Einzelbild herunterladen
 

Wiksbsömr TsgM

Verlag: Langgasse 27.

16,000 Abonnenten.

Nnzeigen-Preisr

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-Preis: durch den Verlag 5® Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Anzeige»-Annahme

für die Abend «Nnsgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen - Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für nächsterfch-' -.enden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur

Uo. 3.

Fernsprecher N». 52.

Montag, den 2. Januar.

Fernsprecher No. 52.

1899.

Abend-Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Moritz v. Egidy f.

(Eigener Aufsatz für das »Wiesbadener Tagblatt".)

Moritz v. Egidy, 1847 zu Mainz geboren, im Kadetteit- corpS erzogen, mit 18 Jahren Lieutenant, nach zwei glor­reichen Feldzügen (1866 und 1870) frühzeitig Oberst- lientenant geworden, durch Familientradition und Tem­perament mit ganzer Seele Soldat, beglückter Gatte einer hochgeborenen edelherzigen Frau, beglückter Vater von zehn ihm und der Muiter ähnlichen Kindern, hochgeehrt und sehr beliebt, setzte 1890 die Welt in Staunen dadurch, daß er jenes hochgepriesene, eifrig gelesene Büchlein veröffentlichie: „Ernste Gedanken". Egidy mußte, da er sich mann­haft zu den von ihm verkündigten freien Ansichten bekannte, den Abschied aus dem ihm ans Herz ge­wachsenen Militärstand nehmen und folgte unverdrossen dem neuen Berufe eines Reformpredigers. Diesem opferte er ein ansehnliches Vermögen, diesem opferte er zuletzt sein Leben. Wer ihn persönlich kannte, wer ihn zwei oder mehr Stunden, ohne nur die Lippe zu netzen, mit Donnerstimme reden hörte, mochte ihm ein rüstiges hohes Alter verheißen, und noch vor Kurzem sah man ihn in eiserner Gesundheit, den kräftigen, kurzgebauten Mann mit der starken Brust und den scharfen Soldatenaugen; schlechte Schonung bei den selbstgewählten übermäßigen Strapazen seiner Wanderreden brachten ihm mehrere gefährliche Krank­heiten zugleich, welchen er, da er zu spät an Schonung und Pflege gedacht, schnell erlag, am 29. Dezember, erst 51>/2 Jahre alt.

Eine nicht sehr große, aber treue Schaar begeisterter Anhänger trauert ihm nach.

Egidys „Lehre" wird von der Menge mit Gering­schätzung, von den Erlesenen mit Feuereifer ausgenommen. „So ist es ja allen Sektirern ergangen", hören wir sagen. Aber hier liegt das große Mißverständniß der Oberflächlichen. Egidy ist kein Sektenstifter oder gar Religionsstifter, er ist nur der Vertreter des wahren, lebendigen Christenthums, nicht der einzige, aber der kraftvollste. Das Wort eines tüchtigen Gesinnungsgenossen, auf Egidys Person komme es nicht an, sondern auf Egidys Lehre, ist nur in gewissem Sinne wahr und wird leicht mißverstanden. Recht verstanden hat Egidys „Ernste Gedanken" und „Ernstes Wollen" Professor Lehmann-Hohenberg, als er seine Zeitschrift „Einiges Christenthum" nannte, recht verstehen wird sie Jeder, der das LieblingSmotto Egidys beachtet: „Religion nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion". Recht verstanden hat sie A. Matthes, welcher, den Vergleich mit „Rembrandt als Erzieher" wagend, Egidys Person eine mächtige erziehliche Kraft zuschreibt, und zwar vornehmlich

durch das gerade Denken, das soziale Ganzheitsempfinden und das thatkräftige Losgehen anfs Ziel.

Reden wir darum mehr von Egidys Persönlichkeit, weniger von seiner „Lehre". Von dieser ist ja nichts neu und originell als die scharfe Prägung, welche ihr eben die markige Persönlichkeit gießt. Gesagt war Alles schon, aber so packend nicht. Es war gesagt, aber noch nicht gelebt.

Der hehre Mann ist von der Menge viel zu äußerlich genommen worden. Bewundert wurde an Egidy zumeist seine hinreißende Rede, seine Fähigkeit, zwei und mehr Stunden aus dem Stegreif zu reden, dann auf jede Frage, jeden Einwurf eine schlagende Erwiderung zu geben, un­vorbereitet, fein wunderbarer £att, jeden Frager oder Nörgler als den zu nehmen, der er war, als Unwissenden, als Denkenden, als Zänker, als Fallensteller, als Effekt­hascher. Aber zeigte sich da die Lehre, oder zeigte sich die große Persönlichkeit.

Lauterkeit und Selbstgefühl begleiteten Egidy durch das ganze Leben. Soldat aus Erbschaft und Tradition, aus Liebe, zauderte er keinen Augenblick, dem theueren Beruf, dem Glanz und der Hofgunst Valet zu sagen, niemals aber hat er pater peccavi gesagt. Auch den vielfachen Ver­suchungen, bei dieser oder jener Partei, dieser oder jener ansehnlichen Gruppe unterzukriechen, hat er eisenfest wider­standen. Nennet das Eigensinn, nennet es Selbstüberhebung, ich nenne es Charakter. Atheistische Freidenker, Neform- juden, buddhistische Ethiker paßten ihm nicht, denn Jesus von Nazareth, das Menschheitsideal, nicht der Gottessohn, war ihm keine Phrase, sondern eine lebendige Werdekraft. Er hat nicht außerhalb des Christenthums gestanden, mochte sich auch äußerlich nicht von ihm lossagen, nicht die Gemein­schaft mit den Frommgläubigen verleugnen, mit dem geliebten christlichdeulschen Volke.

Ebenso wenig ließ er sich mit den Nationalfexen, den Antisemiten, den Agrariern ein; er vermißte bei ihnen das ihm heilige, echtchristliche Gemeinsamkeitsgefühl, sah in jedem Parteiprogramme eine Verleugnung desselben, ein eigen­süchtiges Sonderstreben, wenn nicht einen sachlichwissenschaft­lichen Jrrthum. Mit aufrichtigen Sozialdemokraten dis- putirte er oft und gern, aber ihr zielbewußtes Klassen­bewußtsein stieß ihn ab. Denn das gesammte Volk, die Fürsten inbegriffen, war ihm ein Ganzes. Wie der alte Judenprophet nicht nur zu seinen niederen Brüdern, sondern auch zu seinem guten Könige Hiskia als Berather und Mahner redete, so auch der echte Volksmann Egidy, der Sozialaristokrat. „Wenn erst wir Anderen danach sind," sagte er, „werden auch unsere Fürsten danach sein." Hieraus erklärt sich, daß Egidy so oft von „dem Könige" sprach, er wollte zu dem Könige sprechen, hoffte von ihm gehört zu werden; nicht als Effekthascher oder Streber, sondern als Prophet im wahren Sinne, d. h. als Mahner. Wer darf sagen, daß feine Worte in den Wind gesprochen worden? Auch in der als äußerlich betrachteten Politik ist das

Christenthum eine Werdekraft der Zukunft; hat es sich in der Vergangenheit nicht genügend als solche bewährt, so war es nicht das richtige.

Daß der politische Egidy sich aus dem religiösen Egidy allmählich (und vielleicht noch nicht vollständig) heraus­entwickelt hat, verrathen seine Schriften deutlich. Noch die berühmten „Leitworte" zeigen uns erst nur den Anfänger in der Politik; der kategorische Imperativ und der fromme Wunsch überwiegen noch. Aber der äußerst gewissenhafte Mann würde sich nicht um ein Reichstagsmandat beworben haben, hätte er sich nicht durch ernste sozialpolitische Studien dazu vorbereitet. Die besten Schriften begleiteten ihn auf seinen Reisen, und den meisten der Reichstagskollegen würde er jedenfalls an sozialpolitischem Wissen überlegen gewesen sein. WaS die „Kölnische Zeitung" schreibt, Egidy habe „die thatsächlichen Zustände und die wirklichen Volksbedürf­nisse nicht gekannt", ist eine unwahre, leichtfertige Be­hauptung, welche im Ernste nur Derjenige wagen kann, welcher die Gemeinde der „Kölnischen Zeitung" für das Volk hält. Egidy war noch nicht fertig durchgebiideter Sozialpolitiker, doch sicher ein reiferer, als die Mehrzahl der deutschen Abgeordneten sind.

Es giebt Leute, welche meinen, Egidy hätte sich ganz auf das religiöse Gebiet beschränken sollen. Die haben ihn nicht völlig verstanden. „Du kannst Dir nicht entfliehen", sagt unser großer Dichter, und ein neuerer sagt: „Der wahre Christ ist Sozialist." Wahr ist auch dieses Wort, sofern man das Wort Sozialist nicht in der landläufigen engen Bedeutung nimmt. Auch Jesus Christus war in unserem Sinne Sozialist, und sein Nachfolger, welcher „unser Leben selbst Religion" sprach, hätte sich den praktischen Ausgaben der Zeit entziehen mögen, entziehen können? Unmöglich. Die Krankheit unserer Zeit ist der glaubenschwache, feige Pessimismus, Egidy war im vollen Sinne Optimist. Alle die Großen, welche Großes gewirkt, sind Optimisten gewesen. Mögen kleingläubige Zeitgenossen sie Utopisten nennen, sie werden dadurch nicht kleiner.

„Aufwärts ist des Menschen Gang", ruft der Egidy geistverwandte edle Graf Schack.

Ich betrachte Egidy als einen Lebenden, denn er lebt, er wird ewig leben. Dr. K. Sch.

* * *

hd. Berlin, 31. Dezember. Die Trauerfeier für denOberst- lieutenant Egidp hat am Samstag Nachmittag in der Wohnung des Verstorbenen in Potsdam unter ungemein zahlreicher Betheitigung von Vertretern des Heeres und der Marine, von Mitgliedern der Potsdamer Gesellschaft ftattgefunben. Der Sarg war mit militärischen Emblemen geschmückt und mit zahlreichen kostbaren Kränzen bedeckt.

Deutsches Deich.

* Kof- und Personnt-llachrichtrn. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist Freitag Abend nach Berlin zurückgekchrt. — Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht die Ernennung des bisherigen Landraths des Kreises Tarnowitz, v. Falkenhayn, zum vor-

(Nachdruck verboten.)

Pariser Kries.

(Von unserem Korrespondenten.)

Pariser Weihnacht. — Bodenbach f. — Schlecht gebaut. — Für die Frau des Fälschers. — Die Affaire Paulmicr. —

La Bonrgonde.

Paris, 27. Dezember.

Ein frostiges, aber heiteres und trockenes Wetter steigerte in diesem Jahre noch das lebhafte Treiben in der Weihnachts­nacht. Eine fröhliche, lärmende Menge wälzte sich auf den Straßen und füllte die Cafes und Restaurants, in gewissen­hafter Ausübung der uralten Sitte die Reveillon-Nacht wachend und schwärmend zuzubringen. Alt und Jung konnte sich in dieser Nacht zufrieden erklären: „Die Welt, die sich unterhält" mit dem gelungenen Vergnügen, die Kaufleute, die ihre auf den Boulevards aufgestellten Buden die ganze Nacht offen hielten, mit dem eingeheimsten Gewinn, die Frommen mit der feierlich abgehaltenen Mitternachts- meffe, die kleinen Reichen mit den Wundern an Niedlichkeit, die die Industrie in Spielsachen für sie vorbereitet, und auch die kleinen Armen, für welche die öffentliche Wohlthätigkeit durch Vertheilung von Bekleidung und Spielzeug reichlich gesorgt hat. Daß aber die revslutionirenden Fortschritte der modernen Kultur auch auf die ältesten Gebräuche nicht ohne Einfluß bleiben können, das hat in seiner Unschuld ein siebenjähriger Knabe herausgebracht. Einer Sportfamilie angehörend, deren männliche und weibliche Mitglieder dem Kultus des Fahrrads und des Automobils huldigen, verfiel er auf die zeitgemäße Idee, sich seine Weihnachts-Einnahme dadurch zu sichern, daß er seine Schuhe nicht, wie üblich, vor den Kamin, sondern vor den Herd des väterlichen Automobils stellte.

Aber unbehindert von der allgemeinen Fröhlichkeit waltete der Engel des Todes auch in der heiligen Nacht seines Amtes und seine Fittiche senkten sich über den noch jungen und beliebten Dichter und Schriftsteller Georges Rodenbach. Die Nachricht von seinem plötzlichen Tode war für Viele eine aufrichtige Trauer weckende Ueberraschuug. JmJahre l855

in Belgien geboten, hatte er in früher Jugend fein Heimaths- land verlassen und hielt sich dauernd in Paris auf. Leut­selig und verbindlich verstand er es, sich in der zeitgenössischen französischen ßitteratnr bald eine beneidete Stellung zu schaffen. Er war Ritter der Ehrenlegion, und seine nicht unbedeutenden litterarischen Leistlingen machten es ^wahr­scheinlich, daß er in Kürze, gleich Henry Lavedan, die Schaar der jungen Unsterblichen in der Akademie vergrößern würde. Sein Talent trägt das melancholisch geheimnißvolle Gepräge seines Heimalhsortes, der alten belgischen Stadt Ernges-la- morte, die er in einem schönen Roman gleichen Namens verherrlichte. Seltene Beobachtungsgabe und Reinheit der litterarischen Form, Geschmeidigkeit des Rhythmus und Zart­heit der Gefühle kennzeichnen seine Dichtungen und prosaischen Schriften, unter denen außer dem erwähnten Roman noch zu nennen sind: Le Foyer et les Champs, Les Tristesses, La Belgique, l’Hiver mondain, La Jeunesse blanche, l’Art en exil, le Hegne du silence. Einer seiner Freunde und Bewunderer, Cainlle MendeL, vergleicht seine Werke, welche voll sind von Wolken, tiefen Seen, räthsel- hasten Klängen und des geheimnißvolle» Traumlebens, mit einer weitläufigen Herbstlandschaft, die Anfangs ganz in Nebel getaucht fcheint, in der jedoch nach und nach wunder­bare Linien sich scharf abheben und im Schimmer der Schnee- und Reis-Krystalle erglänzen.

Zu den Unglücklichen, die sich an der um die Jahres­wende Üblichen Fröhlichkeit nicht beteiligen, gehören auch die Arbeiterfamilien, die in der vor Kurzem erfolgten Katastrophe des Häufereinstnrzes in der Kue des Appennins ihre Ernährer verloren. Der Aufruf an die öffentliche Mildthätigkeit sand einen weiten Widerhall, und der materiellen Nolh der Hinlerbliebenen ist nach Möglichkeit abgeholfen morden. Was jedoch die Gemüther nicht zur Ruhe kommen läßt, das ist das Bewußtsein, daß ein Un­glück dieser Art, wie ein Damoklesschwert eigentlich fort­während über den Häuptern vieler Bewohner der Licht- und Luststadt hängt. Nach Ansicht kompetenter Bailmeister halte das eiiigestürzle Haus nur einfach Pech, daß es noch vor

der Vollendung ans den Fugen ging, da die meisten der großen Pariser ZinSburgen in der gleichen unverantwortlich leichtsinnigen Weise gebaut werden. Welche Sicherheit bieten aber auch die Baumeister? Der Baumeisterberuf ist in Frankreich vollständig frei und Jedermann zugänglich. Es genügt, sich den Titel auf die Bisitkarte drucken zu lassen und einige Zeit in einem Architekteu-Bürean gearbeitet zu haben, um mit dem Bau eines großen, meist zu Speku- lationSzwecken bestimmten Hauses betraut zu werden. Da sich daher zu der Unfähigkeit der Baumeister noch eine mög­lichst weitgehende Sparsamkeit im Beschaffen des Materials und in der ganzen Ausführung gesellt, so erklärt es sich, daß der Hänserbau in Paris zu einer, die öffentliche Sicher­heit bedrohenden Gefahr wird, bereit Bedeutung freilich nur durch einen großen Unglücksfall dem Durchschnittsbürger vor die Augen gerückt wird.

Im gewöhnlichen Alltagslanf dagegen muß man die Leichtigkeit bewundern, mit der die Pariser über die Schwierig­keiten des Lebens hinweggleiten und auch den ernstesten Ereignissen die heitere und unterhaltende Seite — ja vor­wiegend nur diese — abzugewinnen verstehen. Ist das glücklicher Leichtsinn, ober wie Renan meinte, Mangel an moralischem Sinn bei ben Franzosen? Fast muß man bas letztere annehmen, wenn man mit vorurtheilslosem Blick einige ber letzten Vorgänge beobachtet, in benen Wassen- gefühle zur Bethätigung gelangten. So würbe bie Riesen- snmme von 111.000 Francs in einigen Tagen zusammen- gebracht für Frau Henry, bie kein anderes Verdienst hat, als daß ihr Wann ein Fälscher gewesenI Wer aber diese Thatsache noch als politische Kundgebung erkennen, wenn auch nicht rechtfertigen wollte, der konnte gestern im Justizpalast einer wahren Komödie der Moral beiwohnen. Die Affaire Paulmier wurde mit glänzendem Erfolg und zur vollsten Zufriedenheit aller Anwesenden aufgeführt. Wohl giebt es da unten im Süden Frankreichs einen kranken Wann, der mit Mühe dem Tode entriffen und schlecht ge­heilt ben Rest seines Lebens kränkelnd dahin wandeln muß. Es ist dies der Redaktionssekretär der „Lanterne", Olivier,