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«• Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammeii.
Verlag: Langgasse 27.
AG,OOO Alronnrnten.
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Auzeigen-PreiS:
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Psg., für auswärtige Anzeigen 25 Psg. — Rectarncn die Petitzeile für Wiesbaden 50 Psg., für Auswärts 75 Pfg.
No. 13
Kormtog, den 8. Januar.
Fernsprecher Sto. 52.
1899.
Fernsprecher No. 52.
Morgen-Ausgabe
und von
Für die Reichshauptstadt setzte das neue Jahr gleich etwas ungcmuthlich ein. Zuerst versetzte ein .besserer Mord" — so betiteln dies die zeilenhungrigen Reporter — in der Tegeler Straße, im äußersten Norden Berlins, die Gemuther der Berliner in Unruhe, und bald darauf wurde von Neuem allgemeine Unruhe verbreitet durch die Nachricht, daß der Darmstädter Professor Harnack im Thiergarten verschwunden sein sollte. Diese Alarmmclüung be- "*'■* * L ! * Zweifeln, denn zum Schluß
iprce nicht derMissisfippi.
versorgte Land der Erde dar. Et. Oberkonuiiissar, den Sultan als Sucerän, Aufsichtsbehörden und dazu eine fretifd
nchmer zugleich die Preisrichter bildeten. Die Aufgabe, sich durch die Fülle der Gerichte durchzuessen, war nicht leicht und selbst Mancher, der die Sache ernst nahm, seufzte nach wenige» (Sängen verzweifelt: „SD, daß ich tausend Zungen hätte!''
Auf den übrigen Gebieten der Kunst war es still, recht still. Im Berliner Theater überraschte Herr Hugo Lubliner die Welt mit einem feiner üblichen Schwänke, der diesmal unter der vielversprechenden Finna .Andere Luft" segelte. Es wehte aber trotz dieses Titels in dem Schwank dieselbe ruhige, sanfte und milde Luft wie in allen Lublinerschen Schwänken. Herr Lubliner ist ein Autor, der noch nie durchgefallen ist und noch nie einen ernstlichen Erfolg erzielt hat. Und so war es auch diesmal. Der hannlose Schwank wurde vom Publikum .beifällig" aufgenommetr. Und wenn es, was wir behaupten möchten, eine gute That ist, da» Publikum einen Abend leidlich zu unterhalten, so har sich Herr Lubliner nahezu ein Verdienst erworben, freilich ein recht bescheidenes, eine Art Miniaturvcrdienst.
Auch das Parodie-Theater, das längere Zeit verwaist war, hat sich wieder bevölkert. Herr Johann Lumpe, Theaterdirektor aus Dobenr bei Bensen in Böhmen, hat mit seiner, den Berlinern von früher bekannten Truppe seinen Einzug in das Theater gehalten. Herr Lumpe betrachtet übrigens sein Theater nicht als Parodie-Theater, sondern beansprucht mit einiger Anmaßung, ernst genommen zu werden, ein Gefallen, den rbm da» Berliner Publikum keineswegs thut. Das diesmalige Zugstiick der Truppe lautet: Johannes Bückler (Schinderhannes), Stäuber» Hauptmann am Rhein" oder .So fährt der Weg zum Rubenstein." Der Glanzpunkt des Stückes ist .die Enthauptung BäcklerS bek bengalischer Beleuchtung in drei Bildern". Das kritische Berliner Publikum brachte den tragischen Affairen freilich nicht den gebührenden Ernst entgegen, sondern begleitete die Morithatm mit ausgelassenem Radau. Wir sürchten, daß die Zugkraft der „bemmischen Truppe" nicht mehr stack sein wird, denn schon am Eroffuungsabeud zeigte sich, daß das Publikum nicht mehr so, wie früher geneigt ist, selbst mitzuspielen und so .Stimmung" in dre Sache zu bringen. Zum Schlup verdient noch ein „Kunstereignis" ähnlichen Genres erwähnt zu werden. Ella Goltz, die vick» genannte Braut des Banknotenfälschers Grünenthal, bebätirt morgen im Olynwia-Theater als .Göttin der Schönheit". Sie hat jetzt ihr wahres Talent entdeckt und will in der .Welt des Scheins" verbleiben. Die Kenner des Variöte-Publikums aber versichern schon jetzt: Del iS ne Nummert vr. Paul Berthold.
Aus Stadt und Arnd.
Wiesbaden, 8. Januar.
Kinderhort.
Vom Vorstand desselben erhalten wir folgenden Bericht: Die Leser dieses Blattes werden sich eines Artikels über Kinderhorte erinnern, der vor etwa sechs Wochen die Außnerksamkcit des Publikums auf diese wohlthätige Einrichtung anderer Städte lenkte und die Errichtung eines solchen Horts in unserer Stadt für die nächste Zeit in Aussicht stellte. Am 21. November ist nun dieser Hort, zunächst für Mädchen, in dem evangelischen Gemeindehaus, Steingasse 9, mit einer deinen Feier eröffnet worden, und ein kurzer Bericht über die bis jetzt gemachten Erfahrungen wirb, so denken wir, manchen freundlichen Lesern interessant und zugleich geeignet fein, etwaige Zweifel an dem Bedürfnis, für eine solche Ein-
zur äußersten Bekämpfung des verhaßten Kabinetts Banffy entschlossen, und dieser Kampf dürfte blutiger werden als das glücklich abgelaufcne Duell, in welchem Banffy und der OppositionL- fnhrer Horanszky ihre politischen Anschauungen mit Hälfe von Pistolenkugeln auf den wahren Werth zu prüfen suchten.
Ist das Ende der Krisis in Ungarn noch garnicht abznsehen, so scheint dagegen die spanische Kabinettskrisis einer schnellen Lösung entgegenzugehen. Allem Anschein nach wird die Losung der Krisis dann bestehen, daß der unentbehrlich gewordene und von seiner Krankheit wieder einigermaßen genesene Sagasta an der Spitze der Geschäfte bleibt und eine Art liberales Konzentrationskabinett bildet. Die Zustände im Innern sind derart, daß Spanien sich den Luxus von Parteikämpfen nicht gestatten sollte und dürfte, soll nicht dem verlorenen Krieg der unaufhaltsame Niedergang im Innern folgen. In diesem unglückseligen Krieg erlebt Spanien jetzt — freilich nachdem er langst beendet ist — die erste Penugthuung, denn von den Kalamitäten, welche die Spanier tn ihren Kolonnen durchgemacht haben, bekommen jetzt auch die Amerikaner einen Vorgeschmack.
Am Iieujahrstage hat auf Cuba der Wechsel zwischen der ^spanischen und der amerikanischen Herrschaft stattgefnnden, welch letztere noch unter der verschämten Firma des „Protektorats" auf- tntt. Weit schlimmer aber als auf Cuba, wo die Bevölkerung durch dre jahrelangen Kämpfe mürbe geworden ist, lassen sich die Dinge auf den Philippinen für die Amerikaner an. Die kriegenschen Filipinos lebten in dem Glauben, daß die Amerikaner als ihre Befreier zu ihnen kämen. Die Versicherung der Amerikaner, daß ftenur das Beste der Bevölkerung wollten, hatten sie irrthüm- licher Weise nicht dahin verstanden, daß die Amerikaner — ihr Land wollten. Der tapfere Taaalenstamm, der den Spaniern Jahre hindurch so hartnäckigen Widerstand geleistet hat, ist nicht gewillt, sich von den Amerikanern ohne Weiteres mit Haut und Haaren verschlingen zu lassen, und es scheint, daß die Filipinos den Amerikanern trotz des guten Magens, den sie beim Länder- verschlingen bisher gezeigt haben, noch mancherlei Verdauunqs- florungen verursachen werden.
Die Kehrseite der „Befreiung" beginnen auch die betrübten Kretenser zu betrachten. Kreta stellt sich äußerlich als das best- versorgte Land der Erde dar. Es hat den Prinzen Georg als Obeckomliiissar, den Sultan als Sucerän, die vier Großmächte als Aufsichtsbehörden und dazu eine kretische Nationalversammlung. Was kann der Mensch im Leben mehr verlangen! Und doch zeigt sich auf Kreta immer mehr die Berechtigung des Sprichworts, daß viele Koche den Brei verderben. Die Kreter fangen an, der Melliung zu werden, daß sie zu viel regiert werden. Sie hatten sich die Freiheit anders und schöner gedacht. Der Oberkommifsar Prinz Georg hat nach Ansicht der Kreter allzu absolutistische Neigungen und sie mochten gern nach ihrer eigenen Fa<>on selig werden. Kaum hat sich Pnnz Georg auf feinem Oberkommissar- feffel niedergelassen, und schon beginnt eine kräftige und zielbewußte Opposition, ihm das Leven auf Kreta zu verbittern, das der griechische Prinz sich so wonnevoll gedacht hatte. Vielleicht wird der Herr Oberkommiffar, wenn er au die Tage zurückdenkt, die er unter griechischem Himmel verlebt hat, gar halb wehrniithig das Lied anfttmmen: .Als ich noch Prinz war von Arkadien!"
unbegründet erwiesen - nächst der unserer Sache entgegengebraditeu Zustimmung der hierin wahrlich kompetenten Herren Rektoren unser stärkster Sporn zum Aushalten, da es ja, wie jene, dieNoth- wendigkeit des Hortes beweist. Sehr erfreulich ist auch das Ver» halten der Mädchen selbst, die den sie beaufsichtigenden Damen großes Vertrauen entgegen bringen und denen man anmerkt, wie wohl ihnen die erwiesene Liebe und Sorgfalt thun. Immer klar« wird es uns: Hier ist ein Feld sozialer Arbeit, das reiche Früchte tragen und ein Segen für die Kinder und die an ihnen Wirkenden werden kann. Und wer sind unsere Hälsskräfte? Recht zahlreich haben sie sich auf unfern Rus eingefunben, 23 junge Damen arbeiten tage- ober wochenweise abwechselnd mit freudiger Hingabe in dem Hort. Was es aber heißen will, eine Gruppe von 15 bis 20 kleinen Mädchen stundenlang zu beschäftigen, mit ihnen Wissenschaften zu treiben (denn zuerst werden die Schulaufgaben gemacht), zu spielen, zu fingen,,bie von vielen ungeschickten, wenn auch höchst eifrigen Fingerchen gehandhabten Strick-, Stick- und Häkelarbeiten im Stanb zu halten, — da» weiß nur der, bet es probirt hat. Und um nun ihren kleinen Mitmenschen diesen Dienst zu leisten, kommt diese Dame in bett der Ruhe bestimmten Stunben eines arbeitsreichen Tages, jene giebt häusliche Freuden und Bequemlichkeiten, Verkehr und Vergnügungen freudig daran. Ja, unfern lieben Helferinnen find wir zu großem Dank verpflichtet und möchten uns bie Arbeit im Hort nicht ohne sie denken. Dennoch wird es sich mit der Zeit wohl als nöthig er» weisen, eine tüchtige Kraft zu gemimten, die Tag für Tag auf der Stelle ist, die Hauptverantwortung übernimmt und alle so leicht cintretenbcn und doch so verderblichen Schwankungen verhütet. Bel Gruppen von 20 Kindern wären bann bei einer Gesammtzahl von 100 Kindern immer noch täglich vier Damen zur Hälfe nöthig. Richt unbedeutend sind die aus der Beschaffung von Handarbeiten erwachfenben Kosten, eine laufende Ausgabe, die man nickt verringern kann, ohne dem Fleiß Schranken zu setzen. Größere Anforderungen an unsere Kasse wird der Sommer stellen, wo dk« Beschaffung eines Gartens oder dergleichen geboten erscheint. Wo sollen wir die Mittel heruehmen, um bei kaltem Wetter auch nur den Bedürftigsten ein warmes Vesperbrot, zu reichen? Soll der Hort besteheit, seine Aufgabe voll lösen, so muffen wir weitere Kreise bitten: Helft uns, indem Ihr uns Euer Scherflein spendet! Biel ober wenig, jede ®abe ist willkommen, aber besonders dringend bitten wir um Zeichnung fester jähr, licher Beiträge, damit wir wissen, wie wir uns einrichten sollen
------- w die Zukunft schauen können. Zur Entgegennahme ------- hat sich der Verlag des „Wiesbadener Tagblatt" bereit erklärt, doch können solche auch an die Damen des Vorstandes: Fräulein A. Merttens, Neuberg 2, Fräulein E. Eibach, AdolfSberg 3, Fräulein L. Müsset, Bertramstraße 21, Fräulein M. Hölper, Seerobenstraße 18, Fraulein A. Peters, Nerobcrg- straße 1, gesandt werden, bei denen man auch am besten die jähr» lichen Bciirage anmelbet.
und pekuniären Mittel ließ uns bie Zahl bet aufzunehmenden Mabchen auf 50 festsetzen, aber nach Rücksprache mit Herrn Schul» Inspektor Rinkel unb ben Herren Rektoren bet hiesigen Volksschulen mußten wir uns gleich anfangs dazu verstehen, 86 Mädchen im Alter von 6 bis 12 Jahren aufzunehmen, aber gern hätte man uns mehr geschickt. An den bet Eröffnung folgcnben Tagen stieg die Zahl auf 100, denn manchen durch Darlegung der traurigen häuS- Uchcn Verhältnisse unterstützten Bitten konnten wir nicht widerstehen, wenn wir uns auch auf die Allerbedürftigsten beschränkten. Diese 100 Mädchen versammeln sich nun an allen Wochentagen von bis?'/-Uhr recht vollzählig; unsere Befürchtungen, daß viele roegbtetben wurden, wenn keine materielle Unterstützung gereicht und man ernste Zucht fühlen würde, haben fid, bis lebt .ifa
Menschen existitt, deren Hetzen für uns in ganz besonders warmer Weise schlagen. Der ZeittmgSbote läßt uns schon früh Morgens um 7 Uhr, während wir noch im schönsten Schlummer liegen, durch das Mädchen die Meldung übermitteln, daß er von den wärmsten Wünschen für unser ferneres Blühen und Gedeihen beseelt sei. Von 8 Uhr an reißt die Kette der Glückwünsche nicht mehr ab. Eine fragwürdige, mir unbekannte Erscheinung, die mit ein glückliches Iaht zu wünschen geruht, antwortet auf meine bescheidene Frage, mit wem ich die Ehre habe, in vorwurfsvollem Tone: Ich bin za der Mällmann, ich schleppe Ihr Müll 'raus! Der Schotn- steiufeger, dem ich erfläre, daß wir uns seit Jahren zu dem Motto „Koche mit Gas I" bekehrt haben, bleibt trotzdem bei feiner Absicht, mir Glück zu wünschen, und erklärt wegwerfend: Det Gas hat sich doch bald überlebt! Aber auch der NeujahrStag geht zu Ende, und am Abend dieses Tages sprechen wir gerührt: Ach, was zieht es doch für gute Menschen!
Für die Reichshauptstadt setzte das neue Iaht gleich etwas nnüthlich ein. Zuerst versetzte ein „besseret Mord" — so ilenhungrigeii Reporter — in bet Tegeler Straße.
Uolitische ßlebersrcht.
..Das Neujahrsfest ist, wenn man so sagen darf, das politischste aller Feste. Nicht nur wird es allenthalben dazu benutzt, einen kritischen Rückblick auf die Ereignisse des Jahres zu werfen, das Soll und das Haben zu vergleichen und das Fazit daraus zu ziehen, auch die Herrschet und die Staatsmänner pflegen dieses Fest gern *u Kundgebungen über die politische Lage zu benutzen. Neujahr 1899 ist jedoch an solchen Kundgebungen ausnahmsweise arm gewesen. Es sind nur wenige politische Neujahrsansprachen ,n verzeichnen, und diesem Umstande ist es zu verdanken, wenn die größte Aufmerksamkeit bet Ansprache bes Präsidenten Fante an das diplomatische Corps in Paris zu Thcil geworden ist, obwohl diese Ansprache sich keineswegs durch eine sonderliche Bedeutung audzerchnet.
Herr Fan re hat ungemein und ungewohnt friedlich gesprochen und er hat die besondere Schwärmerei der Franzosen für die Segnungen des Friedens betont. Herr Faure mag zweierlei Gründe für diese Entdeckung der französischen Friedensliebe gehabt haben. Einerseits mochte et das Vedurmeß empfinden, die wenig liebens- toürbige Aufnahme, welche der Friedensvorschlag des Ezaren in Franrrcich gefunden hat, ein wenig gutznmachen. Andererseits aber ist der Wunsch der Franzosen begreiflich, ihren Rückzug vor England m der Fasthoda-Frage nachträglich als einen besonderen Ans- Miß der französischen Friedensliebe erscheinen zu lassen. In England fremd) wird man über die Friedensversichernngen des Herrn Faure verstandnißinnig lächeln. Man hat sich dort nicht einmal herbeigelassen, den Franzosen den sehnlichen Wunsch nach der Abberufung des arg verhaßten englischen Botschafters Monson ans PgtiS zu erfüllen, unb hieraus wie ans mancherlei anderen Anzeichen geht hervor, daß die englisch-französische Versöhnung nicht sehr tief gegangen ist unb mancherlei Reibungspunkte zurückgeblieben find, die über kurz ober lang zu erneuten Konflikten fuhren können.
Um so größere Genugttzuung hat man in Frankreich über bie bernerkenSwetthe Verbesserung bes VerhältnisfeS zu Italien tmpfunben und der französische Botschafter Bartere hat in feiner Neujahrsansprache an die französische Kolonie in Rom in schmeichelhaften Watten hervorgehoben, daß jede .der beiden mächtigen Nationen" der anderen bedürfe, nm zu leben und zu gedeihen. Endlich ist noch einer französischen Neujahrsansprache — die Franzosen haben diesmal den unbestrittenen Record auf diesem Gebiet erzielt — Erwähnung zu tliun, der eine politische Bedeutung zukommt. General Zur Linden hat beim Empfang der Pariser Offiziere durch Herrn Faure hervorgehoben, daß die Armee „dem Gesetze treu fei. In anderen Landern und unter anderen Umstanden würde eine solche Versicherung mit Erstaunen ausgenommen werden weil etwas ganz Selbstverständliches nicht feierlich erwähnt zu werden pflegt. Daß dies in Frankreich für nothig erachtet wird, zeigt am besten, daß das Mißtrauen des Bürgerthums gegen bie GesetzeAreue der Armee nicht ganz unbegründet ist, und der bisherige Verlauf der Dreyfus-Affaire hat diesem Mißtrauen Nahrung genug gegeben.
Es giebt zur Zeit nur ein einziges Land, welches Frankreich an Verworrenheit der Zustände fm Innern gleichkommt; dieses Land ist unbestritten Oesterreich-Ungarn. In Oesterreich wie in Ungarn find jetzt an Stelle der Gesetze die Verordnungen «treten. Seit dem 1 Jcmuar dieses Jahres besteht der Zusammenhang der beiden Reichshalften nicht mehr auf Grund des Gesetzes, sondern auf Grund der Anordnungen der beioen Regierungen. In Oesterreich gestaltet sich die hierdurch hervorgerufene Situation insofern etwas einfacher, als man dort über den berühmten § 14 Wifiigt biefe letzte Zuflucht in allen Nöthen. In Ungarn giebt es einen solchen schönen Paragraphen aber nicht unb deshalb hat bort der gesetzlose Mst-md eine höchst konivlizirte imb verwickelte Lage «Mafien. DieRegrermig vertilgt zur Zett nur über die auf gesetzlichen Normen beruhenden Einnahmen, d. h. vor Allem die Zölle sind indirekten Steuern, während die direkten Steuern nur von behfn ««gehen, bie freiwillig Zahlung leisten. Die Opposition ist
(Nachdruck verboten.)
Aus btt Reichshauptstadt.
Neujahr. — Sylvesterspaß. — Die Gratulanten. — Ein „besserer Mord". — Der verschwundene Professor. - Kochkunst-Ausstellung.
- Theater. - Die Elbe.
Berlin, 6. Januar.
, ^er ^Hergang in§ neue Jahr ist auch diesmal, wie immer, ein feucht-fröhlicher gewesen, und gar manch Einer hat Liesen Ueber- gimg nut solcher Energie vollzogen, daß er das neue Jahr kaum erfannte als er „am anderen Morgen sich seinen Jammer besah". Manch Einer sprach auch, dem Sylvesterpunsch mit so germanischer Zähigkeit zu, daß er außer Stande war, die Bekanntschaft des neuen Jahres rechtzeitig zu machen und an dem Alkohol-Beseligten das Wort des Allme,fttrs Goethe in verändertem Sinne zur Wahrheit wurde: .Und Du merkst keinen Uebergang!" Sylvester pflegt aber in Berlin nicht nur mit Fröhlichkeit, sondern auch mit Radau begangen ?u werben, unb es gilt hier als eine zwar nicht gute, aber altgeyeiligte Sitte am Sylvester mehr ober minder großen Unfug anzustifteil und das neue Jahr, gleichsam als ob es schwerhörig wäre, mit weithin schallender Stimme zu begrüßen. In, den letzten Jahren hatte der Sylvesterradau allgemach eine recht bedenkliche Gestalt angenommen, und besonders Unter den Linden war es alljährlich zu unerfreu lichen Ersessen gekommen. Diese Excesse richteten sich vornehmlich gegen jegliche Art von Cylinderhuten, und nicht wenige von diesen gab es, die beim Jahreswechsel etne Metamorphose vom Cylinder- yut zum chapeau claque durchmachten. Der von seinem Prinzipal mit den Rechnungen anSgesandte Buchhatter, der aus die Frage' .WaShaben Sieemgetrieben?", antwortete: „Chlinderhistel" wurde an diesem Tage zu einer typischen Figur. Diesmal hatte die vorsorgliche Polizei aber umfassende Vorkehrungen getroffen, um den allzu starken Ausschreitungen der Svlvestertreublgkeit kräftig zu begegnen, und das zu diesem Zweck Unter den Linden versammelte Aufgebot von Schutzleuten bewirkte denn auch, daß der Sylvester- rabau sich bieSmal tn verhältnißmäßia harmlosen Bahnen bewegte.
Daß auf bie Nacht der graue Morgen folgt, ist eine Ncitur- nothwendigkeit, der fid) auch die Syloesternacht nicht zu entziehen vermag. Der Neujahrsmorgen pflegt die Welt in einer mehr oder minder großen Katerstimmung zu überraschen, und aus dieser Katerstimmung reißt uns nur die Entdeckung, daß eine Unzahl
— Grschichtskakrnder. 8. Januar. 1896: f Kardinal Giuseppe Maria Grauniello zu Rom. 1874: * Prinzeß Elisabeth von Bayern, Gemahlin Ottos Freiherrn v.Seesricd. 18.77: * Emil ®ra’t va Bischofswerda, Mitglied des Reichstags (Reformpattci). 1836: * Professor Paul Kießling in Breslau, Maler in Dresden. 1830: * Hans v. Bülow zu Dresden, hervorragender Klavier- virtuos niib Muflkdirigent (f 12. Februar 1894 zu Kairo). 1828:
gegnete freilich von vornherein manchen Zweifeln, denn ist der Thiergarten kein Urwald und die Spree nicht bei Unterbeß bat sich erfreulicher Weise auch herausgesiellt, baß der zerstreute Herr Professor wohlbehalten Berlin verließ und inzwischen sich toieber einfand. Dieser Ausgang der recht unerquicklichen Angelegenheit ist mit um so größerer Freude zu begrüßen, als sich der Bevölkerung Berlins bereits eine starke Nervosität bemächiigt hatte und der Thiergatten nahe daran war, in den Ruf der böhmischen Wälder zu gcrathen.
War diese Woche reich an Ereignissen, so war sie desto ärmer an Geschehnissen auf dem Gebiete der Kunst. Im Vordergrund stand hier diesmal die anerkannteste unb beliebteste aller Künste, die Kunst, der Jedermann, selbst der ausgeprägteste Banause, gern und mit warmen Herzen huldigt, wir meinen die Kochkunst, bieje Kunst, in ber cS keinen Widerstreit der Meinungen über die Antike und Moderne giebt. Diese Kunst der Künste feierte ihren Triumph in der Kochkunst-Ausstellung, welche bie Köche-Innung zu I Berlin im Krollfchen Etablissement veranstaltet hatte. Den Glanz- 1 Punkt ber Ausstellung bildete das Festessen, bei dem die Theil-
Ameigott-Annahme bis' ll.UhrVormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. - Für die Ausnahme später eingereichter Anzeigen zur
" “ •** * ' nachsterscheinenden Ausgabe wird keine Gelvähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ® ° “
