Seite S. 8. September 1898. Wiesbadener Aagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27.4C. Jahrgang. ViQ. 418,
freuen Gelegenheit haben. Gebe Gott, daß es uns immer möglich ist, mit dieser stets schneidigen gut erhaltenen Waffe für den Frieden der Welt zu sorgen, und dann möge sich auch der westfälische Bauer ruhig schlafen legen. Ich erhebe mein Glas und trinke auf das Wohl der Provinz Westfalen, Sie lebe hoch, hoch, hoch!"
* Dir paläftinarrisr de» Kaiser» macht ausländischen Politikern viele Kopfschmerzen. Aus Besorgniß, Kaiser Wilhelm könne seine Reise nach Palästina dazu benützen, um sich das Recht des Protektorats über die deutschen katholischen Missionare und Niederlassungen im Orient zu sichern, unterbreitete Kardinal Langenieux dem Papste die Idee, ein nationales Comits zu gründen zur Wahrung und Vertheidignng des französischen Protektorats, dessen Untergang ein Unglück für Frankreich sein würde. Der Bapst richtete daraufhin am 20. August ein Schreiben an diesen ardinal, das zur Veröffentlichung bestimmt war. Der Papst üherlietz es aber dem Kardinal, den Zeitpuickt zur Veröffentlichung zu wählen. Der Brief des Papstes fagt, Frankreich habe im Orient die Mission, welche die Vorsehung ihm anvertrante, die bestätigt sei durch internationale Verträge, und anerkannt von der Concregatio de Propaganda fide durch die Erklärung vom 22. Mai 1888. Leo XIII. bestätigt dieses besagte Cirkular feierlichst, welches erklärt, daß der Schutz Frankreichs, wo er in Kraft sei, gewissenhaft aufrecht erhalten werden müsse, und welches die Missionare ausdrücklich anwies, im Falle der Noth sich an die französischen Konsuln und Agenten zu wenden. Hiermit erkennt der Papst zum ersten Mal persönlich und in einem öffentlichen Akte das ausschließliche Recht Frankreichs au, die Missionare und Niederlassungen des lateiuischeu Katholieismus im Orient zu schützen. — Bisher ist nirgends davon die Rede gewesen, daß Frankreichs „Rechte" in Palästina irgendwie augetastet werden sollen. Also wozu der Lärm?
* Kismarck-Ghrung. Der Kaiser hat dem Berliner„Lok.- Sger" zufolge beschlossen, dem verstorbenen Fürsten Bismarck euen Berliner Dom ein Ehrendenkmal zu setzen. Er wiederholte seinen dem Professor Begas unmittelbar nach dem Tode des Fürsten ertheilten Auftrag, einen Sarkophag zu entwerfen, welcher im Dom Ausstellung erhalten soll. Das Monument wird in weißem Marmor ausgesührt.
* In dem deutsch-englische» Abkommen schreibt die „Kölnische Zeitnng": Wenn er sich bestätigt, daß England von dem Vorkaufsrecht der Delagoabai infolge des jüngste» Abkommens mit Deutschland Gebrauch machen werde, so liege es auf der Hand, daß England in diesem Falle Deutschland Vortheile gewähren müsse, über deren Bedeutung heute nur Eingeweihte urtheilen können. Jetzt Vermuthungen aurzusprechen, daß wir durch unsere Zugeständnisse nur Minderw-rthigeS eingetauscht hätten, sei zum allekmindesten verfrüht. Die Leiter unserer auswärtigen Politik hätten bisher nicht so ungünstig gearbeitet, daß man ihnen ohne Weiteres einen solchen Fehler zutrauen sollte. Auch die Thatsache, daß die portugiesischen Beamten in dem Abkommen eine Rolle spielen, deute daraus hin, daß Portugal als Ersatz für seine finanziellen Unternehmungen Zusagen in seinen Kolonnen machen mußte.
* Nsindschnu fm Reich«. Die Verhandlungen zur Beilegung des R e m s ch eid e r A e rzt e st r e i k», die zwischen dem Kassenvorstand und den Aerzten unter Vermittelung der Düsseldorfer Regierung stattfanden, sind gescheitert. Der Kassenvorstand hat sechs auswärtige Aerzte, meist telegraphisch, angestellt, die theilS eingetroffen sind, theils eintreffen, und weigert sich, diese Anstellungen rückgängig zu machen. — Der Lieutenant v. Brüsewitz, der vor zwei Jahren in einem Karlsruher Casö den Mechaniker Siepman» mit dem Säbel niederstach, ist, wie der „Badische Beobachter" mittheilt, an« dem Gefängniß entlassen worden. Er war zu einer Gefängniß- strafe von drei Jahren verurtheilt worden, die er zur Hälfte verbüßt hatte. Jetzt ist seine Begnadigung erfolgt. — Die links- festigen Berliner Stadtverordneten haben in der Stadtverordneten- Versammlung folgenden Slntrag eingebracht: „Die Stadtverordneten- Bersammlung ersucht den Magistrat, schleunigst mit ihr in gemischter Deputation zu herathen, welche Schritte zu unternehmen sind, um der gegenwärtig schwer auf Berlins Bevölkerung lastende» Fleisch - theuernng wirksam eutgegenzutreten."
Ausland.
• Vrstrrr«ich-U»gar». Der „Magyar Orszag" meldet, die Regierung beabsichtige, die Civil liste des Kaisers um eine Mlilion Gulden zu erhöhen. Eine gleiche Erhöhung sei auch «i Oesterreich geplant. Diese Erhöhungen sollen bereits in das nächste Budget aufgenommen werden.
* Nigeria»»«. Ueber die Festlichkeiten in Amsterdam wird ferner berichtet: Am Mittwoch brachte der niederländische Sängerbund der Königin vor dem Paläste ein Morgen- Sdchen dar, an dem 900 Säuger und 4 Militarmusikeorps
nahmen. Die Königin und die Königin-Mutter wohnte» mit dem Fürsten und der Fürstin zu Wied dem Moraenstandchen vom Balkon des Palastes aus bei. — Hinter dem Riiks-Mmeum fanden das Volksfest und die Vorführungen der meder- ländifchen Turnerliga statt, denen die Königin und die Königin-Mutter auf einer prächtig geschmückten Tribüne beiwohnten. Hier ließen sie auch den historischer! Fe st zu g an sich vprbeizieyen. Dieser zerfiel in drei Theile: der erste stellte das
Ende der 16. Jahrhunderts, der zweite den Beginn des 17. und der dritte den Schluß dieses Jahrhunderts dar. Den Mittelpunkt der ersten Gruppe bildete Wilhelm II. von Oranien und seine mer Brüder, alle auf prächtig geschmückten Raffen. Da sah man ferner die großen Staatsmänner jener Zeit, wie Oldenbanieveldt, Pouliv und Andere. Die zweite Gruppe schaarte sich um den Prinzen Moritz von Oranien, der im Panzer, hoch zu Roß, einherritt, umgeben von seinen Feidherrn. Die begleitende Soldateska — Artillerie und Infanterie — gab in ihrer Ausrüstung eine getreue Nachbildung der Truppen jener Zeit, uiid auch der Wagen, der nachfolgte, zeigte schöne dekorative Anklänge an ein Kriegsschiff jener Tage. Auf dem Wagen erblickte man auch die Seehelden Ruyter, Tromp, van Garten im Kreise ihrer Kameraden, welche die von den rZeinden erbeutete» Fahnen trugen. Vor und hinter dem Wagen schritten Bannerträger und als Sinnbild der Handelsbeziehungen vollauds eine Originalgruppe von Chinese», Japanern, Indern und Arabern. Musikcorps beschlossen diesen Theil des Festzugs. In der dritten Gruppe interessirten besonders die Gestalten der Maler Rerubrandt, Ruisdahl und Franz Hals. Hinter Ersterem iah man alle Figuren seines berühmten Gemäldes „Die Nachtivache" einhermarfclpren.
4 Musikcorps, reich kostümirt, befchloffen den schönen Zug, der in allen seinen Theilen von der dichtgedrängten Menschennienge lebhaft begrüßt wurde.
* Frankreich. Die Entscheidung des Kassationshof es ist nicht vor Mitte October zu erwarten. Das neue Kriegsgericht tritt voraussichtlich erst in den letzten Novembertagen zusammen. Die Entscheidung über die Oeffentlichkeit des Verfahrens wird davon abhängen, ob lediglich das Bordereau oder auch der »ach 1894 entstandene Dossier zur Berathung vorliegt. Die vom „Matin" angekündigte Untersuchung des KriegLuiinisters Zur Linden gegen die Umgebung Henrys soll zwei Aktenstücke betreffen, welche im Zusammenhang mit der Heuryschen Fälschung siehe». Im Falle einer wichtige» Entscheidung des Ministerraths am Montag soll Fra» Dreyfus die Erlaabniß erhalten, nach der Tenfelsinsel zu telegraphiren. Dreyfus wird alsdann über holländisch Guyana »ach Frankreich gebracht werden. Das Gerücht, Esterhazy sei aus Paris entflohen, tritt immer bestimmter auf, obwohl die Geliebte Esterhazys, Madame Payr, einem Journalisten erklärte, Esterhazy befinde sich noch in Paris, er lasse sich aber nicht sehen, um nicht Ausfragern in die Hände z» fallen. — Der Pariser „Liberte" zufolge beantworteten fünf Mächte, darunter Frankreich, M u r a w s e w S Rundschreiben wegen der Abrüstung zustimmend. Gegenwärtig schweben Verbandlungen zum Zweck der ÄuSarbeililiig eines Programms für die Arbeiten der Konferenz.
* Ruhland. Eine in Petersburg znsannueilgetretene Kommissiou zur Revijio» des finländischeu Wehrgesetzes hat einen Bericht in dcni finländischeu Senat erstattet. Wie er heißt, beantragt die Kommission, daß sämmlliche in dem Texte des geltenden Wehr- gesetzeS enthaltenen Bestimmungen vom verfassungsmäßigen Charakter vollständig aufgehoben weiden solle» und daß die fiiilälidischen Truppen zukünftig unter russischem DistriktSstabe stehen sollen und daß die Leitung der finländischeu Militärangelegenyefien bei dem russischen KriegSniinlsterium konzentrirt werde» sollten. Der Vorschlag der Kouunifstoii spricht die Ansicht aus, daß dieser Vorschlag vön den finländischeu Stämmen nicht abgelehifi werden könne, weit derselbe in den wesentlichen Punkten bereits vom Kaiser Alexander III. bespiDt worden sei. _____________
Aus Stadt und Kaud.
Wiesbadens. September.
-o- Kofnachricht. Ihre Kgl. Hoheit die Frau ß ron = Prinzessin von Rumänien traf gestern Abend 6Uhr 45Sun., von Langenschwalbach kommend, auf dem Rheiiibahnhof hier ein und begab sich per Wagen nach dem Lindenhof zu den großfürstlich russischen Herrschaften. Um 0-10 Uhr reifte die Frau Kronprinzessin vom Tannusbahuhof ans nach München ab. Se. Kaiferl. Hoheit Großfürst Michael nebst Gemahlin hatten sich aus dem Bahnhof zur Verabschiedung eingefuuden.
— Personal-Nachrichten. Der Hauptmann und Compagnie- chef im Füsifier-Regiinent v. GerSdorff (Hess.) Nr. 80 Max v. Bar beleben ist zum Ehrenritter d-.s Johanniter-Ordeus ernannt worden. — Dem Kasernen-Jnspektor.Reimann inHombilrg v. d. H. ist der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden. — Dem Schiffbauer Anton Kiefer zu Niederwalluf wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.
— Krtrhano. Wie wir schon rnittheilteii, Dcronftnltet die Kurverwaltung am nächsten Sonntag, den 11. September, anläßlich der hier stattfindeiiden Tagung des Deutschen Schriftsteller-Verbandes, ein großes Gartenfest. Dasselbe wird mit einer Ballonfahrt der Aeronauten R. Ferell und Miß Polly und einem Fallschirm-Absturz der vorgenannten kühnen Dame verbunden und das abeiidliche Feuerwerk ein außergewöhnlich glänzendes fein.
gs. Restdruz Tlreater. ,,O, diese Männer", Lustspiel von Jul. Rosen, welches am Freitag tm Residenz-Theater zum ersten Mal in Scene geht, ist eines der beliebtesten und hnmorvollsten stucke des in der Theaterwelt aufs Beste nccrebitirten Verfassers. Sämmt- liche Hauptrollen liegen in den Händen der ersten Kräfte der Residenz-Theaters. Dasselbe ist von der Intendanz des Hoftheaters in bekannter Liebenswürdigkeit dem Residenz-Theater zur Äiifführung
überlassen worden. „Mamselle Tourbillon" ist sofort nach dem hiesigen Erfolge von der Direktion des Residenz-Theaters in Berlin zur Aufführung angenommen worden, der luftige Schwank in seiner vorzüglichen Darstellung geht am Samstag nochmals in Scene uyd erwirbt sich immer mehr Freunde, sodaß er wohl bald ein Zugstuck des Residenz-Theaters genannt werden kann.
— Gin Wettturnr» veranstaltete am letzten Soiintgg Nachmittag in seiner Vereinsturnhalle, Platterstraße 16, der „Manner- Tn r n v e r e i n", und zwar für aktive Turner und Zöglinge. Es betheiligten sich hieran über 30 Turner, die bis zum Schluß wacker aushielten. Die Hebungen, welche für das Weitturnen vorgeschrieben waren, bestanden aus solchen am Reck, Barren und Pferd, sowie ferner als volkslhümliches Turnen: Gewichtheben, Tau hangeln. Weit- und tzochspringen. Bei dem Turnen wurden vorzügliche Resultate zu Tage gefördert und die zahlreich erschienenen Zuschauer folgten mit Interesse dem friedlichen Wettkampfe. Abends fand zu Ehre» der Sieger in der Vereinshalle eine Familienfeier statt. Bei derselben brachte die Gesangriege des Vereins, nachdem der Vorsitzende, Herr Lehrer H. Weber, die Erschienenen begrüßt hatte, einige ansprechende Nummern zum Vortrag und errang damit lebhaften Beifall. Herr Opernsänger Schuh, Mitglied des „Männer-Turnvereins", erfreute durch einige Lieder, und sein warm empfundener Vortrag brachte ihm ebenfalls reichen Beifall, sodaß er sich noch zu einigen Zugaben verstehen mußte. Nicht in letzter Linie ist bte Vortiiruerschaft hervorzuheben, die mit einer Riege am Barren vorzügliche Proben ihrer tnrnerischen Fertigkeit ablegte und allseitige Bewunderung fand. Die Verkündigiing der Sieger im Wettturnen wurde in feierlicher Weise durch den ersten Turnwart des Vereins, Herr» Fr. Engel, vorgenonnne» und hatte folgendes Resultat: «) Aktiv. 1. Preis Wilh. Nnvel mit 63 Punkten, 2. Preis Emil Kräh, 627/n Punkte, 3. Preis Karl Schulz und Wilh. Kuntze, 614/« Punkte, 4. Preis F«rd. Schwaiikert, 52 Punkte, ».Preis Wilh.Ponath. 49°,u Punkte, 6. Preis Ernst Kuhlmauu, 472/« Punkte, 7. Preis Alex. LültingS« Haus, 45V« Punkte, 8. Preis W. Göriuger, 44°/« Punkt-, 9. Preis Michael Amthor, 42'/,- Punkte, 10. Preis Ernst Klein, 41«/-- Punkts, b) ZL glinae: 1. Preis Waldemar Weber mit 68'/-- Paukten, 2. Preis Wilhelm Schalles, 659/n Punkte, 3. Preis A. Wembach, 65°/-- Pulikte, 4. Preis Georg Amthor, 64% Punkte, 5. Preis Karl flies, 59% Punkte, 6. Preis Karl Bund 55'/-- Punkte, 7. Preis Heinrich Krämer, 53%- Punkte, 8. Preis Ed. Jung und Otto Glaser, SS3/,-. P., 9. Preis Christ. Dengel, 527«P., 10.Preis Ferd. Rudolph, 51% Punkte, 11. Preis Karl Zeller, 503/u Punkte, 12. Preis K. Grün 499/,2 Punkte, 13. Preis Kari Arnold, 46"/-- Punkte. Die Sieger dankten dem Kampfgericht für dessen Thäfigkeit bei dem heutigen Wetfiurnen durch ein dreifaches „Gut Heil". Rach beendigter Preisvertheiluug blieb man noch einige fröhliche Stunden zusammen und eine gutbesetzte Kapelle spielte fröhliche Weisen zum Tanz, welcher die schöne Feier abschloß.
— Regatta. Auf das anläßlich der ersten Regatta des „Mittelrdeinifcheu Seglerverbande»" am 4. September ans Niederwalluf Namens der Mitglieder derselbe» vom Vorstand au Seine Majestät den Kaiser nach Hannover abgesandte Hiildigimgstelegramm ist ans Bad Oeynhausen gestern folgende an den 1. Vorsitzenden des Verbandes, Herrn Vice-Admiral z. D. Mensing in Wiesbaden, gerichtete Erwiderung erfolgt: „Seine Majestät der Kaiser und König haben Allerhöchst Sich über den treuen Gruß des Mittel- rheinischen Segler-Verbandes gelegentlich seines ersten RegaltatageS sehr gefreut und lassen Euere Excellenz ersuchen, allen Thefinehmern Allerhöchstihren herzlichen Dank zu übermitteln. Auf Allerhöchsten Befehl: von Lucamis, Geheimer KabiuettSrath."
-o- Die Schlachthaus N'stiwration ist zufolge Beschlusses der städtischen Schlachthaus-Deputation vom 1. April 1899 ab au Herrn Karl Friedrich Bender hier, z. Z. Inhaber der Restauration „Znm Pfau", für dessen Höchstgebot von 5500 Mk. jährlich verpachtet worden.
— Patentwesen. Pateutamtlicher Schutz wurde ertheilt und durch das Patentbüreau E. Franke hier erwirkt unter Nr. 100,988 auf „Kochtopf mit Einsatz zwecks gleichzeitigen, Kochen von zweierlei Speisen" Herrn Karl Wolff in Sonnenberg, unter Nr. 101,029 auf „Bett mit kombiniriem Wasch- und Nachttisch und Wäiche- schräickchen :c. am unteren Onertheil" Herrn Jean Brustmann, Möbelschreiuerei in Eltville a. Rh., unter Rr. 32,148 Waaronzeichen „Palmetto" für Herrn John Frank, Exporthaus in Wiesbaden.
— Eisenbahn-Unfall. Bei Einfahrt des Persotunzuges 311 ans Bahnhof St. Goarshausen stieß gestern ein Wagen 4. Klaffe gegen eine aufgeklappte Thür eine» Trichterwagenr einer im ersten Hauptgeleife stehenden Rangirabtheilung, wodurch die eine Seitenecke des Personenwagens 4. Klaffe eingedrückt und infolge dessen zwei Personen — Del Zenero Antonio, Maurer aus Allcgke, und Wendelin Bohrmann, Gastwirth ans Camp — erheblich und vier leist' verletzt wurden. Die letzteren fetzten ihre Reise fort, während die beiden Schwerverletzten im Krankenhaus zu St. Goarshausen untergebracht wurden. Untersuchung ist cmgeleitet.
-o- Lebensmüde. Jin Laufe der gestrigen Tages hat sich ein besser gekleideter unbekannter Herr, anscheinend ein Israelit im Alter von 38 bis 40 Jahren mit dunkelgrünem Anzug, schwarzem lockigen Haar und dnnkelbrauneni Vollbart, gelben Schnürschuhen,
Königliche Schauspiele.
Mittwoch, den 7. Sepleiuber. Znm ersten Mal: „Das Reckt auf sich selbst". Schauspiel in 4 Aufzügen von Friedrich v. Wrede. Regie: Herr Köchy.
Es ist gewiß ein sehr löbliches und uachahmeuswertheS Vorgehen der Intendanz, neue Männer zu Wort kommen zu laffen und nicht immer den bereits errungenen Erfolg und die accrebitirte Firma, sondern das eigene bessere Urtheil ohne Ansehung der Person entscheiden zu lassen. Selbst wenn dieses eigene Urtheil sich in der Praxis als irrthümlich erweisen Mte — war ja dramatischen Erzeugnissen gegenüber den verständigsten und erfahrensten Fachmäimern begegnet — so wiegt doch der Zweck, den die Sache dadurch erfüllt, den Schaden eines etwaigen Mißerfolges hinlänglich auf, wenn es sich anders nur um eine ernst zu nehmende Persönlichkeit handelt, denn der junge dramatssche Schriftsteller lernt on einer einzigen Aufführung mehr al» in jahrelanger einsamer Arbeit. Damit ist aber nicht gesagt, daß jeder Dilettant ein Recht auf die Bühne hat —, so weit darf sich dar bessere Urtheil nicht verirren. Unser Kgl. Theater hat auch heute wieder einen netten Man» zu Wort kommen lassen, und wie ich gleich bemerken will, mit vollem Recht.
Es ist für einen gewissenhafte» Referenten ein mißlicher Ding über ein Drama nach einmaligem Sehen und oft flüchtigem Hören ein erschöpfendes Urtheil abzugeben. Unsere Schauspieler sind — im Allgemeinen gesprochen — nicht immer vollendete Sprachkünstler und die Akustik ist nicht die beste, besonders für so intime Vorgänge wie in dem fraglichen Stück. Biele Feiilheiten gehen verloren. So kommt es auch, daß in der Regel die gröbsten Holzfchnittarbeiten die größten Bühnenerfolge haben.
„Das Recht auf sich selbst" betitelt sich das neue Schauspiel von Friede, v. Wrede, dar heute seine Erstaufführung am König!. Theater erlebte und sich einer sympathischen Aufnahme zu erfreuen hatte. Der Titel giebt das Thema des Stückes: „Rein Gesetz kann »ns so heilig fein, wie dar unserer eigenen innersten Wesens", um Mit dem Lebenrkünstler Emerson zu ribtn. An der Geltendmachung unsere? Selbst hängt unser Glück und unser Unglück, alle Konflikte Uitbtn sich daraus und nicht immer finden fit eine so versöhnende
Lösung, wie sie der Verfasser des genaimten Schauspiels geboten. Wäre dieses Recht an sich selbst nicht von beiden Theile» gebogen worben, der tragische Ausgang wäre nnvenueidlich gewesen und vielleicht nicht zum Schaden unserer modernen Bewußtseins, auf das der Untergang der unschuldig Leidenden eine tiefere tragische Wirkung übt als der Untergang des Schuldigen. Auf dem Wege, den der Verfasser eingeschlagen, Hai das Werk etwas von den hochseligen Rührstücken abbekommen, während die Anlage und die ganze schwüle «Stimmung einem tragischen Ausgang gerecht gewesen wäre. Nun, für das große Publikum mag es sei» Gutes haben.
Die Handlung spielt sich eigentlich nur zwischen drei Personen ab-— dem Dr. Philipp, seiner zweiten Frau Anina und dem alten Schwiegervater Hans Lutz. Die übrigen Personen des Stückes stehen nur in einem losen, vielleicht zu losen Zusammeuhang mit beit Vorgängen, ausgenommen noch den kleinen Sohn Karl aus erster Ehe des Dr. Philipp. Anina hat dem Kinde einmal das Lebe» gerettet und Philipp machte die in seinem Hanse als verlassene Waise Auf- genommeue zu seiner zweiten Frau. Er betet sie an. Alles athmet im Hause Glück und Friede und Zufriedenheit. Da erfährt der Schwiegervater Haus Latz durch Zufall, daß Anina bereits im Zuchthaus gesessen — er überzeugt sich von der Wahrheit dieser Thatsache, erfährt aber auch zugleich, daß Anina das Opfer eines Bubenstückes, eines Schurken geworden, der sich der irdischen Gerechtigkett durch Selbstmord entzogen und den Verdacht auf die Unschuldige gewälzt hat. Die Lösung des Konfliktes, der sich nun naturgemäß ans diesen so spät bekannt gewordenen Thaisachen zwischen Anina und Philipp entwickelt, bildet den Inhalt der Stückes, de» die beiderseitige Geltendmachung der Rechter auf sich selbst zu einem unlöslichen zu machen scheint. Man sieht, er ist ein starker, seelischer Motiv, dar hier arrgefchlagen wird. Die Behandlung, die ihm zu Theil geworden, zeugt oon viel Geschick und feiner Beobachtung, wir fühlen uns im Banne einer Dichterkraft, die — wenn sie auch hier und da versagt — doch das, was sie zu geben weiß, mit ganzer Sette erfaßt. Die Technik, die sich an moderne Muster anschließt, läßt noch Manches zu wünschen übrig, der Fortgang wird oft durch Nebensächliches unterbrochen — wie ». B. durch die Sereiusmeierei der Frau Professor Brause. Die Episoden, sonst vortreffliche Typen, stkhen nicht io in der Hand der DiHerS wie die Snuptpcrftyiui,
und manchmal will es scheinen, als ob es mehr auf Rührung als auf strenge Konsequenzen abgesehen wäre. Die Sprache ist fei« pointirt, von lebendiger Unmittelbarfeit und am richtigen Orte von natürlichem Pathos. — Ob der Titel so ganz gerechtfertigt ist — es ist mir nicht vollständig klar geworden, denn ich verstehe unter dem Recht auf sich selbst das Ausleben der eigenen 3iibiuibaalitäten, unb wie diese hier vor uns stehen, hätte es nach meiner Ansicht konsequenter Weise znm miheildaren Bruch kommen müssen.
Die Darstellung, die dem Schauspiel zu Theil geworden, verdient alles Lob. Die drei Hauptrollen lagen in den Händen des Fräulein Willig (Anina) und der Herren Leffler (Dr. Philipp) und Köchy (Hans Lutz). Ich hatte schon oft Gelegenheit, die künstlerischen Onalitäten des Fräulein Willig rückhaltlos anzuerkennen — auch heute entrollte die Künstlerin ein ergreifender Seelenbild, aber in den Momenten zurückgehaUener innerlich wühlender Empfindungen beeinträchtigt ihre Sprechweise oft die volle Wirkung, der Ton bleibt in der Kehle sitzen, wird klanglos und dadurch manchmal unverständlich. Herr Leffler bestätigte auch heute die gute Meinung, die sein Gastspiel am Schluß der letzten Spielzest allenthalben zu erwecken wußte. Solche einfache, offene, warmblütige Gestalten scheinen seiner Individualität besonders gut zu liegen. Seine Darbietung sand nngetheilte Anerkennung. Der Schwiegervater Hans Lutz des Altmeister Köchy war eine herzgewinnende, fein ausgearbeitete Leistung. Von 6en Nebenrollen batte nur Fräulein Ulrich Gelegenheit, ihr Talent angemessen zu entfalten, ihre Professorin Brause war eine köstliche, allgemein Heiterkeit erregende Charge. Herr Biesantz legte seinen HandlungSreisenden Fritz Hart ganz vorzüglich an, leider bot ihm seine Rolle, die so vielversprechend einsetzt, keine Gelegenheit, die erregten Erwartirngen zu erfüllen. Er verschwindet nach dem ersten Akt auf Nimmerwiedersehen — wahrscheinlich hatte er anderwärts dringende Geschäfte zu erledigen. Abermals muß noch der kleinen Käthe Göthe mit besonderem Lob gedacht werden — ihre einfache ungemachte Natürlichkeit, ihre verständige Sprechweise können manchem routinirten Mimen al» Muster bieuen. Alles in Allem, es war kein verlorener Abend, er hat große Hoffnungen für die Zukunft angeregt. Fried, v. Wrede wird uns wohl noch öfter auf den weltbedeutend« Brettern hegest». * D*
