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Uo. 12

Samstag, den 7. Januar

Fernsprecher No. 52.

1899.

Fernsprecher No. 52.

^bend-ffiissgabe

Die lippesche Streitfrage

Die mit so großer Spannung erwartete Entscheidung des Bundcsralhs in der lippeschen Streitfrage ist erfolgt, aber sie hat den der Entscheidung vielfach entgegengcbrachtcn Erwartungen t "lcht ganz entsprochen, denn der materielle Inhalt der Ent­scheidung des Bundcsraths ist der, daß er fürs Erste nicht entscheidet. Noch weit stärkeres Interesse aber als der materielle Inhalt des lippeschen Erbfolgcstreites hatte die Frage erregt, ob der Bundesrath sich überhaupt als zuständig in Thronfolge­streitigkeiten erklären werde. Es standen sich hier sowohl in der öffentlichen Erörterung als auch im Bundesrath selbst zwei Meinungen gegenüber, die aus den gleichen Voraus­setzungen zu einem entgegengesetzten Resultat gelangten.

Der Streik über die Zuständigkeit des Bundesraths knüpfte an den Art. 76 Absatz 1 der Reichsverfassung an, demzufolge Streitigkeiten zwischen verschiedenen Bundes­staaten, sofern diese nicht privatrechtlicher Natur und daher von den kompetenten Gerichtsbehörden zu entscheiden sind, auf Anrufen des einen Theils von dem Bundesrath erledigt werden. Die Meinung der Staatsrechtlehrer ging über­wiegend dahin, daß im vorliegenden Falle, wie überhaupt In den Fällen, wo es sich um Thronfolgestreitig­keiten handelte, der erwähnte Artikel der Verfassung nicht angezogen werden könne, da es sich um die Geltendmachung persönlicher Ansprüche und nicht der Ansprüche eines Bundes­raths handele. Dem gegenüber stand die Anschauung, daß dadurch, daß der Bundesstaat Lippe-Schaumburg gegen die gesetzliche Regelung der Thronfolgeordnung in Lippe-Detmold Einspruch erhoben hatte, indem er den Einspruch des Fürsten von Schaumburg-Lippe zu dem seinigen machte, der Fall einer Streitigkeit zwischen zwei verschiedenen Bundesstaaten geschaffen sei. Aus dem Wortlaut des Bundesrakhsbeschlusses, soweit derselbe bekannt geworden ist, geht nicht mit völliger Sicherheit hervor, wie weit und bis zu welcher Grenze der Bundesrath seine Zuständigkeit konstruirt hat. In dem Bericht über die Bundesrathsitzung heißt es nur, daß der Bundesrath, da er von einer Regierung gegen die andere angerufen sei, nach Art. 76 Absatz 1 zuständig sei. Es steht aber keineswegs mit völliger Sicherheit fest, ob der Bundesrath seine Zuständigkeit auch nach der materiellen Prüfung der Frage aufrecht erhalten hätte. Da der Bundes­rath von einer solchen Prüfung fürs Erste Abstand ge­nommen hat, so ist es überhaupt fraglich, ob im Bundes­rath zu dieser Frage, ob eine Zuständigkeit in Thronfolge­streitigkeiten vorliege, bereits feste Stellung genommen hat.

Daß der Bundesrath zu der Entscheidung gelangt ist, daß zur Zeit kein hinreichender Anlaß zu einer fach- lichen Erledigung der Frage vorliege, kann nicht über­raschen. Eine Thronfolgestreitigkeit besteht zur Zeit über- |

Das Jahr 1898.

Amerika

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Schon der Umstand, daß der Beschluß des Bundcsralhs mit großer Mehrheit gefaßt worden ist, spricht dafür, daß die Zuständigkeit für die in Frage kommenden Streitigkeiten nur in der zurückhaltendsten Form konstruirt worden ist. I Dies würde aber absolut ausschließcn, daß der Bundesrath in die Prüfung der Ebenbürtigkeit einer Ehe eintrete. Es I ist zwar ein allgemeiner Satz des Privatfürstenrechts, daß I uur aus einer ebenbürtigen Ehe ein thronberechtigter Nachfolger hervorgehe. Welche Ehe aber als ebenbürtig zu erachten sei, darüber hat jede der Familien des hohen Adels ihre eigenen Grundsätze, die bisher in keinem Kompendium gesammelt worden sind. Die allgemeine Anschauung ging bisher dahin, daß über derartige Fragen die Volksvertretung des betreffenden Bundesstaates im Verein mit der Regierung zu entscheiden habe, und in diesem Sinn ist sowohl im Fürstenthnm Schwarz- I bürg wie im Herzogthum Meiningen vorgegangcn worden Wir glauben also, daß der Bundesrath, wenn die lippesche Streitfrage nach dem Ableben des Fürsten Alexander aufs Neue vor sein Forum gebracht werden wird, sich schwerlich in die Prüfung der welterschütternden Frage cinlaffen wird, ob der niedere Adel der Biesterfcldischcn Modeste v. Unruh der Erbfolge hinderlicher sein soll, als der ebenfalls niedere Adel der Schaumburgischen Elisabeth v. Fliesenhausen, die durch die nachträgliche Ernennung zur Reichsgräfin in eine höhere Sphäre des Adels versetzt worden war. Im Uebrigcn ist eine nähere Erläuterung des Bundesrathsbeschlusses bei der Erörterung zu erwarten, welche dieser Frage demnächst im Reichstag zu Theil werden dürfte. p.

* * *

tut. Berlin, 7. Januar. Der Beschluß des Bundesrathes in der lippeschen Angelegenheit ist, wie die .National-Zeitung" hört, gegen eine Minderheit von etwa 10 Stimmen gefaßt worden. Es war dem ein Kompromiß vorausgegangen zwischen dem vor mehreren Monaten gestellten, den Ansprüchen ü-chaumburgs weit entgegen­kommenden preußischen Anträge mid dem vor einigen Wochen erwähnten sächsischen, der unter einer Verwahrung des Zu­geständnisses des Bnndesraths die Erledigung durch Landes-Gcsctz- gebung von Lippe-Detmold zur Regelung der Angelegenheit aus­drücklich anerkennen wollte. In dem gestrigen Beschluß ist dieser Kompromiß formnlirt. Er erhebt keinen ausdrücklichen Einspruch gegen eine landesgesetzliche Regelung, aber er hält die Möglichkeit offen, daß gegen ihn zu späterer Zeit, wenn der Streit einmal praktische Bedeutung erhält, der Bundesrath von Neuem angerufen werden und alsdann der erfolgten landesgesetzlichen Regelung die Giltigkeit absprechcn könnte.

«• Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. go Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

angenommen wurde. Noch zögerte Mac Kinley, es zum Bruche kommen zu lassen, aber das nordamerikanische Parlament nöthigte ihn durch seine Beschlüsse zu thatkräftigem Eingreifen. Am IS. April iprach sich das Abgeordnetenhaus mit erdrückender Mehr- heit für die Unabhängigkeit Cubas aus, und am 15. April beschloß es gewaltsames Einschreiten zur Erzwingung dieser Forderung. Der am 17 April gefaßte Beichluß des Senats, die Unabhängigkeit der cubamschen Republik anzuerkcnnen, führte zunächst zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen beiden Häusern, die am 19. da­durch beendet wurde, daß man sich zunächst für ein bewaffnetes Einschreiten der Vereinigten Staaten entschied. Am 20 Avril unterzeichnete Mac Kinley diese Beschlüsse und ließ gleichzeitig Spamen cm Ultimatum zugehen, durch das es zur Räumung Cuba« aufforderte. Am 21. April lehnte die spanische Regierung diese Forderung ab, worauf Nordamerika am 22. die diplomatischen Beziehungen abbrach, den Krieg ecklärte und die Blockade der cubamschen Nordkuste ms Werk setzte. Der nun folgende kurze Krieg zeigte von vornherein die Uebcrlegenheit der Amerikaner, die über -mc starke, kriegsbereite Flotte verfügten, während die Kriegs- vorberettungcn der «panier sich in Allem als unzulänglich erwiesen. Vor Allem war seine seetüchtige Flotte nach der Vernichtung des Philippinen-Geschwaders zu klein, und auch zu Lande waren keinerlei Vorbereitungen zu wirksamem Widerstande getroffen. Während an der Nordkuste m den ersten Wochen des Sieges die Amerikaner die v>»felkuste absperrtcn, hier und da mit mehr oder weniger Erfolg Beschießungen fester Plätze oder Landungen ins Werk setzten, war die spanische Flotte unter Admiral Ccrvera unangefochten nach Cuba gelangt und in den Hafen von Santiago de Cuba eiiigelaufen. Sobald die Amerikaner davon sichere Kunde hatten, zogen sie ihre beiden stärksten Geschwader vor Santiago zusammen und schloffen die spanischen Kriegsschiffe in den Hafen-in. Am 2. Juni begannen dort erbitterte, für den Ausgang des Krieges entscheidende Kämpfe. Am 27. Jun« gelang es den Amerikanern, eine starke Truppen­macht m der Nähe von Santiago zu landen, die alsbald qegen die Festung verging. Bis zum 1. Jutt zogen sich die heftigen Kämpfe zu Wasser und zu Lande hin. An diesem Tage, an dem die amerikanischen Landtruppen ohne Erfolg gegen die spanischen Festungswerke vorgegangen waren, versuchte die im Hafen ein» lloschloffene Flotte Cervcras zu entkommen; sie wurde von den über­mächtigen amerikanischen Schiffen in den Grund geschossen und Ccrvera gefangen. Damit war die letzte kriegstüchtige fpanifefte Flotte vernichtet; ein nach den Philippinen bestimmtes, aus spanischen Schiffen bestehendes Geschwader unter (Samara kam nur bis Suez und kehrte unverrichteter Sache nach Spanien zurück Nach diesem «lege der Amerikaner konnte sich Santiago nicht länger mehr halten; am 15. Juli wurde es nebst dem ganzen Osten Cubas den Amerikanern übergeben, die Truppen wurden mit kriegerischen Ehren in die Heimath geschickt. Am 20. Juli ließ Spanien, dessen Widerstandskraft gebrochen war, durch den französischen Botschafter m Washington um Frieden bitten. Während die Verhandlungen über Einstellung der Feindseligkeiten noch schwebten, landete eine starke amerikamsche Triippemnacht auf der Insel Portorico; doch kam es, da Spanien am 8. Anglist die amerikanischen Bedingungen annahm, dort nicht mehr zu kriegerischen Ereigniffen, da mit diesem Tage die Waffenruhe eintrat. Die Vorfriedensverhandlungen wurden m Washington geführt, wo der ftanzöstsche Botschafter Cambon am 12. August das Protokoll des Vorfriedens im Auftrage Spaniens unterzeichnete. Es setzte die Unabhängigkeit Cubas, die Abtretung Portoncos an die Vereinigten «taaten, die Gewährung einer Kohlenstation für Amerika auf den Philippinen und die pfandweise Besetzung Manilas durch die Amenkaner fest. Am 23. August wurde Santiago und der Osten Cubas den Amerikanern übergeben, am 20. September begann die Räumung Portorico?, und die end­gültige Räumung Cubas wird wohl in nächster Zeit vor sich gehen. Am 27. November löste den seitherigen Generalgouverneur von Cuba Marschall Blanco, sein Nachfolger General' Castellano ab. Neue Demiithigungen brachten die im Oktober zu Paris beginnenden ^nedensverhandlungen den unterlegenen Spaniern. Nicht'nur, daß ie kerne einzige Milderung der Fricdensbedingungen erzielen konnten, andern die Amerikaner machtel, mit rücksichtsloser Härte von dem »echte des Stärkeren Gebrauch und erzwangen noch die im Vor- nedcn gar nicht vorgesehene Abtretung der ganzen Philippinen- sruppe gegen eine Entschädigung von 20 Millionen Dollars und salsten zndein noch den Spaniern die Haftbarkeit für die Staats­chulden Cubas und der Philippinen auf. Mit diesem Pariser Frieden, der am 10. Dezember unterzeichnet wurde, schied Spanien endgültig aus der Reihe der Kolonialmächte aus.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika trieb der rühmlose Sieg über das ohnmächtige Spanien den bereits genügend varhandenen Größenwahn auf den Gipfel: die jetzt im

In Mittelamerika spielte sich auch das wichtigste Ereigniß des ganzen Jahres, der spanisch-nordamerikanische Krieg, ab, der schon seit längerer Zeit gleichsam in der Luft gelegen hatte. Trotz aller Anstrengungen hatte Spanien des auf der Insel Cuba ausgebrochenen Austtandes nicht Herr werden können, und auch die am 1. Januar 1898 vollzogene Einführung der vom Mutterlande zugebllligten Selbstverwaltung vermochte die den Spaniern bereits , ■ - , . ..... ------ -----v— ----- , völlig entfremdeten Kubaner nicht zur Niederlegung der Waffen zu

Haupt Nicht, da die Legitimität des derzeitigen Landesherrn I bewegen. Andererseits, stieß diese Nachgiebigkeit Spaniens den garnicht bestritten wird. Die lippesche Frage kann jetzt I Empörern gegenüber die treugebliebenen spamschcn Elemente auf d'« d.- sU». Wwmta -ust

Neue an den Bundesrath hcrantretcn. Der Bundesrath I Blanco und die Selbstverwaltung richteten. Aus der seither nur wird dann aufs Neue darüber zu befinden haben, ob er in offiziösen Unterstützung des Aufstandes durch die Vereinigten die Beurtheilung der materiellen (Streitfrage einzutreten I 2u[fce "i1" .,e.‘"e °N>elle, indem Präsident Mac Kinley, haben wird oder nicht Ob diese Entfckieidnna I I^"ck der öffentlichen Meinung folgend, von den Spaniern

yaoen. wito ooer nicht, xjd oiese Entscheidung dann im I bte Gewährung eines Waffenstillstandes forderte, der den Auf­positiven oder negativen Sinne ausfallen wird, steht dahin; I ständischen Gelegenheit geben sollte, sich über die Selbstverwaltung eines aber dürfte schon jetzt als feststehend erachtet werden, Usid ’.^re Wünsche zu äußern. Die vom Papst angebotene friedliche daß der Bundesrath hierbei schwerlich in die Tiefen der I ^«nnttelung lehnte der Präsident der nordamerikanischen Union Ebenbürtiakeilsfraaen binabftciaen wird ‘ | Höflich, aber entschieden am 5. April ab. Spanien gestand am

i.oenol.t i!greii. fragen ginai]teigcn wirb. | 8. April die Waffenruhe zu, die aber nun von den Aufständischen nicht

(Nachdmck verboten.)

Der Stadtenebel.

Von Dr. R. Härtung.

Mit der kalten Jahreszeit stellt sich der Nebel ein, das sind auf dem Erdboden ruhende Wolken. Durch Abkühlung einer Luft­waffe bis unter den Sättigungspunkt des in ihr enthaltenen Wasser­dampfes wird em Theil des letzteren in tropfbar flüssigem Aqgregat- zustand und zwar mSon-‘* * ■ ■ -

Diese bestehen aus sehr Leichtigkeit längere Zeit

Der einfache, reine Siebei ist weiß und wird leicht durch die steigende Tagestemperatur gehoben. Ist der Nebel unrein, so kann feine Farbe gelb bis schwarz sein. Die großen, die Millionenstädte kennen nur diese beiden Sorten von Nebel, das heißt, die meisten oder vielleicht alle Großstädte kennen bloß den weißen und gelben Nebel und nur London kennt den schivarzen, den lebensgefährlichen Nebel, den kein Licht durchdringt, den die Sonne selbst nicht immer vertreiben kann. In diesem Nebel sieht man thatsächlich nicht einen Schritt weit. Es ist ein unheimliches Gefühl, in feiner nächsten Nähe Menschentritte und Wagengeraffel zu hören, ohne auch nur die geringste Spur sehen zu können. London hat Tage, wo es des Nebels wegen bett Pferdebahn- und Omnibusbetrieb bei Tage cinstellen muß. Wie kommt er, daß in den großen Städten der Nebel schlimmer ist als auf dem Lande und in den kleinen Städten? Betrachten wir die Verhält­nisse in London, von diesen lasten sich dann die Schlüffe für alle anderen Großstädte von selber ziehen. London hat durch fein See­klima häufiger Nebel als beispielsweise Berlin, Wien und Paris, aber das Seeklima hat mit der Undiirchsichtigkcit, der schmutzigen Farbe und schweren Zerthcilbarkcit nichts zu thun. Nebel wie London kennt keine andere Seestadt. Kommen doch in London Nebeltagc vor, daß man kein Haus erkennen, kcinSttaßenschild um Mittag lesen kann, daß sich die Menschen anrennen, weil sie sich

nicht sehen, daß sie einander fragen müssen, in welcher Straße sic sich befinden. Freilich sehr selten sind solche unheimlichen Tage, aber die Zeitungen berichten in jedem Jahre über solche.

London verdankt diesen Nebel, diesen schmutzigen, seiner un­endlich großen Ausdehnung, seinen unzählig vielen Häusern und Kaminen. Wer es aber haben kann, muß in England fein eigenes Hans besitzen. Diesem Streben hat es London zu verdanken, daß cs «ine so unheimlich große Fläche einnehmen muß. In diesen Londoner Hausern findet man als Regel den Kamin, man keimt dort nicht die modernen Oefeu, deren Heizvorrichtung bester ist, die nicht so viel Ruß, Staub und Asche erzeugen wie die altmodischen Kamine. So sehr sonst der Eiigländer auf Körper- und Gesundheits­pflege hält, im Punkte des Kamins ist er von einer Zähigkeit im Festhalten, die einer besseren Sache würdig wäre. Seine Vor­fahren haben diese Kamme besesten und benutzt, sic haben sich durch dieselben da? Heim gemüthlich gemacht, aber auch eben durch dieselben sich sehr oft Husten, Bronchitis und Lungen­schwindsucht geholt, und aus Pietät behält auch der

moderne Engländer den Kamin bei. Es ist überhaupt staunenswerth, mit 'welcher Zähigkeit die Briten an vielen alten Gebräuchen und Sitten festhalten. Lieber sitzen sie im Rauch, lieber erdulden sie Kopfschmerzen durch die schlechte Lust, ehe sie einen modernen Ofen in ihr Heim einführcii. Der Kamin hat ja sein Gemuthliches; es ist ja ein schönes, anheimelndes Bild, wenn Abends die ganze Familie um den hellflackernden Kamin hernmsttzt, plaudernd, lachend, schäkernd, trinkend oder rauchend. Aber in einer Großstadt, wie London, ist er nicht angebracht Bütten Paris, Berlin ober Wien gleichfalls solch altmodische amine, sähe es mit ihrer Lust und ihrem Nebel auch weit schlimmer aus. Man begreift es kaum, daß in London selbst ärmere Klaffen vom Kamin nicht lassen können, denn der Kamin verbraucht doppelt so viel Heizmaterial wie der deutsche Ofen, um denselben Wärmegrad zu erzielen. Diese eine Hälfte der Wärme geht nämlich durch die Wand des Nachbarhauses und durch die

cm von Wolken oder Nebeln, niedergeschlagen, feinen Wassertröpfchen, welche vermöge ihrer m - 1” ,dsr Lust schweben können.

reine Nebel ist weiß und wird leicht durch " peratur gehoben. Ist der Nebel unrein, so k<

unvollständige Verbrennung als Rauch verloren. Und dieser bös«, schlimme Rauch legt sich in dem unendlich großen London in die Straßen, vermischt sich mit der Lust, mit dem Nebel und durch­dringt beides mit seinen fettigen, brenzlichen Stoffen; beim beim Kamin findet keine vollständige Verbrennung statt, vielmehr theil- toeiie eine trockene Destillation. So ist die Sonne selbst an manchen Tagen machtlos gegen solchen unreinen Nebel. Wenn die Sonnen- strahlen kommen und den Nebel, wie in anderen Städten, zertheilcn oder auflaugen wollen, bann vermögen sie cs nicht, weil die Vcr- bunftung fast unmöglich geworben ist burch die Fettschicht, welche febeS einzelne Nebeltröpfchen umgiebt. Der grau-gelbe bis schwarze Neber bleibt m den Londoner Straßen liegen; die eine Million ubetfteigenbcn Kamine dieser Riesenstadt stoßen Tag und Nacht ihren Rauch aus, der den Nebel immer dunkler färbt, bis endlich em mitleidiger, starker Wiild ihn hinwegfegt.

Aufgeklärte Aerzte predigen schon seit einem Menschenalter gegen den alten, gefährlichen Kamin, aber der Engländer will nicht Horen. Freilich, er verträgt im Durchschnitt schon einen Angriff auf seine Körperkonstitutiou, die er durch Sport und gute Nahrung sehr widerstandsfähig zu gestalten weiß. So treibt er selbst eine Art Sport durch seinen Kampf gegen den Nebel. Es läßt ihn kalt, was feine Aerzte und Gelehrten sagen und schreiben. Er sieht sich die statistische Tabelle kaum an, die ihm deutlich zngen würde, daß in den Monaten des Winters, wo der Nebel herrscht, ein bedenk lichcs Steigen der Kehlkopf- und Lungenkatarrhe, der Diphtherie unb der Tuberkulose auf ben Kurventafeln zu verzeichnen ist.

Wahren!) andere Großstädte das mangelnde Sonnenlicht in neuester Zett durch elektrische Lichtheit-Institut« zu ersetzen suchen, wahrend telbft das kleine Dänemart dem in dieser Beziehung bahii- brechcndeu Professor Finsen für seine Bestrebungen zur Verbreitung der „Licht-Therapie" die Summe von einer halben Million Kronen bewilligte, bleibt Alt-England bei seinem antiken Kamin. Selbst dje »-yn'es eiferte schon häufig gegen diese .Bornirtheit", aber ohne Erfolg.