««. Jahrgang. Berlaa: Lancia ässe 27. «nzcigen.Preiör
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U0. 565. Fernsprecher No. 52. SlMNtag, dkN 4- De^MÜer. Fernsprecher «». 52 1898,
Morgen-Ausgabe
rcichische Ministerpräsident Graf Thun hat den vielen Unbegreiflichkeiten, durch die sich seine kurze und doch schon viel zu lange AintSperiode auszcichnet, noch eine weitere hinzugefugt, welche die bisherigen Anschauungen von dcs GrafcnThun staatsmännischer Befähigung zu bestätigen geeignet ist. GrafThuii sucht leit längerer Zeit krampfhaft nach neuen Mitteln, um sich das Wohlwollen der flavisch-Uerikalen Mehrheit zu erringen. In der Wahl dieser Mittel ist Graf Thun skrupellos. Wenn er keinen Anstand nahm, zu Gunsten der vergötterten Slaven, deren letztes Ziel die Zerreißung des österreichisch-ungarischen Staatswesens ist, die verbrieften Rechte der Deutschen mit Füßen zu treten, darf man sich alsdann wundern, wenn dteser sonderbare Politiker seiner slavischen Gefolgschaft zu Liebe jetzt auch die seitherige auswärtige Politik Oestcrretch-Ungarns zu opfern entschlossen scheint? Einen solchen Eindruck aber muß der vom Grafen Thun aus Anlaß einiger Ausweisungen österreichischer Staatsangehöriger aus Preußen unternommene Vorstotz gegen eine befreundete und verbündete Macht zweifellos machen. Es wird sich in Bälde zeigen müssen, ob es sich bei diesem Vorstoß um eine spezifisch Thunsche Leistung handelt, oder ob Methode in diesem System liegt. Jedenfalls können wir der weitere» Entwickelung der Dinge mrt kühler Ruhe entgegensehen.
Deutschland hat im Gegensatz zu dem jetzigen Verhalten Oesterreichs stets mit aller Strenge den Standpunkt festgehalten, sich nicht in die Angelegenheiten fremder Staaten einzumischen, und tote wohlgethan eine solche Politik ist, hat sich in dem Verlauf der noch immer schwebenden Dreyfus-Affaire gezeigt, die durch das Hinzutreten der Sache P ic q u art noch komplizirter geworden ist. Während das Schicksal des ©efangenen auf der Teuselsinscl in den zuverlässigen Händen des Kasjationshofes ruht, hat die militärische Gerichtspflege es trotz des Widerspruchs eines großen Theils der öffentlichen Meinung durchgesetzt sich das Objekt Picquart zu retten. An der 81 ffaire Dreyfus ist bas vorige Kabinett gescheitert, da? jetzige Kabinett hat bereits Mühe, nicht an derAffarre Picquart Schiffbruch zu leiden.
Den Neid der französischen Kabinette muß es erregen daß man den Prinzen Georg von Griechenland auf zunächst drei Jahre z>rm Gouverneur von Kreta eingesetzt hat. Drei Jahre, welch eine schier unendliche Frist, mag der Chorus der zahlloseit französischen aktiven, zumeist aber inaktiven Minister auSrufen. Und doch, wird diese Frist ausreichen, um die Kreter unter dem Regiment des Prinzen Georg ihren historisch gewordenen schlechten Ruf verlieren zu lassen? Und Prinz Georg? Werden ihm seine .lieben Kreter" nach drei Jahren den Laufpaß geben, oder werden sie nach bekannter Melodie singen: „Es lebe der Rcsewemann; der treu gedient hat seine Zeit, bleib' Gouverneur in Etvigkeitl"
Aus Stadt «nd Zand.
Wiesbaden, 4. Dezember.
— Gesichlchtslinlrnder. 4. Dezember. 1409: Stiftung der Universität Leipzig. 1642: Herzog v. Richelieu, franz. Staatsmann, f Paris. 1679: Th. Hobbes, englischer Philosoph, j Hardwickc. 1795: Thom. Carlyle, enol. Schriftsteller, * Ecclcfechan, »Schottland. 1798: L. Galvani, Physiker, f Bologna. 1870: Einnahme von Orleans durch die Deutschen. 1893: John Tyndall, engl. Naturforscher, f London.
— Für tut» Jahr 1899 geht mit der vorliegenden Ausgabe unserenverehrlichenAbonnenten der „Wiesbadener Tagblatt- Kalender" zu. Wir begleiten denselben auch diesmal mit dem Wunsche, daß der Kalender den Beifall finden möge, der ihm bisher stets sicher war, und daß in denselben nur angenehme Ereignisse und frohe Tage einzutragen sein möchten.
— Z« fr<r Kolks- und Schüler-Vorstellung („Emilia Galotti" von Lessina), die heute Nachmittag 3 Uhr im Kgl. Theater stattfindet, sind noch eine größere Anzahl von Billetten aller Plätze vorhanden. Dieselben werden zu den bekannten, bedeutend herabgesetzten Preisen an der Theaterkaffc, Vormittags von 11 bis 1 Uhr,
Politische Uebersrcht.
Die Rückkehr des Kaisers von der Fahrt nach dem Orient hat sich unter sehr erfreulichen Erscheinungen vollzogen, als deren . politisch bedeutsamste die betreffs des obersten Militär- Gerichtshofes erzielte Einigung zu bezeichnen ist. Länger als ein Jahr war diese streitige Angelcgeuheit, von deren Austragung der Vollzug der Militär-Strafprozcßresorm abhing, in der Schwebe geblieben, und wie die Dinge lagen, war ihre befriedigende Erledigung nur von einer freundschaftlichen Vereinbarung zwrschen dem Reich und Bayern zu erwarten. Diese Vereinbarung hat setzt nach der persönlichen Aussprache zwischen dem Kaiser und dem bayrischen Prinzregenten startgefunden. Bayern verzichtet auf seinen eigenen obersten Militärgerichtshof, aber das Reich räumt Bayern einen eigenen Senat an dem obersten Gerichtshof ein. Es sind mithin von beiden Seiten Zugeständnisse gemacht worden, durch die es ermöglicht wurde, unter Wahrung der von Bayern geltend gemachten Reservatrechte eine Einheitlichkez der militärischen Rechtsprechung für das ganze deutsche Reich herbetzuführen. Zweifellos wird man an dem Modus dieser Einigung manches anssetzen können, aber wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Erledigung der Streitfrage überhaupt von so großer Bedeutung ist, daß dem gegenüber die Art der Erledigung als bedeutungslos zurücktritt.
Es hatte oder hat den Anschein, als ob die Aussprache des Kaisers mit dem Prinz-Regenten von Bayern und noch einigen anderen Bundesfürsten noch ein zweites erfreuliches Ergebnis; gezeitigt Kat, nämlich eine günstige Wendung in der unerquicklichen <mb höchst bedauerlichen lippeschen Streitfrage. Ein Münchener Blatt versicherte, daß m dieser Frage ein vollkommenes Einvernehmen erzielt worden sei, das „allen Vaterlandsfreunden zur Befriedigung gereichen" könne. Die preußisch-offiziöse „Rordd. Og. Ztg." übernahm diese Meldung und drückte ihr dainit den Stempel der Offiziöfität auf. Ein anderes Münchener Blatt hat unterdeß dieser Meldung widersprochen, und seitdem sind wir in Bezug auf die weitere Gestattung der lippeschen Frage wiederum mtf Kombinationen angewiesen, worin zur Zeit eine beachtens- werthe Produktivität entwickelt wird. Einigkeit herrscht nur darüber, daß es geboten ist, diese Frage, je eher, je lieber aus der Welt zu schaffen.
Seinerschnellen Erledigung geht ein anderer Streit entgegen, der «en zwei Nationen sich erhoben hatte und der nicht auf dem iternationaku Verkehr noch sehr stiefmütterlich behandelten Wege des Rechts, sondern auf dem der Gewalt ausgetragen worden war. Der spanisch-amerikanische Friedensschluß ist trech des schwierigen Gangs der Verhandlungen so weit gefördert worden, daß irgend welche Hindernisse kaum noch zu erwarten sind. Die Spanier haben, was Niemande» in Erstaunen setzen konnte, auf der ganzen Lime nachgegeben und sich trauernd, aber wider- Sandslos in ihr Geschick gefugt. Die Hoffnung der Spanier, daß te eine ober andere Macht gegen die Okkupirung der Philippinen Einspruch erheben werde, hat sich als Täuschung erwiesen und den Amerikanern ist nicht nur das Glück des Krieges, sondern auch das beB Sieges treu geblieben. Daß Deutschlanb entschlossen ist, diesen «ragen gegenüber neutral zu bleiben, dieser Absicht ist von unserer eite aus unzweideutig Ausdruck gegeben worden. Dagegen ist die Me Politik offenbar ebenso tote die englische entschlossen, auch cremigtcn Staaten gegenüber die Wahrung der Rechte zu versuchen, dre wir durch den Vertrag mit Spanien vom 11. März 1897 tm Sulu-Archipel auf handelspolitischem Gebiet erworben haben und die sich in ähnlicher Weise auch England ausbedungen hat. Es kann aber ohne Weiteres ausgesprochen werden, daß in biefer Frage, der eine übermäßige Bedeutung nicht zukommt, keineswegs die Keime zu irgend welchen Verwickelungen enthalten sind.
Unfreundlichkeiten auf politischem Gebiet haben wir in letzter Zett — rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht! — nicht von Kindlicher, sondern von befteundeter Seite erfahren. Der öfter#
sich rüsstet, den : sie auch unserer
etner
— lieber Sahnprojekte der Süddeutschen Eisendah«- Gesellschaft entnehmen wir dem ,M. A." Folgendes: Reben dem einer „Rundbahn" rst ein weiteres Projekt die Anlage einer elektrischen Bahn von Kastel nach dem Rheingau, und zwax mit Berührung der Orte Amöneburg, Biebrich, Schierstein, Niedek- Walluf, Eltville, Erbach, Hattenheim, Oestrich, Mittelyeim, Winkel, Geisenheim und Rüdeshcnn. Von Schierstem aus soll eine Nb-
abgegeben. Es sei hierniit nochmals auf diese seltene, günstige Gelegenheit hingewiesen eines unserer besten klassischen Dramen m der vollendeten Darstellung, wie sie das Kgl. Theater bietet, zu sehen. Nach den ausgelassenen Vergnügungen des AndreaSmarkteA wird es Jedem ein Bedürfniß und für die Schüler heilsam fern, wenn sie sich wieder einem edleren Genüsse zuwenden, tote ihn die Lesflngsche Dichtung bietet.
— Kurhauo-Neuba«. In der letzten Sitzung der Kommission für den Kurhaus-Neubau wurde der kürzlich gefaßte Beschluß, da- neue Kurhaus dicht hinter dem alten zu errichten, aufrecht erhalten. Der Beschluß wurde mit architektonischen »nd gesundheitlichen Gründen motivirt. Ein Coniitö wurde beauftragt, eine Denkschrift auszuarbeiten, welche den Beschluß der Kommission mit einer eingehenden Motivirnng versehen soll. Diese Denkschrift wird nach threr Fertigstellung der Kommission nochmals zur Begutachtung zugehen und alsdann den städtischen Körperschaften bei der Be- rathung und definitiven Beschlußfassung über den Gegenstand vorgelegt werden.
— Dir Volkolrsthallr in bet Friedrichstraße 47 erfreut sich eines immer steigende» Besuches, tote sich aus folgenden ZtffkM ergiebt. Im Oktober dieses Jahres wurden 1883 Leset gezählt gegen 1243 im vorigen Jahre, und im November diese« Jahre« 2382 gegen 1350 des Vorjahres. Der Tagesdurchschnitt betrug ÜB Oktober ruub 60, im November rund 80 Besuchet. An Sonn- unp Feiertagen ist bet Andrang besonders groß. Am Buß- und Bct- tag wurden 153 und am letzten Sonntag 126 Besuchet gezählt, meist jüngere Leute, die die freie Zeit zur eigenen Belehrung auS- nützen. Es sei nochmals darauf hingetoiesen daß die Lesehalle jetzt in der Woche von Mittags 12 bis 9‘/i Uhr Abends geöffnet ist. Außer einer große» Zahl Taaesblätter und belletristisch«! Zeitschriften liegen viele gewerbliche, technische und Fachzeitschriften auf, die den Wissensdurstigen eine Fülle von Belehrung bieten. Der Eintritt ist frei für Männer und Frauen. Wie kürzlich gemeldet wurde, stellt der Volksbildungs-Verein im Lokale der Volkslesehalle eine Remington-Schre io maschine ans, damit zunächst Frauen und Mädchen die Gelegenheit haben, das Maschinenschreiben zu erlernen. Da noch einige Stunden der verfügbaren Zeit frei sind, so wollen Lernlustige sich Nachmittag« oder Abends bei dem Aufseher der Lesehalle meloen, der die näheren Bedingungen mittbeilt.
— Weihnachten für unsere Sünden! Wenn die Lieb« sich rüstet, den Bedürftigen den Weihnachtstisch zu decken, vergißt sie auch unserer armen Blinden nicht. Der beste Liebesdienst, der im Lause des Jahres ihnen erwiese» werden kann, ist, ihnen Arbeit zu beschaffe». Zu Weihnachten aber sind unsere Blinden, sowe t sie des Lesens der mit den Fingern zu fühlende» Bttndeuvunktschrist kundig sind, am dankbarsten für ein gutes Buch in Punktschrift. Sicherlich erweisen wir allen Freunden unserer Blinden, die diesen eine bleibende Weihnachtsfreude bereiten möchten, einen Dienst, indem wir te auf die vorzüglichen, sehr billigen (33‘A pEt. unter dem Her- tellungspreise), von dem Verein zur Beschaffung vonHochdruckschriften ür Blinde (Leipzig) hergestellten Blindenbücher auftnerisam machen. Es find bisher erschienen: Fries, „Büchlein von der Geduld btt Kinder Gottes" (geb. 2 Mk. 40 Pf.). — Körner, „Seher und Schwert" (geh. 1 Mk.). — „Pharus am Meer des Seben«'* (3 Bd«. geb. je 2 Mk. 60 Pf. ober 6 Seite je 1 Mk. 25 Psi). - Schiller, „Jungfrau von Orleans" (2 Boe., geb. zus. 5 Mk.). — „Bram von Messina" (geb. 3 Mk. 50 Psi). — „Deklamatorinm" (Bd. 1. geb. 3 Mk. 50 Psi). - Goethe, „Reineke Fuchs" (2 Bde., geb. zu< 5 Mk.). Sämrntliche Schriften sind zu beziehen durch Georg Wigand, Leipzig, Seeburgstraße 44. Möchten diese Bücher zum Segen unserer Blinde», als Ltcht und Trost für einsame Stunden, als gute unterhaltende und belehrende Freundeweite Verbreitung findet^
Aus Kisnmrck»
Gedanken und Erinnerungen.
Die beiden Schlußkapitel sind einer feffelnben Schilderung der Persönlichkeiten Wilhelms I. und Friedrichs III. gewidmet, deren pir die meisten Sterblichen verborgene Eigenart er wie kein Anderer m jahrzehntelangem Verkehr ergründen konnte, lieber den Kaiser Wilhelm I. heißt es dort: „Um die Mitte der sicbenziger Jahre Sinn die geistige Empfänglichkeit des Kaisers im Auffassen erer und Entwickeln eigener Vorträge schwerfälliger L» funk- timriren; er verlor zuwellen den Faden tm Zuhören und sprechen. Merkwürdiger Weise trat darin nach dem Robilingschen Attentat eine günftige Veränderung ein. Momente, wie die beschriebenen, kamen nicht mehr vor, der Kaiser war freier, lebendiger, auch weicher. Der Ausdruck meiner Freude über sein Wohlbefinden veranlaßte ihn zu dem Scherze: „Nodiling hat besser als die Sorgte gewußt, was mir fehlte: ein tüchtiger Aderlaß. Die letzte Krankheit war kurz, sie begann am 4. März 1888. 21m 8., Mittags, batte ich die letzte Unterredung mit dem Kaiser, in der er noch bei Bewußtsein war, und erlangte von ihm die Ermächtigung zur Veröffentlichung der schon am 17. November 1887 vollzogenen Ordre, jte den Prinzen Wilhelm mit der Stellvertretung beauftragte in Fällen, wo Se. Majestät einer solchen zu bedürfen glauben würde. Der Kaiser sagte, er erwarte von mir, daß ich in meiner Stellung verbleiben und seinen Nachfolgern zur Seite stehen würde, wob« ihm zunächst die Besorqniß vorzuschweben schien, daß ich mich mit 6em Kaiser Friedrich nicht würde stelle» können. Ich sprach mich beruhigend darüber aus, so weit es überhaupt angebracht schien, einem Sterbenden gegenüber von dem zu sprechen, was feine Nachfolger und ich selbst nach seinem Tode thun würden. Dann, an die Krankheit seines Sohnes denkend, verlangte er von mir das Versprechen, meine Erfahrung feinem Enkel zu gute kommen zu lassen und ihm zur Seite zu bleiben, wenn er, wie es schiene, bald zur Regierung gelangen sollte. Ich gab meiner Bereitwilligkeit Ausdruck, seinen Nachfolgern mit demselben Eifer zu dienen wie ihm selbst. . . . Für die Thronfolge war unter Friedrich Wilhelm III. nur der Kronprinz mit Bewußtsein vorgebildet worden, der zweite Sohn dagegen ausschließlich mllitänsch. Es war natürlich, daß durch fein K Leben militärische Einflüsse an und für sich stärker auf rtten, als civilistische, und ich selbst habe in dem äußeren Eindruck der Militär-Uniform, die ich trug, um ein mehrmaliges Umfieiben am Tage zu vermeiden, ein Moment der Verstärkung meines Einflusses zu finden geglaubt... Neben
dem Fleiße, zu dem ihn fein hohes Pflichtgefühl trieb, kam ihm in Erfüllung seiner Regentenpflicht em ungewöhnliches Maß von klarem, durch ©rlemteS weder unterstützten noch beeinträchtigten gesunden Menschenverstände, cornmon sense, zustatten. Hinderlich für das Verständniß der Geschäfte war die Zähigkeit, mit der er an fürstlichen, militärischen und lokalen Traditionen hing; jeder Verzicht aus solche, jede Wendung zu neuen Bahnen, tote sie der Lauf der Ereignisse nothwendig machte, wurde ihm schwer und erschien ihm leicht im Lichte von etwas Unerlaubtem oder Unwürdigem. Wie an Personen seiner Umgebung und an Sachen seines Gebrauchs, so hielt er auch an Eindrücke» und Ueberjeugungen fist, unter der Mitwirkung der Erinnerung an das, was fein Vater in ähnlichen Lagen gethan hatte ober gethan haben würde; insbesondere im französischen Kriege hatte er die Erinnerung an den parallelen Verlaus der Freiheitskriege immer vor Augen.
Die Kaiserin Augusta, die mehr als einmal die Cirkel des mächtigen Kanzlers gestört, muß auch in dem ihrem kaiserlichen Gemahl getoibmeten Kapitel manch herbes Wort der Kritik über sich ergehen lassen:
„ES lebte in ihr vorher und später ein Bedürfniß des Widerspruches gegen die jedesmalige Haltung der Negierung ihres Schwagers und später ihres Gemahls. Ihr Einfluß wechselte, und zwar so, daß derselbe bis auf die letzten Lebensjahre stets gegen die Minister ins Gewicht fiel. War die Regierungspolitik konservativ, so wurden die liberalen Personen und Bestrebungen in den häuslichen Kreisen der hohen Fran ausgezeichnet und gefördert; befand sich die Regierung des Kaisers in ihrer Arbeit zur Befestigung des neuen Reichs auf liberalen Wegen, so neigte die Gunst mehr nach der Sette der konservativen und namentlich der katholischen Elemente, deren Unterstützung, da sie unter einer evangelischen Dynastie sich häufig und bis zu gewissen Grenzen regelmäßig in der Opposition befanden, überhaupt der Kaiserin nahe lag."
Bei dieser Schilderung des alten preußischen Äeamteuthums wirft der Verfasser der Erinnerungen zugleich einen vergleichenden Blick auf die Gegenwart: „Man hatte gehofft, daß die Staatsbehörden durch die Einführung der heutigen lokalen Selbstverwaltung an Geschäften und an Beamten würden entbürbet werden; aber im Gegentheil, die Zahl der Beamten und ihre Geschäftslast sind durch Korrespondenzen und Friktionen mit den Organen bcrSelbftccrtoaltung von bem Provinzialrath bis zur ländlichen Gemeindeverwaltung erheblich gesteigert worden. Es muß früher oder später der wunde Punkt ein- treten, wo wir von der Last der Schreiberei, und besonders der subalternen Büreaukratie erdrückt werden. Daneben ist der büreatikrattsche Druck auf das Privat
leben durch die Art der Ausführung der „Selbstverwaltung" veL- pärkt worden und greift in die ländlichen Gemeinden schärfer ati früher ein . . . Die regierte contribuens plebs hat in der land- räthlichen Instanz ungeschickten Eingriffen gegenüber nicht mehr die Garantie, welche früher in dem Verhältinß lag, daß die Kreiseingesessenen, die Landräthe wurden, dies in ihrem Kreis lebenslänglich zu bleiben in der Regel entschloffen waren und die Leiden und Freuden des Kreises mitfühlten. Heute ist bet Landrathsposten die unterste Stufe der höheren VerwaltungS- Laufbah», gesucht von jungen Affefforen, die den bercdjttgten Äy- geiz haben, Karriere zu machen; dazu bedürfen sie der ininiperiellett Gunst mehr als des Wohlwollens her Kreisbevölkerung und suchen erstere durch hervorragenden Eifer und Anspannung der Amts- vorsteher der angeblichen Selbstverwaltung bei Durchführung auch minderwerthiger büreautratifdjer Versuche zu gewinne». Darin liegt zum großen Theil der Anlaß zur Ueberlaftung ihrer Untergebene^ tn der lokalen „Selbstverwaltung". Die „Selbstverwaltung ist also Verschärfung der Büreaukratte, Vermehrung her Beamten, ihrer Macht und ihrer Eiumifchung ins Privatleben."
In einem Vries Bismarcks vom 12. August 1878 an den König Ludwig über die damaligen kirchen-politischen Verhandlungen mit bem Vatikan heißt es: „Meine Verhandlungen mit bem NuntmS ruhen feit bem Tode des Kardinals Franchi vollständig, in Er- toartung von Instruktionen aus Rom. Diejenigen, welche der Erzbischof von Neocäsarea mitbrachte, verlangten Herstellung deS Status quo ante 1870 in Preußen, faktisch, wenn nicht vertragsmäßig. Derartige prinzipielle Konzessionen sind beiderseits unmöglich. Der Papst besitzt die Mittel nicht, durch welche er uns die nöthigen Gegenleistungen machen könnte; die CentrumSpartei die staatsfeindliche Presse, bie polnische Agitation, gehorchen bem Papste mcht, auch wenn Seine Heiligkeit biefen Elementen befehlen wollte, bie Regierung zu unterstützen. Die im Centrum vereinten Kräfte fechten zwar jetzt unter päpstlicher Flagge, sind aber an sich staatsfeindlich, auch wenn bie Flagge ber Ratyohatät aufhörte, sie zu decken; ihr Zusammenhang mit ber Fortschrittspartei und den Sozialisten auf der Basis der Feindschaft gegen den Staat ist von dem Kirchenstreit unabhängig. In Preußen wenigstens waren dicWahl- kreise, in denen das Gentrum sich ergänzt, auch vor bem Kirchen- ftreite oppositionell, aus demokratischer Gesinnung, bis ailf den Adel tn Westfalen und Oberschlesien, der unter ber Leitung bet Jesuiten steht unb von diesen absichtlich schlecht erzogen wird. Unter biefen Umständen fehlt bem römischen Stuhl die Möglichkeit, uns für oft Konzessionen, die er von uns verlangt, ein Aequivalent zu bieten, nainentlich da er über den Einfluß ber Jesuiten auf deutsche Per-
