46. Jahrgang.
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Po. 532.
Fernsprecher N». 52.
Montag, den 14. November.
Fernsprecher R». 52.
1898.
flbend»flusgabe.
Deutsches Deich.
* Dos- «nd Personal-Nachrichten. Nach Erkundigungen der »Hamburger Nachrichten" in Friedrichsruh wird die Beisetzung der Leiche des Fürsten Bismarck in diesem Jahre bestimmt nicht mehr erfolgen.
* Kerlin, 14. November. Zu Bemerkungen de» .Vorwärts" über die Ausweisung des Nedakteurs vr.Adolf Braun ans dem preußischen Staatsgebiet schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": Es kann nicht zweifelhaft fein, daß Dr. Braun zur Kategorie derjenigen Ausländer gehört, die durch ihre Thätigkeit in dem fremden Staatsgebiet lästig fallen. Wer dar ihm staatlich gewährte Gastrecht mißbraucht, um 018 berufsmäßiger Agitator de» Klasseukampf zu schüren und eine gegen die Grundlagen der Staat» gerichtete Propaganda im Zug zu erhalten, degiebt sich selbst de» Rechts, in den Grenzen des von ihm angegriffenen Staat» ungehindert Aufenthalt nehmen zu dürfen. Die zuständigen Behörden handelten daher richtig, al» sie dem Ausländer Dr. Braun die Möglichkeit entzogen, seine staatsseindlicheli Umtriebe auf preußischem Boden sortzusetzen.
Im Staatoministerium sand eine Verhandlung über die kulturelle Hebung des Osten» statt. Finanzminister Miquel leitete die Sitzung. Die Verhandlungen waren von mehrstündiger Dauer und wurden Abends zum Abschluß gebracht.
Der „R.ichranzeiger" veröffentlicht eine vom Kaiserlichen Ge- fuudheitramt aiirgearbcitete Denkschrift über da» Färben der Wurst, sowie de» Hack- und Schabefleisches.
* Dir Denkschrift des Graf-Regenten von Lippe an sämmtlrche deutschen Lundersürste» wird im .Neuen Wiener Tageblatt" veröffentlicht. Die Denkschrift enthält zunächst da» Be- schwerdcschreiben de» Graf-Regenten an den Kaiser wegen verweigerter Ehrenbezeugung für die Familie de» Regenten; bann die bekannte kaiserliche Drahtantwort. Gegen diese legt der Graf-Regent feierliche RechtSverwahrung ein. Er sei von der ersten Stunde der Regentschaft an bemüht gewesen, eine gnädige Gesinnung de» Kaisers zu gewinnen und Treue zur Person der Träger» der deutschen Krone auch vor seinem Lande öffentlich zu bekennen. Er müsse aber zu feinem tiefen Schmerze aussprechen, daß er während feiner Regentschaftsführung „mehrfach bitteren Erfahrungen durch Ungnade Er. Majestät" preisgegeben war. „Für Lösung diese» KonflckleS", so fährt der Grasregent fort, „soweit er meine Person und Familie betrifft, werde ich menschliche Hülse unb Vermittlung niemals an- sprechen. Ich stelle sie allein Gott und der Zukunstanhcim!" D-r Grafregent erhebt entschieden Einspruch gegen die Form und deii Inhalt der Kaiser-Telegramm» und sagt: „Ich kannanSznsvrechen nicht unlerlasseu, daß die Ausübung einer disziplinären Korrektur gegen ein deutsches Staatsoberhaupt da» oerfassuugrmäßige Verhältniß der Bunbes- fürften im Sttiche in feinen Grundlagen verändern müßte. Wenn Ee. Majestät ihren Worten: „Dem Regenten, wa» dem Regenten zukommt", noch hinzuzufügen geruhten: „Weiter nicht»!" jo erscheint damit die Auffassung zum Ausdruck gebracht, welche die Begrenzung und Inhaltsbestimmung meiner landesherrlichen Rechte vom Allerhöchsten Willen des Kaiser» absolut abhängig stellt. Gegen diese Auffassung lege ich Namen» de» von mir vertretenen staatSHnuidgesetzlichen Rechtes Verwahrung ein!" Die Denkschrift erklärt, ganz dasselbe könne jedem anderen Bundesfürsten geschehen. Der Graf regent betrachte e» als feine heilige unerläßliche Pflicht, gegen jede Beschränkung seiner Rechte entschieden Stellung zu nehmen. Wenn ein anderer Weg nicht übrig bleibe, würde er im Bundesrath den Antrag einbringen, eine reichsgesetzliche Abgrenzung der Befugnisse zwischen den kommandireuden Generalen und den einzelnen Landesherren in Anregung zu bringen.
* Sie „Hilfe" «der Majestätsbeleidigungen. Der Verleger des „Simplieissiinu»", Albert Langen, und der Schriftsteller Wedekind haben sich dem gegen sie anhängigen Verfahren wegen Majestätrbeleidigung bekanntlich durch die Flucht entzogen, ein Verhalten, über da» man gelbeilter Meinung (ein kann. Interessant aber ist e», wie sich die national-soziale „Hilfe"zu dem Vorfall stellt; sie schreibt: Er handelt sich bei dem Verfahren gegen Albert Langen nicht etwa bloß um die letzten Nummern, sondern um etwa zwanzig angebliche MajestälSbeleidlgungen auch in früheren Nummern, die sämmtlich
noch nicht verjährt sind. Anscheinend hatte man die Absicht, hier einmal ein „Exempel zu statuiren". Denn, daß der „SimplicissimuS" den leitenden Kreisen mit feiner freimütigen und meist zutreffenden Kritik schon lang ein Dorn im Ange ist, ist bekannt genug. Wie man im Volke über die MajestätSbeleidiguugrprozeffe und ihren Nutzen für die Monarchie denkt, weiß man ja. Wozu plant man aber, wie Die oft offiziöse „Schlesische Ztg." verkündet, eine Verschärfung des Preß- geseyes, wen» schon auf Grund der geltenden Bestimmungen die Preßfreiheit so stark gesährbet ist, wie jetzt die Fälle Trojan, Harden, Langen :c. beweisen? Die National-Sozialen haben stets ihren RoyalisrnnS und Patriotismus mit aller Macht betont. Eö ist jedenfalls bezeichnend, daß auch sie die Gefahren der sich unheimlich anbäufenben Majestätsbeleibigungsprozeffe nicht verkennen. Ob das nicht doch auch — anbermärt» zu denken giebt?
* Hebet? kaiserliche Neven im Allgemeinen schreibt das nationalliberale „Leipziger Tageblatt": Es giebt kein anderes Mittel gegen die hämische Kritik kaiserlicher Reden, als, daß Aussprüche, deren Berichtigung das ReichSinleresse fordert, nicht gethau werden, unb untere» Erachtens muß bie patriotische Presse auf jede Gefahr hin anssprechen, daß der Verzicht auf den Glanz de» Redners.... in den Sh ei» der Herrscherpflichten fällt.
* R«»dschan im Reich»- Die nun abgeschlossene Sammlung für das Hamburger Bismarck-Denkmal weist an eingegangenen Beiträgen eine ®cfammlfumme von 442,417 Wk. auf. — Die Redaktion de» „Simpliciffimu»" theilt mit: Er ist unrichtig, daß Herr Björnstjerne Björnson die Leitung des „SimplicissimuS" übernommen hat. Desgleichen ist bie Notiz, der pSimvlicijsimu»" werde jetzt von Zürich au» geleitet und bie Rebaktion in Zukunft dorthin verlegt, vollkommen au» der Luft gegriffen. Die Redaktion befindet sich nach wie vor in München, wo sie auch bleiben wird. Die Geschäfte werden von den bisherigen Mitrebakleuren des Herrn Langen ganz in der alten Weise weilerbesorgt. — Die Stadtverordneten in Düsseldorf wählten den bisherigen hiesigen Beigeordneten Marx zum Ob erbü rgernieisier von Düffeldor f. — Die Frild aer Bis chofskonfereuz bat beschlossen, einen Hirtenbrief zu erlassen, worin die Gläubigen aufgeforbert werden, durch die That wie durch das Gebet das große Werk des Kaiser» zn fördern und auch die Arbeit de» heiligen Stuhles durch finanzielle Beihülfe zu uitterstützen.
Anslanv.
* Italien. Wie die „Italic" mittheilt, wandte sich der Vatikan an die mit ihm enger Hirten Mächte mit dem Ersuchen, sie möchleit versuchen, durchzusetzen, daß die Anti-Anarchistenkonserenz in Florenz znsainmentrete. Die ,,Italic" fügt hinzu, der Schritt sei in sehr höflicher Weise ohne Erwähnung der Vatikans durch einen Vertreter einer jener Mächte beim Ouirinal erfolgt. Nach einigen beiläufig gewechselten Worten, unb nachdem bie italienische Regierung bies entsetz leben abgelehnt hat, fei nichts mehr über bie Angelegenheit gesprochen worden. — Ein vom 4. Lersaglieri-Regiment befertirter Soldat tbeilte brieflich bet Militärbehörbc mit, daß er Anarchist sei und nunmehr gegen den Prinzen von Neapel ein Attentat verüben werde.
* £ranki'tld). Privatnachrichtcn aus Cayenne bestätigen entgegen den amtlichen Meldungen über den Zustand Treyfus, daß dieser dem Wahnsinn nahe fei. — Cavaignac» langer Verhör brachte nicht die geringsten Beweise für die Schuld Dreyfu», sondern nur persönliche Ansichten, auf bie bet Kassationshof kein Gewicht legen kann. Die Aushebung de» Dteyfur-llrtheilS ist zweifellos. — Von der deutschen Botschaft wird versichert, daß die Entschuldigung DelcassoS wegen der Hineinziehung der Tochter des deutschen Botschafter» in die Dreysus-Affaire spontan erfolgte. — Der „Ganlois" bringt Detail» über bie Aussagen Mercier» vor bem Kassationshof, aus denen hervorgehen soll, baß bie vorgekomnieneu Entwendungen von Dokumciiteit stets in denjenigen Departement» des Kriegsministeriums erfolgten, wo Dreyfu» beschäftigt und bie im iBorberean anfgezähtten Stücke in ihrer Gcsammtheit allein ihm erreichbar waren. Zu der Weigerung Dupuys, Dreyfu» von der Enquete des Kaffattonshofs zu unterrichten, ist noch zu bemerken, daß das vorige Ministerium Brisson Frau DreyfnS versprochen hatte, fall» der Kassationshof die Enquete beschließe, ihrem Galten Mittheilung davon zu machen. Die DreysuS-Preffe schreibt, die Antwort Dupuy» sei nicht mehr ungerecht, nein, schon unmenschlich. — Der.Solei!" bringt einen heiligen Artikel gegen Rußland. Frankreich hätte in Dftaften bie Kastanien für Rußland aus dem
Feuer geholt und werde jetzt in Faschoda im Stich gelassen. Ein paar Telegramme an Faure unb die Orden für Hanotaux könnte» Frankreich nicht genügen. — Dem „Matiu" zufolge soll der Kassationshof telegraphisch angcorbuct haben, daß Dreyfu» kommissarisch vernommen werde, speciell auch über die Geständniß» Affaire. — Aus Drängen Freyciuetr wirb bie Untersuchung gegen Picq uart sicher morgen abgeschlossen werden. Ein Verhör Freyciuet» vor dem KassatiouSbof ist unwahrschemlich, da er an der Affaire unbeteiligt ist. —Die RevisionSpresse greift Dupuy wegen seiner Weigerung an, Dreyfu» Nachricht über bie Einleitung ber Revision übermitteln zu lasten. Diese Mittheilung fei nicht un- gki-tzlich. Im Gegentheil sei ba» auf Dreyfu» angewendete Ausnahme-Regime ungesetzlich.
* Großbritannien. Der frühere Unterstaatssekretär de» Auswärtigen, Grey, hielt in Asbinglon (Nortbumberland) eint Siebe, worin er der von Lord Salisbury in der Faschoda-Angelegen» beit befolgten Politik vollkommen beitrat. Hinsichtlich ber Besetzung Egyptens durch England sagte Grey, England wäre nach Egypten gegangen unter dem Versprechen und mit ber Absicht, sich wieder zurückzuziehen. Die Umftänbe hätten jedoch oft Verpflichtungen geschaffen, die weder vorauszusehen noch zu erwarten waren. Wenn England sich au» Egypten ziirückziehe, falle da» zweifellos auf den früheren Zustand zurück. England würde fein eigene» Werk jer» stören. Die Verpflichtungen England» hätten eine Lage geschaffen, die aufrecht zu erhalten, jede engltsche Regierung gebunden fei. Bei Besprechung ber Gefahren, welche hervorgerufen würden burch den Kampf ber Nationen um bie Ausdehnung ihrer Reiche, begrüßte Grey da» Manifest des Czaren al» eine Bürgschaft, daß wenigsten» Rußland das Verlangen habe, den Frieden aufrecht zu erhalten. — Der frühere Minister de» Innern, Asquith, hielt Samstag Abend in Padiham (Lancafhire) eine Rede, worin er sagte, es feien noch heikle Fragen mit Frankreich zu schlichten, doch müsse ein an Egypten zurückgegevener Nil einen Nil bedeuten, der dem legitimen Handel nicht allein Großbritdnnien, sondern jeder anderen Macht offen sei. ES sei ein gutes Omen für bie Zukunft, fuhr Rebuer fort, daß bie engere Annäherung zwischen bem britischen unb amerikanischen Volke in bem Augenblick stattfinben sollte, wo Amerika zu einer koloni- sirenden und Reichsmacht (imperial power) werbe. Die britischen und amerikanischen Jiiteresfeu in China seien ibentisch. Ein Zusammenwirken zu gemeinfamen Zwecken würbe die ganze lüuftige Diplomatie im fernen Osten im Innersten berühren. - In ScoindoN (Willshire) hielt gestern ber Präsident de» HanbelSamte», Ritchie, eine Ansprache, in deren Verlauf er erklärte, England wünsche nichts dem franzöfischeii Handel Hindernisse in den Weg zu legen. E» fei jedoch entschlossen, die egyptische Herrschaft läng» be» ganzen Lause» des NilthaleS unversehrt aufrecht zu erhalten.
* Monaco. Der „Secolo" meldet, daß die bekannte Tänzerin Otero aus Monaco a usgewiesen worben fei, weil die Fürstin auf sie eifersüchtig fei.
* Türket. Die offizielle Erlaubniß be» König» Georg von Griechenlanb zur Beurlaubung feines Sohnes, be» Prinzen Georg, auf unbestimmte Zeit, steht di» jetzt noch ans, weshalb bie Anzeige ber vier Mächte an die Piorte wegen Ernennung be» Prinzen zum Oberkommissar von Kreta eine Verzögerung erfährt.
* Kreta. Die Stadtverwaltung in Kanca hat für den festlichen Empfang des Prinzen Georg von Griechenland 4000 Franc» aufgeworfen. Von den christlichen Einwohnern werden große Festlichkeiten vorbereitet.
* Egypten. Die britische Regierung hat beschlossen, die egyptische Eisenbahn bis nach Chartum sortzusühren. Die zu bauende Strecke ist 180 englische Meilen lang. Die schmiedeeisernen Brücken, 50 an Zahl, sind schon bei englische» Firmen bestellt worden. Die größte ist die über den Atbara bei seinem Einfluß 11t den Nil; sie wird 1200 Fuß lang fein.
* Gyina. Ein Detachement de» 3. Seebataiflon.5, bestehend aus 33 Mann unter Führung eines Premierlieulenant», ist gestern zur Ablösung des bisherigen Detachement» in Peking etitgetroffen. Letzteres ist heute nach Taku abgegangen unb wird bott an Bord des Kreuzers „Kaiserin Augusta" eingeschifft.
* Vereinigte Staaten. Da» Robinett sanbte heute Abend eine Depesche nach Paris, worin bie amerikanischen Kommissare für bie Friebenr-llnterhanbliMgen angewiesen werben, keine weitere Erörterung bezüglich des VerfügniigsrechteS über die Philippinen zuzulassen. Den einzigen Gegenstand der Beralhung habe die Art und Weise der Uebergabe ber Inseln zu hüben.
(Nachdruck verboten.)
Ans der Reich sh auptstadl.
Von A. SllvIttS.
(Die Gänsesaisoil. — Ihr Kulminationspunkt. — Der Karpfen. — Weihnachtsahnungen. — Bazar-Rumniel. — Bazar-Vergniigen. — Metropol-Promeuaden-Militär-Kouzert. — Die Rückkehr zum soliden Vergnügen. — Fin de siede und bie Gegenströmung. — Kontraste. — Hotel-Moral. — Fuhrmann Henschel. — Die Nachfolgerschaft in ber Ehe. — Der Damen-Protest. — Eva. — Ehrlose Scham. —
Ein Plagiat. — Grünenthal in der Welt be» Schein».)
Er geht ja bei nn» in Berlin recht unbemerkt vorüber — der Martiiistag! Und doch auch für bie Großstadt hat er seine Bedeutung, beim e» ist ber Zeitpunkt, wo wir auf ber Höhe ber Gänfesaison stehen. Jüngst hat in einem Blatt ein Chroniqen diesen Gänstsaison-Kulminatiouspuukt in so gänseleber-pastetcuen Farben geschildert, baß man zu glauben geneigt war: im November fei Berlin bie Stabt der Gänse. Unb ba» ist auch in geroifien Grenzen richtig; wir produziren sie nicht, aber wir tonfunüren sie in kolossalen Massen. Der Vorort Rummelrburg ist unsere Gänse» tammer, und diese versorgt die Riesenstadt mit bem schmackhaften Fleische, welches sich in taiisendeu von Exemplaren noch als keusche Stuft unter der Gänsehaut verbirgt und lockend an den Schaufenstern ber Delikateßgeschäfte hängt. Die Jute jebratene Jans" wird indessen in nicht zu langer Zeit von einem anderen Thiere abgelöst werden — von dein Karpfen, ber im Stillen die Weihuachts- stimmung vorzubereiten berufen ist. Wenn wir erst die Mitte be» November überschritten haben, so wirb ba» Wort „Weihnachten" schon häufiger gehört werben, immerhin deutet schon jetzt Viele» darauf hin. Berlin beginnt sich langsam, aber desto sicherer auf das Fest aller Feste vorzubereiten. Die Psefferkuchenhändler haben sich ihre Läden gesichert und beginnen sie entsprechend herzurichteu; die großen Schilder, auf denen bie bekannte Rabattvergüustignug «gekündigt ist, prangen schon über den Läden; da und dort wagt sich schon schüchtern bie Ankündigung .Weihnacht» - Aurverkaus" hervor und für viele Stellungrlose beginnt eine bessere Zeit, ba zahlreiche Geschäfte Hulsrpetsoiial anstelle». Die Post rüstet sich
auf bett enorm zunchmeuben Packetverkehr und macht dar Publikum aus die Bedingungen ansmerkfam, bie für schnelle Beförderung gewisse Garantie bieten.
So ist das geschäftliche Berlin in voller Thätigkeit, während, wie das immer vor Weihnachten ist, da» Berlin, welche» sich amüsirt, viele Mitglieder ans feiner Gemeinde entläßt. Die Gesellschaft theilt sich, die eine Hälfte amüsirt sich weiter, bie andere spart unb meidet da» Vergnügen, um bie ganze finanzielle Kraft auf das Weihnachtsfest anszufparen. Aber noch ein Sllittelbing giebt e»! Halb Geschäft unb halb Unterhaltung ist ba vereint unter dem nie an Wirkung Einbuße erleidenden Schlagwort „Wohlthätigkeits-Bazar". Wir find in der Reichrhauptstadt schon ganz nett brinu im Bazarrnrnntel. Die frommen Vereine, die Knaben-, Mädchen- und Waisenhorte haben schon begonnen. Die Spitzen ber Gesellschaft, bie in ben Elite-Vereinen vertreten sind, feigen nach und nach mit ihren Bazaren unb Bazarsesten, auf denen ungezählte Summen in den großen Sammelbeutel der Wohlthätig- keit fließen. Aus diesen Festen finden auch die, die sich amüfiren wollen, ihre Rechnung, und wenn nach dem großen Ansverlauf, den bie Bazarbilben fonflaliren können, ein Tanz die wohlthätigen Damen belohnt, so tanzt man sich langsam in die Ballsaison hinein, die sich offiziell erst durch bescheidene Ankündigungen bemerkbar macht.
Während dieser Vorbereitungen zur großen Wintersaifon soll nun Berlin mit einer neuen VergnügnngSart ober mit einem neuartigen Vergnügen bereichert werben. „Metropol - Promenaben- Milttär-Konzerte" — so müßte biese» neuartige Vergnügungs- Unternehmen heißen. Ich will dieses oiertheiligc Wort analysiren, diese» Wort, an welchem eigentlich noch zwei Theile fehlen, denn man müßte noch zufetzen: „Sonntag-Nachmittag". Da» Metropol- Theater , bas glänzendste Bühnenhaus, welches Berlin auf» zuweisen bat, will an den Sonntag - Nachmittagen von 3 bi» 6 Uhr bei Bewirthuug mit solidesten Getränken ein Promenaden - Konzert einführen, welches da» gute bürgerliche Publikum zwanglos besuchen kann. Unsere beliebtesten Militärkapellen werden spielen unb schon für biesen Sonntag ward da» erste Konzert angekündigt. Mich hat bei biefett Ankünbigungen eines ganz besonder» intereffirt. Es hieß ba, baß Familien gern die Gelegenheit ergreifen werden, den Ihrigen au Sonntag-Nach
mittagen de» Winter» ein solide» Vergnügen zu verschaffen. In dieser Bemerkung bekundet sich ein in moralischer Beziehung kultureller Zug. Er kann al» eine Art Gegenströmung für da» Ein do siecle-Thum atlfgefaßt werden, welches auch au» ben Berliner Bürger-Familien schon in vielen Fällen sonntag-Nach» miitag-Vergnügliuge gemacht hat, bie ben „angebrochenen Ruhetag luftig „über Tisch" burd) bummelten unb ben angestammten Soun» tagsbraten zu Gunsten eine» Weinstuben-Menu» im Stiche ließen. Sonntag-Nachmittag-Pronieiiabeu-Konzerte — — tote bürgerlich romantisch klingt da» dagegen. Es ist bas eine Rückkehr zur Sitte unserer Väter, wie wir sic heute noch in alter Gemüthlichkeit in Wien finden, wo Sonntag Nachmittag im Siadtpark und auch noch hier und ba in anderen Oertlichkeiten ba» Militär luftig auffpielt.
Welchen Kontrast zu bleiet bürgerlichen Romantik bietet ein in vorbereitender Schwede begriffene» Ereigniß, von dem sich, wie ein hiesiges Blatt zur Ueberraschung auch sonst gut Eingeweihter behauptete, bie Spatzen vorn Dache erzählen. Die Sache hört sich sehr gefährlich an unb wird al» eine wüste Orgien-Lust, verquickt mit Kuppelei und bem nöthigen Beiwerk, verschrieen. Eines unserer größten Hotel» soll in Mitleibenichast gezogen sein, und der Generalbirektor wäre ber Hauptaitentäter gewesen. Bei ber Affaire sch-int Wahrheit und Dichtung znsamnieu gethan zu sein, unb e» scheint be» Weiteren, daß sich bie Gefchichten-Erzähler auch im Hotel irren. Man spricht von tolle» Sachen, die bei souper» in Champres separees vorgekommen sein sollen unb geht so weit, zu behaupten, baß in bem bezeichneten vornehmen Hotel bie besseren Hälften ber dort einkehrenden Paare nicht standesamtlich sanktionirte Frauen gewesen sind unb seien. Man kann versichert fein, daß c» in Berlin mit Bezug auf biesen letzteren Punkt eine ganz eigene Hotel-Moral giebt, bei beten Befolgung bisher bie Chronik absolut keinen Anlaß zur Senfation gefunben bat. In wie weit aber Handhaben zum Einschreiten für die Polizei in bem neuesten Fall vorhanden sein werben, bleibt abzuwarten, ganz befonber» de»- toegen, weil man ben verantwortlichen Persönlichkeiten Verfehlungen gegen den Kuppelparagraphen vorwirst. Ober soll man in Berlin ba» al» ein sogenannte» erfreuliche» Zeichen dafür betrachten, daß man sich beginnt, vom Ein de sieele-Thum zu emanzipiren?
Fast sieht es so aus, wenn man die Nachhaltigkeit be» neuen
