46. Jahrgang.
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Ko. 176. Fernsprecher No. 52. Samstagz den 16. AprU. Fernsprecher No. 52. 1898.
Me Vereinigten Staaten «nd Spanien.
hd. Madrid, 15. April. Das Einbernsungsdekret für die Coetes sagt in der Einleitung, daß die Kammern nach ihrem Zli- sawmcntritt Beschlüsse von entscheidender Wichtigkeit zu fassen haben werden. Die Thronrede wird ganz kurz sein. Sie wird die Kammern oiifforbcrn, der Negierung die Mittel zur Wahrung der Ehre Spanien» zu gewähren.
Kwb. Madrid, 15. April. Das cnbanische Ministerium hat an die Nöuigin-Negentin eine Adresse gerichtet, in welcher c» seine bedingt»»gslose Mitwirkung zur Vertheidignng der Rechte Spaniens, Der Freiheiten und der Wiedergeburt Cubas anbietct. In der s'dirsse heißt es ferner, das cubanischeVolk erkenne da» Mutterland an lind werde stet» an dessen Seite sein, um selbst um den Preis jeglicher Opser die Ehre und Souveränität der Nation und die freien Institutionen der Kolonieen oufrechtzuerhalten.
wb. Washington, 15. April. Wie verlautet, wird der Senat auch heute nicht über den Beschluß der Kommission der auswärtigen A.iielegenheiten abstimmeu. Vorausstchtlich wird eine Nachtsttzung ftatifindeu. Ob die Abstimmung morgen stattstndet, ist noch nicht sicher, obwohl man versuchen wird, die Entscheidung herbeizusühren. Der gesammten Armee geht heute Abend der Befehl zu, sich an den . Lüsten, hauptsächlich der von Florida, zu sammeln. — Es ist ein Autzeebefchl erlassen, wodurch 8 Negimeuter Infanterie nach New- « Orleans, 7 nach Mobile, 7 nach Tampa beordert werden. Sechs i Regimenter Kavallerie, alle leichten Batterien und Artillerie- E Regimenter, ausgenommen 2, gehen nach Chickamanga. Die ganze L-wegnng betrifft 20,000 Mann.
1-, hd. Krrtin, 15. April. Die Vermittelung der Mächte im ~ fpaniich amerikanischen Streitfälle wird nun vielleicht doch noch in W< 'ininteil treten, lieber den Inhalt der Note, die der spanische 4 Ministerrath gestern beschlossen hat, wird der »Voss. Ztg." aus ~ Paris gemeldet: In der Denkschrift, die die spanische Negierung MTi die Mächte richten will, wird sie nachweisen, daß der cudanische U-Ausstaiid einzig und allein vom amerikanischen Zuckerring hervor- 6 gcrnikn und unterhalten wurde. Trotz der Beschwerden Spanien» seien V del heilem Tage auf amerikanischem Boden 70 Flibustierzüge ausgerüstet .^^V'vordeu. Die Häuptlinge der Empörer seien größtenlhkils keine fe Cndancr, sondern Abenteurer aller Länder, deren Lebenszweck der Buschkrieg sei. Die Denkschrift zählt Spaniens Zugeständnisse an ß die Kubaner auf. Es sei Alles geschehen, um den Frieden aus der MInsel herznsteUeu, die amerikanischen Konsuln seien aber Werkzeuge fc. der Ausstäudische» geworden, und als die Selbstverwaltung bereits W Früchte zu tragen versprach und der Friede gesichert geschienen W- habe, sei ein amerikanisches Geschwader in die cubanischen Gewässer M geschickt worden, um die Aufständischen zu ermuthigen.
W- hd. Kettln, 16. April. Der Wortlaut der spanischen Throu- Wi rede, mit welcher am nächsten Mittwoch die Cortes eröffnet werden F sollen, ist bereits festgestellt. Nach einem Madrider Telegramm de» ÄI. Tagebl." wird die Thronrede wesentlich, aber entschieden die haft Mac Kinleys zurückweisen. Die Thronrede wird die Ein- i - Mischung Amerikas m den cubanischen Ausstand seit drei Jahren Nachweisen und die ganze Schuld de» Krieges den fortgesetzten .. Jntrigueu der Washingtoner Regierung zuschreiben. Die Regierung wird sodann einen großen Kriegskredit verlangen. Damit wird iudcß "• noch kein Kriegszustand eingetreten sein, da Spanien nicht« unternehmen wird, so lange Amerika nicht offiziell den Krieg erklärt oder einen Gewaltakt begeht.
L : hd. Nrw-Uork, 16. April. Das amerikanische Marine- Tepartement ist eifrig bemüht, 20 Schnelldampfer zu armiren, die . in 14 Tagen bereit sein sollen, nach Havana abzudampfen.
hd. goiiSon, 16. April. Wie aus M adrid gemeldet wird, 8. erklärte Sagasta betreffs der amerikanischen Anschuldigungen wegen der Explosion des Dampfers „Maine", diese schändliche Verleumdung verdiene die Veriirtheilung der ganze» Welt. Alle Nationen kennen die wahren Ursachen der Katastrophe, und viele amerikanische Beamte kennen sie ebenfalls. Indem die amerikanische Regierung
Abend-Ausgabe.
die Rechtfertigung ihrer Intervention aus diese Verleumdung gründet, kämpst sie gegen Verlmnst und Gerechtigkeit. Daher können wir unmöglich unterlassen, gegen diese Anschuldigung formell zu protestiren. — Dem „Standard" zufolge erhielt die englische Negierung von Spanien und Amerika die Zusicherung, daß beide Mächte im Falle eines Krieges den Pariser Vertrag beachten würden.
wb. Parts, 16. April. Aus Valparaiso läßt sich die hiesige Ausgabe des New-Vorker „Herold" melden: In Chile lebende Spanier haben ein Komplott angezettelt, um das aus der Rhede von Valparaiso vor Anker liegende amerikanische Kanonenboot „Marietta in die Luft zu sprengen. Der amerikanische Gesandte verständigte hiervon die chilenische Regierung, welche das Komplott vereitelte. — Die Regierung trifft umfassende Maßregeln zum Schutze der französischen Handelsinteressen im Kriegsfälle. Wie verlautet, werden die europäischen Mächte gemeinsame Maßregeln zum Schutze ihrer Interessen treffen. ,
hd. Wir», 16. April. Im Kriegsfälle tollen die spanischen Untertanen in den Vereinigten Staaten unter den Schutz des österreichisch-ungarischen Vertreters gestellt werden. — In hiesigen diplomatischen Kreisen wiegt die Ansicht vor, die spanischen Cortes Würden einberufen, damit die Regierung im Falle der KriegSeruarmig zur Ausnahme einer Zwangsanleihe schreiten kann.
hd. Madrid, 16. April. Die spanische Flotte ist bei Cap
Verde zusammengezogen.
wb. Madrid, 16. April. Die Subskription für die Ver- mehrung der Flotte hat bereits den Betrag von 3 Millionen erreicht.
hd. Lemberg, 16. April. Nach Meldungen hiesiger Blätter haben sich für die Legion, welche der Millionär Kolbasa für den Krieg gegen Spanien den Vereinigten Staaten zur Verfügung stellt, bereits 800 Freiwillige gemeldet.
Deutsches Reich.
* fiof- im» Personal-Nachrichten. Der Kaiser wird nicht schon am 3. Mai, wie aus Metz berichtet worden war, mit der Kaiserin auf Schloß Urville eintreffen, da der Monarch an diesem Tage nach hestimmter Zusage der Vermählung einer Tochter seine» Flügel-Adjutanten Oberst Graf v. Kli nckowström beiwohnen wird. — Die Konfirmation des Kronprinzen und de» Prinzen Eitel Friedrich ist für die Pfiugstwoche in Aussicht genommen. Doch hat sich der Kaiser feine Entschließung Vorbehalten, wo seine beiden ältesten Söhne konfirmirt werden sollen, ob in der Schloßkirche zu Berlin ober in Potsdam.
* König Gtto von Sayern. Aus München schreibt man der „Tagt. Ruudsch.": Hier wie auswärts erhält sich mit Hartnäckigkeit das Gerücht, daß der König an Wassersucht leide. Nach Erkundigung an maßgebender Stelle ist daran kein wahres Wort. Hervorgerufen ist es wahrscheinlich dadurch, daß König Otto, der auffallend stark geworden ist, jetzt die meiste Zeit aus dem Boden sitzend verbringt und fast gar nicht mehr zum Anfstehen zu bewegen ist. Dagegen tritt bas Nierenleiden, wie aus der Umgebung des Kranken mit Bestimmtheit versichert wird, immer heftiger hervor, zumal irgend ein medizinischer Eingriff durch den Widerstand des Königs gänzlich unmöglich gemacht ist. Die Nahrungsaufnahme ist schwieriger denn je und sehr nnregel- mäßig. Die bisher veröffentlichten amtlichen Krankheitsberichte erregen hier nur mißbilligendes Kopsschütteln, da man von deren Aufrichtigkeit nicht ganz überzeugt ist. Sie sollen, heißt e», beruhigend aus die Bevölkerung wirken. Tas bayrische SBo|f in der Hauptstadt wie in der Provinz hat aber keine Beruhigung nöihig, denn von einer Unruhe kann selbstverständlich bei den vorliegenden Verhältnissen gar keine Rede fein. Nur Gewißheit möchte man über das endgültige Schicksal des unglücklichen Monarchen haben, denn das gefammte bayrische Volk ist zu fest mit seinem Königshause verwachsen, als daß e» nicht an allen Vorgängen in der Familie der Wittelsbacher — seien sie freudiger, seien sie trauriger Natur — innigste Theil- nahme hegte. Daß die Krankheit des Königs nicht unbedenklich ist, geht schon daraus hervor, daß Prinz-Regent Luitpold in der That beabsichtigt hatte, seine für den 21. April in Aussicht genommene Reise zu den Festlichkeiten in Dresden aufzugeben. Ganz sicher ist die Reise auch jetzt noch nicht.
* Rundschau im Da» Schöffenaericht in Pofen
verurtheilte einen Uhrmacher wegen AuSstellen« von Uhren und Schnnicksachen mit dem polnischen Adler und der Umschrift: „G o tt erlöse Polen" in seinem Schaufenster zu 50 Mk. Geldstrafe. Die Verurtheiluug erfolgte auf Grund einer Regierung»-Volizei<- Verorduuiig, welche das öffentliche Ausstellen von Gegenständen mit dem po^uisAen Adler und darauf bezüglichen Inschriften verbietet.
Ausland.
* Oesterreich - Ungar». Der Gemeinderath von Triest proteftirte in seiner vorgestrigen Sitzung gegen die Benutzung der St. Autonskirche zu Predigten mit politischer Tendenz, beauftragte den Bürgermeister, bei der bischöflichen Kurie über die weiter beantragten vier Predigten de» Jesuiteiipater« zu verhandeln, und erklärte, bei Fortdauer derselben jede Verantwortung für die Folgen angesichts der hochgradigen Erregung der Bürgerschaft ablehnen zu muffen. — Das tschechisch-radikale Wochenblatt „Ceska Straz" in Prag bemerkt zur Zurückweisung de» Lenbachschen Mommsen- Portrait» au» der Ausstellnng im Rndolphinum sehr richtig, daß die Zurückweisung unrichtig sei, weil das Kunstwerk LenbachS, selbst wenn es den erbittertsten Feind Doifteßen sollte, der aufmerksamen StudinmS werth sei und daß darum die Zurückweisung ein Mißtrauen zur Kuustliebe des tschechischen Publikimi» bedeute, al» ob es gegen ein Kunstwerk auf dem Standpunkt einer fanatischen ungebildeten und gefährlichen Rotte stehe. Die Zurückweisung de» Bilde» fei keine Beleidigung LenbachS, sondern eine solche der Tschechen selbst.
* Rußland. Infolge der fortgesetzten Einfälle persischer Räuberbanden in russisches Gebiet richtete, wie verlautet, die russische Regierung eine scharfe Note an die persische Regierung mit der Drohung, daß, fall» Persien die Sicherheit an der Grenze nicht zu wahren im Stande sei, Rußland ernste Vorkehrungen treffen werde.
* Asten. Aus Peking wird gemeldet, Baron v. Heykiug habe wichtige Zugeständiiiffe für die Hosceremonie in Verbindung mit der Ankunft des Prinzen Heinrich erlangt. Die Kaiserin-Wittwe wird den Prinzen empfangen, und der Kaiser hat zugestimmt, ihn als ans gleicher Raiigstufe mit ihm stehend zu behandeln. Der Kaiser hat serner eingewilligt, den Besuch des Prinzen Heinrich zu erwidern inib mit ihm an derselben Tafel im Sommerpalast zu sitzen, wo der Prinz Ehrengast sein wird. Obgleich diese Konzessionen nur Ceremoniensache sind, wird ihnen ein großer Werth beigelegt, da sie die letzte» Schranken der kaiserlichen Vorurtheile durchbrochen haben. Prinz Heinrich wird wahrscheinlich einem Wettrennen beiwohnen und dem Sieger einen Pokal überreiche». Da« diplomatische Corps arrangirt bereits Gala-Diners und Picknicks zu Ehren de» hohen Besuche»._____________________
Ans Stadt und Kand.
Wiesbaden, 16. April.
- Grfchlchtokalcnder. 16. April. 1632. Sieg Gustav Adolfs über Tilly am Lech. 1767. K. Julius Weber, Philosoph, * Langenburg. 1788. G. Buffon, Naturforscher, f Pari». 1817. M. F. R. Delbrück, preußischer Staatsmann, * Berlin. 1896. Victor Tilgner, Bildhauer, f Wien.
— Nor 50 Jahren. 16. April. An diesem Tage finden bedeutende Unruhen in Mannheim und Aachen statt, wobei es mehrfach zu Blutvergießen kommt. Der von Konstanz in Baden dem Heckerschen Zuge nachrückende Sigel hatte eine gut bewaffnete Schaar von 3000 Manu znsammeugebracht. Auch der Republikaner Weishaar hatte am Rhein einen bewaffneten Haufen gesammelt. Die Heckerschen waren jedoch immer um einige Tagemärsche voran» und es kam keine Vereinigung zu Stande.
— 8eMb Majestät der Kaiser wohnte gestern Abend der Aufführung von Rossini» „Barbier von Sevilla" im König!. Theater bei. Auch diese zweite der auf Allerhöchsten Befehl gegebenen Vorstellungen hatte die festlich geschniückteii Räume des Hoftheater» fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Pünktlich um 7'/- Uhr verkündeten Fanfare» den Eintritt Sr. Majestät de» Kaiser», hochst- welcher, von dem Jntendauteii, Herrn Kammerherrn v. Hülsen,
(Nachdruck verboten.)
Justus v. Kiebig.
I (Zur Erinnerung an seinen 25-jährigen Todestag, 18. April.) Von Br. Walther Roth.
Gleichwie die Alpen nur dem fernen Blick in ihrer ganzen gigantischen Schönheit und erhabenen Größe sich offenbaren, so tritt auch das Bild eines seiner Zeit voraus- - «lenden, um die Menschheit verdienten Mannes erst der Nachwelt in seiner vollen Bedeutung vor Augen. Ein solcher Mann, ein Wohlthäter und Lehrer der Menschheit war Liebig, seine ungeheuren Verdienste um Chemie, Agrikultur und Physiologie, seine geniale Thütigkcit als Lehrer und Forscher können erst wir, die wir einer späteren Zeit an- Schören, voll und ganz würdigen.
M, Im Mai 1803 in Darmstadt als Sohn unbemittelter Eltern geboren — sein Vater besaß eine Färb- und ^Materialwaarenhandlung —, war Liebig durchaus nicht für den Gelehrtenberuf bestimmt. Auf dem Gymnasium in Darmstadt gehörte er zu den sogenannten „Deutschen", d. h.
1 « war von dem Unterricht in den alten Sprachen dispenstrt : und saß mit einem Gervinus und Neuling zusammen auf I °er untersten Bank. Als einmal bei einer Schulvisitation durch den Rektor Zimmermann dieser den Liebig fragte: »Nun sage mir einmal, Liebig, was willst Du denn ; «geistlich werden?" antwortete er ohne Zaudern: „Ein
; Chemiker." Unter dem Gelächter der ganzen Klasse
■ weinte der Lehrer zu Liebig und den anderen
i «Deutschen": „Na, aus Euch wird etwas Schönes
: totrbenl" An diese Worte mußte Liebig denken, als er l viele Jahre später feinen alten Schulfreund Neuling als | Kapellmeister an der Wiener Oper wiedersand, und sagte er diesem: „Nun, siehst Du, Neuling, es ist doch nicht so
schlimm geworden, als uns prophezeit wurde. Du bist Musikdirektor in Wien, und ich bin Professor der Chemie in Gießen!" 15 Jahre alt, kam Liebig zu einem Apotheker nach Heppenheim in die Lehre; aber schon nach 10 Monaten lief er davon und experimentirte fleißig in der Farbenküche seines Vaters, für die er schon als Knabe ein reges Interesse gefühlt hatte. Man wurde auf ihn aufmerksam und veranlaßte seinen Vater, ihn auf die Universität zu schicken. Liebig wühlte Bonn, ging von da nach Erlangen, wo er im Jahre 1822 mit seiner ersten chemischen Arbeit promovirte. Aber Liebig fühlte die Mangelhaftigkeit seiner Ausbildung, erkannte klar und deutlich, wie sehr infolge der Herrschaft der natur- philosophischen Schule die wahre Forschung, jede gesunde Entwickelung der Chemie in Deutschland gehemmt wurde. Kühn entschlossen ging er nach Paris, der damaligen Metropole der Experimentalkunst, unter den größten Schwierigkeiten und Entbehrungen besuchte er dort die Vorlesungen der französischen Forscher, aber zu dem bedeutendsten derselben, zu Gay - Lussac, in nähere Beziehungen zu treten, in seinem Laboratorium arbeiten zu können, gelang ihm nicht. Da kam ihm der Zufall zu Hülfe. Es war ihm geglückt, seine Arbeit über die „Knallsäure" in der französischen Akademie zum Vortrag zu bringen, und als er am Ende der Sitzung seine Präparate zusammenpackte, trat ein fremder Herr auf ihn zu, erkundigte sich eingehend nach seinen Studien und Verhältnissen, ohne daß Liebig aus Scheu und Unerfahrenheit den Unbekannten nach seinem Namen zu fragen wagte. Es war Alexander v. Humboldt, der Tags zuvor aus Italien nach Paris gekommen war. Auf . seine Empfehlung nahm Gay-Lussac den jungen Liebig in fein Privatlaboratorium auf, dort setzte nun Liebig zunächst feine Arbeiten über die Knallsäure fort, dort bildete er sich binnen Kurzem durch die Belehrung und das
Beispiel des Meisters zum Forscher aus. Dort kam ihm aber auch der Gedanke, daß, wenn Alle, die sich der Wissenschaft widmen wollten, die gleiche Gelegenheit hätten wie er, die Chemie sich weit schneller und gedeihlicher entwickeln würde. Und bald hatte er Gelegenheit, seinen Plan, ein allen Studirenden zugängliches öffentliches Unterrichtslaboratorium zu gründen, auszuführen. Auf Humboldts Empfehlung wurde er — erst 21-jährig — zum außerordentlichen und 18 Monate später zum ordentlichen Professor der Chemie in Gießen ernannt. Dort, in der kleinen Universitätsstadt an den Ufern der Lahn, schuf er jene chemische Schule, die die wirksamste Organisation für die Förderung und Entwickelung der Chemie gewesen, führte in den Unterricht die experimentale Lehrmethode ein, die jetzt mit so glänzendem Erfolge an allen deutschen Hochschulen geübt wirb. In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts war die Chemie ihren Grundzügen nach gegeben, doch alle Untersuchungen erstreckten sich fast nur auf anorganische Körper. Mit dem genialen Blick des Entdeckers erkannte nun Liebig seine Aufgabe und sein Ziel in dem Ausbau der organischen Chemie, d. h. in der systematischen Untersuchung von Thier- und Pflanzenkörpern. Vor Allem aber galt es für das neu zu errichtende Gebäude der organischen Chemie einen festen und sicheren Untergrund zu schaffen, die organische Analyse, bisher ein Meisterstück der Experimentirkunst, so bequem und einfach als möglich zu gestalten. Nach sechsjährigem mnhevollenArbeitek ist diese Aufgabe gelöst, eine leicht und schnell ausführbare gena« Methode zur Analyse organischer Körper auf gefunden und bamlt ein großes, wichtiges Arbeitsgebiet erschlossen. Es entstanden in rascher Aufeinanderfolge jene klassischen Arbeiten, die die Grundlage der organischen Chemie bilden und noch heute ist ihrer Fassung und Art als Vorbild dienen. In den späteren Jahren zog sich Liebig immer mehr von der organischen Chemie
