgaben die Einnahmen immer noch übersteigen, und so hielt man es nicht für unmöglich, der Regierung sei, um die Lasten zu vermindern, eine Abrüstung erwünscht, die sie aber natürlich nur dann eintreten lassen vollte und konnte, wenn auch die anderen Großstaaten hrem Beispiel folgten. Sehr bald zeigte es sich edoch, daß die neue Anleihe nur helfen sollte, das große Loch zu stopfen, welches gerade die stetig grtschreitenden Rüstungen immer mehr erweitern. Das üdget für die Armee beläuft sich jetzt auf nicht weniger als 580 Millionen Mark und das für die Marine auf 140 Millionen, zu welchen letzteren aber noch die außerordentlichen Ausgaben von 180 Millionen Mark treten, die im letzten Herbst durch einen kaiserlichen Ukas für die Anschaffung neuer Schiffe bestimmt worden sind. Und diese ungeheuren Summen wurden angewiesen, als gerade das Elend in furchtbarster Gestalt an die Thür von Millionen von russischen Unterthanen klopfte, hervorgerufen durch die Mißernten. Um diesem zu steuern, fehlt es an Geld, der Fonds, der der Gesellschaft zum Rothen Kreuz, die die Verkeilung besorgt, zu dem Zweck zum Gebote steht, beläuft sich auf ca. 900,000 Rubel, «in Tropfen in dem ungeheuren Meer des Elends.
Rußland hätte also allen Grund, durch eine Verminderung seiner Streitkräfte seine Hülfsmittel zu erhöhen, aber was thut es in Wahrheit? Nach dem entworfenen Plan soll seine Flotte in den nächsten 5 Jahren, nämlich vor Ende 1903, um nicht weniger als 8 erstklassige Kriegsschiffe, 10 Kreuzer, 25 Torpedoboolzerstörer und eine ganze Anzahl kleinerer Fahrzeuge vermehrt werden I Von den 8 Kriegsschiffen befinden 4 sich bereits im
Montag» den 9. Januar.
Bau; sie werden 12,500 bis 13,000 Tonnengehalt haben, von den Kreuzern, die ebenfalls schon in Auftrag gegeben sind, sollen sechs den größten und schnellsten angehören, die vier anderen ebenfalls das Maximum der Geschwindigkeit erreichen, doch wird ihr Tonnengehalt nur 3000 betragen. Eine große Anzahl der Torpedobootzerstörer werden auch schon gebaut und ebenso Torpedoboote, und zwar letztere auf den russischen Werften. Daß es übrigens auch mit dieser Vergrößerung der Flotte nicht sein Bewenden haben wird, geht daraus hervor, daß in den „Nowoje Wremja" jetzt eine Reihe von Artikeln erscheinen, in denen die Erweiterung und Vermehrung der bestehenden Schiffswerften empfohlen wird, damit in Zukunft die vielen Millionen, die auf den Bau von Fahrzeugen verwendet werden, dem Lande erhalten bleiben.
Aber nicht nur diese direkte Vergrößerung der Streitkräfte, mit der eine stetige Zunahme der Landmacht Hand in Hand geht, auch der Bau der transsibirischen Eisenbahn ist doch eine strategische Maßregel ersten Ranges und in Wirklichkeit ausschließlich eine solche. Wenn die Linie sich auch nachher für den Handel als günstig erweist, so wird dies den Machthabern natürlich sehr willkommen sein, geplant und entworfen ist sie aber für militärische Zwecke. Und trotzdem Rußland sich, wie die großen Bemühungen, die Anleihe unterzubringen, deutlich genug beweisen,in Geldverlegenheiten befindet, wird die Fertigstellung der Bahn unter den enormen Kosten von 160 Millionen Mark jährlich aufs Aeußerste betrieben. Weshalb nun diese Eile? Einen Angriff hat das Reich doch weder in Wladiwostock noch in Pört Arthur zu befürchten, als daß es geboten erscheinen sollte, so schnell als möglich große Streilkräfte dahin zu befördern. Großbritannien besitzt nicht genügende Truppen für ein solches Unternehmen, Japan ist nicht stark genug, um mit einem so mächtigen Gegner anzubindcn, und von China ist doch erst recht nichts zu fürchten. Auf eine Ver- theidigung braucht Rußland sich dort also nicht vorznbcreiten, und so kann es sich also nur um einen, wenn auch nicht für die nächste Zukunft geplanten Eroberungskrieg handeln.
Das Alles vollzieht sich und nimmt ruhig seinen Fortgang, während der Czar zur Abrüstung auffordert, der Termin für die Konferenz, die darüber berathen wird, anberaumt werden soll und die Friedensfreunde der Welt verkünden, welch großen Sieg sie errungen haben. Die Theil- nehmer an der Zusammenkunft dürften mit geringeren Erwartungen an ein Resultat sich vereinen und die Welt wird alle Ursache haben, zufrieden zu sein, wenn der Vorschlag Professor Esmarchs, die vorläufig noch unvermeidlichen Kriege so wenig grausam als möglich zu gestalten, eine ernstliche Besprechung erfährt und so auf diesem Gebiete weitere praktische Einrichtungen erzielt werden.
Deutsches Deich»
* Hof- und versonal-Pachrichten. Gegenüber einer Mit- thcilung, wonach das deutsche Kaiserpaar aus Anlaß der geplanten Reise nach Rom einen Ausflug nach Egypten beabsichtigen soll, muß hervorgehoben werden, daß von einem solchen Ausflug an unterrichteter Stelle nicht das Mindeste bekannt ist. Jni Hinblick auf die neue künstlerische Ausschmückung des Palazzo Caffarelli, der deutschen Botschaft in Rom, gedenkt der Kaiser, wie die .National-Zeitung" berichtet, allerdings sich nach Italien zu begeben. lieber den Zeitpunkt und die Dauer der Reise liegt jedoch
Fernsprecher No. 52. 1899.
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noch keine bestimmte Angabe vor. — Dem „Berliner Lokal- Anzeiger" zufolge soll auch der kommandirende General des 14. Armeecorps in Karlsruhe, General v. Bülow, sein Abschiedsgesuch eingereicht haben. — Der kommandirende General des 10. Armeecorps in Hannover, General der Infanterie v. Seebeck, hat fein Abschiedsgesuch eingereicht, ebenso der Konimandeur der 12. Infanterie-Brigade, v. Weise. Znm Nachfolger des Generals v. Seebeck dürste voraussichtlich der Kommandant des kaiserlichen Haupt-Quartiers, General-Leutnant v. Plessen, ernannt werden. Zum Kommandeur des Haupt - Quartiers ist der bisberifle Kommandeur der ersten Garde-Jnsanterie-Brigade, General-Major v. Kessel, ausersehen, dem im Kommando der Brigade Der Kommandeur des Kaiser-Alexander-Regiments, Oberst v. Moltke, folgen soll.
* Kerl in, 9. Januar. Ans angeblich zuverlässiger Münchener Quelle erfährt das „Kleine Journal , Bayern habe die von Kaiser Wilhelm sympathisch begrüßte Errichtung eines Gerichtshofes für Fürsten als besondere Instanz für die Erledigung von Thronstreitigkeiten angeregt. Die Könige von Sachsen und Württemberg, sowie die Großherzdge von Baden und Hessen sympathisirten mit diesem Antrag Bayerns, der den Gegenstand weiterer Berathung bildete. Aus diesem Grunde erfolgte in der lippeschen Angelegenheit nur eine vorläufige Entscheidung, während bte Suspension und eine definitive Erledigung der Thronfolgefrage vor dem Fürsteu- Gcrichtshof nur erfolgen wird, wenn die streitenden Theile dessen Entscheidung anrufen.
Zur Feier der Eröffnung des preußischen Landtags werden auf Befehl des Kaisers die aktiven Generale der Berlin« Garnison anwesend fein.
Dem Reichstag ist eine Denkschrift über die Organisation d« Schutztruppen in Afrika zugegangen, in der unter Anderem hervorgehoben wird, daß dem Reichskanzler seit 1896 die Funktionen eines kommandirenden Generals über die Schutztrupven übertragen sind, und daß mit der Vertretung des Reichskanzlers als kommandirender General der Schutztruppen der Direktor d» Kolonialabtheilnng, v. Buchka, betraut ist.
Im Reichstag ist der in der vorigen Session nicht mehr zur Berathung gekommene Gesetzentwurf, betreffend die eingeschriebenen Berufsvereine, von der freisinnigen Volks- Partei wieder eingebracht worden.
Gegenüber anderen durch die Blätter gehenden Nachrichten, Me stark mit der Möglichkeit rechnen, daß das deutsch-englische Handels-Abkommen nicht zur rechten Zeit vollzogen werde und daher das gegenwärtig bestehende Handels-Provisorium noch einmal verlängert werden müsse, erfährt die „Post", daß zu obig« Besorgniß keine Veranlassung vorliegt, da man dem Eintreffen 6« englischen Antwort jeden Tag entgegensetzen darf and auch immerhin bis zum Ablauf des Handels-Provisorium noch Zeit zu weiteren Verhandlungen übrig bleibt.
Entgegen anderweitigen Meldungen berichtet die .National» Zeitung, daß bei dem Bundesrathsbeschluß in der lippesche« Angelegenheit die Minderheit aus Bayern mit 6Stimmenun» Mecklenburg-Strelitz, Meiningen, Neuß ältere Linie und Lippe- Detmold mit je einer Stimme, zusammen 10 Stimmen bestand.
Der Entwurf einer Hypotheken-Bankordnung tn feiner jetzigen Form wird, wie die „Post" hört, voraussichtlich im Bundes, rath noch verschiedene Abänderungen erfahren. Die Ausschuß- Arbeiten dürsten beginnen, sobald die betreffenden Referenten hi« eingetroffen sind. Die von den Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft zum Ausdruck gebrachten Wünsche sind theilweise in dem modifizirten Entwurf bereits berücksichtigt worden.
Gegen den bekannten Anarchisten Johann Most, den Herausgeber der in Amerika erscheinenden Anarchisten-Zeitung „Freiheit", die in Deutschland wiederholt verboten wurde, ifiroegen Verbreitung dieses Blattes in Deutschland von der Berliner Staatsanwaltschaft Anklage erhoben worden. Begründet wird die Anklage damit, daß Most ein Exemplar der Freiheit" an den Anarchisten Landau« sandte, welches von der Behörde beschlagnahmt wurde. Im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit soll die auf den 11. Januar anberaumte Verhandlung gegen Landauer wegen Beleidigung des Polizeikommissars Gottschalk vertagt worden sein.
Für die dem Missionar Pater Stenz Ende November vorigen Jahres von chinesischer Seite zugefügten Mißhandlungen ist, wie die „Germania" hört, sofort nach dem Bekanntwerden der llnthat auf telegraphische Anordnung aus Berlin vomchxr deutschen Ver«
(Nachdruck verboten.)
Ihre beste Kalle.
Nooellette von LajoS Gottler.
(Slutorifirte Uebersetzung aus dem Ungarischen von M.Roda-Roda.)
Ein schmucker Salon — mit zierlichen, vergoldeten Rokokomöbeln. Die Wände mit meergrüner Seide tapezirt, über und über mit Photographieen bedeckt. Sie stellen die Gräfin in ihren Paraderollen dar.
Eine kleine Gesellschaft, die sich hier jeden Donnerstag zum Thee einzufinden pflegte, war vollständig versammelt. Man hörte einen Wagen in die Thoreinfahrt rollen — es war der der Gräfin, die aus dem Theater gekommen war. Eine Minute später erschien ihre Kammerzofe: „Die Herren mögen sich noch einige Augenblicke lang nach Belieben amüsircn — die Frau Gräfin wünsche von ihrer anstrengenden Rolle auszuruhen."
Die Diener boten auf silbernen Taffen feine Weine und aromatische Cigaretten an. Schriftsteller, Künstler, Mäcene reihten sich zu ungezwungenen Gruppen, deren gemeinsamen Mittelpunkt eine in diesen Kreisen ganz ungewohnte Erscheinung bildete: Se. Excellenz der Minister.
Er, der Familienvater, der große Moralrichter, war auf recht einfache Weise hierhergerathen. Zufall war es gewesen, daß er heute Abend im Magnaten-Kafino einen alten Freund getroffen hatte, der zufällig hierherkommen wollte. Zufall, daß Se. Excellenz gerade gut gelaunt war und — mitfuhr. So war er da.
Er sagte eben Dora, der einzigen Tochter des Hauses, einer liebreizenden Blondine mit stahlblauen Aügen, Artigkeiten. Heute hatte sie, all«dings in Begleitung ihrer
englischen Gouvernante, ausnahmsweise im Salon erscheinen dürfen, um scheu die Huldigungen der Herren anzuhören, unter deren Kreuzfeuer sie erröthete,wie ein erblühendes Moosröschen.
Se. Excellenz ließ sich von dem schüchternen Kinde neue Abenteuer von Papa erzählen, der zur Zeit in Kamerun Löwen jagte, als eine frische Stimme hinter dem Vorhang rief: „Verderben Sie mir nur das Kind!"
Allgemeines Lachen erscholl, in das Se. Excellenz herzlich miteinstimmte. Der Vorhang theilte sich, die Künstlerin erschien in einem Neglige von weißem Crepe de Chine, das von kostbaren, duftigen Spitzen überrieselt war. Sie stand in jenem Alter, in dem man schöne Frauen „noch immer schön" nennt, einem Alter, das in dem Leben gefeierter Künstlerinnen die Glanzepoche heißt.
Betroffen über die unerwartete Anwesenheit des Ministers, blieb sie einen Augenblick lang stehen.
„Verzeihen Sie, Gräfin, mein Eindringen in Ihren vertrauten Kreis", sagte der Exccllenzherr, nachdem ihn sein Freund vorgestelll hatte, und verbeugte sich mit dem ewigen Lächeln aller Exccllenzen vor der Frau des Hauses.
Sie erwiderte mit leichtem Kopfnicken und empfing freundlich die Glückwünsche zu ihrem heutigen großen Erfolg.
„Gestehen Sie, Gräfin, daß Sie keine Ihrer früheren Rollen so gern creirt haben," sagte ein Schriftsteller, deffen Stücken sie manchen Erfolg verdankte.
„Ich will nicht unhöflich gegen Sie sein," entgegnete die Künstlerin — „und noch weniger den Theilhaber meines heutigen Triumphes allzu stolz machen. Erlauben Sie mir also, die Antwort schuldig zu bleiben."
Der junge Antor des neuen Stückes lächelte glückselig und küßte ehrfurchtsvoll die Hand der Diva.
Man setzte sich ungezwungen an die kleinen Tische, um den Thee einzunehmen.
Dora zog sich mit ihrer Gouvernante in das Nachbarzimmer zurück, wohin ihr Cousin, ein pausbackiger Husaren- freiwilliger, folgte.
„Es wäre sehr intereffant, zu erfahren, welche Rolle Ihrer berühmten Laufbahn Ihnen die liebste war." Unb bet Minister beugte sich, bie Theeschale in der Hand, in seinem Fauteuil weit vor.
Die schöne Frau ihm gegenüber sah mit ihren sammet- braunen Augen eine Sekunde lang in sein Gesicht, dann in die grelle Flamme der Hängelampe, so, als blättere sie in ihren Memoiren.
Die Gesellschaft lauschte gespannt. Se. Excellenz hatte die Schale weggestellt und zwirbelte seinen blonden Schnurrbart.
„Ich soll Ihnen von meiner besten Rolle erzählen? ... Gut . . . Wenn Sie mir erlauben, ohne Jahreszahlen zu sprechen! Seit einiger Zeit liebe ich es nämlich nicht mehr, Daten zu nennen. Wenn Frau Erzsö, meine Kollegin und liebste Feindin, hier wäre, würde sie hinzufügen, das sei schon lange der Fall. Sie dürfen ihr aber nicht Alles glauben."
„Genug davon — es ist irgend einmal geschehen. Ich war damals schon recht bekannt hier, man liebte mich sogar ein wenig, Meine Wohnung hatte ich in der Sandorgasse. Es war ein trüber Herbsttag und draußen regnete es in Strömen. Ich probate noch einmal die neue Toilette, in welcher ich in irgend einem französischen Stücke eine junge Bäuerin geben sollte. Ein einfaches Batistkleidchen hatte ich an, eine Schürze vorgebunden und eine niedliche Haube aus dem Kopfe. Eine Kleinigkeit an dieser Toilette gefiel mir
