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40. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch dir Post 1 Mk. OO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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N-. 260.

Fernsprecher No. 62.

Dienstag, den 7. Juni.

Fernsprecher No. 62.

1898.

AlbemWUssgabe.

Die agrarische Gefahr.

Noch niemals hat der Wahlkampf in so hervorragendem Maße unter dem Zeichen des Agrarierthums und der Ab­wehr gegen dieses gestanden als diesmal. Noch niemals steilich hat auch, darüber darf man sich keiner Täuschung hingeben, das Agrarierthum sich in einer so günstigen Position gegenüber der Negierung und den meisten Parteien befunden wie diesmal. Es ist von Interesse, die Frage aufzuwerfen, ob denn die Agrarier Regierungspartei sind oder nicht. Aber so interessant es ist, diese Frage aufzuwerfen, so schwierig ist es, sie zu beantworten. Die Regierung ist zuweilen, wenn auch freilich zumeist recht zaghaft, den maßlosen Forderungen des Agrarierthums entgegengetreten. Die Negierung hat sich gegen den Antrag Kanitz und gegen die Abschaffung der Goldwährung erklärt. Aber nach jeder Abwehr des extremen Agrarierthums hat die Regierung diesem die Hand wieder weit entgegengestreckt und es dadurch aufs Neue rrmnthigt, die Forderungen, welche soeben erst verworfen wurden, alsbald wieder zu erheben. Diese Taktik hat allenthalben die leicht begreifliche Be- forgniß hervorgerufen, daß der Widerstand der Regierung gegen die extremen Ziele der Agrarier nicht von ewiger Dauer sein könnte. Und diese Besorgniß ist umso berechtigter, als eine Schwenkung zum Agrarierthum innerhalb der leitenden Kreise ohne Weiteres auch mit unbewaffnetem Auge wahrzunchmen ist. Auf der schiefen Ebene der Nachgiebigkeit gegen das Agrarierthum wird es aber schwer sein, einen Halt zu finden, wenn erst einmal diekleinen Mittel" ernstlich durch diegroßen Mittel" abgelöst werden sollen. Und als kleine Mittel pflegen die Agrarier Alles zu erachten, was sie erreicht haben und in absehbarer Zeit erreichen können. Aber wenn im gewöhn­lichen Leben viele Wenig ein Vie! machen, so gilt dieser Grundsatz für die agrarische Moral nicht. Alles, was die Agrarier erreicht haben, hat ihre Begehrlichkeit nicht ge­mindert, sondern nach dem Satz, daß der Appetit beim Essen komme, nur noch vergrößert. Alle Konzessionen der Regierung werden das Agrarierthum niemals bestimmen können, von ihren extremen Forderungen der großen Mittel abzugehen. Das aber ist der schwerwiegende und folgen­schwere Fehler der Regierung, daß sie ihre Augen bewußt oder unbewußt vor der Erkeuntniß verschloß, daß diese Be­strebungen und Endziele der Agrarier mit dem Wesen des modernen Staats unverträglich sind, daß sie sich gegen unsere bestehende Wirthschaftsordnung richten, und daß sie mithin auf einen wirthschaftspolitischen Umsturz hinauskommen.

Die Ziele der Agrarier gehen eingestandenermaßen dahin, unser bewährtes Münzsystem zu beseitigen und unser Land in schwere finanzpolitische Wirren zu stürzen, wie sie einzelne andere Staaten zu ihrem schweren, nie wieder völlig gut zu machenden Schaden erfahren haben. Die Ziele der Agrarier gehen ferner dahin, den Preis des Getreides auf eine übermäßige Höhe zu schrauben, um dem Großgrund­

besitzer eine Rente zu sichern, welche ihm jederzeit ein sorg­loses und genußreiches Dasein zu sichern vermag. Dieses Ziel bedeutet aber die unrechtmäßige Begünstigung Weniger auf Kosten der großen Masse des Volkes. Es ist wieder­holt, unter Anderm auch durch den Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, festgestellt worden, daß nur ein kleiner Theil der Landwirthschaft in der Lage ist, Getreide zu verkaufen, während die überwiegende Masse der Landwirthe nur so viel Getreide baut, wie sie für den eigenen Bedarf und die Saat gebraucht, ja zum Theil sogar für die Saat noch Getreide dazu kaufen muß. Was die Bündler fordern, stellt also lediglich eine auf Kosten der Masse der Verbraucher den größeren Besitzern zu gewährende Rente dar, bei der der gesammte Bauernstand leer auSginge und die kleinsten Besitzer sogar noch geschädigt würden. Die Ziele der Agrarier gehen endlich dahin, durch die Herbeiführung eines vertrag­losen Zustandes gegenüber den anderen Staaten Industrie und Handel lahm zu legen, um so die Rückkehr zu dem er­träumtenreinen Agrarstaat" hcrbeizufühcen. Nicht als ob die Agrarier idealistische Schwärmer seien. Aber das letzte Ziel der phantastischen agrarischen Weltanschauung geht dahin, mit der Rückkehr zumAgrarstaat" auch zu den politischen und wirthschaftlichen Institutionen früherer, längst überwundener Zeiten zurückzukehrcn und hiermit dem Groß­grundbesitz wieder die frühere herrschende Stellung zurück­zuerobern.

Das hervorstehendste Moment der diesmaligen Wahl- bewcgung liegt darin, daß die Regierung sich der Gefahr, die von dem extremen Agrarierthum droht, entweder nicht bewußt ist, oder sich dieser Erkeuntniß absichtlich verschließt. Selbst die maßlosen Angriffe, welche die politische Ver­tretung des Agrarierthums, der Bund der Landwirthe, gegen die Regierung gerichtet hat, hat diese nicht gehindert, nach wie vor mit dem Agrarierthum offen zu liebäugeln. Und so ergießt sich die merkwürdige Thaisache, daß eilte Partei, welche, wie kaum eine zweite, den rücksichtslosen Kampf gegen die Regierung proklamirt hat, sich trotzdem der theils versteckten, theils offenen Unterstützung eben dieser Negierung erfreut. Im August vorigen Jahres hat das amtliche Organ des Bundes der Laudwirthe erklärt, daßder große Bund auf den lauten Ruf des Pächters Ruprccht-Nansern zu Beginn des Jahres 1893 gebildet worden" sei. Derzündende Ruf von Ransern" lautete:Ich schlage nichts mehr und nichts weniger vor, als daß wir unter die Sozialdemokraten gehen und ernstlich gegen die Regierung Front machen, ihr zeigen, daß wir nicht gewillt sind, uns weiter so schlecht behandeln zu lassen .... Wir müssen schreien, daß es das ganze Land hört, wir müssen schreien, daß cs bis in die Parlamentssäle und Ministerien dringt, wir niüssen schreien, daß es bis an die Stufen des Thrones vernommen wird." Am 24. März 1894 erklärte im Organ des Bundes der Landwirthe ein Einsender, daß der deutsche Landwirth jetzt geneigt sei,den Kaiser als seinen politischen Gegner anzusehen", und auf der berühmten Bündlerversammlung im Cirkus Busch sprach Herr V.Diest- Daber das große Wort:Die Minister können uns sonst was!" Auf alle diese maßlosen Anfeindungen Hai die Re­

gierung nur eine schwächliche oder gar keine Abwehr ge­funden, und sie hat der Hoffnung nicht entsagt, mit dem Bündlerthumeinen schönen Bund zu flechten". Umso mehr wird es Sache des Volkes sein, dieser immanenten Ge­fahr, die unserer wirthschaftlichen und politischen Entwicklung von dem Agrarierthum droht, eingedenk zu sein und dieser Erkenntniß durch die Stimmabgabe am 16. Juni den ent­sprechenden Ausdruck zu geben. -k.

------- um iMHA.-mani"

(Nachdruck verboten.)

Die erste Kammer fitzirng.

Varis, 5. Juni.

Unser Pariser v-Korrespondent schreibt uns:

Der vor Kurzem an dieser Stelle vorausgesagte Sieg der Negierung ist eingetroffen: Der alte Kammerpräsident Brisson ist geschlagen, Paul Deschanel ist zum Präsidenten gewählt. Ja, er könnte sogar, wie jener Student, der sein Examen zweimal bestand, sich etwas darauf zu gute thun und behaupten, er sei umso sicherer gewählt, da er zweimal gewählt wurde. Jedenfalls hat sich die Opposition durch die Durchsetzung einer zweiten Wahl selber für ihre künftigen Ausfälle gegen die Regierung eines giftigen Pfeils beraubt; sie wird nicht bei jeder Gelegenheit dem Kammerpräsidenten unter die Nase reiben können, er sei mit einer Stimme Mehrheit gewählt worden. Zwar bilden auch noch die vier im zweiten Skrutinium erlangten Stimmen für die Radikalen einen genügenden Anlaß zu Spötteleien und Sticheleien. Sie trinmphiren über dieUnbedeutendheit der Mehrheit" und trösten sich wie die unglücklichen Spieler damit, daß sie, theoretisch betrachtet, eigentlich hätten gewinnen sollen. Ihre Nörgeleien haben jedoch weder einen meritorischen noch einen historischen Werth. Denn erstens hat die kleinere oder größere Stimmenmehrheit bei der Wahl nicht den geringsten Einfluß auf den Machtumfang und die künftige Wirksamkeit des Präsidenten, und zweitens steht Deschanel wie aus den parlamentarischen Annalen hervorgeht mit seiner kleinen Stimmen­mehrheit nicht vereinzelt da. Hatte doch auch Floquet im Jahre 1885' nur vier Stimmen Mehrheit erhalten, und zwischen Möline und Clemenceau hat gleichfalls bei der Präsidentenwahl nur der Altersiiulerschied von drei Jahren für den ersteren den Ausschlag gegeben. Es wird auch von mancher Seile hervorgehoben, daß die Republik in Frankreich ebenfalls nur mit der Mehrheit von einer Stimme beschlossen wurde und sich dennoch eines dauernden Erfolges erfreut; dieses Argument ist jedoch weniger triftig, weil hier außer Acht gelassen wird, daß es schwieriger ist, sich für die Aenderung einer Siaatsform zu entschließen, als ztvischen zwei wohl­bekannten Männern denjenigen zu wählen, zu dem man größeres Vertrauen empfindet. Wenn aber aus dem Gesagten hervorgeht, daß der neugewählte Präsident trotz aller be­gleitenden Umstände Grund hat, mit seiner Wahl zufrieden zu sein, so gewinnen diese begleitenden Umstände eine wichtigere Bedeutung, wenn man sic mit Rücksicht auf die Beschaffenheit der neuen Kammer und ihre Aus­sichten für ihre künftige legislative Thätigkcit betrachtet. Was die erste Kammersitzung vor Allem bewiesen hat, das

(Nachdruck verboten.!

Flottenangriff und Kustenvertheidignng.

Schon seit Wochen ist nun überall in den Zeitungen ?die Rede von Angriffen auf befestigte Küstenplätze, von Truppenausschiffungen großen Stils, Operationen, bereit | Ausführung von den Amerikanern in die Mode gebracht ist, ' allerdings vorab noch mit dem Munde, denn auch die Meldung von der Landung bei Santiago de Cuba ist noch nicht verbürgt. Immerhin dürfte es sich wohl der Mühe verlohnen, sich einmal t vom rein theoretischen, spekulativen Standpunkt mit ihnen zu beschäftigen. Die Vorbereitungen für eine Ausschiffung auf feindlichem Boden bestehen im Allgemeinen, von der -. Ausrüstung und Einschiffung in der Heimath abgesehen, entweder in einem Angriff auf Erdwerke und Batterieen »er Küste, Forciren der Einfahrt in feindliche Häfen, oder Beschießungen von befestigten Küstenplätzen. Außer Acht dabei mögen die Unternehmungen bleiben, die sich gegen Völker richten, bereit militärische Ausrüstung nicht auf ber Höhe der Zeit steht, sei es, daß es sich dabei um das Kriegsmaterial ober um die Ausbildung der Mannschaften, »der aber um beides zusammen handelt.

Unter genau gleichen Bedingungen, bei einem Angriff moderner Panzerschiffe auf wohlarmirte und gut verlheidigte Küstenpositionen, wird man nun ersteren einen nur sehr be­schränkten Erfolg und in den meisten Fällen sogar ein voll­ständiges Fiasko Voraussagen können. Zwar wird häufig von Angehörigen der Marine behauptet, ein Kriegsschiff be­sitze a priori ein gewisses Uebergewicht über die Land- batierieen, weil seine Mannschaft in den meisten Fällen bester ausgebildet sei als die der letzteren, die sich während keines Krieges vielfach aus Reservisten zusammensetze, und »eil seine Beweglichkeit ihm ermögliche, dem Feuer des s Gegners auszuweichen und sich mit den anderen

Fahrzeugen zu verbinden, sodaß alle das gemein­same Angriffsobjekt zu gleicher Zeit beschießen können. Demgegenüber laßt sich Folgendes einwenden: Gesetzt den Fall, die Küstenartillerie sei wirklich nicht so gut geübt wie die des Angreifers, so hat das thatsächlich noch keine allzu große Bedeutung, denn das Manövriren und Zielen auf festem Boden bietet weit weniger Schwierigkeiten als an Bord, und wenn ferner die Beweglichkeit die Treff­sicherheit des Bertheidigers beeinträchtigt, so ist es hinsichtlich der des angreifenden Schiffes noch weit mehr der Fall. Wenn letzteres eine Reihe glücklicher Schüsse abgeben konnte, so geschah das, weil es die gleiche Richtung und Schnelligkeit der Fahrt innehielt, sodaß es während dieser Zeit dem Gegner die gleiche Möglichkeit des Treffens bot. Was aber den gemeinsamen Angriff mehrerer Schiffe auf einen Punkt der' Befestigungen, auf ein einzelnes Fort be­trifft, so wird es bei einer richtig angelegten Position stets möglich sein, von mehreren Seiten diese Angreifer unter Feuer zu nehmen ober ebenfalls das gemeinsame Feuer auf ein feindliches Schiff zu konzeniriren, und bas umso leichter, als die Landbatterieen sich nie derart gegen­seitig genircn werden, wie das bei den beständig ihre Stellungen wechselnden Schiffen der Fall sein muß. _ Dazu kommt noch, daß das Schiff einen weit größeren und sicheren Zielpunkt bietet als eine Batterie, besonders bei Verwendung rauchlosen Pulvers, daß der Schuß von festem Boden ans sicherer ist als von schwankendem Fahrzeuge, und schließlich, daß ein einziger glücklicher Schuß vom Lande aus genügt, um einen Gegner kampfunfähig zu machen. Aus diesen Gründen erscheint ein Angriff von der Seeseite auf einen gleichwerthigen Gegner nur dann am Platze, falls es sich um die Unterstützung eines bereits ausgeschifften Heeres- körpers gegen die feindliche Stellung handelt.

Das Forciren der Einfahrt in einen gegnerischen Hasen

war zwar noch im amerikanischen Secessionskriege eine sehr beliebte und oft ansgeführte Maßnahme, allein die Erdwerke und die nicht gezogenen Vorderlader von damals haben betouirten und gepanzerten Batterieen mit modernen Riescu- geschützen Platz machen müssen und die alten Vollkugeln und Bomben wurden durch fürchterliche Sprengladungen ersetzt. Dazu kommt dann noch die submarine Vertheidigung durch heimtückische Minen und schnelle Torpedos, die selbst in dem Falle, daß zur Vertheidigung der Küste keine Schiffe dem Angegriffenen znr Verfügung stehen, für den Angreifer das Einbringen in den Hasen zu einem Wagestück von äußerst zweifelhaftem Ausgange gestalten. Derartige Unter­nehmungen sind daher überhaupt nur ganz im Anfänge eines Krieges, wenn man sich einem unvorbereitet über­raschten Gegner gegenüber befindet, zu rechtfertigen, und hervorragende Fachleute verbieten dieselben den jetzigen Geschwadern überhaupt, da sie eine vollkommene Vernichtung des Angreifers nach sich ziehen können.

Was schließlich Bombardements großen Stils von ver See aus anbelangt, so können sie nur als Operationen vierten ober fünften Ranges betrachtet werden, denn sie ver­dienen in keinem Falle die Beachtung, die ihnen im All­gemeinen die Vvlksstimme zuspricht. Selbst mit unseren modernen Geschützen und unter den für den Angreifer günstigsten Bedingungen vollzogen, haben Beschießungen nur einen sehr problematischen moralischen Erfolg, während ihre materiellen Resultate in absolut keinem Verhältniß zu den Anstrengungen stehen, welche sie verlangen, und mit dem Risiko, das der Angreifer sich durch sie aufladet. Dieser wird daher oft genug in eigenem Interesse von seiner Drohung, eine Festung zu bombarbiren, abstehen, wenn et sieht, daß sich sein Gegner dadurch nicht einschüchtern und zur Uebeigabe zwingen läßt.

Wenden wir diese Ausführungen «un auf den jetzigen