Wtebaiirnrr Tagblaü.
40. Jahrgang.
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Uo. 279.
Fernsprecher N». 52.
1898
Sonntag, den 19. Juni.
Fernsprecher No. 52.
EgEoregen-flMsgabe.
(Nachdruck verboten.)
Achtundvierziger Uassaner Chronik.
(Oigener Aussatz für das „Wiesbadener Tagblatt".
Von Dr. G. Spielmann.
XVI. Die Fahnenweihe der Wiesbadener Nationalgarde.
Der zweite Pfingsttag des Jahres 1848, der 12. Juni, sollte für Wiesbaden ein besonderer Festtag werden. Er fand nämlich an ihm die feierliche Fahnenweihe der Bürgerwehr statt. Gewiß werden viele Wiesbadener, die den Tag erlebten, nicht zum wenigsten die Damen, die als juuge Mädchen oder Frauen die Paniere sticken halfen, mit einer gewissen wehmüthigen Stimmung an jenen Akt zuruckdenken. Wie viel Begeisterung damals — wie viel Enttäuschung nachher — wie anders die Entwickelung der Dinge — aber wie gut, daß die Entwickelung so erfolgte, wie sie erfolgt ist!
ES war um halb elf Uhr Vormittag«, nach Beendigung des HauptgottesdilnsteS, al« die gesammte Nationalgarde (1500 Mann) sich aus ihren Alarmplätzcn sammelte und nach dem Kurhousplatz abrückte. (Dieser Platz hatte damals, da noch kein Blumengarten beitand, eine bedeutend größere Ausdehnung als heute.) Die Mannschaft bildete hier ein nach dem Kurhause offenes Viereck; jede der drei Seiten wurde von einem Bataillon eingenommen. Kurz nach 11 Uhr traten Mitglieder dcS Stadtvorstandes mit den Fahnen aus dem Kurhaus-, begleitet von einer Anzahl weißgrkicideter, mit Eichenkränzen geschmückter junger Damen, denen die evaiigelischen Geistlichen im Ornat folgten. Gleichzeitig ritt hoch zu Roß, in voller Uniform Herzog Adolf in das Ouarrö, begrüßt von dem lauten Hoch der präsentirendeu Bürgerwehr, während die Musik das .Heil, nnscrm Herzog Heil!" intonirte. Daraus sang der im Viereck aufgestellte Chor da« vom Theaterregisscur Dr. F. Meyer gedichtete, -o» E. Kunz, dem Sohne d-s früheren Mädchcnlehrers komponirtc Fahnenlied. Der Text lautete:
Die Freiheit naht, sie sprengt der Knechtschaft Bande, Die Macht der Trübsal flieht in raschem Lauf, Wie Donner Gottes rollt'« durch alle Lande, Und stark in Waffen steht der Bürger aus.
Durch Nacht zum Licht zu schreiten.
Zu. kämpfen und zu streiten.
Sei unser Ziel, sei unser Streben hier,
• Drum führen Schwarz als erste Farbe wir.
Der Morgen tagt, der jungen Freiheit Morgen, Noth flammt er auf im deutschen Vaterland;
Sein lichter Strahl verscheuchet alle Sorgen, Und deutsche Männer reichen sich die Hand. Er kommt mit seinem Segen;
Wir jauchzen ihm entgegen.
Der Freiheit Morgenroth, e« bricht herein. Darum soll Roth die zweite Farbe sein.
Wie durch die Nacht durchs Morgenroth die Sonne In ihrem Glanz der.Welt entgegenlacht, So strahlt auf uns herab von ihrem Throne Die Freiheit jetzt, gestützt auf Volkes Macht.
Laßt Jubellieder klingen. Hell durch die Lüfte bringen. Die Freiheit strahlt im gold'nen Sonnenschein, Darum soll Gold die dritte Farbe fein.
Und daß für Weib und Kind und Herd mir streiten, Den Kamps nicht scheu'«, wenn Ehre ihn gebeut. Das soll die schwarz-roth-gold'ne Fahne deuten. Die uns der deutschen Frauen Hand geweiht.
So nehmen wir die Spenden
Aus deutscher Juugfrau'n Händen
Und unser Dank dafür sei dieser Schwur:
Wir steh'n und fallen mit der Fahne nur!
So fall die schwarz-roth-gold'ne Fahne wehen. So weit der deutsche Bürger Waffen trägt, Und zu der Fahne soll der Bürger stehen, Wo immer sich ein Feind der Freiheit regt. Der Tag, der sie errungen, Vom Eichenkranz umschlungen,
Zeigt er sich im«, tr mahnt n»S: Habet Acht, Und haltet fest stets, was ich Euch gebracht I
Das Lied war, wie man bemerken wird, im Versmaße des Prmßcnliedes gedichtet; Tert und Melodie aber lauteten doch anders.
Die drei Fahnen, für ,edeS Bataillon eine, waren, wie gesagt, von den Frauen und Mädchen Wiesbadens gestiftet und auch gestickt worden. Zu der Stiftung hatte bereits um die Mitte de« März ein ComitS, bestehend au« den Damen Apollonia Komps, Susanna Stumpf, Klementine Bcyerle, Luise Kreis, Regina Duenstng, Adolfine Zais, Elis- Cron, Katharine Altstätter, Christiane Balzer, Marie Letztlich, Margarethe Bücher, Luise Kimmel, Lisette Zollmann, Katharine Bertram, Anna Kampf, Babette Stumps, Marie Kreis, Jenny Kreis und Philippine Bücher, aufgefordert; die Anfertigung zog sich indeß so lange hinaus, weil Alles ein Stückchen sticken wollte. Die Größe der Fahnen, die im städtischen Archiv auf« bewahrt werden, war 1,60:1,50 Meter; sie bestanden ganz aus feiner Seide. Eigenthümlich war die Farbenstellung: Schwarz, Gelb, Roth (Carmin), sodaß also da« Gelb (Gold), zugleich die breiteste Bahn (65 cm), in die Mitte kam. Da« geschah wohl deshalb, weil man in dem Gelb die Stickerei an» bringen wollte. Diese zeigte aus der Vorderseite den alten schwarzen, doppelköpfigen Reichsadler mit weit auSgeschlagencn Flügeln, der im Herzschilde auf blauem Grunde den goldenen nassauischen HerzogS- löwen, von sieben goldcueu Spindeln umgeben, zeigte. Auf der Rückfeste war eingestickt: Stadl Wiesbaden, den 4. März 1848; diese Schrift war umgeben von einem prachtvoll ausgesiihrten Eichen- krauze (vgl. obigen Liedtext, letzte Strophe). Lauge orange-blaue Schleifen wallten neben den Fahnentüchern hernieder, die mit Riemen an den 3 Meter hohe», oben mit dem au« einer messingenen Tulpe aufsteigenden, gleichfalls massiv messingenen Wiesbadener Wappen- fchilde (drei Lilien, damaliges Wappen) mit der Mauerkrone gezierten Fahnenstangen befestigt waren. Zu den Fahnen gehörten schwarze, lederne Bandeliere.
Sobald die Fahnen in das Viereck gebracht worden waren, stieg Herzog Adolf vom Pferde und gab damit dar Zeichen zur Uebergabe. Frau Jenny Habel sprach die Wehrmannschaft auf folgende Weise an: Deutsche Männer, Bürger von Wiesbaden! Eine neue Zeit ist gekommen und damit neue Verhältnisse. War vor Kurzem den meisten unmöglich, vielen wenigstens noch in weiter Ferne zu liegen schien, das ist wie durch einen Zauberschlag zur Wirklichkeit geworden. Wie er aber schon bei unfern Vorvätern Sitte war, daß nur der freie Manu die Waffen trug, zum Unterschiede von dem unfreien, so sind auch dem sreigewordeuen deutschen Volke die Waffen in die Hände gegeben: zu vertheidigen das Vaterland, zu beschützen dar Hans, zu erhalten Ordnung und Recht, zu bewachen das heiligste Gut, die Freiheit. Deutsche Männer, Bürger von Wiesbaden! Ich sehe Euch hier im Schmucke der Freiheit gegenwärtig, eine kampfgerüstete Schaar, bereit, selbst jeden Augenblick gegen den Feind zu ziehen, wenn die Pflicht e» erheischt. Aber noch fehlen Euch die Zeichen, au denen bet Krieger bie Genossen im Kampfe wiedererkennt; noch wehen nicht die luftigen Fahnen in Eurer Mitte, das heilige Panier, da» zu Ehre und Ruhm in den Schlachten führt. Ein Vorrecht der Frauen ist e» bis jetzt gewesen, diefes heilige Panier der Ehre, der Tapferkeit und der Treue de» Kriegern in die Hände zu geben. Von diesem Recht haben auch wir Frauen und Jungfrauen von Wiesbaden Gebrauch gemacht, und mit eigener Hand bie Fahnen für Euch gearbeitet, bie Euch, wenn es notbig ist, auch auf bem Wege der ernsten und gefahrbringenden Pflicht Borangetragen werden. Können Frauen auch nicht für bie höchsten Güter auf Erden kämpfen, so fehlt ihnen doch nicht bet hohe Muth, bie Begeisterung und bie Vaterlandsliebe. Wehrmänner l Unsere Ausgabe ist vollendet. Ihr sehet hier die Fahnen, Ihr hört sie laut im Winde rauschen als wollten sie Euch ihr Willkommen darbringen. So nehmet sie denn au« unseren Händen in Empfang, und möge stets nur Ruhm und Ehre bie Bahn bezeichnen, auf der sie Euch als Leitstern voranwandelli! „
Darauf überreichten mit kurzen Worten Fräulein Filius, Fräulein Thon und Fräulein Berlä bie brei Fahnen den drei Bataillonen. Im Namen der Mannschaft antwortete Wehrmann Accessist Braun (Dr. Karl Braun-Wiesbaden): Mitbürgerinnen! Deutsche Frauen uub JungfrauenI Ich habe bie Ehre, Ihnen im Namen ber ganzen Wehrmannschaft zu bauten. Die Frauen und Jungfrauen haben hiermit lautes Zeugniß abgelegt, baß auch fie an unserer nationalen Erhebung ben srenndlichflen Aniheil nehmen, daß fie, wenn auch nicht leiblich, doch geistig mit uns in Reih und Glied stehen, daß sie, wenn auch nicht Mitkämpsenbe, bann doch Mitstrebenbe von uns sind. Das aber giebt erst dem Manne den wahren unb nachhaltigen Manuesrnutb, wenn er weiß, baß er hanbelt in Uebcrcinflimmuiig mit ben Edelsten seines Volke», baß bie Herzen seiner Lieben bemftlben Ziele zuschlagen wie baS
seinige. Sie haben uns Fahnen unb Feldzeichen übergeben wie fie früher den tapferen Rittern nach beendigtem Turnier unb erfochtenem Siege von edler Frauenhand überreicht wurden. Wir haben zwar noch keine Siege erfochten. Sie überreichen uns die Fahnen vor dem Kampfe; aber wir wollen zeigen, daß wir berfclben werth sind. Die Gelegenheit wirb kommen. ES wirb an Kamps nicht fehlen in einer Zeit wie bie unserige, wo der Geist der Weltgeschichte wieder einmal sichtbar unb hörbar über bie wankeube unb zitternde Erbe schreitet. Wir werden bie Größe unb Freiheit unseres deutschen Vaterlandes nicht wie eine luftige Be» scheerung auf bem Weihnachtstischchen finden, — nein, wir werden, bevor wir das gelobte Land sehen, noch durch die Wüste wandern müssen. Aber wir werden kein Opfer fdjeuen. Wir werden alle Kräfte des Geistes, der Arbeit unb des Kapitals bereitwillig auf den Altar des Vaterlandes niederlegen. Unter Eueren Fahnen werden wir kämpfen mit dem Wahlspruch: Alles für Deutschland unb Alle« für Nassau, Alle« für» Vaterland unb Aller sür bie Heimalh! Euere frommen Wünsche werden uns begleiten, für Euch werden unsere Herzen fchlageu im Augenblick ber Gefahr; unb — sei es auch mitten im Kampf — wir bringen ben ebten Frauen und Jungfrauen Wiesbaden« ein donnerndes Hoch!
Ein brausendes Hoch erscholl ans ben Reihen ber Bürgerwehr, unb ihm folgte bie Abstngung bcS Lieber Dom beutfdien Vaterlanb von Arnbt nach berReicharbtfchen Komposition. Der Herzog bestieg wieder sein Pferd und hielt eine kurze, aber schwungvolle Ansprache, in der er u. a. sagte, er freue sich, daß unter der Wiesbadener Bürgerwehr ein guter Geist, ber Geist ber Ordnung herrsche, sodaß er sich unter allen Umständen aus sie verladen könne, er versichere ferner, baß er sich ber freiheitlichen Entwickelung rückhaltlos an« schließen werbe. Nach einem Hoch auf den Landesherrn begab sich dieser zu den Damen, woraus bie Nationalgarde beftlirte unb nach ihren Alarmplätzen abrückte, wo die Auflösung erfolgte.
Die Nachfeier fanb am Nachmittag auf dem Neroberg statt. Dorthin zog um 3 Uhr die Bürgerwehr, bie auf zwei CompagnieeN waffenlos, in militärischer Ordnung mit Musik und Fahnen an», in gleicher Weise folgten bie Turner unb bie Gesangvereine. Bi» Abend« 8 Uhr vergnügte man sich auf der Höhe mit Musik, Gesang, Tanz, Turnübungen; auch politische Reden wurden gehalten. Alles verlies glatt unb ohne Ruhestörung, vielmehr waren Alle von größter Eintracht beseelt. Sogar bie Gegensätze von Roth und Orangedla« wurden an dem Freubentage wenig laut.
Gewiß war viel Pathos bei ber Feier verbraucht worden, und bieUeberfchätzung der Einrichtung ber VolkSwehr hat es hauptsächlich mit sich gebracht, daß die einst so vergötterten Seidenpaniere nunmehr kaum gekannte historische Reminiseenzen find und als Seltenheit aufbewahrt werden. Aber der Kern der Meinungen unb Absichten ber Achtundvierziger war gut, und wenn ber gute Wille auch die Kraft überstieg —: e» genügt, in großen Dingen gewollt zu haben, sagt der Lateiner.
Aus Stadt und Kand.
Wiesbaden, 19. Juni.
— Geschichtakalender. 19. Juni. 1623. Blaise Pascal, französischer Gelehrter, * Clermond-Ferrand. 1782.R. be LamennaiS, französischer Aufklärer, * St. Walo. 1792. Gustav Schwab, Dichter unb Sagensammler, * Stuttgart. 1807. R. E. Lee, Oberanführer ber Sübstaatlichen im nordamerikanischen Bürgerkrieg, * Stafford, Virginia. 1844. E. Geoffroy St. Hilaire, Naturforscher, f Pari». 1867. Maximilian, Kaiser von Mexiko, in Queretaro standrechtlich erschossen. 1884. I. G. Droyseii, Geschichtschreiber, t Berlin. 1895. Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals.
— Uor50Jahren. 19.Juni. Im deutschenParlament zu Frankfurt Beginn ber Verhanblnngen über die Errichtung einer provisorischen Centralgewalt. Die zur Prüfung ber Frage eingesetzte Kommission schlug burch Profeffor Dahlmann (einen der Göttinger Siebe») bie „Tria»" vor, nämlich ein BundeSbirektorium, ans brei Männern bestehend, bie von den deutschen Regierungen bezeichnet und nach Zustimmung ber Nationalversammlung ernannt werden sollten. Hinsichtlich ber Persönlichkeiten dachte man an einen preußischen, einen österreichischen unb eventuell einen bayrischen Prinzen. Als Aufgaben biese» Direktorium» nannte ber Bericht bie Ausübung ber vollziehenden Gewalt in allen bie Sicherheit und Wohlfahrt bes beutschen Bundesstaats betreffenden Angelegenheiten, bie Oberleitung be« Bundes» heeres, bie völkerrechtliche Vertretung Deutschlands, bie Ernennung von Gesanbteu unb Konsuln, lieber Krieg unb Frieden sollte baS
Ans Knnst «nd Kederr.
* Aus den Kunstausstellungen. Die „Landschaft" von I. v. Giehl-München im Nassauischen Kunstverein zeigt uns einen Blick auf goldige Kornfelder, auf welchen Schnitter arbeiten, bie Frucht in Hocken steht und Farbe unb Stimmung ben Hochsommer deutlich erkennen lafsen. Da» Motiv ist ein hübsches unb die Technik unb Farbengebung beuten auf ein gutes Können. „3m Einschlafen" von K Greve-Hannover: Eine alte Fran, bie auf ihrem Stuhl beim Kaffeestünbchen eingeschlafen ist — ober besser, eben einnicken will —, ist ein etwas gelebt «maltcs Bildchen, dem aber ein gewisser Humor unb bie Beobachtung nicht schien. Gut ist jedenfalls das Stillleben neben der Alien, bie Bunzlauer Kaffeekanne, Taffe re., welche Gegenstände förmlich plastisch 6erau8treten. — In den „WieSda dener- K u n st s ä I e n" ist das breitheilige Koloffalgemälde von G. Walten- berger „Weltuntergang" neu ausgestellt. Der erste Theil zeigt bas Herannahen bes Weitendes. TobeSaugstunbEntartung der Menschen." Der zweite Theil: Mit ber schwinbenden Leuchtkraft ber Sonne beginnt das große Sterben. Der eisige Todesschlas ber Natur. 3. Die Erlösung. Da« Erwachen zum ewigen Frühling. Es ist nicht zu verkennen, baß ber Künstler über viel Können unb Phantasie verfügt, man begreift aber nicht, warum er bie« an so viel Grausiges unb Häßliches verwanbtc. Da« Gemälde ift — namentlich bet Mitteltheil — gut kompouirt unb hier auch gezeichnet, aber dafür finden wir wiederum starke Verzeichnungen ind manchmal unschöne Farben und Technik. So interessant Hefe ganze Komposition und ber Vorwurf auch fein mag, so st es aber auch sicher, daß die Arbeit nicht Jedermanns Sache ist. Dem Künstler hat sie jedoch zwei goldene Medaillen, eine von Dresden unb eine von München, eingebracht. — In „Banger» Kunstsalon" find sehr naturwahre flotte Aquarelle unb Rabirungen von W. Leißikow ausgestellt. Man erkennt iu beiden ben auf ben Effekt hluarbeitenden Künstler, dem das Detail Nebensache ist. Besonder» gut find bie Aquarelle JBtibtn", -Waldinterieur". „Vorfrühling" unb einige Motive
von ben Havelseen. Die Rabirungen LeistikowS, gegen biejenigen Hirzel» gehalten, lassen erkennen, baß „viele Wege nach Rom führen", d. h. daß beide Künstler in ihren Arbeiten fertig wirken und doch grunbverschieben Dorgingen. Hirzel mit seiner feinen zeichnerischen Durchführung, Leistikow mit seiner flotten, ans Flächenwirkung und Stimmung zugespitzten Mache. DieMünchener Künstlerin M.Schnür sandte eine gut gezeichnete unb vorzüglich gemalte „Verkündigung Mariä". Warum fie aber die» schwindsüchtige, häßliche Modell nahm, da« können wir nicht begreifen! Von Alfred Völcherling- Dresden find einige sehr sehenswerthe Bronzen ausgestellt. Der „Reunreiter in Karriere" zeigt, wie vorzüglich Pferd unb Reiter diirchgesührt fiub, zu viel von einer Momentausnahme, während „Rennreiter im Sprung" schon eine bem Auge mehr bekannte Bewegung fixirt. Sehr charakteristisch ist ber „Knochen benagenbe Hund", ebenso ber „Elephant" unb ber „Ulan in Attacke" (beibee bronzirte Gypsmobelle), welch letzteres Werk von vorzüglicher Beobachtung unb Feinheit ber Bewegung ist. Zum Schluß fei nochmals auf bie sehr leheuswerthe Kollektivausstellung H. HendrichS hingewiesen, in welcher entschieden die besseren unb besten Werke des Künstler» vertreten finb. L. G.
* Die Ansprache des Kaisers an bie Mitglieder der König!. Bühnen, bie er, wie mitgetheilt, diesen im Konzertsaal de« Opernhauses au« Anlaß seines zehniühngen Regierungsjubiläums gönnte, enthielt einige Wendungen, die ein litterorifdjeS Interesse beanspruchen. Soweit wir, so schreibt das „Berl. Tagebl.", unterrichtet finb, äußerte sich ber Kaiser über ben Naturalismus in einem Sinne, der doch eine Abweichung von ben bisher bekannt gewordenen Anschauungen des Monarchen über bie moberne Knnstströmung einzuschließen scheint. Der Kaiser meinte, nämlich, er halte den Naturalismus an sich nicht für verwerflich, wie diese Bewegung ja auch eine Stätte an anderen Berliner Bühnen gefunden habe. Schon um diesen anderen Instituten den Boden nicht abzugraben, könnten unb müßten die Königs. Institute jene ideale Richtung pflegen, deren überzeugter Anhänger er — der Kaiser — war, fei unb bleiben werbe. Und gäbe da» Publikum bem Schauspielhaus« nicht Recht? Beweis basür sei ja ber andauernd große Besuch, dessen sich diese» Theater zu er
freuen habe. . . . „Da» bürste ber Sinn bet Kaiser!. Ansprache gewesen (ein, soweit sie sich auf allgemeine Dinge erstreckte. In litterarifdjen Kreisen wirb man", so schreibt da» genannte Blatt, „ohne Zweifel mit Freude von der versöhnlichen Stimmung Notiz nehmen, bie der Herr ber Kgl. Bühnen gegen eine Bewegung an ben Tag legt, mit bereu Aistenz ja nun einmal gerechnet werden muß, und mit der da» Schauspielhaus — unbeschadet seine» ihm eben wieder von Neuem vorgezeichuete» „idealen" Kurses — schon selbst gerechnet hat. Wie weit die Au- ziehungskraft, die da» Hans am Gendarmeumarkt auf da« Publikum ausübt, auf das Konto dieses Jdealirmu« zu stellen ist, da» zu entscheiden ist keine leichte Frage. Denn es ist eine nicht wegzuleugneude Thattache, daß bie Kgl. Bühne einen großen Theil ihrer Kaffen- erfolge einer Reihe von Werken verbankt, bie weder der alten noch der neuen Doktrin unterthan find, sondern ausschließlich dem Er« Hollings- und Unterhaltuugsbedürsniß dienten" (wohl auch der Schaulust der Augen).
* Frankfurter Stadttheater. (Wochen-Spieleutwurf.) Opernhaus. Sonntag, den 19.: „Lucrezia". Lucrezia: Fran Bauer al» Gast. Hierauf: „Der Bajazzo". Montag, den 20., neu einßubirt: „Preciosa". Dienstag, ben 21.: „Martha". Martha: Frl. Kragballö aus Kopenhagen, Nancy: Fräulein Beugel als Gäste. Mittwoch, den 22.: „Zigeunerbaron". Bannkay: Herr Graßl al» East. Donnerstag, den 23.: „Mignon". Philine: Fräulein Kragballö als Gast. Freitag, den 24.: „Lohengriu". Samstag, ben 25.: „Hochzeit des Figaro". Sonntag, ben 26.: „Freischütz". — Schauspielhaus. Sonntag, ben 19.: „Die Fourchamdault". Montag, ben 20.: Geschlossen. Dienstag, den 21.: „Romeo und Julia". Julia: Fräulein Hofmann vom Deutschen Theater in Berlin al» Gast. Mittwoch, den 22.: „Othello". Desdernona: Fräulein Pollner al» Gast. Donnerstag, den23.: Geschloffen. Freitag, den 24.: „Kabale und Liebe". Luise: Fräulein Stelmann von Hamburg al» Gast. Samstag, den 25., neu eiuftndirt; „Esther" von Grillparzer. „Die Neuvermähtten". Esther und Laura: Fräulein Pollner al» Gast. Sonntag, den 26.: „Tartuffe". JDet eingebildete Kranke". Montag, den 27.: „Johanne»". Salome: Fraulein Steimann al« Gast.
